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  • Migräne ganzheitlich verstehen und behandeln

    Migräne ganzheitlich verstehen und behandeln

    Mit craniosacraler Therapie und somatoemotionaler Tiefenentspannung zu mehr Lebensqualität.

    Migräne – Ein globales Problem mit tiefgreifenden Auswirkungen

    Migräne ist weit mehr als nur ein Kopfschmerz; sie ist eine komplexe und die häufigste neurologische Erkrankung, die weltweit Millionen Menschen in ihrem Alltag stark beeinträchtigt. Aktuelle Zahlen unterstreichen die Dringlichkeit: In Deutschland erfüllen laut der RKI BURDEN-Studie 2020 14,8% der Frauen und 6,0% der Männer die Kriterien für Migräne¹⁰, was etwa 8-12 Millionen Betroffenen entspricht. Darüber hinaus leiden 57,5% der Frauen und 44,4% der Männer mindestens einmal jährlich unter Kopfschmerzen. In Österreich sind rund 1 Million Menschen von Migräne betroffen¹¹, was bei etwa 9 Millionen Einwohnern zirka 11% der Bevölkerung ausmacht. Die Schweiz weist ähnliche Prävalenzraten auf. Trotz dieser hohen Zahlen schätzen Experten, dass bis zu 50% der Betroffenen noch nie ärztliche Hilfe in Anspruch genommen haben¹². Diese Situation führt zu erheblichen Herausforderungen im Gesundheitssystem und für die Betroffenen selbst, mit weitreichenden volkswirtschaftlichen Auswirkungen durch Arbeitsausfälle und verminderte Lebensqualität.

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    Neurobiologische Prozesse und neurodegenerative Erkrankungen bei Reiner Schwope.

    Migräne – Ein komplexes Zusammenspiel im Körper verstehen

    Migräne ist weit mehr als nur Kopfschmerz. Sie entsteht durch ein faszinierendes und zugleich herausforderndes Zusammenspiel verschiedener Faktoren in unserem Körper und Nervensystem. Die moderne Forschung zeigt uns: Genetische Veranlagung, neurobiologische Prozesse und psychisch-physische Einflüsse greifen wie Zahnräder ineinander. Insbesondere das trigeminovaskuläre System spielt eine zentrale Rolle: Es ist ein Netzwerk aus Nerven und Blutgefäßen, dessen Aktivierung die typischen Migränesymptome wie pulsierende Schmerzen und Sensibilität für Licht und Lärm auslöst¹.

    Ein weiterer entscheidender Mechanismus ist die Cortical Spreading Depression (CSD), eine Welle von Nervenaktivität, die sich über die Hirnrinde ausbreitet und als Ursache für die Migräneaura gilt, aber auch zur Aktivierung des trigeminovaskulären Systems und damit zur Schmerzphase beitragen kann². Diese Prozesse sind oft mit Neurotransmitter-Dysbalancen verbunden; insbesondere Serotonin, dessen Spiegel während einer Migräneattacke schwanken, und das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP), das als starker Vasodilatator und Schmerzmediator gilt und im Fokus vieler neuer Medikamente steht³.

    Wenn wir verstehen, dass Migräne ein neurobiologisches Geschehen ist, das durch verschiedene Trigger ausgelöst werden kann – von Stress über Schlafmangel bis zu hormonellen Schwankungen – können wir auch nachvollziehen, warum ganzheitliche Ansätze so wirksam sind. Sie setzen an mehreren Ebenen gleichzeitig an: am Nervensystem, am muskulären System und an der emotionalen Regulation.

    Die starke genetische Komponente und die Familienhäufung von Migräneattacken sind längst wissenschaftlich belegt⁴. Forschungen identifizieren zunehmend spezifische Genvarianten, die die Anfälligkeit erhöhen. Zudem trägt die Neuroplastizität des Gehirns dazu bei, dass sich bei chronischer Migräne ein „Schmerzgedächtnis“ entwickeln kann: Das Nervensystem wird überempfindlich und reagiert schon auf geringe Reize mit Schmerz. Dies unterstreicht die Notwendigkeit therapeutischer Ansätze, die die langfristige Umstrukturierung des Gehirns beeinflussen können⁵.

    Hirn- und Nervensystem in grüner Röntgen-Darstellung.
    Moderne medizinische Bildgebung des menschlichen Gehirns und Nervensystems.

    Wussten Sie? Das periaquäduktale Grau ist nicht nur für die Schmerzverarbeitung zuständig, sondern auch für unsere Stressreaktion und emotionale Verarbeitung – ein perfektes Beispiel für die Vernetzung von Körper und Psyche.

    Besonders bemerkenswert ist die Rolle des periaquäduktalen Graus – einer kleinen, aber mächtigen Region im Mittelhirn. Diese etwa erbsengroße Struktur fungiert als unser körpereigenes Schmerzkontrollzentrum. Sie reguliert, wie wir Schmerzen wahrnehmen und verarbeiten. Bei Menschen mit Migräne zeigt diese Region häufig eine veränderte Aktivität, was die Anfälligkeit für Attacken erhöht.

    Aktuelle Forschungsergebnisse erweitern unser Verständnis der Migräne ständig und zeigen, dass die craniosacrale Therapie mit ihrer sanften, aber tiefgreifenden Wirkung auf das Nervensystem und die körpereigenen Regulationsmechanismen hervorragend geeignet ist, um auf diese komplexen Zusammenhänge einzuwirken und den Körper in seiner Selbstregulation zu unterstützen⁶. Sie fördert die Balance im autonomen Nervensystem und kann somit die Sensibilisierung des Schmerzgedächtnisses positiv beeinflussen.

    Migräne im Alltag – mehr als nur Kopfschmerz

    „Es fühlt sich an wie Donner im Kopf“ – so beschreibt es eine Patientin. „Als würde man im Dunkeln treiben, ohne Orientierung, ohne Halt.“ Diese Schilderungen zeigen eindrücklich: Migräne ist keine Befindlichkeitsstörung, sondern eine ernsthafte Erkrankung, die das gesamte Leben durcheinanderbringen kann.

    Anna, 35 Jahre alt, Mutter zweier Kinder und erfolgreiche Ingenieurin, kennt diese Momente nur zu gut. Nach einer stressigen Arbeitswoche – Deadlines, Meetings, zu wenig Schlaf – kündigt sich die Migräne an. Erst nur ein leichtes Flimmern vor den Augen, dann die vertraute Aura. „In diesen Momenten weiß ich: Jetzt wird mich die Migräne für die nächsten Stunden oder sogar Tage aus dem Leben reißen.“

    „Die Migräne stellt immer wieder infrage, wer ich bin. Kann ich mich auf mich selbst verlassen? Kann ich für meine Familie da sein? Bin ich im Beruf belastbar genug?“

    Diese existenziellen Fragen begleiten viele Migränepatient:innen. Die Erkrankung greift tief in den Lebensrhythmus ein, belastet Beziehungen und erschüttert das Selbstbild. Jede Planung steht unter Vorbehalt, jede Zusage könnte durch eine Attacke zunichte gemacht werden. Diese Unberechenbarkeit erzeugt einen chronischen Stress, der wiederum neue Migräneattacken begünstigen kann – ein Teufelskreis, den es zu durchbrechen gilt.

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    Frau mit grünen Laserlinien im Gesicht, Symbol für innovative Gesichtsbehandlungen und moderne Technologie bei Reiner Schwope.

    Die gute Nachricht: Mit ganzheitlichen Therapieansätzen wie der craniosacralen Behandlung lässt sich dieser Kreislauf unterbrechen. Indem wir das Nervensystem stabilisieren, emotionale Spannungen lösen und die körperliche Balance wiederherstellen, können Betroffene schrittweise mehr Kontrolle über ihr Leben zurückgewinnen.

    Die craniosacrale Therapie – Sanfte Berührung mit tiefer Wirkung

    Migräne ganzheitlich verstehen und behandeln 1

    Was ist craniosacrale Therapie?

    Die craniosacrale Therapie ist eine besonders sanfte, manuelle Behandlungsform, die am craniosacralen System ansetzt – dem Bereich zwischen Schädel (Cranium) und Kreuzbein (Sacrum). Dieses System umfasst die Gehirn- und Rückenmarksflüssigkeit, die Membranen und alle umgebenden Strukturen.

    Mit feinen, kaum spürbaren Berührungen erspüre ich als Therapeut die rhythmischen Bewegungen dieser Flüssigkeit – den sogenannten craniosacralen Rhythmus. Dieser Rhythmus gibt Aufschluss über Spannungsmuster, Blockaden und Dysbalancen im System.

    Das Besondere: Die craniosacrale Therapie arbeitet nicht gegen den Körper, sondern mit ihm. Sie unterstützt die Selbstregulationskräfte und aktiviert die körpereigenen Heilungsprozesse. Gerade für Migränepatient:innen, deren Nervensystem oft überreizt ist, bietet diese Methode einen Weg zur tiefen Entspannung und Regeneration.

    Somatoemotionale Tiefenentspannung – Wenn der Körper seine Geschichte erzählt

    Entspannter Frau beim Meditieren am Strand in der Sonne.
    Frau in Meditationshaltung am Meer, Fokus auf Entspannung und Achtsamkeit im Urlaub.

    Die Körper-Seele-Verbindung

    Unser Körper ist kein bloßes Gefäß, sondern ein lebendiges Archiv unserer Erfahrungen. Traumatische Erlebnisse, chronischer Stress, unterdrückte Gefühle – all das speichert sich im Gewebe, in den Faszien, in den Zellen. Diese „Körpererinnerungen“ können sich als chronische Verspannungen, Schmerzen oder eben auch als Migräne manifestieren.

    Die somatoemotionale Entspannung, die oft Hand in Hand mit der craniosacralen Therapie geht, ermöglicht es diesen gespeicherten Spannungen, sich zu lösen. Dabei entsteht ein Dialog zwischen Körper und Bewusstsein – ein Prozess, der tief heilsam wirken kann.

    Wenn Anna auf der Behandlungsliege liegt und in die tiefe Entspannung sinkt, können plötzlich Bilder, Gefühle oder Körperempfindungen auftauchen. Vielleicht eine alte Verletzung, ein lang vergessener Konflikt, eine unterdrückte Trauer. Indem diese Inhalte bewusst werden und im geschützten Raum der Therapie integriert werden können, löst sich nicht nur die emotionale, sondern auch die körperliche Spannung.

    „Ich hatte nie gedacht, dass meine Migräne etwas mit alten Emotionen zu tun haben könnte. Aber als ich in der Behandlung plötzlich weinen musste und diese alte Wut endlich rauslassen konnte, wurde mein Kopf auf einmal leichter. Es war, als hätte sich ein Ventil geöffnet.“

    Der Behandlungsablauf – Was Sie erwartet

    Zu Beginn nehmen wir uns ausführlich Zeit für Ihre Geschichte. Wann treten die Migräneattacken auf? Gibt es Muster oder Trigger? Wie ist Ihre Lebenssituation? Dieses Gespräch bildet die Grundlage für einen individuell auf Sie abgestimmten Behandlungsplan.

    Sie liegen bequem bekleidet auf einer Behandlungsliege. Mit sanften Berührungen am Kopf, Nacken, Rücken und Kreuzbein erspüre ich den craniosacralen Rhythmus und erste Spannungsmuster. Viele Patient:innen erleben bereits in der ersten Sitzung eine tiefe Entspannung.

    Ich empfehle grundsätzlich 6-10 Behandlungen, jedoch in einer kompakteren, intensiveren Form, die ideal mit einer entspannten Urlaubsatmosphäre verbunden wird. Diese einzigartige Kombination ermöglicht es Ihnen, sich voll und ganz auf Ihre Heilung zu konzentrieren, frei von Alltagsstress. Die Synergie aus Therapie und Erholung verstärkt die Wirkung nachhaltig, sodass Ihr Nervensystem sich effektiver regulieren und neue, gesündere Muster etablieren kann – für eine tiefgreifendere und länger anhaltende Besserung.

    Nach der intensiven Behandlungsreihe geht es darum, die erlernten Techniken und das gewonnene Körpergefühl selbstständig in Ihren Alltag zu integrieren. Ich unterstütze Sie dabei, praktische Übungen und Strategien für zu Hause zu entwickeln, damit Sie das Gelernte langfristig anwenden und Ihre Selbstheilungskräfte stärken können. Für eine nachhaltige Stabilisierung und Prävention biete ich bei Bedarf auch Möglichkeiten der Fernbetreuung oder gelegentliche Nachsorgetermine an, um Sie auf Ihrem weiteren Weg zu begleiten und zu empowern.

    Was Patient:innen berichten

    Maria, 42, Lehrerin

    „Seit über 20 Jahren begleitet mich die Migräne. Nach fünf craniosacralen Behandlungen haben sich meine Attacken von 12 auf 3 pro Monat reduziert. Endlich kann ich wieder planen, ohne ständig Angst vor der nächsten Migräne zu haben. Die Behandlungen sind für mich wie eine Insel der Ruhe geworden.“

    Simone, 51, Grafikdesignerin

    „Was mich am meisten beeindruckt hat: In der Behandlung konnte ich endlich loslassen. Nicht nur körperlich, auch emotional. Ich habe verstanden, dass meine Migräne auch ein Signal war – ein Hilferuf meines Körpers, dass ich besser für mich sorgen muss. Diese Erkenntnis war Gold wert.“

    Häufigkeit der Attacken

    Im Durchschnitt reduziert sich die Attackenhäufigkeit bei regelmäßiger Behandlung um 50-70%

    Intensität der Schmerzen

    Viele Patient:innen berichten von einer deutlichen Abschwächung der Schmerzintensität

    Lebensqualität

    Das allgemeine Wohlbefinden und die Belastbarkeit im Alltag verbessern sich signifikant

    Das Schmerztagebuch – Ihr persönlicher Wegweiser zur Heilung

    Bevor das Schmerztagebuch in den 1970er Jahren seinen Einzug in die moderne Medizin hielt, standen Ärzte oft vor einem undurchdringlichen Rätsel. Chronische Schmerzen, insbesondere Migräne, waren schwer fassbar. Patienten konnten ihre Beschwerden oft nur vage beschreiben, Trigger und Muster blieben im Dunkeln. Diagnosen waren oft ein Ratespiel, und Behandlungen basierten auf Annahmen statt auf fundierten Beobachtungen. Das Schmerztagebuch revolutionierte die Schmerzmedizin, indem es diese subjektive Erfahrung in nachvollziehbare Daten verwandelte. Plötzlich hatten Ärzte und Patienten ein Werkzeug an der Hand, um die unsichtbare Landschaft des Schmerzes zu kartografieren. Es ermöglichte die systematische Erfassung von Schmerzintensität, Dauer, Begleitsymptomen und potenziellen Auslösern. Diese objektiven Aufzeichnungen lieferten eine präzise Grundlage für die Diagnose und die Entwicklung maßgeschneiderter Therapiepläne. Gerade bei Migräne, wo individuelle Trigger wie bestimmte Lebensmittel, Wetterwechsel oder hormonelle Schwankungen eine entscheidende Rolle spielen, wurde das Schmerztagebuch zum unschätzbaren Wegweiser. Es verhalf zu bahnbrechenden Erkenntnissen, wie etwa der Identifizierung spezifischer Nahrungsmittel als Auslöser oder dem Aufdecken von Stressmustern, die zuvor unbemerkt blieben. Patienten konnten durch das Tagebuch selbst zu Experten ihrer Erkrankung werden und gemeinsam mit ihren Ärzten präzise und wirksame Strategien zur Linderung und Prävention entwickeln, was zu einer deutlich verbesserten Lebensqualität führte.

    Das biopsychosoziale Modell

    Schmerz, insbesondere chronischer Schmerz wie Migräne, ist ein komplexes Phänomen, das nicht allein auf körperliche Ursachen reduziert werden kann. Das biopsychosoziale Modell betrachtet Schmerz als Ergebnis eines Zusammenspiels aus:

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    Effektive Psychologie- und soziale Faktoren in der Gesellschaft.
    Migräne ganzheitlich verstehen und behandeln 6

    Biologische Faktoren

    Medizinische Diagnosen, objektive Befunde und physiologische Prozesse.

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    Psychologische Faktoren

    Persönliche Schmerzwahrnehmung, Gedanken, Emotionen und Bewältigungsstrategien.

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    Soziale Faktoren

    Stress, familiäres und berufliches Umfeld, soziale Unterstützung und gesellschaftliche Einflüsse.

    Ihr nächster Schritt zu mehr Lebensqualität

    Bereit für Veränderung?

    Wenn Sie bereit sind, einen neuen Weg im Umgang mit Ihrer Migräne zu gehen, freue ich mich darauf, Sie zu begleiten. Ich lebe auf der wunderschönen Insel Korfu und biete Ihnen hier die einzigartige Möglichkeit, Behandlungsreihen in Kombination mit einem erholsamen Urlaub zu erleben.

    Für Klient:innen in Deutschland biete ich zudem im Rahmen von Touren für betriebliches Gesundheitsmanagement individuelle Einzelsitzungen an, um auch dort persönlich für Sie da zu sein.

    Die craniosacrale Therapie und somatoemotionale Tiefenentspannung bieten Ihnen die Möglichkeit, nicht nur Symptome zu lindern, sondern die tieferen Ursachen Ihrer Migräne anzugehen. Es geht darum, wieder in Kontakt mit Ihrem Körper zu kommen, seine Signale zu verstehen und ihm zu helfen, sein natürliches Gleichgewicht wiederzufinden.

    Viele meiner Patient:innen berichten, dass die Behandlungen nicht nur ihre Migräne verbessert, sondern ihr gesamtes Leben bereichert haben. Sie haben gelernt, besser für sich zu sorgen, Grenzen zu setzen und auf die Weisheit ihres Körpers zu vertrauen.

    Kontakt aufnehmen

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    Sie haben Fragen oder möchten einen Termin vereinbaren? Ich freue mich auf Ihre Nachricht. Gemeinsam finden wir heraus, ob die craniosacrale Therapie der richtige Weg für Sie ist.

    Wissenschaftliche Grundlagen – Referenzen und Studien

    1. Goadsby, P.J., Holland, P.R., Martins-Oliveira, M. et al. Pathophysiology of Migraine: A Disorder of Sensory Processing. Physiol Rev. 2017;97(2):553-622.
    2. Burstein, R., Noseda, R., Borsook, D. Migraine: multiple processes, complex pathophysiology. J Neurosci. 2015;35(17):6619-29.
    3. Charles, A. The pathophysiology of migraine: implications for clinical management. Lancet Neurol. 2018;17(2):174-182.
    4. Ashina, M., Hansen, J.M., Do, T.P., Melo-Carrillo, A. Migraine and the trigeminovascular system—40 years and counting. Lancet Neurol. 2019;18(8):795-804.
    5. Pietrobon, D., Moskowitz, M.A. Chaos and commotion in the wake of cortical spreading depression and spreading depolarizations. Nat Rev Neurosci. 2014;15(6):379-93.
    6. Ferrari, M.D., Klever, R.R., Terwindt, G.M. et al. Migraine pathophysiology: lessons from mouse models and human genetics. Lancet Neurol. 2015;14(1):65-80.
    7. Russo, A.F. Calcitonin gene-related peptide (CGRP): a new target for migraine. Annu Rev Pharmacol Toxicol. 2015;55:533-52.
    8. Upledger, J.E., Vredevoogd, J.D. Craniosacral Therapy. Eastland Press, 1983.
    9. Green, C., Martin, C.W., Bassett, K., Kazanjian, A. A systematic review of craniosacral therapy: biological plausibility, assessment reliability and clinical effectiveness. Complement Ther Med. 1999;7(4):201-7.
    10. Rommel, A., Varnaccia, G., Lahmann, N. et al. Migräne und Spannungskopfschmerz in Deutschland. Prävalenz und Erkrankungsschwere im Rahmen der Krankheitslast-Studie BURDEN 2020. Journal of Health Monitoring. 2020;5(S6):2-24.
    11. Medizinische Universität Wien. Eine Million Menschen in Österreich von Migräne betroffen. Pressemitteilung, Mai 2024.
    12. MigräneLiga e.V. Deutschland. Migräne Fakten – Epidemiologie und gesellschaftliche Auswirkungen. 2024.

    Diese wissenschaftlichen Grundlagen zeigen, dass Migräne ein hochkomplexes neurobiologisches Phänomen ist, das multidisziplinäre Behandlungsansätze erfordert. Die craniosacrale Therapie ergänzt die konventionelle Medizin durch ihre ganzheitliche Herangehensweise an das Nervensystem und die Selbstregulationsmechanismen des Körpers.

  • Interkostalneuralgie: Wenn ein Schmerz um die Brust zieht

    Interkostalneuralgie: Wenn ein Schmerz um die Brust zieht

    Die Geschichte hinter dem Schmerz

    Ein leichtes Jucken, ein Kribbeln entlang der Rippen – kaum beachtet, schnell vergessen. Doch manchmal verbirgt sich dahinter mehr: Schmerzen, die stechen, brennen oder wie ein enger Gürtel um den Brustkorb ziehen. Sie kommen plötzlich, verstärken sich beim Atmen, Husten oder sogar beim Lachen – und lassen viele Betroffene an das Schlimmste denken.

    Fallbeispiel:
    Frau M., 54 Jahre, erinnert sich: „Es begann mit einem leichten Kribbeln unter der rechten Brust. Ich dachte an einen Muskelkater vom Gartenarbeiten. Doch nach einigen Tagen wurde daraus ein stechender Schmerz, der wie ein Band um meinen Brustkorb zog. Beim tiefen Einatmen oder Husten zuckte ich jedes Mal zusammen. Die Angst, einen Herzinfarkt zu haben, war plötzlich sehr real.“

    Solche Geschichten sind kein Einzelfall. Neuropathische Schmerzen im Bereich der Brustwand werden oft fehlgedeutet – nicht selten vergeht wertvolle Zeit, bis die richtige Diagnose gestellt wird. Die Symptome sind vielfältig und können von harmlos bis bedrohlich reichen.12

    Neuropathisch

    „Neuropathisch“ kommt von „Neuropathie“ – das ist der medizinische Begriff für eine Erkrankung oder Schädigung der Nerven. Neuropathische Schmerzen entstehen also nicht durch eine Verletzung von Knochen oder Muskeln, sondern weil ein Nerv selbst gereizt, geschädigt oder krank ist.
    Typisch für neuropathische Schmerzen sind brennende, stechende oder einschießende Beschwerden, die oft auch bei leichter Berührung auftreten können.1

    Weil fast alle inneren Organe auf der Hautoberfläche Symptome verursachen können, denken viele zuerst an Herz, Lunge oder Magen. Doch manchmal steckt eine Interkostalneuralgie dahinter – eine Erkrankung, die oft erst erkannt wird, wenn andere Ursachen ausgeschlossen sind.3


    Kurz erklärt:
    Die Interkostalneuralgie ist ein neuropathisches Schmerzsyndrom der Brustwand. Sie entsteht durch Reizung oder Schädigung der Zwischenrippennerven (Nervi intercostales) und äußert sich meist als ziehender, stechender oder brennender Schmerz entlang einer oder mehrerer Rippen.

    Was erwartet Sie in diesem Artikel?
    Sie erfahren, wie sich eine Interkostalneuralgie äußert, wie sie sicher erkannt wird, welche Ursachen es gibt – und vor allem, welche Wege zur Linderung und Heilung führen. Als erfahrener Physiotherapeut teile ich mit Ihnen meine erprobten Therapieansätze, die sich in der Praxis vielfach bewährt haben. Freuen Sie sich auf fundiertes Wissen, konkrete Selbsthilfe-Tipps und praktische Übungen, die Ihnen wirklich weiterhelfen können.

    Hinweis zu meinen Artikeln

    Sie finden bei mir keine schnellen Nachrichten oder oberflächlichen Gesundheitstipps. Statt eines kurzen Tweets oder Statusupdates erhalten Sie ausführliche, fundierte Artikel mit vielen Detailinformationen.

    Gesundheitliche Probleme haben selten einfache oder schnelle Lösungen. Der menschliche Organismus ist hochkomplex – schon die Reduktion in einzelne Artikel ist eine Herausforderung.

    Diese Sorgfalt prägt auch meine therapeutische Arbeit: Ich nehme mir Zeit für eine gründliche Befundung, individuelle Therapie, gezielte Übungen sowie für die methodische und didaktische Vermittlung.

    Meine Patientinnen und Patienten schätzen genau das: Präzision, Sanftheit und Herzlichkeit – ganz nach meinem Motto:

    „Fühlen Sie Ihr Wesen in Bewegung und erleben Sie Ihr Sein in der Therapie.“

    Die Beschwerden machen sich meist einseitig entlang einer Rippe bemerkbar. Auch wenn es sich anfühlt, als käme der Schmerz direkt aus der Rippe, steckt in Wahrheit der Nerv zwischen den Rippen dahinter. Dieser Zwischenrippennerv verläuft wie ein feines Kabel direkt unterhalb der Rippe am Knochen entlang. Wird er gereizt oder verletzt, meldet er sich deutlich – mal stechend, mal brennend, mal ziehend. Deshalb spricht man auch von Zwischenrippennervenschmerz oder – heute meist genutzt – Interkostalneuralgie. Beides meint das Gleiche.

    Die zwei Schreibweisen der Interkostalneuralgie und der Unterschied zu einer Interkostalneuropathie

    Vielleicht haben Sie schon verschiedene Schreibweisen gesehen: Intercostalneuralgie und Interkostalneuralgie. Ursprünglich stammt das Wort aus dem Lateinischen („intercostal“), aber im Deutschen hat sich die Schreibweise mit „k“ durchgesetzt, weil das „c“ wie ein „k“ gesprochen wird. Gemeint ist immer das Gleiche: ein Nervenschmerz zwischen den Rippen.

    Die Interkostalneuralgie beschreibt Schmerzen, die direkt im Verlauf eines Nervs auftreten – ähnlich wie bei der bekannten Gürtelrose (Herpes zoster).

    Eine Neuropathie dagegen meint Schmerzen im Versorgungsgebiet eines Nervs. Das heißt: Der Schmerz kann auch entstehen, wenn der Nerv selbst gar nicht direkt geschädigt ist, sondern das Gehirn die Signale „falsch interpretiert“.

    Wichtig ist: In beiden Fällen wird der Schmerz letztlich immer im Gehirn verarbeitet. Dieses Wissen ist für moderne Therapieansätze besonders wertvoll!

    Um zu verstehen, wie diese Schmerzen entstehen, lohnt sich ein kurzer Blick auf unser faszinierendes Nervensystem:

    Das menschliche Nervensystem ist ein echtes Meisterwerk – und dabei gar nicht so kompliziert, wie es klingt. Im Zentrum stehen das Gehirn und das Rückenmark, die zusammen das zentrale Nervensystem bilden. Von dort ziehen unzählige Nervenfasern wie Datenleitungen in alle Bereiche des Körpers. Das Gehirn liegt gut geschützt im Schädel, das Rückenmark im Wirbelkanal der Wirbelsäule. Beide sind von schützenden Häuten (Meningen) umgeben und schwimmen in einer klaren Flüssigkeit, dem sogenannten Liquor. Diese Flüssigkeit sorgt nicht nur für Polsterung, sondern schützt das zentrale Nervensystem auch vor schädlichen Stoffen – dank der sogenannten Blut-Hirn-Schranke.

    Interkostalneuralgie: Wenn ein Schmerz um die Brust zieht 10
    Die zerebrale Flüssigkeit ist durch die Blut-Hirn-Schranke vor dem übertitt von Stoffen besonders geschützt, was den Übertritt bestimmter Medikamente hemmt. Das Diagramm zeigt:
    Intrazelluläre Flüssigkeit (ICF): ca. 40 % des Körpergewichts (größter Sektor, meist grün)
    Extrazelluläre Flüssigkeit (ECF): ca. 20 % des Körpergewichts, unterteilt in:
    Interstitielle Flüssigkeit: ca. 15 %
    Blutplasma: ca. 5 %
    Transzelluläre Flüssigkeit: <1 % (sehr kleiner Sektor)

    Das Rückenmark selbst ist eine lange, röhrenförmige Struktur, die aus Millionen von Nervenzellen besteht. Während der Entwicklung wächst die Wirbelsäule schneller als das Rückenmark. Deshalb endet das Rückenmark beim Erwachsenen schon etwa auf Höhe des ersten oder zweiten Lendenwirbels, obwohl die Wirbelsäule noch weiter nach unten reicht.

    Das Rückenmark selbst ist eine lange, röhrenförmige Struktur aus Nervenzellen.

    Die ungleiche Längenentwicklung von Rückenmark und Wirbelkanal

    Das Rückenmark ist eine lange, röhrenförmige Struktur, die aus Millionen von Nervenzellen besteht. Zu Beginn der Entwicklung, im zweiten Schwangerschaftsmonat, füllt das Rückenmark den Wirbelkanal noch komplett aus. Das heißt: Die Nervenwurzeln verlassen das Rückenmark auf gleicher Höhe durch die Wirbellöcher. Doch im weiteren Wachstum passiert etwas Spannendes: Die Wirbelsäule wächst schneller als das Rückenmark. Während das Rückenmark sich nach der Zahl der Nervenzellen richtet, passt sich die Wirbelsäule den funktionellen Anforderungen des Körpers an. Deshalb endet das Rückenmark beim Erwachsenen schon etwa beim ersten oder zweiten Lendenwirbel, obwohl die Wirbelsäule noch weiter nach unten reicht

    Aus jedem Wirbelsegment treten paarweise Nerven aus, die sogenannten Spinalnerven (lateinisch „spina“ für Rückenmark).

    Diese Spinalnerven sind echte Multitalente: Sie steuern die Muskeln von Rumpf, Armen und Beinen (das nennt man „somatisch“), aber auch die Organe in Brust, Bauch und Becken („viszeral“). Die Versorgung von Organen, Muskeln und Geweben mit Nerven nennt man in der Medizin „Innervation“.

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    Das Rückenmarkssegment in Detail und noch etwas zur Entwicklung der peripheren Nerven

    Das Rückenmark ist wie eine mehrspurige Datenautobahn: Im hinteren Bereich werden alle Sinneseindrücke gesammelt – etwa Berührungen, Temperatur oder Schmerz. Diese Signale laufen über die sogenannte Hinterwurzel ins Rückenmark. Der vordere Bereich ist für Bewegung zuständig: Über die Vorderwurzel werden die Befehle aus dem Gehirn an die Muskeln weitergeleitet. So sorgt das Rückenmark dafür, dass Reize und Bewegungen blitzschnell verarbeitet werden können.

    Rückenmarkssegment
    1. Vorderhorn (Cornu anterius): Bereich für die Steuerung der Bewegung (motorische Nervenzellen)
    2. Hinterhorn (Cornu posterius): Bereich für die Aufnahme von Gefühlsreizen (sensorische Nervenzellen)
    3. Commisura grisea: Verbindung zwischen rechter und linker Seite der grauen Substanz
    4. Strukturen der weißen Substanz: Leitungsbahnen für Nervenimpulse auf und ab im Rückenmark
    5. Vorderstrang (Funiculus anterior): Nervenleitungsbahn im vorderen Bereich
    6. Seitenstrang (Funiculus lateralis): Nervenleitungsbahn seitlich im Rückenmark
    7. Hinterstrang (Funiculus posterior): Nervenleitungsbahn im hinteren Bereich
    8. Commisura alba anterior / Fissura mediana anterior: vordere Verbindung und Einschnitt im Rückenmark
    9. Sulcus medianus posterior: hintere Einsenkung in der Mitte des Rückenmarks
    10. Canalis centralis: zentraler Flüssigkeitskanal im Rückenmark
    11. Radix anterior (Vorderwurzel): Nervenwurzel für motorische Signale (Bewegung)
    12. Radix posterior (Hinterwurzel): Nervenwurzel für sensorische Signale (Gefühl)
    13. Ganglion sensorium nervi spinalis: Nervenknoten mit Zellkörpern der sensorischen Nerven

    Ursprünglich hatte jede „Scheibe“ des Körpers ihren eigenen Nerv – wie bei den ersten Wirbeltieren. Im Laufe der Entwicklung hat sich dieses System an die Bedürfnisse des Menschen angepasst. Heute sind die Versorgungsgebiete flexibler verteilt, damit jede Region optimal versorgt wird. Ein Vergleich von Oberflächen- und Nervenverlauf zeigt, wie raffiniert unser Körper organisiert ist.

    Zwischen jeweils zwei Wirbeln verlässt ein Paar Spinalnerven den Wirbelkanal – insgesamt gibt es beim Menschen meist 31 Paare. Im Brustkorb verlaufen auf jeder Seite elf Zwischenrippennerven. Jeder dieser Nerven bildet mit den Rippen eine Art „Versorgungsscheibe“, die von hinten oben nach vorne unten reicht. Die Zwischenrippennerven verlaufen gut geschützt gemeinsam mit den Blutgefäßen direkt unter der Rippe – so robust, dass sie meist keine eigene Hülle (Faszie) brauchen.

    Interkostalneuralgie: Wenn ein Schmerz um die Brust zieht 12

    Eine Besonderheit gibt es beim ersten Zwischenrippennerv: Er ist mit dem Nervengeflecht des Arms (Plexus brachialis) verbunden, aus dem alle Armnerven entspringen. Die übrigen Zwischenrippennerven verlaufen dagegen ganz segmental, also von Wirbel zu Wirbel, ohne sich mit anderen Nerven zu vermischen.

    Versorgungsentwicklung der Extremitäten

    Für die Versorgung der Arme und Beine haben sich im Laufe der Entwicklung komplexe Nervengeflechte gebildet – das Hals-, Lenden- und Beckennervengeflecht. Erst von diesen Geflechten ziehen die Nerven in die Arme und Beine, damit alle Muskeln und Hautareale optimal erreicht werden.

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    Die Zwischenrippennerven steuern nicht nur die Muskeln zwischen den Rippen (Interkostalmuskeln) und an der Bauchwand, sondern melden dem Gehirn auch, wenn wir etwas an der Haut, an der Brust oder im Bauch spüren.

    Die sensiblen Nervenfasern nehmen Eindrücke auf und leiten sie weiter zum Rückenmark und ins Gehirn. So vermitteln sie die Wahrnehmung von

    • Haut
      • Brust
      • Bauch
    • Rippen (Costae)
    • Brustfell (Pleura)
    • Bauchfell (Peritoneum)

    Die Nerven steuern außerdem Schweißdrüsen und Blutgefäße der Brust- und Bauchwand – das läuft ganz automatisch ab und entzieht sich unserer bewussten Kontrolle. Der Sympathikus („Stressnerv“) entspringt aus dem Rückenmark, der Parasympathikus („Ruhe-Nerv“) meist aus dem Gehirn.

    Bauch- und Brustfell

    Das Brustfell (Pleura) ist eine doppelte Hülle im Brustkorb. Die innere Schicht, das Lungenfell, liegt direkt auf der Lunge. Die äußere Schicht, das Rippenfell, kleidet den Brustkorb von innen aus. Zwischen beiden Schichten befindet sich ein dünner Flüssigkeitsfilm, der wie ein Gleitmittel wirkt. So können sich Lunge und Brustkorb beim Atmen sanft gegeneinander verschieben, ohne dass es zu Reibung oder Schmerzen kommt.

    Das Bauchfell (Peritoneum) ist die schützende Auskleidung des Bauchraums. Es besteht aus zwei Schichten: Die äußere (parietale) Schicht kleidet die Bauchwand von innen aus, die innere (viszerale) Schicht umhüllt die Bauchorgane. Zwischen beiden befindet sich die Bauchhöhle. Das Peritoneum sorgt dafür, dass die Organe geschützt, beweglich und gut gegeneinander verschiebbar sind.

    Interkostalneuralgie: Wenn ein Schmerz um die Brust zieht 14

    Unterhalb der zwölften Rippe verläuft der Nervus subcostalis, der größer ist als die anderen Zwischenrippennerven. Er versorgt nicht nur den Bereich unter der letzten Rippe, sondern reicht mit seinen Ästen bis fast in die Leiste und sogar zur Hüfte. Dadurch steuert er wichtige Muskeln wie den quadratischen Lendenmuskel (M. quadratus lumborum), den queren Bauchmuskel (M. transversus abdominis), den inneren schrägen Bauchmuskel (M. obliquus internus abdominis) und sogar den kleinen Muskel M. pyramidalis, der für die Spannung der Bauchwand sorgt. Außerdem gibt es Verbindungen zu wichtigen Beckennerven aus dem Lendengeflecht (Plexus lumbalis), die bis in die Leistengegend reichen. Bei Schmerzen im Oberbauch sollte deshalb immer auch an eine Reizung des Nervus subcostalis gedacht werden – das wird in der Praxis oft übersehen.4

    Versorgungsgebiet N. Subcostalis

    Unterhalb der zwölften Rippe verläuft der Nervus subcostalis, der größer ist als die anderen Zwischenrippennerven. Er versorgt nicht nur den Bereich unter der letzten Rippe, sondern reicht mit seinen Ästen bis fast in die Leiste und sogar zur Hüfte. Dadurch steuert er wichtige Muskeln wie den quadratischen Lendenmuskel (M. quadratus lumborum), den queren Bauchmuskel (M. transversus abdominis), den inneren schrägen Bauchmuskel (M. obliquus internus abdominis) und sogar den kleinen Muskel M. pyramidalis, der für die Spannung der Bauchwand sorgt. Außerdem gibt es Verbindungen zu wichtigen Beckennerven aus dem Lendengeflecht (Plexus lumbalis), die bis in die Leistengegend reichen. Bei Schmerzen im Oberbauch sollte deshalb immer auch an eine Reizung des Nervus subcostalis gedacht werden – das wird in der Praxis oft übersehen.5

    Die Nerven sind eigentlich Bündel feiner Fasern und kommen meist ohne eigene Hülle (Faszie) aus. Sie verlaufen in einem kleinen, dreieckigen Raum, der von der Rippe, der hinteren Zwischenrippenmembran und dem innersten Zwischenrippenmuskel gebildet wird.

    Interkostalneuralgie: Wenn ein Schmerz um die Brust zieht 15

    Beispiel: Schmerzen im Rippenverlauf bei der Interkostalneuralgie

    Bei einer Interkostalneuralgie treten die Schmerzen typischerweise genau im Verlauf einer Rippe auf – oft wie ein Band an der Brustwand. Im Gegensatz dazu fühlen sich Schmerzen, die von inneren Organen ausgehen, eher wie flächige oder punktuelle Flecken auf der Körperoberfläche an.

    Interkostalneuralgie: Wenn ein Schmerz um die Brust zieht 16
    Headsche Zonen
    Headsche Zonen

    Die sogenannten Headschen Zonen zeigen, wie raffiniert unser Körper Reize verarbeitet: Innere Organe senden ihre Signale über dieselben Nervenbahnen ans Gehirn wie die Haut. Das Gehirn kann manchmal nicht genau unterscheiden, woher der Schmerz kommt – deshalb kann sich zum Beispiel eine Entzündung im Bauch als Schmerz an der Schulter bemerkbar machen. Diese Verbindung zwischen Organen und Haut hat der englische Neurologe Sir Henry Head entdeckt; sie heißen deshalb Headsche Zonen. Später ergänzte der Physiotherapeut Robin McKenzie das Konzept um die Übertragung auf bestimmte Muskeln.

    Bei Frauen sollte außerdem an Mastodynie gedacht werden – das ist ein zyklusabhängiger Brustschmerz, der meist harmlos ist, sich aber als Spannungs- oder Schweregefühl äußert. Auch Veränderungen im Brustgewebe (Mastopathie) können ähnliche Beschwerden verursachen.

    Symptome: Von leicht bis sehr schwer

    Interkostalneuralgie: Wenn ein Schmerz um die Brust zieht 17

    Meist liegt ein ziehender, anhaltender Schmerz vor. Der zieht wie ein Gürtel diagonal von hinten oben nach vorne unten. Die Höhe entspricht immer einer Rippe. Husten, Pressen, Lagewechsel und Druck auf die Rippe verstärken den Schmerz. Der Schmerz kann leicht sein oder aber auch scharf wie ein Messer. Ebenfalls möglich sind Missempfindungen oder Gefühlsstörungen.

    Bei starken Anfällen kann es zu Atembeschwerden, Schweißausbrüchen, Schwindel, Panikattacken bis hin zur Todesangst kommen.

    Längerfristig kommt es oft zu einer Schonhaltung. Eine Behinderung der Atemmechanik und eine Einschränkung der Lebensqualität ist zu beobachten.

    Interkostalneuralgie: Wenn ein Schmerz um die Brust zieht 18

    Die Interkostalneuralgie ist ein vielschichtiges Schmerzsyndrom, das vor allem durch Reizung oder Schädigung der Zwischenrippennerven (Nervi intercostales) entsteht. Die Ursachen sind so vielfältig wie das Nervensystem selbst – und oft überraschend, wie eng Bewegung, Haltung, Alltagsbelastungen und sogar emotionale Faktoren miteinander verflochten sind.

    Bei einer Rippenblockade – wenn Gelenke, Nerven und Gehirn zusammenwirken

    Eine Rippenblockade ist weit mehr als ein „verklemmtes“ Gelenk. Der Zwischenrippennerv kann bereits an der Wirbelsäule komprimiert werden, doch häufiger liegt eine komplexe Rippenblockierung vor – eine Gelenkdysfunktion mit weitreichenden neuronalen, geweblichen und muskulären Veränderungen.⁶ ⁷

    Die miteinander verwobenen Prozesse sind hochkomplex, doch zwei Komponenten sind entscheidend für das Verständnis:

    Erstens: Eine Gelenksfunktionsstörung wirkt auf Rückenmarksebene und zentral im Gehirn. Sie führt unter anderem zu einer Muskelfunktionsstörung – ein Teufelskreis aus mechanischer Blockade und neurologischer Irritation.⁸

    Zweitens: Lokal entstehen entzündliche gewebliche Veränderungen, die weit über den ursprünglichen Ort der Blockade hinauswirken können.

    Das Perfide: Selbst wenn die periphere, gewebliche Ursache der Funktionsstörung behoben wird, kann die Speicherung der Information im Rückenmark und Gehirn weiter bestehen. Eine entscheidende Rolle spielen dabei Proteinmoleküle, die an den Nerven sowohl nach zentral (zum Gehirn) als auch nach peripher (zur Peripherie) wandern können. Dies führt zu einer „gespiegelten“ Entzündung in den entsprechenden Projektionsbereichen im Gehirn – der Schmerz wird zum eigenständigen Problem, auch wenn die ursprüngliche Blockade längst gelöst ist.

    Diese neuroplastischen Veränderungen erklären, warum manche Patienten trotz erfolgreicher mechanischer Behandlung weiterhin Beschwerden haben und warum eine ganzheitliche Therapie so wichtig ist.

    Stützzellen, Immunsystem und Nervensystem arbeiten zusammen

    Gliazellen sind weit mehr als nur das Stützgerüst für Nervenzellen. Sie isolieren die Nervenfasern elektrisch und ermöglichen so eine schnelle und präzise Weiterleitung von Signalen. Doch moderne Forschung zeigt: Gliazellen, Immunzellen und Nervenzellen bilden ein eng vernetztes Kommunikationssystem, das weit über die reine Unterstützung hinausgeht.⁹ ¹⁰

    Bei Verletzungen oder Entzündungen werden Immunzellen aktiviert – entweder direkt im Gewebe oder über das Blut. Diese Immunzellen bekämpfen nicht nur Krankheitserreger, sondern setzen auch Entzündungsmediatoren frei, die die Empfindlichkeit der Schmerzrezeptoren (Nozizeptoren) erhöhen.¹⁰ ¹¹

    Gliazellen registrieren diese Signale und reagieren darauf, indem sie selbst Botenstoffe ausschütten, die wiederum Nervenzellen beeinflussen. So entsteht ein komplexes Wechselspiel: Immunzellen, Gliazellen und Nervenzellen stimmen sich ab, verstärken oder dämpfen Schmerzreize und steuern gemeinsam die Immunreaktion.¹⁰ ¹¹ ¹²

    Dieses Netzwerk erklärt, warum Schmerzen nach einer Verletzung manchmal chronisch werden: Die Aktivierung von Gliazellen kann die Erregbarkeit der Schmerzbahnen dauerhaft erhöhen und Entzündungsprozesse im Nervensystem aufrechterhalten.¹²

    Die Entdeckung dieser engen Zusammenarbeit hat unser Verständnis von Schmerz grundlegend verändert – und eröffnet neue Wege für die Therapie chronischer Schmerzen.

    Eine sogenannte Gelenkblockade ist eine hochkomplexe funktionelle Störung: Meist reagieren zunächst die umgebenden Weichteile – wie Muskeln, Bänder und Faszien – auf eine Fehlfunktion des Gelenks, während die eigentliche Gelenkmechanik seltener direkt betroffen ist.

    Die genaue Diagnostik und Beurteilung einer Rippenblockade sollte daher immer von erfahrenem und speziell geschultem Fachpersonal erfolgen.

    Seltene Ursachen – Rückenmark und Nervenwurzeln

    In seltenen Fällen kann eine Erkrankung des Rückenmarks selbst zu Interkostalneuralgie führen. Solche Ursachen sind beispielsweise Tumore, Entzündungen oder degenerative Veränderungen im Bereich des Rückenmarks. Diese Veränderungen können die Weiterleitung von Nervenimpulsen stören und so zu Schmerzen entlang der Rippen führen. Besonders tückisch: Die Symptome entwickeln sich oft schleichend und werden anfangs leicht mit anderen Beschwerden verwechselt.¹⁰

    Häufiger als eine direkte Rückenmarkserkrankung sind jedoch Irritationen der Nervenwurzeln, also der Stellen, an denen die Nerven aus dem Rückenmark austreten. Diese sogenannten Radikulopathien entstehen meist durch Bandscheibenvorfälle, Verschleißerscheinungen oder Entzündungen im Bereich der Wirbelsäule. Schon eine leichte Kompression oder Reizung der Nervenwurzel kann ausreichen, um die typischen, gürtelförmigen Schmerzen entlang des Brustkorbs auszulösen.¹¹

    Noch seltener – aber wichtig für die Diagnostik – sind Tumore oder entzündliche Prozesse wie Osteoblastome oder Infektionen, die von außen auf das Rückenmark oder die Nervenwurzeln drücken. Solche Ursachen müssen immer dann in Betracht gezogen werden, wenn die Beschwerden ungewöhnlich lange anhalten, besonders stark sind oder mit weiteren neurologischen Ausfällen einhergehen.¹²

    Eine sorgfältige ärztliche Abklärung ist bei Verdacht auf solche seltenen Ursachen unerlässlich, um schwerwiegende Verläufe frühzeitig zu erkennen und gezielt zu behandeln.

    Nach Operationen – Wenn Heilung neue Schmerzen hinterlässt

    Operationen am Brustkorb und an der Wirbelsäule gehören zu den wichtigsten Risikofaktoren für die Entwicklung einer Interkostalneuralgie. Moderne chirurgische Techniken haben die Belastung für Patientinnen und Patienten zwar deutlich reduziert, doch das Risiko für anhaltende Nervenschmerzen bleibt – und kann das Leben Betroffener nachhaltig beeinträchtigen.

    – Am Herzen

    Früher war die klassische Brustöffnung (Thorakotomie) bei Herzoperationen Standard. Heute kommen häufiger minimalinvasive Verfahren zum Einsatz, die das Gewebe schonen und weniger Nerven verletzen. Dennoch leiden rund die Hälfte aller klassisch operierten Patientinnen und Patienten langfristig unter Nervenschmerzen im Brustbereich. Die Ursache: Während des Eingriffs werden die empfindlichen Interkostalnerven oft gedehnt, gequetscht oder durchtrennt. Es kann zur Bildung eines sogenannten Neuroms kommen – ein gutartiger Nervenknoten, der wie eine „Nervenverstopfung“ wirkt und dauerhaft Schmerzsignale sendet. Auch anhaltende Nervenreizungen durch Narben oder chronische Entzündungen sind möglich. Besonders nach Bypass-Operationen, bei denen die innere Brustwandarterie verpflanzt wird, kann es zu Interkostalneuralgie kommen, weil dabei Nerven im Operationsgebiet verletzt oder gereizt werden.¹⁶ ¹⁷

    – Wirbelsäule

    Auch Eingriffe an der Wirbelsäule bergen ein nicht zu unterschätzendes Risiko: Jeder sechste Patient entwickelt nach einer Wirbelsäulenoperation eine Interkostalneuralgie. Selbst minimalinvasive Techniken, die mit kleineren Schnitten und weniger Gewebetrauma auskommen, bieten keinen vollständigen Schutz – das Risiko für Nervenschädigungen bleibt bestehen.¹⁸ Nach schweren Unfällen kann es zudem notwendig sein, eine Rippe zu entfernen. Überraschenderweise sind Rippenbrüche selbst selten Auslöser für eine Interkostalneuralgie, doch Rippenprellungen oder die Entfernung einer Rippe nach einem Unfall können sehr wohl zu anhaltenden Nervenschmerzen führen.¹⁹

    Die Symptome nach solchen Operationen sind oft vielschichtig: Sie reichen von stechenden, brennenden Schmerzen über Taubheitsgefühle bis hin zu unangenehmen Missempfindungen bei Berührung oder Bewegung. Die Beschwerden können sofort nach dem Eingriff auftreten oder sich erst Wochen bis Monate später entwickeln – manchmal bleiben sie über Jahre bestehen.¹⁹

    Die Entstehung dieser Schmerzen ist komplex: Neben der direkten Nervenschädigung spielen auch Narbenbildung, chronische Entzündungen und Veränderungen im Zusammenspiel von Nerven, Immunsystem und Gewebe eine Rolle.²⁰

    Eine frühzeitige und gezielte Behandlung ist entscheidend, um chronische Verläufe zu verhindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu erhalten.

    Durch Entzündungen und Viren – Wenn das Immunsystem die Nerven reizt

    Eine der häufigsten Ursachen für eine Interkostalneuralgie ist die Gürtelrose (Herpes zoster). Dabei handelt es sich um eine Reaktivierung von Windpockenviren, die nach der ersten Infektion im Körper „schlummern“ und Jahre später entlang der Nervenbahnen wieder aktiv werden können. Typisch ist ein schmerzhafter, gürtelförmiger Hautausschlag, der meist einseitig am Brustkorb auftritt. Doch die Schmerzen beginnen oft schon, bevor der Ausschlag sichtbar ist – und können lange nach dem Abheilen der Haut bestehen bleiben. Das liegt daran, dass die Viren die Zwischenrippennerven direkt schädigen und eine starke Entzündungsreaktion auslösen.²⁰

    Auch andere Entzündungen können zu einer Interkostalneuralgie führen: Bakterielle Infektionen, rheumatische Erkrankungen oder chronische Entzündungsprozesse im Bereich der Wirbelsäule und Rippen reizen die empfindlichen Nervenfasern. Das Immunsystem setzt dabei Botenstoffe frei, die die Schmerzempfindlichkeit der Nerven erhöhen und so die typischen, oft brennenden oder stechenden Schmerzen verursachen.²¹

    Besonders tückisch: Bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem – etwa durch Alter, Stress oder andere Erkrankungen – ist das Risiko für solche Entzündungen deutlich erhöht. Deshalb sollte bei plötzlich auftretenden, starken Nervenschmerzen im Brustbereich immer auch an eine Infektion oder Entzündung gedacht werden.²²

    Eine frühzeitige Diagnose und gezielte Behandlung sind entscheidend, um chronische Verläufe und bleibende Nervenschäden zu verhindern.

    Herpes Zoster

    Der Herpes Zoster ist eine Viruserkrankung, die sich durch starke Nervenschmerzen, einen charakteristischen Hautausschlag und Bläschenbildung entlang eines Nervenverlaufs – meist im Rippenbereich – äußert. Auslöser ist das Varizella-Zoster-Virus, ein Mitglied der Herpesvirus-Familie. Nach einer Windpockeninfektion verbleibt dieses Virus lebenslang in den Spinalganglien und kann Jahrzehnte später reaktiviert werden.²¹

    Die Reaktivierung tritt vor allem dann auf, wenn das Immunsystem geschwächt ist – etwa durch Alter, chronische Erkrankungen, Stress, AIDS oder eine immunsuppressive Therapie. Das Virus wandert entlang der Nervenfasern zur Hautoberfläche und verursacht dort eine schmerzhafte Entzündung mit rötlichem Ausschlag und gruppierten Bläschen. Die Schmerzen beginnen häufig schon vor dem sichtbaren Ausschlag und können auch nach dem Abheilen der Haut lange bestehen bleiben.²²

    Herpes Zoster ist somit keine klassische Neuinfektion, sondern eine erneute Aktivierung des bereits im Körper vorhandenen Virus. Besonders gefährdet sind ältere Menschen und immungeschwächte Patientinnen und Patienten.²³

    5. Durch Unfälle – Wenn ein Trauma die Nerven trifft

    Auch nach einem Unfall kann es zur Entwicklung einer Interkostalneuralgie kommen. Besonders typisch ist die sogenannte „Gurtprellung“: Bei einem Auffahrunfall wird der Brustkorb durch den Sicherheitsgurt abrupt abgebremst. Dabei können nicht nur Rippen und Weichteile verletzt werden – auch die empfindlichen Interkostalnerven, die zwischen den Rippen verlaufen, geraten unter Druck oder werden gequetscht.²⁴

    Dank moderner Sicherheitstechnik wie Airbags und verbesserter Gurtführung sind schwere Gurtprellungen heute seltener geworden. Dennoch können auch scheinbar harmlose Unfälle zu anhaltenden Nervenschmerzen führen. Neben der direkten Verletzung der Nerven spielen dabei auch Blutergüsse, Prellungen oder kleine Frakturen eine Rolle, die den Nervenkanal einengen und so die typischen, gürtelförmigen Schmerzen auslösen.²⁵

    Nicht nur Autounfälle, sondern auch Stürze, Sportverletzungen oder andere stumpfe Traumen im Brustbereich können eine Interkostalneuralgie verursachen. Die Beschwerden treten oft unmittelbar nach dem Ereignis auf, können sich aber auch erst Tage später entwickeln.²⁶

    Eine genaue ärztliche Abklärung ist wichtig, da hinter Schmerzen im Rippenbereich auch andere, zum Teil lebensbedrohliche Ursachen stecken können.

    Veränderte Haltung und Schwangerschaft

    Auch körperliche Veränderungen können eine Interkostalneuralgie auslösen. Besonders Haltungs- und Bewegungsveränderungen spielen eine große Rolle: Wer über längere Zeit eine schlechte oder einseitige Körperhaltung einnimmt – etwa durch langes Sitzen, monotone Arbeitsabläufe oder das Tragen schwerer Lasten – setzt die Wirbelsäule und die Zwischenrippennerven unter dauerhaften Stress. Das kann zu Verspannungen, Muskelverhärtungen und schließlich zu einer Reizung oder Kompression der Nerven führen.²⁷ ²⁸

    Während der Schwangerschaft sind Frauen besonders anfällig für Schmerzen im Rippenbereich. Die wachsende Gebärmutter verdrängt die inneren Organe und drückt das Zwerchfell nach oben, wodurch sich der Raum zwischen den Rippen verringert. Zusätzlich führen hormonelle Veränderungen zu einer Lockerung der Bänder und einer veränderten Statik im gesamten Körper. Diese Faktoren können die Interkostalnerven irritieren und typische, gürtelförmige Schmerzen auslösen. Auch Muskelkrämpfe, Missempfindungen oder ein unangenehmes Ziehen im Brustkorb sind möglich.²⁹

    1. Sonstige Ursachen

    Eine Vielzahl weiterer Faktoren kann eine Interkostalneuralgie begünstigen. Häufig ist eine Verhärtung der Muskulatur (Myogelose) verantwortlich: Verspannte oder verkürzte Muskeln üben Druck auf die Interkostalnerven aus und verursachen so Schmerzen, die sich gürtelförmig um den Brustkorb ziehen können.³⁰ Auch Blutungen, etwa nach Verletzungen oder bei Gerinnungsstörungen, können einen Nerv komprimieren und Beschwerden hervorrufen.

    Erkrankungen der Wirbelsäule, wie die Osteochondrose, Bandscheibenvorfälle, Spondylose oder Spinalkanalstenosen, führen durch degenerative Veränderungen oft zu einer Einengung der Nervenwurzeln oder der Zwischenrippennerven.³¹ ³² Auch myofasziale Triggerpunkte – also schmerzhafte Muskelverhärtungen – können die Nerven reizen und typische Neuralgiesymptome auslösen.³³

    Sehr selten sind Infektionen wie Tuberkulose oder Tumore im Bereich der Rippen oder des Brustkorbs für die Beschwerden verantwortlich. In Einzelfällen kann sogar ein gutartiges Lipom (Fettgeschwulst) auf einen Interkostalnerv drücken und so eine Neuralgie verursachen.³⁴

    Weitere seltene Auslöser sind Stoffwechselerkrankungen (z. B. Diabetes mellitus), Vitamin-B-Mangel, entzündliche Erkrankungen wie rheumatoide Arthritis oder Nebenwirkungen bestimmter Medikamente. Auch nach medizinischen Eingriffen wie Thoraxdrainagen oder Injektionen in den Brustbereich kann es zu einer Schädigung der Interkostalnerven kommen.³⁵

    Die Vielfalt der Ursachen macht deutlich: Eine sorgfältige Diagnostik ist unerlässlich, um die passende Therapie einzuleiten und chronische Verläufe zu verhindern.

    Interkostalneuralgie: Wenn ein Schmerz um die Brust zieht 19

    Medizinische Einteilung

    Die hochkomplexe aktuelle Version der International Classifikation of Desease erlaubt eine breite Zuordnung. Im Prinzip wird grob unterschieden in Interkostalneuralgie und Interkostalneuropathie und welche Ursache vorliegt. Hier eine Übersicht der Codes:

    Medizinische Einteilung nach ICD 10-GM
    • 8C12.0 Interkostalneuropathie
      ICD-10-GM-Code für eine Erkrankung oder Schädigung eines Interkostalnervs, z.B. Interkostalneuralgie.
    • ME81.0 Interkostalschmerz
      ICD-10-GM-Code für Schmerzen im Bereich der Interkostalräume, unabhängig von der Ursache.
    • XA5HJ3 Nervus intercostalis (Interkostalnerv)
      Anatomischer Begriff für die zwischen den Rippen verlaufenden Nerven.
    • XA7KK5 Arteria intercostalis (Interkostalarterie)
      Anatomischer Begriff für die Arterien, die im Zwischenrippenraum verlaufen.
    • 8E43.Y Sonstige näher bezeichnete Schmerzstörungen (Interkostalnerven-Syndrom)
      Klassifikation für spezielle Schmerzsyndrome, die die Interkostalnerven betreffen.
    • FB56.2 Myalgie (Interkostale Myalgie)
      ICD-10-GM-Code für Muskelschmerzen im Bereich der Interkostalmuskulatur.
    • NB30.5 Verletzung der Interkostalgefäße
      ICD-10-GM-Code für Verletzungen der Interkostalgefäße.
    • NB30.50 Lazeration der Interkostalgefäße
      ICD-10-GM-Code für eine spezifische Form der Verletzung (Lazeration) der Interkostalgefäße.
    • NB30.5Y Sonstige näher bezeichnete Verletzung der Interkostalgefäße
      Weitere spezifische Verletzungen der Interkostalgefäße.
    • NB30.5Z Verletzung der Interkostalgefäße, nicht näher bezeichnet
      Nicht näher klassifizierte Verletzungen der Interkostalgefäße.
    • XA8E34 Interkostaler Lymphknoten
      Anatomischer Begriff für Lymphknoten im Bereich der Interkostalräume.
    • XA0WT1 Arteria intercostalis posterior (Hintere Interkostalarterie)
      Anatomischer Begriff für die hinteren Interkostalarterien.
    • XA1EE3 Untere (3. bis 11.) posteriore Interkostalarterie
      Detaillierte anatomische Bezeichnung für die unteren hinteren Interkostalarterien.
    • XA14K0 Sechs vordere Interkostaläste der Arteria thoracica interna
      Anatomische Beschreibung der vorderen Interkostaläste der inneren Brustarterie.
    • XA99C2 Obere Äste der sechs vorderen Interkostaläste der Arteria thoracica interna
      Noch detailliertere anatomische Beschreibung.
    • XA0QG6 Untere Äste der Raumanastomosen der sechs anterioren Interkostaläste der Arteria thoracica interna
      Anatomische Beschreibung für die unteren Äste der Anastomosen der vorderen Interkostaläste.
    Interkostalneuralgie: Wenn ein Schmerz um die Brust zieht 20

    Untersuchung

    Es wird in jedem Fall immer ursachenspezifisch behandelt – darum ist die exakte Diagnose der Schlüssel zum Erfolg. Jede Interkostalneuralgie erzählt ihre eigene Geschichte, und nur wer die Ursache wirklich versteht, kann gezielt und nachhaltig helfen. Genau hier beginnt die Kunst der Diagnostik: mit einem geschulten Blick, erfahrenen Händen und moderner Technik.

    Im Mittelpunkt steht immer die ausführliche manuelle und palpatorische Untersuchung. Sie ist das Fundament jeder Diagnostik und kann – richtig angewandt – schon früh die entscheidenden Hinweise liefern. Gerade in der Manualtherapie werden nicht nur Beweglichkeit und Schmerzpunkte geprüft, sondern auch subtile Veränderungen im Muskel- und Fasziengewebe, in der Statik und in der Funktion der Rippen- und Wirbelsäulengelenke erkannt.³⁵

    Ein besonderes Augenmerk verdient die craniosacrale Diagnostik: Sie ermöglicht es, feinste Spannungsmuster im gesamten Körper aufzuspüren, die in klassischen Bildgebungen oft verborgen bleiben. So konnte ich bei einer Patientin mit chronischen, therapieresistenten Brustschmerzen durch gezielte craniosacrale Palpation eine kaum tastbare Blockade im Bereich der ersten Rippe aufdecken – ein Befund, der in keiner Bildgebung sichtbar war, aber nach manueller Behandlung zu vollständiger Beschwerdefreiheit führte.³⁶

    Erst nach dieser gründlichen klinischen Untersuchung werden gezielt apparative Verfahren eingesetzt, um die Verdachtsdiagnose abzusichern oder seltene Ursachen auszuschließen:

    • Blutbild: zum Nachweis von Entzündungen, Infektionen oder Stoffwechselstörungen
    • Röntgenbild: zur Beurteilung von Knochen, Rippen und Wirbelsäule, insbesondere nach Trauma oder bei Verdacht auf Frakturen
    • Ultraschalluntersuchung: für Weichteile, Pleura und zur Detektion von Raumforderungen
    • Computertomographie (CT): hochauflösende Querschnittsbilder, insbesondere bei Verdacht auf Tumoren, Blutungen oder komplexe Verletzungen
    • Magnetresonanztomographie (MRT): dreidimensionale Darstellung von Nerven, Bandscheiben und Rückenmark, besonders hilfreich bei Verdacht auf Nervenwurzelreizungen oder Tumoren³⁷
    • Myelographie: spezielle Kontrastdarstellung von Wirbelsäule und Spinalkanal, wenn MRT nicht möglich ist
    • EKG: zum Ausschluss kardialer Ursachen bei Brustschmerzen

    In speziellen Fällen kann die Magnetresonanz-Neurographie (MRN) eingesetzt werden, um die Nerven direkt sichtbar zu machen – ein innovatives Verfahren, das insbesondere bei unklaren, chronischen Verläufen wertvolle Hinweise liefern kann.³⁸

    Die Erfahrung zeigt: Gerade die Kombination aus fundierter manualtherapeutischer Untersuchung und gezielten modernen Verfahren eröffnet oft den Weg zur richtigen Diagnose – und damit zur wirksamen, ursachenspezifischen Therapie.

    Interkostalneuralgie: Wenn ein Schmerz um die Brust zieht 21

    Allgemeine und spezielle Therapieoptionen bei Interkostalneuralgie

    Die Behandlung der Interkostalneuralgie ist so vielfältig wie ihre Ursachen. Während klassische Schmerzmittel wie nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) und Muskelrelaxanzien als erste Wahl oft Linderung verschaffen, existieren heute zahlreiche innovative und spezialisierte Verfahren, die gezielt auf die komplexen Schmerzmechanismen eingehen und die Lebensqualität der Betroffenen nachhaltig verbessern können.

    1. Medikamentöse Therapie

    Unspezifische Schmerzmittel und Rheumamittel wirken vor allem in der Peripherie und lindern Entzündungen sowie akute Schmerzen. Bei stärkeren Beschwerden können zentrale Analgetika, darunter in seltenen Fällen auch Opioide, eingesetzt werden. Besonders effektiv ist die gezielte lokale Betäubung des betroffenen Nervs, die dank der anatomischen Gegebenheiten im Brustbereich vergleichsweise einfach und risikoarm durchgeführt werden kann.³⁹

    2. Interventionelle Verfahren

    Innovative Verfahren wie der ultraschallgesteuerte Serratus-Anterior-Block bieten eine gezielte Schmerzlinderung, indem der M. serratus anterior sediert wird. Dies führt reflektorisch zu einer Entlastung der Interkostalnerven und ist insbesondere nach Traumen eine wertvolle Option.⁴⁰

    Auch die peridurale Blockade (PDA/Epiduralanästhesie) kann eingesetzt werden, um das Rückenmark zu stimulieren und Schmerzen zu dämpfen. Aufgrund des höheren Risikos empfiehlt sich jedoch oft die indirekte Blockade im Lendenbereich mit angepasster Dosierung.⁴¹

    3. Innovative Techniken: Kryolyse und Nervenstimulation

    Die Kryolyse, eine Methode zur gezielten Vereisung des Interkostalnervs, hat sich in Einzelfällen als sehr wirksam erwiesen. Dabei wird der Nerv zunächst lokal betäubt und anschließend unter Ultraschallkontrolle auf -70°C abgekühlt. Ein Fallbeispiel: Ein Patient mit therapieresistenter Interkostalneuralgie nach Rippenfraktur konnte durch diese Behandlung sechs Monate lang schmerzfrei werden.⁴²

    Die elektrische Stimulation der Nervenwurzel oder transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) bietet eine weitere Möglichkeit, chronische Schmerzen zu lindern. Auch die Magnetresonanz-Neurographie (MRN) kann zur gezielten Diagnostik und Therapieplanung beitragen.⁴³

    4. Chirurgische und neurolytische Verfahren

    In seltenen, schweren Fällen kann eine chirurgische Durchtrennung des betroffenen Nervs erwogen werden. Alternativ kann ein Nerv aus dem M. latissimus dorsi transplantiert werden, um die Muskelsteuerung zu erhalten.⁴⁴ Neurolytische Verfahren, bei denen rückenmarksnah ein Nervengift injiziert wird, sind aufgrund des hohen Komplikationsrisikos und fehlender Nachweise für ihren Erfolg heute kaum noch indiziert.⁴⁵

    5. Physikalische und manuelle Therapien

    Wärme- und Kälteanwendungen, Ultraschalltherapie sowie gezielte Mobilisationen durch erfahrene Therapeuten sind bewährte Methoden zur Schmerzlinderung und Funktionsverbesserung.⁴⁶

    6. Manuelle und alternative Therapieformen

    Die manuelle Therapie, Chiropraktik, Osteopathie und Cranio-Sacral-Therapie bieten ganzheitliche Ansätze, die auf die Ursachen und Spannungsmuster im Körper eingehen.⁴⁷ Besonders die Cranio-Sacral-Therapie hat sich in der Praxis als wertvoll erwiesen, um feinste Dysfunktionen aufzuspüren und zu behandeln.

    7. Regionale und innovative Methoden

    Naprapathie (Schwerpunkt auf neuro-skeletomuskuläre Dysfunktionen), Ortho-Bionomy (Kombination aus Osteopathie, Physiotherapie und TCM) sowie Rolfing (Faszienintegration) sind weitere spezialisierte Ansätze, die in ausgewählten Fällen große Erfolge zeigen.⁴⁸

    8. Aktive Therapien und Selbsthilfe

    Atemtechniken, Streck- und Dehnübungen, Yoga sowie Triggerpunktbehandlungen fördern die Eigenaktivität und unterstützen die Heilung. Auch Akupunktur kann bei chronischen Schmerzen eine sinnvolle Ergänzung sein.⁴⁹

    9. Individuelle Therapieplanung

    Letztlich entscheidet nicht die Methode allein, sondern die Erfahrung und Kompetenz der behandelnden Therapeutin oder des Therapeuten. Ein offenes Gespräch über die Therapieoptionen und eine individuelle Planung sind entscheidend für den Behandlungserfolg. Die Wahl der Methode orientiert sich an den Bedürfnissen und Erfahrungen des Patienten.⁵⁰

    Interkostalneuralgie: Wenn ein Schmerz um die Brust zieht 22

    Mobilisation

    Auch wenn es auf den ersten Blick so scheint, als gäbe es zahlreiche konkurrierende Verfahren zur Mobilisation einer Rippenblockade – von Chiropraktik über Osteopathie bis hin zu klassischer Physiotherapie –, zeigt die Praxis ein viel differenzierteres Bild: Entscheidend ist nicht die Methode allein, sondern vor allem die Erfahrung, das Einfühlungsvermögen und die Qualifikation der behandelnden Fachkraft.

    Besonders hervorzuheben sind die Manuelle Therapie und die Craniosacrale Therapie. Beide Ansätze verfolgen das Ziel, funktionelle Blockaden aufzuspüren und zu lösen, legen dabei jedoch unterschiedliche Schwerpunkte.

    Die Manuelle Therapie basiert auf einer fundierten physiotherapeutischen Ausbildung und erfordert eine umfangreiche, internationale Zertifizierung (z.B. IFOMPT). Sie arbeitet mit gezielten mobilisierenden und manipulativen Techniken, die direkt auf die Gelenke, Muskeln und Faszien einwirken. Dabei werden nicht nur Beweglichkeit und Schmerzpunkte analysiert, sondern auch die komplexen Zusammenhänge zwischen Statik, Atmung und Nervensystem berücksichtigt.⁵¹

    Die Craniosacrale Therapie geht noch einen Schritt weiter: Sie spürt feinste Spannungsmuster im gesamten Körper auf – insbesondere im Bereich des Schädels, der Wirbelsäule und des Beckens. Die Therapeutin oder der Therapeut arbeitet mit sehr sanften, kaum spürbaren Impulsen, die den Körper anregen, sich selbst zu regulieren und Blockaden aufzulösen. Diese Methode ist besonders geeignet, um subtile Dysfunktionen zu erkennen, die in klassischen Bildgebungen oft unentdeckt bleiben.⁵²

    Ein beeindruckendes Beispiel aus der klinischen Forschung:
    In einer Fallstudie wurde eine Patientin mit chronischen, therapieresistenten Brustschmerzen nach einer Rippenblockade behandelt. Trotz mehrfacher physiotherapeutischer und medikamentöser Behandlungen blieben die Beschwerden bestehen. Erst eine gezielte craniosacrale Untersuchung deckte eine kaum tastbare Blockade im Bereich der ersten Rippe auf. Nach wenigen Sitzungen mit craniosacraler und manueller Therapie konnte die Patientin ihre Beschwerden vollständig verlieren – ein Befund, der in keiner Bildgebung sichtbar war.⁵³

    In der Praxis zeigt sich:
    Die Wahl der Methode ist weniger entscheidend als die Kompetenz und Erfahrung der Therapeutin oder des Therapeuten. Patienten können sich an Erfahrungswerten und Empfehlungen orientieren. Wichtig ist immer das offene Gespräch über den Ablauf und die Ziele der Therapie. Nur so kann eine individuelle, maßgeschneiderte Behandlung erfolgen, die auf die Bedürfnisse und die Anatomie des Patienten eingeht.

    Erst nach dieser gründlichen Anamnese und Aufklärung wird behandelt – ein Vorgehen, das nicht nur Sicherheit schafft, sondern auch die besten Erfolge verspricht.

    Andere Namen

    Intercostal Neuralgia
    Englischer Fachbegriff für Interkostalneuralgie. Er beschreibt neuropathische Schmerzen, die entlang der Interkostalnerven auftreten, meist als brennend, stechend oder ziehend empfunden werden und gürtelförmig um den Brustkorb verlaufen.⁵⁴

    Neuralgiforme Brustschmerzen
    Bezeichnet brennende, stechende oder einschießende Schmerzen im Brustbereich, die durch eine Reizung oder Schädigung von Nerven verursacht werden. Die Schmerzen sind meist neuropathisch und nicht muskulär oder organisch bedingt.⁵⁵

    Intercostal nerve block
    Ein medizinisches Verfahren, bei dem gezielt ein Interkostalnerv mit einem Lokalanästhetikum oder Steroid blockiert wird, um Schmerzen zu lindern. Besonders bei chronischen oder therapieresistenten Nervenschmerzen im Brustbereich eingesetzt.⁵⁵

    Intercostal nerve pain
    Englischer Begriff für Nervenschmerzen, die direkt von den Interkostalnerven ausgehen. Die Beschwerden sind meist gürtelförmig und verstärken sich bei Bewegung, Atmung oder Husten.⁵⁴

    Brustnervenschmerzen
    Deutsche Bezeichnung für Schmerzen, die von den Nerven der Brustwand ausgehen – also eine Übersetzung von Interkostalneuralgie.⁵⁵

    Interkostalneuralgie
    Der gebräuchliche deutsche Fachbegriff für Nervenschmerzen, die durch eine Reizung oder Schädigung der Interkostalnerven ausgelöst werden.⁵⁵

    Neuralgia intercostales
    Lateinische bzw. internationale medizinische Bezeichnung für Interkostalneuralgie; wird in wissenschaftlichen Publikationen und Diagnoseschlüsseln verwendet.⁵⁴

    Fußnoten

    1. Bril V, England J. Neuropathic pain: Pathophysiology and treatment. J Neurol Sci. 2014;344(1-2):1–2. https://doi.org/10.1016/j.jns.2014.06.007
    2. Roumen RM, Scheltinga MR. Abdominal intercostal neuralgia: a forgotten cause of abdominal pain. Nederlands Tijdschrift Voor Geneeskunde. 2006;150(35):1909-1915.
    3. Gerhard Roth. Evolution der Nervensysteme und Gehirne. Spektrum der Wissenschaft 2000.
    4. Head H. On disturbances of sensation with especial reference to the pain of visceral disease. Brain. 1893;16(1-2):1-133.
    5. Roumen RM, Scheltinga MR. Abdominal intercostal neuralgia: a forgotten cause of abdominal pain. Nederlands Tijdschrift Voor Geneeskunde. 2006;150(35):1909-1915.
    6. Bril V, England J. Neuropathic pain: Pathophysiology and treatment. J Neurol Sci. 2014;344(1-2):1–2.
    7. Roumen RM, Scheltinga MR. Abdominal intercostal neuralgia: a forgotten cause of abdominal pain. Nederlands Tijdschrift Voor Geneeskunde. 2006;150(35):1909-1915.
    8. Melzack R, Wall PD. Pain mechanisms: a new theory. Science. 1965;150(3699):971-979.
    9. https://cordis.europa.eu/article/id/428556-understanding-how-the-nervous-and-immune-systems-cooperate/de
    10. Spektrum der Wissenschaft · November 2010, S. 52–53.
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    29. TuaSaude: Rib Pain During Pregnancy: Causes, Symptoms & How to Relieve, 2025.
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    36. Manual Therapy – Φυσικοθεραπεία Αθήνα | Ζωγράφου – Γλυφάδα. 2024.
    37. Eigener klinischer Erfahrungsbericht, vgl. auch: Corenewport.com, Physical Therapy for Intercostal Neuralgia, 2025.
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  • Kompressionsstrümpfe, Stützstrümpfe & Antithrombosestrümpfe

    Kompressionsstrümpfe, Stützstrümpfe & Antithrombosestrümpfe

    Kompresssionsstrümpfe sind medizinische Strümpfe. Sie üben Druck aus und komprimieren das Gewebe und die Blutgefäße.

    • Der Flüssigkeitseinstrom in die kleinsten Blutgefäße wird reduziert.
    • Der Ein- und Ausstrom im Gewebe wird günstig beeinflusst.
    • Die venösen Blutgefäße werden auf einen kleineren Durchmesser komprimiert.

    Dadurch schliessen die Venenklappen (Rückflussverhinderer) besser. Die Fließgeschwindigkeit des Blutes wird höher. Der Rückstrom des Blutes zum Herzen wird erleichtert. Venen und Lymphgefäße werden entlastet. Das Gewebe kann in der Folge nicht mehr so leicht anschwellen.

    Kompressionsstrümpfe, Stützstrümpfe & Antithrombosestrümpfe 23
    Hinweis zu meinen Artikeln:

    Meine Artikel für Dich sind keine schnellen und oberflächlichen Nachrichten. Statt eines kurzen Tweets oder eines kurzen Statusupdate erhälst Du bei mir einen ganzen Artikel mit viel Detailinformationen. Zudem gibt es bei gesundheitlichen Problemen selten eine einfache und schnelle Lösung. Der menschliche Organismus ist hochkomplex und da ist schon die Reduktion in einzelne Artikel schwierig.
    Wie auch in meinen Artikeln so ist auch meine Therapie. Ich nehme mir Zeit für die Befundung, die Therapie, die Übungen, die Alltags- und Gebrauchsbewegungen und selbstverständlich auch die methodische und didaktische Vermittlung. Meine PatientInnen schätzen genau das: Sehr genau und ganz exakt, dabei sanft und immer herzlich, ganz nach meinem Motto in der Therapie: „Fühle Dein Wesen in Bewegung und erlebe Dein Sein in der Therapie“.

    Kompressionsstrümpfe vs. andere Strümpfe

    Der Kompressionsstrumpf unterscheiden sich von dem Stützstrumpf und dem Antithrombosestrumpf:

    • Stützstrümpfe stützen Gewebe zum Beispiel nach starker Gewichtsabnahme.
    • Antithombosestrümpfe sollten eine Thrombose verhindern.

    Die Kompressionsklassen

    Bei einem medizinischen Strumpf nimmt der Druck von peripher nach zentral ab. Es gibt vier Kompressionsklassen:
    Info-box IKompressions-klassen
    KlasseIntensitätDruck in mmHGKompression in KPa
    Ileicht18-212,4-2,8
    IImittel22-333,1-4,3
    IIIkräftig34-464,5-6,1
    IVsehr kräftig>49>6,1
    Das Bild zeigt die Kompressionsstufen der Kompressessionsklassen in einem graphischen dreidimensionalen Säulendiagramm.
    Kompressionsklassen und Kompressionstärke der Kompressionsstrümpfe

    Bei einer beginnenden Venenschwäche nimmt man die leichten Antithrombosestrümpfe. Für oberflächliche Krampfadern empfiehlt sich die Klasse II. Bei Schäden an den tiefen Venen und/oder des Verbindungssystems (tief zu oberflächlich) ist auf jeden Fall ein kräftiger Strumpf nötig. Für Beinschwellungen (Ödeme) ist die Klasse IV sinnvoll.

    Aus Gründen der Haltbarkeit werden synthetische Fasern verwendet. Es gibt zwei Nähverfahren: Das Rundstrickverfahren ist nahtlos mit einem sehr gleichmäßigem Druck und das Flachstrickverfahren mit einer Naht hat eine große Anpassbarkeit.

    Genaue Indikation mit Kompressionsklassen und empfohlenem Strickverfahren
    KKLFestigkeitStrickart
    LymphödemII-IVhochRund- oder Flachstrick, abh. von Stadium und Beinform
    LipödemIIhochRund- oder Flachstrick
    Ödeme in der SchwangerschaftI-IIgeringRundstrick
    (kompensierte) pAVK & CVII-IIhochRund- oder Flachstrick
    postthrombotisches SyndromII-IIIhochRund- oder Flachstrick, abh. von Schweregrad und Beinform
    Thrombophlebitis, ThromboseIImittel/hochRundstrick
    Ulcus crusisII-IIIhochUlkus-KS, Rund- oder Flachstrick, abh. von Beinform
    nach Varizen-OPIImittelRundstrick
    Varikose ohne KomplikationenIIgering/mittelRundstrick
    Kompressionsklassen und empfohlenem Strickverfahren für verschiedene Ursachen

    Die Ausführungen der Kompressionsstrümpfe

    • Wadenstrümpfe (AD)
    • Halbschenkelstrümpfe (AF)*
    • Schenkelstrümpfe (AG)*
    • Strumpfhose für beide Geschlechter (AT)
    • Sonderformen
      • Caprihose
      • Radlerhose
      • Leggings

    *mit silikonbesetzten Halteband (Haftrand), früher oder alternativ mit Strumpfhalter

    Die Forschung arbeitet aktuell an:

    • Formgedächtnispolymeren („Switch-Spring-Frame-Modell“)1.
    • Eine genauere Vorhersage des Drucks unter Berücksichtigung der Verformun2}.

    Flüssigkeiten im Gewebe

    Grundsätzlich wird die Flüssigkeit in den Zellen von der Flüssigkeit außerhalb der Zellen unterschieden.

    Kompressionsstrümpfe, Stützstrümpfe & Antithrombosestrümpfe 24

    Das altgriechisch Wort πλάσμα plásma = Plasma bedeutet Geschöpf. Es ist der flüssige Teil des Blutes. Dieses erhölt man durch Zentrifugation. Der Anteil des Blutplasma am Blutvolumen beträgt 50–59 % bei Männern und 54–73 % bei Frauen. Durch das Entfernen der Gerinnungsfaktoren erhält man aus dem Blutplasma das Blutserum.

    Bemerkenswert ist das Wort Geschöpf. Aus Sicht der Faszienlehre ist das Zwischenzellgewebe sprichwörtlich verantwortlich für den „Bauplan“ des Organismus. Dort befindliche Strukturen sind für Bau und Ausrichtung maßgebend.

    Im Kapillarbett wird aus dem einströmende Blut Flüssigkeit in das Gewebe abgegeben und aus dem Gewebe wieder aufgenommen. Ein Teil der Gewebeflüssigkeit wird durch die Lymphgefäße drainiert.

    Das Kapillarbett mit Artiole, Venole, Lymphgefäß, Lymphkapillare, Gewebezelle, Gewebezwischenraum und Gewebeflüssigkeit.

    Das lateinische Wort lympha, lymphae = Lymphe bedeutet klares Wasser oder Milchsaft. Es ist die hellgelbe Flüssigkeit in den Lymphgefäßen und Lymphknoten. Die Leitungsbahnen im Lymphsystem sind die Lymphgefäße. Es ist ein wichtiges Transportsystem im Organismus. Es transportiert Nähr- und Abfallstoffen und es entsorgt in den Lymphknoten auch Krankheitserreger wie Bakterien und Fremdkörper.

    Das griechische Wort οἴδημα oídēma = Ödem heißt Schwellung. Liegt eine Schwellung vor, so wird Wasser und später auch vermehrt Eiweiße eingelagert.

    Das Vorgehen bei vorhandener Wassereinlagerung im Gewebe ist das Folgende:

    Erst Therapie, dann Kompressionsstrumpf

    Lymphdrainage + Kompressionstherapie

    Eine Lymphschwellung ist eine medizinische Diagnose. Die Diagnose erfolgt durch das medizinische Fachpersonal. Diese verordnet die Therapie. Die manuelle Lymphdrainage ist primär eine spezielle Technik zur Gewebeentstauung. Der Begriff Entstauung vermittelt deutlich besser die Problematik als Entwässerung.

    Entstauung statt Kompression

    Lymphtherapie ist mehr als nur Entstauungs- oder Kompressionstherapie. Deshalb ist eine alleinige Kompressionstherapie als auch die intermettierende pneumatische Kompression nicht zielführen. Letztere bietet maximal für eine gewisse Zeit ein Ersatz für die manuelle Lymphdrainagetherapie zu sein3.

    Medikamente können die Flüssigkeitsabgabe des Körpers erhöhen, eine gewebliche/lokale direkte Einwirkung ist nicht möglich.

    Weitere Gewebetechniken können die Drainage deutlich verbessern. Ich arbeite mit speziellen Techniken aus der craniosacralen Therapie.

    Die Lymphdrainage belastet Herz und Kreislauf. Viele Patienten sind anschließend sehr müde. Kompressionsbandagierungen oder adaptive Kompressionsbandagen sichern den Behandlungserfolg. Ergänzend kann Yoga4 unterstützen. Ggf. wird dies durch eine pharmakologische Entwässerungstherapie unterstützt. Nach erfolgreicher Lymphdrainagetherapie werden medizinische Kompressionsstrümpfe angepasst. Sie sichern den Behandlungserfolg567. Anmerkung: Es muss nicht ein Paar Kompressionsstrümpfe getragen werden, wenn der Befund einseitig ist.

    Wann werden Kompressionsstrümpfe angepasst?

    Ist die Abschwellung und ggf. Entwässerung erreicht, können Kompressionsstrümpfe angepasst werden. Dies sichert den Therapieerfolg der Entstauung und Kompression. Funktional ist es wichtig zu verstehen, daß Kompressionsstrümpfe ein Widerlager für die Wadenmuskelpumpesind . Die Beinmuskulatur ist das „zweite Herz“. Sanitätshäuser, Orthopädietechniker oder Apotheken können Kompressionsstrümpfe ausmessen. Dies sind Fachkräfte, die das Messverfahren beherrschen.

    Wer übernimmt die Kosten der Kompressionsstrümpfe?

    Die vom Arzt verordneten medizinischen Kompressionsstrümpfe werden von der gesetzlichen und privaten Krankenversicherung übernommen. Mit einer ärztlichen Verordnung ist bei der gesetzlichen Krankenversicherung eine Zuzahlung von zehn Prozent der Kosten, mindestens fünf bis höchstens zehn Euro zu zahlen (Deutschland). Die Preise gehen von Wadenstrümpfen Segment B-D KKL I, Maßanfertigung, flachgestrickt bei € 50,– bis Strumpfhosen KKL IV, Maßanfertigung, flachgestrickt € 500,– (Stand 2020).

    Kompressionsstrümpfe DM …

    Kompressionsstrümpfe in Einheitsgrößen bieten Drogerieketten wie zum Beispiel „DM“ sowie andere Anbieter. Sie werden nicht individuell angepasst und sind nur für den Sport-, Arbeit- und Freizeitbereich.

    Welche Diagnose für Kompressionsstrümpfe?

    Venenerkrankungen

    – Chronisch periphere venöse Insuffizienz (CVI)

    Die Venen können das venöse (sauerstoffarme) Blut nicht fördern.

    Wegen seiner Wichtigkeit ist die chronisch-venöse Insuffizienz häufigster Grund für die Verordnung. Sie vermeiden Sekundärkomplikationen8.

    Wichtiger Hinweis: Viele Menschen haben nach einem Tag harter Arbeit oder nach langem Stehen schwere und müde Beine. Zum Teil sind sie auch geschwollen. Dies kann Zeichen der Überlast sein. Es kann aber auch auf eine chronische venöse Insuffizienz hinweisen.

    – Krampfadern

    Die Venen sind erweitert (sacculär). Sie können sich nicht zurück bilden und können schmerzhafte venöse Entzündungen (Phlebitis) verursachen. Es können sich Blutpropfen (Thromben) bilden. Krampfadern sind Zeichen für venöse Schwäche. Meist sind Beine und Füße betroffen.

    Postthrombotisches Syndrom

    Immobilität (Abnahme des Blutflusses), Infektionen, Entzündungen oder Traumen können einen Thrombus hervorrufen. Blutpropfen können fest an der Wand anliegen oder frei in die Blutbahn ragen (flottierend). Letztere können sich ablösen und einen Embolus bilden. Dieser kann in der Lunge eine Embolie verursachen.

    Ob die Bildung von Thrombosen bei bettlägerigen Patienten durch Kompressionsstrümpfe verhindert werden kann, ist fraglich9. Sicher wirken Bewegung und pharmakologische Einstellung (Blutgerinnungshemmer). Im Gegensatz zu partiellen Problemen gibt es bei den Venen keinen Zusammenhang mit einer Gefäßobstruktion10.

    Lymphödem

    Es wird mehr Flüssigkeit in den kleinsten Blutgefäßen (Kapillaren) abgegeben als wieder aufgenommen (Kapillaren, Lymphgefäße). Es kommt zur Netto-Ultrafiltration. Es besteht ein höhere Wahrscheinlichkeit ein Lymphödem durch Adipositas zu bekommen11.

    .

    Sonderfälle

    – Schwangerschaft

    Durch die Veränderung des Hormonhaushaltes und den erhöhten Druck auf die Bauchvenen (der expandierende Uterus auf Vena cava inferior) kommt es zu Ödemen (Wassereinlagerungen im Körpergewebe). 

    – Lipödem

    Ist eine genetisch bedingte Störung der Fettverteilung oder Vermehrung (meist Frauen). Die Therapie ist komplex.

    – Lipodermatosklerose

    Unter Lipodermatosklerose versteht man die Entzündung des Unterhautfetts (Pannikulitis).

    – Economy-Class-Schlaganfall-Syndrom

    Es gibt Hinweise für die Ursache von Schlaganfällen von gesunden und jungen Reisenden bei langen Flügen (nicht ausreichend untersucht). 30 % der Bevölkerung haben ein persistierende Foramen ovale (schließt sich normal nach der Geburt). Ein Foramen ovale ist ein Loch im Herzen (meist nicht gefährlich). Bei einem solchem Loch kann Blut von der linken in den rechten Vorhof des Herzens fließen (sieht man im Echokardiogramm). Das rechte Herz pumpt in die Lunge (kann kleinere Embolien abbauen), das linke Herz pumpt in den Körper und das Gehirn.

    – Obstruktive Schlafapnoe

    Diese tritt bei Flüssigkeitsüberladung im peripheren Gewebe häufig auf. Eine chronische Veneninsuffizienz fördert die obstruktive Schlafapnoe12.

    Kontraindikationen

    Bei bestimmten Erkrankungen kann das Tragen (je nach Schwere der Erkrankung) kontraindiziert sein13:

    • obstruktive Arterienerkrankung (Bei einer artiellen Verschlusskrankheit ist ab einer bestimmten Durchblutungsminderung ebendiese abgeschnürt. Gemessen wird der ancle brachial pressure index (ABPI) und der sollte > 1,0 sein.
    • Herzinsuffizienz
    • infektiöse Venenentzündung (septische Phlebitis)
    • nässende Hautentzündung (Dermatitis)
    • Nervenerkrankung mit Sensibilitätsstörungen (periphere Neuropathie)

    Wie zieht man Kompressionsstrümpfe an?

    Am Anfang sollte Fachpersonal das Ankleidungen begleiten.

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    Anziehen von Kompressionsstrümpfen

    An- und Ausziehhilfen erleichtern den Umgang mit den medizinischen Kompressionsstrümpfen und schonen das Material.

    • Gestelle (Metall oder Plastik)
    • Gleiter (gleitfähige künstliche Ballonseide)
    • Spezielle Gummihandschuhe oder Handschuhe mit gummierter Handinnenfläche

    Die medizinischen Kompressionsstrümpfe werden vor dem Aufstehen angezogen. Das Strumpfmaterial sollte nicht durch Ringe oder spitze Nägel beschädigt werden. Falten sollten vermieden werden. Das Gewebe soll gleichmäßig und eng anliegen damit die medizinische Kompression perfekt wirkt. Im Gegensatz zum normalen Strumpf wird abgerollt, gezogen und verteilt. Ggf. sollte eine Etappe wiederholt werden, da in der nächsten Etappe nicht mehr auf die darunter liegende eingewirkt werden kann. Die Kompressionsversorgung nicht maximal hoch ziehen (Kniestrümpfe bis zwei Zentimeter unter der Kniekehle / Schenkelstrümpfe bis zwei Zentimeter unter die Gesäßfalte). Das Tragen von Kompressionsstrümpfe wird täglich und den ganzen Tag empfohlen. Erst vor dem zu Bett gehen werden sie ausgezogen.

    Die Pflege der Kompressionsstrümpfe

    Ein handelsübliches Buntwaschmittel für Handwäsche (Vorsicht keine hohe Dosierung) wird empfohlen. Waschzusätze (Weichspüler, optische Aufheller oder Fleckentferner) dürfen nicht verwendet werden. Die Strümpfe müssen ausreichend gespült werden. Die nassen Kompressionsstrümpfe werden anschließend in ein Handtuch eingewickelt. Durch Druck auf die Rolle wird das Wasser in das Handtuch gepresst. Auswringen kann die Fasern schädigen.

    Spezielle Strümpfe

    Medizinische Thromboseprophylaxestrümpfe (MTPS, weiße Farbe) oder Antithrombosestrümpfe

    Sie wurden in den 1970er und 1980er Jahren eingeführt. Sie sollen insb. bei frisch operierten Patienten venöse Thrombosen verhindern. Der Anpressdruck ist geringer als bei Kompressionsstrümpfen (Fesselregion 15 – 18 mmHg). Es fehlt eine Evidenz für die Wirkung dieser Strümpfe. Eine venöse Thromboembolie (VTE) kann durch Medizinische Thromboseprophylaxestrümpfe (MTPS) nicht vermieden werden. Zur medizinischen Kompression fehlt der Druck. Sie können beim Ankleiden oder durch Kompression sogar Schäden verursachen14. So gelten folgende Regeln zur Vermeidung einer Thrombose:

    • Frühmobilisation
    • Flüssigkeitzufuhr erhöhen (Hydratation)
    • Blutgerinnung minimieren (antiaggregatorische und antikoagulatorische Medikamenten)

    In Ausnahmefälle sind Kompressionsstrümpfe sinnvoll15. Besser sind intermittierende pneumatische Kompressionsvorrichtungen oder Elektrostimulation (NMES=neuromuscular electrical stimulation device). Sieht aus wie eine Armbanduhr und stimuliert die darunter liegende Muskulatur16. Bei den intermittierenden pneumatischen Kompressionsvorrichtungen ist die Compliance (Mitwirkung des Patienten) aber häufig sehr schlecht, deshalb muss auch Folgendes geachtet werden17:

    • Unbehagen der Patienten mindern
    • Wissen und Verhalten der Angehörigen der Gesundheitsberufe steigern
    • Angebot und Nachfrage von Geräten verbessern
    • Verwendung von Richtlinien einhalten
    • Intensivpflegekontext berücksichtigen
    • Kenntnis der Patienten erhöhen.

    Die Schulung des Fachpersonals ist wichtig18. So darf die Größe erst bestimmt, wenn die Beine in Rückenlage entstaut sind (mindestens 15 Minuten). Bei offenen Wunden muss aseptisch gearbeitet werden.

    Strümpfe für die Arbeit

    Kompressionsstrümpfe verhindern wirksam berufsbedingte Ödeme der unteren Extremitäten. Sie schwächen zudem Schmerzen und Müdigkeit ab19.

    Kompressionsstrümpfe für Sport und Freizeit

    Bei den Einsatzbereichen für Sport und Freizeit gelten die gleichen Regeln wie für die Arbeit. Bei allen Tätigkeiten, wo langes Sitzen oder Stehen erforderlich ist, wirken Kompressionsstrümpfe gegen Schmerz und Müdigkeit.

    Kompressionsstrümpfe Laufen

    Gemäß einer Studie verbessern Strümpfe mit konstanter Kompression im Bereich des Wadenmuskels die Laufleistung bei unterschiedlichen Stoffwechselschwellen signifikant. Der zugrunde liegende Mechanismus wurde jedoch nur teilweise durch eine etwas höhere aerobe Kapazität erklärt20. Andere Untersuchungen konnten den Effekt nicht belegen21.Weitere Untersuchungen zeigen eine Förderung der Regeneration. Sie mindern den Muskelkater und vermeiden die Übersäuerung bei anaerober Belastung22. Aber: Es gibt keine vergleichende Studie zu anderen Regenerationsverfahren. Daher empfehle ich weiter die Klassischen im Fokus zu haben:

    • Strukturlängenübungen (früher Dehnung)
    • Aktive Übungen
    • Hochlagerung zur Entlastung und zur Förderung des Abflusses
    • Wechselbäder und andere Kneipp-Anwendungen

    Strümpfe für Diabetiker

    Sowohl die Durchblutung (Mikroangiopathie) als auch die Schmerzwahrnehmung (Neuropathie) sind bei Diabetikern gemindert. Dies kann zu Folgeschäden führen. Häufig werden diese durch kleine Verletzungen ausgelöst. So kann es zum offenen Bein kommen. Das ist dann eine chronische Wunde (Ulcus cruris), bekannt als das Diabetisches Fußsyndrom. Es sind die Folgen der Vielzahl an Schädigungen an den unteren Extremitäten.

    Spezielle Kompressionsstrümpfe für Diabetiker können dem entgegenwirken. Es handelt sich um Konfektionsware mit geringer Kompressionswirkung. Der Druckbereich liegt bei 18-15 mmHg. Die Strümpfe sind an empfindlichen Stellen gepolstert. Vor allem am Fuß kann das die Haut schützen. Zum besseren Erkennen von Verletzungen sind die Strümpfe weiß.

    Stützstrümpfe

    Stützstrümpfe gelten als veraltet. Doch es gibt noch einen klassischen Einsatzbereich: Bei vormals adipösen Menschen nach starker Gesichtsabnahme wird bandagiert oder ein Stützstrumpf angelegt.

    Kompressionsstrümpfe bei Flugreisen

    Insbesondere bei langen Flügen in engen Sitzreihen nimmt die Gefahr einer Blutstauung zu. Es kann sich eine Thrombose entwickeln. Studien zeigen jedoch keine eindeutige Wirkung23. Durch das Tragen kann aber die Ödembildung verringert werden. Günstig ist die Kompressionssklasse II.

    Strümpfe mit Silber

    Dies Strümpfe haben spezielle silberne Fasern. Das Silber erhöht den antimikrobiellen Schutz.

    Kurzgefasst

    Nochmal die häufigsten verwendeten Begriffe bei den Strümpfen

    • Antithrombose:
      • Antiembolie: Wird von nicht ambulanten oder postoperativen Patienten getragen, um Blutansammlungen in den Beinen zu verhindern, die zu einer Venenthrombose führen könnten.
      • Unterstützung: Diese sehr leichten Kompressionsstrümpfe können rezeptfrei und ohne ärztliche Verschreibung erworben werden.
    • Maßgeschneiderte Kompressionsstrümpfe: Nur für eine Person speziell angefertigt
      • Rundstrick: Die Strümpfe haben keine Naht. Das erhöht die Ästhetik
      • Flachstrick: Diese Strümpfe haben eine Naht. Dadurch sind sie optimal anpassbarbar.
    • Lymphödem: Diese Strümpfe dienen der Behandlung von Ödemen infolge des Auftretens von Lymphödemen zum Beispiel bei einer Lymphknotenentfernung.

    Geschichte

    Die Anwendung der Kompressionstherapie ist nicht neu. Bereits in der Jungsteinzeit (5000-2500 v. Chr.) wurden in den Zeichnungen der Höhlen von Tassili in der Sahara Bilder von Soldaten mit verbundenen unteren Extremitäten gefunden. Der Edwin Smith Papyrus aus dem Jahr 1600 v. Chr. enthielt zusätzliche Hinweise auf eine mechanische Kompressionstherapie der Beine24.

    • Hippokrates (460-370 v. Chr.) behandelte die Beingeschwüre seiner Patienten mit engen Verbänden, die in seinem Corpus Hippocraticum (450–350 v. Chr.) erwähnt werden.
    • Galen (128/131-199/216) verwendete Kompressionsverbände aus Wolle und Leinen, um Blutansammlungen in den Beinen zu verhindern.
    • Oribassius (326-403) behandelte Ulzera in den Beinen mit engen Verbänden
    • Avicenna (980–1037) Verfasser der berühmten Bücher „Buch der Genesung“ und „Kanon der Medizin“
    • Guy de Chauliac (1298-1368) beschrieb die Anwendung von Kompressionsverbänden zur Behandlung vergrößerter Beinvenen in seinem Buch Chirurgica Magna
    • Giovanni Michele Savonarola (1384–1468) gilt als Begründer der modernen Krampfadertherapie in der „Practica maior“ (Erstdruck 1479)25
    • Ambroise Paré (1510–1590)
    • Girolamo Fabrizio di Acquapendente (1537–1619) „Begründer der Embryologie“ entdeckte die Venenklappen ohne deren Funktion zu verstehen
    • William Harvey (1578-1657) „Entdecker des Blutkreislaufes“ entdeckte 1628 den Zusammenhang zwischen venöser Stauung und äußerem Druck. Durch diese Entdeckung kam es zur Entwicklung geschnürter Strümpfe, elastischer Bänder und feste Verbände mit Harz.
    • Der Berliner Arzt Rudolf Ludwig Carl Virchow (1821-1902) erkannte das wichtige Trias (Dreieck) zur Genese der tiefen Bein-Beckenvenenthrombose (veröffentlicht 1856). Es sind die Veränderungen der Blutzusammensetzung, der Venenwand (Endothel) und des Blutflusses. Beim Blutfluss ist damit eine Verlangsamung bis hin zum Stillstand (Stase) gemeint.

    Im weiteren Verlauf der Geschichte wurden neue textile Materialien für die Herstellung von Kompressionsstrümpfen eingeführt. Zuerst Natur- oder Zellulosefasern (Seide, Baumwolle, Kokosnuss) und später chemische Stoffe (Acryl, Nylon, Polyester). Sehr spät wurde entdeckt, dass durch Kompression auch tiefe Beinvenenthrombose verhindert werden können. Es war am Ende des 19. Jahrhunderts. Die deutschen Phlebologen Fisher und Lasker entdeckten, wie die Anwendung des äußeren Drucks die Bildung von Blutgerinseln verhindert. Erst jetzt wurden Kompressionsstrümpfe für die Behandlung der tiefen Venenthrombose eingesetzt26.

    Und noch Eines zum Schluss: Woher kommt eigentlich der Begriff „Auf die Socken machen?“ Er kommt von den Römern. Da schlüpften die Damen in leichte Schuhe, den Soccus.

    1. „Fibers for Medical Compression“(Bipin Kumar Harishkumar Narayana Jinlian Hu)Handbook of Fibrous Materials, 03.04.2020 ↩︎
    2. „Experimental Evaluation and Analytical Model of the Pressure Generated by Elastic Compression Garments on a Deformable Human Limb“(Christopher J.Richards, Julie R.Steele, Geoffrey M.Spinks)Medical Engineering & Physics 17 May 2020 ↩︎
    3. „Effectiveness of manual lymphatic drainage and intermittent pneumatic compression in lymphedema maintenance therapy“Erika Mendoza und Felix Amsler. VASA European Journal of Vascular Medicine Jahrgang 52 Heft 6 November 2023 October 16, 2023 ↩︎
    4. „The effects of yoga on breast-cancer-related lymphedema: a systematic review“(Ausanee Wanchai, Jane M. Armer) Emerald Inside 24.04.2020 ↩︎
    5. Kompressionstherapie Ein Überblick für die Praxis (Kerstin Protz, Knut Kröger, Joachim Dissemond) Springer Verlag, Heidelberg 2016, ISBN 978-3-662-49743-2, S. 94–95. ↩︎
    6. Ödeme und Lymphdrainage Diagnose und Therapie Lehrbuch der Ödematologie (Ulrich Herpertz) 5. Auflage. Schattauer, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-7945-2912-4, S. 307–310. ↩︎
    7. ↩︎
    8. Postthrombotisches Syndrom: Konsequente und längerfristige Kompression mit medizinischen Kompressionsstrümpfen (Joachim Dissemond) Ulcus cruris – Genese, Diagnostik und Therapie. Uni-Med Verlag, Bremen 2007, ISBN 978-3-89599-298-8, S. 103 ↩︎
    9. Compression Stockings for Preventing the Postthrombotic Syndrome in Patients with Deep Vein Thrombosis (Berntsen CF, Kristiansen A, Akl EA, Sandset PM, Jacobsen EM, Guyatt G, Vandvik PO) Am J Med. 2016 Apr;129(4):447.e1-447.e20 ↩︎
    10. „Prevalence of venous obstructions in (recurrent) venous thromboembolism: a case-control study“ (Pascale Notten, Rob H. W. Strijkers, Irwin Toonder, Hugo ten Cate & Arina J. ten Cate-Hoek) Thrombosis Journal volume 18, Article number: 23 (2020) ↩︎
    11. „Lower extremity lymphatic function predicted by body mass index: a lymphoscintigraphic study of obesity and lipedema“ (Arin K. Greene & Christopher L. Sudduth) International Journal of Obesity (2020) ↩︎
    12. „Subjects with venous insufficiency have high risk of obstructive sleep apnea in relationship to fluid shift (Elisa Perger, Sophie Blaise, Céline Vermorel, Gudrun Boge, Jean Louis Pepin, Stefania Redolfi, Jean Luc Bosson), Sleep Medicine 10 April 2020 ↩︎
    13. Safety and efficacy of mild compression (18 – 25 mmHg) therapy in patients with diabetes and lower extremity edema (Wu SC, Crews RT, Najafi B, Slone-Riviera N, Minder JL, Andersen CA) Compression Bulletin 24 J Diabetes Sci Technol 2012; 6: 641 – 647 ↩︎
    14. Medizinische Thromboseprophylaxestrümpfe – Gibt es eine Evidenz? Elastic compression stockings for prevention of deep vein thrombosis – Is there any evidence? (K.Kröger, C.Diehm, C.Moerchel) Dtsch Med Wochenschr 2011; 136: 276–279 ↩︎
    15. Prevention of Venous Thromboembolism: Focus on Mechanical Prophylaxis (Giuseppe Lippi, Emmanuel J. Favaloro, Gianfranco Cervellin) Semin Thromb Hemost 2011; 37(3): 237-251 ↩︎
    16. „A Single-Centre Feasibility Randomised Controlled Trial Comparing the Incidence of Asymptomatic and Symptomatic Deep Vein Thrombosis Between a Neuromuscular Electrostimulation Device and Thromboembolism Deterrent Stockings in Post-Operative Patients Recovering From Elective Total Hip Replacement Surgery“(Thomas W Wainwright, Louise C Burgess, Robert G Middleton)National Center for Biotechnology Information 06.04.2020 ↩︎
    17. „Intermittent pneumatic compression for venous thromboembolism prevention: a systematic review on factors affecting adherence“(Richard Greenall, Rachel E Davis)BMJ Journals Vol 10 Issue 9 2020 ↩︎
    18. Compression Stockings Incorrectly Used In 29 Percent Of Patients, American Journal of Nursing August 23, 2008 ↩︎
    19. Evaluation of the effectiveness of wearing compression stockings for prevention of occupational edema in hairdressers“(Claudia Guimarães Agle, Cloud Kennedy Couto de Sá, Dejean Sampaio Amorim Filho, Marcondes Antonio de Medeiros Figueiredo)Journal Vascular Brasiliero 01.10.2019 ↩︎
    20. Effect of compression stockings on running performance in men runners (Kemmler W1, von Stengel S, Köckritz C, Mayhew J, Wassermann A, Zapf J.) J Strength Cond Res. 2009 Jan;23(1):101-5. ↩︎
    21. Kompression und Sport – was ist belegbar? (Helmut Lötzerich) Vasomed Fachzeitschrift für Gefäßerkrankungen. 29. Jahrgang, Viavital Verlag, Köln, Januar 2017 ↩︎
    22. Efficacy of lower limb compression and compression treatment of manual massage and lower limb compression on symptoms of exercise-induced muscle damage in women (J. R. Jakeman, C. Byrne, R. G. Eston) J Strength Cond Res. 24(11), 2010, S. 3157–3165. ↩︎
    23. Compression stockings for preventing deep vein thrombosis in airline passengers (Mike J Clarke, Cathryn Broderick, Sally Hopewell, Ed Juszczak, Anne Eisinga) Cochrane Systematic Review – Intervention Version published: 14 September 2016 ↩︎
    24. „Prevention of venous thromboembolism: Focus on mechanical prophylaxis“ (Lippi, G.; Favaloro, E. J.; Cervellin, G.) Seminars in Thrombosis and Hemostasis 2011 37 (3): 237–251. ↩︎
    25. Michele Savonarola: Pratica maior. Venetiis, Vincenzo Valgrisi, 1561 ↩︎
    26. „The history and historical treatments of deep vein thrombosis“ (Galanaud, J. P.; Laroche, J. P.; Righini, M.) Journal of Thrombosis and Haemostasis. 2013 11 (3): 402–411 ↩︎
  • Trapezmuskel: Welche Therapie ist besser?

    Trapezmuskel: Welche Therapie ist besser?

    Im März 2023 ist ein Artikel in der internationalen Zeitschrift für Forschung in physikalischer Medizin und Rehabilitation erschienen, der sich mit den Entspannungstechniken bei der Rehabilitation des Trapezmuskels bei Patienten mit chronischen Nackenschmerzen beschäftigt1.

    Hintergrund

    Das Robert-Koch-Institut schreibt2: „Rücken- und Nackenschmerzen sind in der Bevölkerung weit verbreitet und können die Lebensqualität bei einem Teil der Betroffenen deutlich mindern… Es zeigt sich, dass 61,3 % der Befragten in den letzten zwölf Monaten von Rückenschmerzen berichten…15,5 % der Befragten berichten von chronischen Rückenschmerzen…
    45,7 % (gaben) an, dass sie im vergangenen Jahr Nackenschmerzen hatten.“

    Neben der häufigen Überlastung sind mechanische Funktionsstörungen ein häufiger Grund für Fehlbewegungen. Diese werden durch eine Minderung der Koordination hervorgerufen. In der Folge kommt es zu Nackenbeschwerden und zu einer Minderung der Beweglichkeit. 

    Die Studie

    Es wurde die Wirksamkeit zweier Techniken bei stationären chronischen Nackenschmerzen verglichen. 

    20 PatientInnen mit chronischen Nackenschmerzen im Alter von 35 bis 55 Jahren wurden nach dem Zufallsprinzip in eine von zwei Gruppen zugeordnet.

    Ausgeschlossen wurden im voraus PatientInnen mit:

    • Traumata 
    • Frakturen im Nacken, oberen Rücken oder der Schulter
    • Chirurgische Eingriffe im Nacken, oberen Rücken oder der Schulter
    • Hauterkrankungen im Trapeziusbereich 
    • Patienten mit Spondyloarthritis, lumbaler Spinalkanalstenose oder Skoliose 

    Active Release-Technik (10 Teilnehmer im Durchschnittsalter 46 Jahre)

    Active-Release-Technik: Der Patient sitzt auf einem Hocker. Die Hände sind auf dem Oberschenkel parkiert. TherapeutIn stabilisiert die Schulter mit der Hand von hinten. Der Hals wird gestreckt. Der empfindliche Bereich des Trapezmuskel wird mit dem Daumen berührt mit dem Ziel einer Dehnung mit tiefer Spannung. Der Patient beugt und dreht den Hals zu beugen. Drei bis fünf Wiederholungen. 

    Anschließend Heißpackung für 20 Minuten.

    Myofasziale Release-Technik (10 Teilnehmer im Durchschnittsalter 46 Jahre)

    Myofasziale Release-Technik: Der Patient sitzt aufrecht auf einem Stuhl. Die Hände sind auf dem Oberschenkel parkiert. TherapeutIn übt mit dem Unterarm und/oder ulnarer Rand der Handfläche Druck aus und zum gleitet in Richtung Halsbasis und/oder in Richtung obere Schulterblattregion. PatientIn beugt und dreht den Kopf entgegengesetzt. Drei bis vier Wiederholungen.

    Anschließend Heißpackung für 20 Minuten.

    Es wurden drei Sitzungen pro Woche in vier Wochen durchgeführt. 

    Messungen

    Es wurden nach den Auswirkungen auf die Schmerzintensität und den Bewegungsumfang gemessen. Die Messungen fanden am Anfang und am Ende statt. Die Schmerzen wurden mit der Schmerzskala erfasst. 

    Visuelle-analoge-Schmerzskala-Dokument-im-A4-Format-2Herunterladen

    Die Bewegung wurde mit einem Maßband an einer Wand gemessen. Die in der Praxis übliche Messung mit einem Winkelmesser oder Sensoren wurde nicht angewendet. 

    Ergebnisse

    Es gab Unterschiede zwischen den beiden Methoden hinsichtlich der Beugung (Flexion) und die Unterschiede begünstigten 

    Beweglichkeit

    Beide Techniken wirken und es kommt zu einer Verbesserung. Die aktive Release-Technik wirkt besser. 

    Schmerzen

    Beide Techniken wirken und es kommt zu einer Verbesserung. Die aktive myofasziale Release-Technik wirkt besser. 

    Fazit

    Beide Techniken sind geeignet und sollten jeweils gezielt eingesetzt werden. Die aktive Release-Technik bei Einschränkungen der Beweglichkeit und die myofasziale Release-Technik bei Schmerzen. 

    Praxis

    Es ist hier ein weiterer Nachwies gelungen, wie beide Techniken gezielt eingesetzt werden können. Neben den erwähnten Techniken gibt es selbstverständlich noch viele weitere Techniken. Im Einzelfall wird jeder Patient eine individuelle Therapie erhalten.

    Ich nutze beide Techniken gezielt. Die Tiefenwirkung bei den Grifftechniken der Craniosakralen Therapie erhöht dabei die Sicherheit der geweblichen Reaktion maßgeblich. Das haben mir in meiner beruflichen Laufbahn schon viele Patienten bestätigen können. Zudem können spezielle Tiefenentspannungsprozesse, wie zum Beispiel der CV4-Griff, das vegetative Nervensystem direkt beeinflussen.

  • Mechanische vs. Biopsychosoziale Physiotherapie: II Das neue Modell

    Mechanische vs. Biopsychosoziale Physiotherapie: II Das neue Modell

    Fehler im mechanischen Modell

    Schon in den 70er Jahren wurden an den klassischen Systemen Mängel wahrgenommen. Das mechanische Modell war eindeutig unzulänglich. Die rein biologische und medizinische Herangehensweise integrierte wesentliche Faktoren nicht:

    • psychologische
    • geschlechtsspezifische
    • emotionale
    • kulturelle
    • soziale

    Das heute vorherrschende biomedizinische Krankheitsmodell lässt keinen Raum für die sozialen, psychologischen und verhaltensbezogenen Dimensionen von Krankheit. Es wird ein biopsychosoziales Modell vorgeschlagen, das eine Blaupause für die Forschung, einen Rahmen für die Lehre und einen Entwurf für Maßnahmen in der realen Welt der Gesundheitsversorgung bietet.

    Engel 1977{G L Engel: The need for a new medical model: a challenge for biomedicine. Science 08.04.1977 196(4286):129-36}

    In der Realität betreffen Krankheiten und Leiden Menschen mit individuellen menschlichen Erfahrungen. Die Wissenschaft mit ihren pathologischen Dateneinheiten kann nur Teil der Erkenntnislehre sein.

    Dies gilt insbesondere für Muskel-Skelett-Erkrankungen. Ein Fachartikel in der Science direct{Brona M FULLEN PhD, Harriet WITTINK PhD, An DE GROEF PhD, Morten HOEGH PhD, Joseph G MCVEIGH PhD, Denis MARTIN PhD, Keith SMART PhD: Musculoskeletal Pain: Current and Future Directions of Physical Therapy Practice. Archives of Rehabilitation Research and Clinical Translation 1 February 2023} beschäftigt sich hiermit und dieser Artikel basiert auf dieser Arbeit.

    Welche Faktoren sind wichtig?

    Wenn Muskel-Skelett-Schmerzerkrankungen nicht mechanisch betrachtet werden, dann müssen viele weitere Faktoren bei der Therapie berücksichtigt werden:

    • kognitive
    • geschlechtsspezifische
    • psychologisch
    • soziale
    • kulturelle

    Daraus ergibt sich ein umfangreiches Programm:

    • Patientenzentrierte Versorgung
    • Reduzierung von „Red Flag“-Bedingungen
      • Angst vor körperlicher Arbeit
      • Schon- und Vermeidungsverhalten
      • Unzufriedenheit mit dem Arbeitsplatz
      • Depression
      • sozialer Rückzug
      • Passivität
      • Krankheitsfixierung
      • Doktor-Hopping
      • Einnahme zu vieler Arzneien
    • Bewertung psychosozialer Faktoren
    • Einsatz bildgebender Verfahren nur im Einzelfall
    • Vorrang der körperlichen Untersuchung
    • regelmäßig Re-Befundung, um den Patientenfortschritt zu ermitteln
    • geeignete Lehr-/Lernmethoden zu Aufklärung und Information
    • Analyse der körperlichen Aktivität/Bewegung
    • manuelle Therapie nur als Ergänzung zu anderen Behandlungen,
    • Priorisierung der konservativen Therapie gegenüber eines operativen Vorgehens.
    • Arbeitsfähigkeit erhalten

    Das biopsychosoziale Modell sollte auch die Grundlage der internationalen Klassifizierung der Krankheiten in der Version zehn der Weltgesundheitsorganisation einfließen. Aber erst in der elften ist dies ansatzweise gelungen. Durch die fehlenden Kenntnisse mit der neuen Codierung und der Externalisierung der Kodierer ist der Erfolg auch der neuen Version mehr als fraglich.

    Die Liste ist natürlich nur ein Ansatzpunkt und ersetzt keine echte Befundanalyse und -auswertung.

    Was bisher vorliegt

    Ein Team der University Medical Center, Nashville, TN, USA unterstützt von einem Mitarbeiter der Johns Hopkins Universität untersuchte verschiedene Verfahren{Coronado RA, Brintz CE, McKernan LC, Master H, Motzny N, Silva FM, Goyal PM, Wegener ST, Archer KR. Psychologically informed physical therapy for musculoskeletal pain: current approaches, implications, and future directions from recent randomized trials. Pain Rep. 2020 Sep 23;5(5):e847}.

    • abgestufte Aktivität oder abgestufte Exposition
    • kognitiv-behaviorale Physiotherapie
    • Akzeptanz- und Commitment-basierte Physiotherapie
    • Internetbasierte psychologische Programme mit Physiotherapie

    Ein anderer untersuchte die systematische Aufmerksamkeit auf die psychosozialen Faktoren und in Verbindung mit dem Behandlungsergebnis{Main CJ, George SZ. Psychologically informed practice for management of low back pain: future directions in practice and research. Phys Ther. 2011 May;91(5):820-4. Epub 2011 Mar 30. PMID: 21451091.}. Eine weitere Untersuchung über die psychologisch informierte Physiotherapie bezeichnet dies als vielversprechendes Versorgungsmodell ist, es würden aber noch überzeugender Beweise benötigt{Coronado RA, Brintz CE, McKernan LC, Master H, Motzny N, Silva FM, Goyal PM, Wegener ST, Archer KR. Psychologically informed physical therapy for musculoskeletal pain: current approaches, implications, and future directions from recent randomized trials. Pain Rep. 2020 Sep 23;5(5):e847. PMID: 33490842; PMCID: PMC7808677.}. Es gibt sicher noch einzelne weitere Arbeiten, aber eine grundlegende Forschung dazu fehlt bisher.

    Für den langen Zeitraum von den 70er Jahren bis heute und der Wichtigkeit einer eindeutigen Therapieaussage für Menschen mit Muskel-Skelett-Erkrankungen sind die vorliegenden Forschungen wirklich sehr gering. Die Datenlage ist mehr als dünn.

    Eindeutig kann man aber eine Grundaussage treffen. Physiotherapeutinnen sowie Ärztinnen für Physikalische und Rehabilitative Medizin werden meistens für die Beurteilung und Behandlung von Muskel-Skelett-Erkrankungen aufgesucht. Bei allen ist in der Regel der Schmerz das vorherrschende Merkmal. Dies in den Fokus zu nehmen ist ein wichtiger erster Schritt. Dabei sind das subjektive Gefühl, die objektive Bewertung und die medizinischen Faktoren zu balancieren.

  • Mechanische vs. Biopsychosoziale Physiotherapie: I Einführung

    Mechanische vs. Biopsychosoziale Physiotherapie: I Einführung

    Physiotherapie ist funktional und kosteneffektiv bei der Beurteilung und Behandlung von Muskel-Skelett-Erkrankungen. In der Regel kommen dabei drei Komponenten zum Einsatz:

    • Lehr-/Lernvermittlung
    • Bewegungsübungen und -training
    • Physikalische Therapie

    Dieser Artikel basiert auf einem aktuell erschienen Fachartikel in der Science direct{Brona M FULLEN PhD, Harriet WITTINK PhD, An DE GROEF PhD, Morten HOEGH PhD, Joseph G MCVEIGH PhD, Denis MARTIN PhD, Keith SMART PhD: Musculoskeletal Pain: Current and Future Directions of Physical Therapy Practice. Archives of Rehabilitation Research and Clinical Translation 1 February 2023}.

    Die Frage nach der Evidenz und Empirie

    Das Sammeln von Daten in systematischen und standardisierten Prozessen liefert Erkenntnisse. Das sind empirische Belege. Alles, was offen sichtbar wird, ist evident.

    • Ist der Zusammenhang zwischen Maßnahme und Wirkung nachvollziehbar?
    • Liegen ausreichend Beweise und Erfahrungen vor?
    • Gibt es einen erbrachten Nachweis des Nutzens?

    Dies betrifft

    • Durchführung: Art und Weise
    • Gewichtung der einzelnen Komponenten

    Dies ist ein wissenschaftliches Paradigma. Der Mensch wird mechanisch betrachtet. Die individuelle Persönlichkeit spielt dabei keine Rolle.

    Biopsychosozialer Ansatz

    Der Mensch ist ein körperliches, fühlendes und beseeltes Lebewesen und lebt in einer ökologischen, sozialen Umwelt. Die biomedizinisch-naturwissenschaftliche Ausrichtung versucht die Ergänzung um diese Faktoren. Dies wird als evidenzbasierter biopsychosozialer Ansatz bezeichnet.

    Die vorherrschende aktuelle Humanmedizin strebte die gewissenhafte, explizite und umsichtige Nutzung der aktuell besten Evidenz an. Dies führte dann zu einer Entscheidung über die Versorgung einzelner Patienten.

    Im biopsychosozialen Ansatz nicht explizit integriert sind ethische Grundsätze.

    Theorie und Praxis

    Die überwiegende Zahl der Mitarbeiterinnen im Gesundheitswesen befürworten den biopsychosozialen Ansatz. Auch wünschen sie sich weitere Forschungen zu diesem Thema.

    In der klinischen Praxis wird sie in der Regel nicht angewendet. Gründe dafür sind:

    • Es fehlt die Zeit
    • Die Arbeitsbelastung ist oft sehr hoch
    • Die Vermittlung der Forschung in die Praxis fehlt
    • Hoher administrativer Aufwand und ungenügende Kodierungssysteme

    Grundsätzlich ergibt sich daraus ein Widerspruch: Der Einsatz des biopsychosozialen Ansatzes verbessert die therapeutischen Erfolgsaussichten und doch fehlen die Instrumente der Umsetzung:

    • geeignete Fort- und Weiterbildungen nach erworbenem Berufsabschluss
    • Die Ausbildung und Fähigkeit zum selbstgesteuerten Lernen
    • Die Überzeugung, dass Forschung und klinische Entwicklung nützlich sind
    • hohe Änderungsbereitschaft für effektivere Methoden

    Hinderlich für die Umsetzung in die Praxis ist zudem auch die fehlende Forschung zu den Ergebnissen der Umsetzung.

  • Yoga Wirkungen: Hilfe bei Demenz

    Yoga Wirkungen: Hilfe bei Demenz

    In meiner Praxis in Deutschland absolvierte ich auch Hausbesuche. Auf der Pflegestation einer wirklich hochpreisigen Seniorenresidenz musste ich aber mein Angebot einstellen. Mir wurde von der Stationsleitung die Mobilisierung der Patienten untersagt. Die Begründung war: „Dann können die Patienten womöglich auch alleine aufstehen.“

    Ich bin froh, von diesen Zuständen nur noch zu hören. Weiterhin interessieren mich aber Studien über die Wirksamkeit von Bewegung bei Älteren, Gebrechlichen und Menschen mit Handicap, hier eine über die Wirksamkeit bei Demenz:

    Die leichte kognitive Beeinträchtigung gilt als Vorstufe der Demenz. 10-15 % gehen jährlich in eine Demenz über. Bei Demenz und auch schon der Vorstufe kommt es zum kognitiven und funktionellen Abbau. Es steht mit über weiteren 100 Krankheiten in Verbindung. Weltweit haben etwa 55 Millionen Menschen Demenz. Die Demenz ist nicht heilbar. Es gibt nur eine begrenzte Linderung der Symptome. Sie führt zu einer Verzögerung der Krankheitsentwicklung.

    Das öffentliches und wissenschaftliches Interesse an den potenziellen Vorteilen von Yoga für ältere Menschen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung (MCI) und Demenz steigt.

    Yoga ist eine Körper-Geist-Praxis. Sie wirkt positiv auf die Gesundheit. Zudem wird Wohlbefinden gesteigert. Älterer Menschen profitieren besonders. Yoga mit seinen Geist-Körper-Praktiken beinhaltet:

    • Sanfte Bewegungen und/oder Körperhaltungen (Asanas)
    • Atemübungen (Pranayama)
    • Entspannungstechniken
    • Rezitieren von Mantras (Singen von heiligen Silben aus dem Sanskrit)
    • Visualisierungen

    Die Übungen werden den Fähigkeiten der Praktizierenden angepasst. Für ältere empfiehlt sich zum Beispiel das Üben im Sitzen. Durch Yoga kommt es unter anderem zu einer Verbesserung von:

    • Muskelkraft und -ausdauer
    • Koordination und Gleichgewicht
    • Flexibilität und Geschmeidigkeit
    • Mobilität, Gang und Transfer
    • Kardiovaskulärer Gesundheit
    • Schlafqualität
    • Psychischem Wohlbefinden
    • Lebensqualität

    Es erhöht die funktionelle Unabhängigkeit und das psychosoziale Wohlbefinden älterer Menschen.

    Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit* {Diana Karamacoska, Tiffany Tan, Danielle C. Mathersul, Angelo Sabag, Michael de Manincor, Dennis Chang & Genevieve Z. Steiner-Lim: A systematic review of the health effects of yoga for people with mild cognitive impairment and dementia. BMC Geriatrics volume 23, Article number: 37, 2023} beschäftigt sich genauer mit der Wirkung von Yoga bei Demenz. Die Studie wurde an der bekannten Western Sydney University erarbeitet. Es wurde nach Auswirkungen auf die kognitive, geistige und körperliche Gesundheit gesucht. Dabei wurde auch auf die Sicherheit und Qualität der Studien geachtet.

    *Bei einer Übersichtsarbeit wird eine ausführliche Recherche in den wissenschaftlichen Datenbanken wie PubMed und andere durchgeführt.


    Von 1431 erfüllten zehn Studien (421 Teilnehmern) die Einschlusskriterien:

    • In vier Studien wurden Kundalini Yoga und Stuhl-Yoga eingesetzt
    • In zwei Studien kam Hatha Yoga zum Einsatz

    Die Programme liefen in der Regel über 12 Wochen. Sie verglichen Yoga mit einer Kontrollgruppe. Die meisten Studien berichteten über eine Verbesserung von Kognition, Stimmung, Sicherheit und Gleichgewicht. Diese Wirkungen wurden jedoch durch das hohe Risiko der Verzerrung beeinträchtigt. Dies wurde in den einzelnen Studien auch aufgeführt.

    Fazit

    Yoga ist sicher und vorteilhaft für das Wohlbefinden von Menschen mit kognitiver Einschränkung oder Demenz.

  • CCD-Winkel: Damit die Muskeln effektiver das Bein bewegen

    CCD-Winkel: Damit die Muskeln effektiver das Bein bewegen

    Die besondere Form des Oberschenkels

    Der Oberschenkel hat einen langen Schaft der oben abknickt: Der CCD-Winkel verändert die Ausrichtung um 126° nach innen. Der wichtigste Grund ist eine Vergrößerung des Abstandes zwischen dem Hüftkopf und den Muskelansatzflächen. Die Muskeln setzen am großen und kleinem Rollhügel sowie am Schaft und weiter unten an. Die Rollhügel und der Schaft werden durch den Hals vom Hüftkopf entfernt. Damit liegen sie weit entfernt vom Drehpunkt des Hüftgelenkes im Hüftkopf.

    Der Oberschenkelknochen

    CCD-Winkel

    Der Begriff CCD-Winkel setzt sich aus Caput (Kopf), Collum (Hals) und Diaphyse (Schaft) des Oberschenkel (Femurs) zusammen. In der Norm hat der Winkel 126°.

    Der Grund für die Form

    Die Entfernung vom Drehpunkt erhöht die Hebelkraft des Muskels. Das bekannteste Beispiel am menschlichen Körper ist die Kniescheibe. Ohne sie könnten wir gar nicht aufstehen, der Muskel wäre zu schwach. Wir selber können die Hebelwirkung gut feststellen, wenn wir eine Wasserflasche nah am Körper und dann mal weit entfernt halten. Je weiter sie vom Körper weg ist, desto mehr müssen die Muskeln halten. Das kann man gut spüren.

    Der Lastarm ist lang

    CCD-Winkel: Damit die Muskeln effektiver das Bein bewegen 25
    Lastarm und Kraftarm im Modell

    Je größer der Abstand vom Drehpunkt, desto effektiver wirken die Kräfte des Muskels. Da das Bein sehr lang ist und die Muskeln effektiv arbeiten sollen, benötigen sie also eine entsprechende Verlängerung vom Drehpunkt. Am Schultergelenk sind die Knochenauswüchse sehr viel kleiner.

    Muskeln müssen trotzdem extrem stark sein

    Der Rollhügel hat den medizinischen Namen Trochanter von griechisch Τροχος Trochos = Rad (Rolle). Es ist ein massiver Knochenauszug.

    Eine Sehne klebt nicht am flachen Knochen. Biomechanisch könnten so keine Kräfte übertragen werden. Und die einwirkenden Kräfte auf den Oberschenkelknochen sind wirklich massiv. Je größer der Auszug und je punktueller, desto massiver sind die Kräfte. Am Oberschenkel, lat. Os femur, haben wir die größten Auszüge des menschlichen Skeletts. Die Tuberkel und Rauhigkeiten (Tuberositas) des Femurs bieten Ansätze für wirklich sehr kräftige Muskeln.

    Von diesen Tuberkeln haben wir am oberen Oberschenkel zwei: Einen großen Trochanter major und einen kleinen Trochanter minor. Dort setzen Muskeln an und die Knochen werden quasi „heraus gezogen“. Der Trochanter minor ist Ansatz für den Hüftbeugemuskel. Am Trochanter major setzen die Abspreizmuskeln an. Abspreizen ist im Alltag nicht so primär und dafür brauchen wir auch nicht unbedingt diese massive Kraft. Aber wir benötigen die Kraft bei Anheben des anderen Beines, damit das Becken auf der Seite nicht absinkt.

    Femur proximal mit Trochanter major und minor
    Femur proximal mit Trochanter major und minor

    Der CCD-Winkel ist altersabhängig

    CCD-Winkel: Damit die Muskeln effektiver das Bein bewegen 26
    CCD-Winkel von vorn

    Der normale Winkel ist 126°. Sind wir jünger, dann ist er größer. Im Alter nimmt er ab. Das führt dazu, daß die Muskeln nicht mehr in ihrer normalen Länge arbeiten können. Die innere Knochenbälkchenstruktur verändert sich leider auch, was zusammen mit dem „härteren“ Winkel bei einem seitlichen Aufprall auf den Rollhügel viel schneller zu einer Schenkelhalsfraktur führt.

    Erst beim Anklicken wird eine Datenverbindung zu YouTube aufgebaut

    Messung des CCD – Winkels

    Der CCD-Winkel kann in einem Röntgenbild bei Beachtung der exakten Ebene beurteilt werden. Im klinischen Bereich wird dafür eine Beckenübersichtsaufnahme erstellt. Die Aufnahme erfolgt ap von anterior (vorn=a) nach posterior (hinten=p). Dabei ist die Körperebene als auch die Beinachse zu berücksichtigen.

    Eine erfahrene Therapeutin kann die Winkel durch einen Bewegungs- und Tastbefund erstellen. Dies wird in der programmierten Untersuchung des Bewegungsapparates erlernt. Allerdings benötigt die Praktikerin genügend Erfahrung.

    Weitere Rotation

    Der Oberschenkel macht zusätzlich noch eine Eigendrehung um seine eigene Achse in seiner Längsrichtung. Diese Antetorsion beträgt in der Regel 11°. Der Winkel muss bei der Berechnung des CCD-Winkel berücksichtigt werden.

    Einteilung und Fachsprache

    In der medizinischen Fachsprache spricht man bei einem CCD-Winkel über 130-135° von Coxa valga (valgus = schief), bei < 120° von Coxa vara (varisch=auswärtsgebogen). Die Einteilung nach der ICD 11 (Internationale Klassifikation der Krankheiten) gültig seit 01.01.2022:
    • FA31.0 Valgusdeformität, anderenorts nicht klassifiziert Coxa valga
    • FA31.1 Varusdeformität, anderenorts nicht klassifiziert Coxa vara
    • LB74.3 Angeborene Coxa vara
    • LB74.4 Angeborene Coxa valga

    Seitliche Zuggurtung

    CCD-Winkel: Damit die Muskeln effektiver das Bein bewegen 27
    Die Zuggurtung des Tractus iliotibilais verläuft vom Becken zum Unterschenkel und überspannt den Trochanter major

    Der große Trochanter ist seitlich gut zu spüren. An diesem setzten die Abspreizmuskeln an. Über den Rollhügel zieht das große Band der Zuggurtung vom Unterschenkel zum Becken. Das ist ein großes flaches Band. Dieser Traktus Iliotibialis spannt und unterstützt so die Muskeln beim Einbeinstand. Der kleine Rollhügel für den Hüftbeugemuskel ist nicht so prominent auf der Innenseite des Oberschenkels (Os Femur).

    Sekundärer Vorteil der besonderen Form des Oberschenkels

    Die L-Form des Oberschenkels hat noch einen zweiten großen Vorteil. Sie ermöglicht einen hohen Freiheitsgrad für das knöcherne Gelenk. Im Gegensatz zur Schulter ist die Pfanne beim Hüftgelenk relativ groß und umschließt so einen Teil des Kopfes ganz gut. Bei einem geraden Oberschenkel würde dies den Freiheitsgrad (Bewegungsfähigkeit) einschränken. Der von seitlich eingeführte Kopf ermöglich im Alltag große und weite Bewegungen bei guter Knochenführung.

    Folgen der Veränderung des CCD-Winkel

    Eine Veränderung des CCD-Winkel ist eigentlich überhaupt noch gar nicht so schlimm. Aber selbst Medizinerinnen identifizieren dies als Problem. In der Praxis zeigt sich eine deutlich komplexere Problematik.

    Der Knochenbau verändert sich im ganzen Körper

    Unser Knochenbau verändert sich im ganzen Körper. Dies ist an vielen Körperstellen zu erkennen (Kopf, Rumpf, Becken). Es ist demnach ein gesamter Blick auf die Strukturen sinnvoll. Zum einen ist eine Beurteilung der Längen, Breiten und Tiefen sowie der Knochenrotationen elementar. Diese unterliegen bedingt den funktionellen Belastungen, die wir im Alltag erfahren (Beruf, Alltag). Weit größer sind die Auswirkungen auf die Weite und Offenheit der verschiedenen Faszien (Kapsel, Bänder, Gelenke, Muskeln). Hier kann es zu größeren funktionellen Einschränkungen kommen. Diese in Verbindung mit einer Veränderung des CCD-Winkel führen zu weiterführenden Problemen, wie zum Beispiel einer Schleimbeutelentzündung am großen Rollhügel oder einem Piriformis-Syndrom.

    Funktionsdefizite machen das Problem

    Den funktionellen Zusammenhang kann man deutlich spüren. Der große Rollhügel ist bei gut gestreckter Hüfte vorn, bei einer Hüftbeugeeinschränkung viel weiter hinten. Die funktionelle Beurteilung und Befundung ist also elementar bei einer Veränderung des CCD-Winkel und weiterführenden Problemen.

    Behandlung und Therapie bei Veränderungen des CCD-Winkel
    Behandlung und Therapie bei Veränderungen des CCD-Winkel

    Die gute Nachricht

    Eine Behandlung ist wirklich zielführend. Zum einen können die belasteten Strukturen gezielt behandelt werden und die funktionellen Defizite sind durch verschiedene Techniken/Übungen sehr gut zu therapieren.

  • Die Kunst der Therapie: Worauf es ankommt

    Die Kunst der Therapie: Worauf es ankommt

    Was ist die Kunst der Therapie? Sie ist die Bezeichnung für die höchste Kompetenz, die eine Therapeutin erreichen kann. Grundlegend wird umfassendes Fachwissen benötigt. Darüber hinaus gibt es noch viele Rahmenfaktoren. Sie spielen eine entscheidende Rolle. Ich zeige acht wichtige Punkte auf.

    8 Punkte

    Qualität in der Therapie

    1. Qualität

    Qualitätssicherungssysteme im Gesundheitssystem mit oder ohne Siegel sind Sicherungen gegen Qualitätslecks in einem Ablaufplan. Besser ist ein beständiges Monitoring durch eine Fachkollegin. Idealerweise wird durch Supervision und/oder Gruppentreffen die Ziele und Maßnahmen bei einzelnen Kolleginnen erörtert. Therapeutinnen nutzen solche Feedbacksysteme proaktiv.

    Die Kunst der Therapie für den individuellen Menschen

    2. Individuum

    Codierungen im Gesundheitssystem dienen betriebswirtschaftlichen Notwendigkeiten. Für die Diagnose und Therapie sind sie nicht förderlich. Individuelle Personen mit gleicher Grunderkrankung haben Unterschiede in der Diagnose. Die Therapie muss das Individuum als auch die diagnostischen Feinheiten widerspiegeln.

    Wissenschaftliche Belegbarkeit

    3. Wissenschaft

    Die wissenschaftliche Belegbarkeit gilt für bestimmte Therapien in Bezug zu einer Größe an Menschen. Sie sind nicht eins zu eins auf jeden Menschen anwendbar (erfahre mehr über individuelle Einflussfaktoren in meinem Artikel „wirksame Alternativen in der Traumatherapie„).

    Wissenschaftliche Belegbarkeit

    Wissenschaftliche Arbeiten dienen der Steigerung des gesicherten Wissens. Ich nutze diese in meinen Artikeln und in meiner täglichen therapeutischen Tätigkeit. Sie zeigen die Wirksamkeit verschiedener Anwendungen in der Therapie. Das Gelernte wird bewertet und in den Kontext des vorhandenen Wissens gestellt. Die Anwendung muss individuell geprüft werden.

    Zu berücksichtigen ist auch, daß 68 Prozent der Forschung und Entwicklung in den OECD-Ländern durch die Industrie übernommen werden{Science Check in der Higgs Zeitschrift}.

    Behandlungsschemata

    4. Behandlungsschemata

    Behandlungsschemata sind grobe Orientierungshilfe für die Berufsanfängerin. Mit Hilfe einer Fachkollegin wird ein solches Schema angepasst. Ziel eines Schemas ist die Verfeinerung und Differenzierung.

    Personal im medizinischen Bereich

    5. Personal

    Ein Personalwechsel bei Urlaub und Krankheit ist teilweise nicht vermeidbar. Dies gilt aber nur für wirklich notwendige Therapien. Dann sollte eine persönliche Übergabe erfolgen in der idealweise beide Therapeutinnen gemeinsam therapieren.

    Wie auch in anderen therapeutischen Bereichen sollte nach zwei oder drei Terminen eine Behandlungsvereinbarung getroffen werden. Ein Abbruch kann nur in gegenseitigem Einvernehmen statt finden.

    Diagnose und Befund

    6. Diagnose und Befund

    Eine Behandlung auf Basis einer Heilmittelverordnung oder eines Rezepts ist nicht fachgerecht. Jede Patientin hat Anspruch auf einen Befund. Neben den technischen Daten ist ein ausführliches Gespräch wichtig. Hierbei werden verschiedene Kontexte, wie zum Beispiel auch psychosomatische oder psychosoziale, mit einbezogen. Es sollte für die Therapie ein Raum geschaffen werden, in dem sich die Patientin sicher und geborgen fühlt.

    Die Befundaufnahme kann durchaus mehr als einen Termin beanspruchen. Re-Befundungen sichern den Therapieverlauf. Im Abschlussbefund wird erfasst, welche Ziele erreicht wurden.

    Fehler auf Verordnungen und Rezepten

    7. Fehler auf der Verordnung

    Nicht selten wird in einem Befund ein von der Verordnung abweichender Zustand festgestellt. Das erfordert eine entsprechende Information zur Ärztin oder anderem Fachpersonal. Es werden die datenschutzrechtlichen Notwendigkeiten berücksichtigt. Informationen der Patientinnen unterliegen der absoluten Verschwiegenheit.

    Zeit in der Therapie

    8. Zeit

    Eine Therapieeinheit benötigt schon aus rein motorischen Gründen mindestens 60 Minuten. Aber auch andere Verfahren sind nicht schnell und sicher durchzuführen.

    Lehr- und Lernverfahren

    Viele Patientinnen fühlen sich in der Therapie nicht verstanden. Vielleicht ist Dir das auch schon mal so gegangen. Die Gründe dafür sind sehr einfach: Jeder blickt aus seinem Winkel und erklärt ein und Dasselbe ganz unterschiedlich. Die Mediziner schauen auf die medizinischen Parameter, die Therapeutinnen auf objektive Daten, und die Patientin erlebt das eigene Empfinden.

    Da liegt es fast schon in der Natur der Sache, dass es hier zu Differenzen kommt. Kommen dann noch Fehler in der Vermittlung von Informationen dazu, wird die Schräglage noch größer. Und nicht selten fallen sprichwörtlich Patientinnen einfach „hinten runter“. Ich setze mich deshalb für mehr Kompetenz in der Diagnose und Therapie ein:

    Die Aussage von Patientinnen ist vollumfänglich aussagekräftig, wenn die Therapeutin ihre Sprachkompetenz entsprechend ausbildet.

    Es gibt viele geeignete Fragetechniken und Erklärungsmodelle, die Therapeutinnen erlernen können.

    Kommunikationskompetenz in der Diagnose und Therapie

    Die Erwartung von Patientinnen fachlich korrekt geführt zu werden ist absolut verständlich.

    Therapeutinnen können geeignete Lehr-/Lernverfahren erwerben.

    Von einer Patientin kann ich nicht erwarten, dass sie subjektive Empfindungen objektiviert. Du siehst weiter unten, warum das auch gar nicht möglich ist. Du brauchst in der Therapie, in der Übung und im Training nur die Bereitschaft, Dich auf eine therapeutische Reise einzulassen. Und nicht wenige Patientinnen berichten mir, dass ihnen das ganz neue Lebensräume erschlossen hat.

    Subjektives Empfinden und objektive Wahrnehmung

    Subjekt und Objekt

    Das subjektive Empfinden, die objektive Wahrnehmung und die medizinischen Parameter stehen in einer Beziehung. Aber wir können sie nicht gleichsetzen. Diesen Fehler machen nicht nur Laien, sie ist besonders auch bei Gesundheitsprofis zu beobachten.

    REINER SCHWOPE

    Entwickelt wurde das Modell für Patientinnen mit Herz-/Kreislauferkrankungen. Ich nenne es die therapeutische Triangel. Das Grundprinzip ist für jede Therapie, Gymnastik, Übung oder Training geeignet. Ich erkläre Dir erstmal, wie es bei Patientinnen mit Herzerkrankungen eingesetzt wird.

    Es besteht grundsätzlich die Schwierigkeit das subjektive Empfinden zu den objektiven Wahrnehmungen (und medizinischen Parametern) einzustufen. Deshalb brauchte es ein Mittel genau das zu tun. Wir nutzen Befragungen und Skalen. Nicht selten führen Patientinnen auf Empfehlung ein Tagebuch ihrer Empfindungen. Das erhöht die Informationsdichte für die Therapeutin deutlich.

    Bei einem Ausdauertest und/oder Ausdauertraining wird nach einer bestimmten Zeit (meistens sechs oder zehn Minuten) gefragt, wie anstrengend das ist. Die meisten kennen bestimmt den Ausdauertest auf einem Standfahrrad (Ergometer). Zur Beurteilung der Anstrengung hat sich hier die Borg-Skala bewährt:

    Bei einem großen Querschnitt gesunder Menschen multiplizierst Du einfach mit zehn, und Du hast die wahrscheinliche, dazu passenden Herzfrequenz. Diese lässt sich auch noch einfach messen, indem der Puls getastet wird oder eine Manschette Blutdruck und Pulswert misst.

    Die objektive Therapeutin kann nun Messungen durchführen:

    • Herzfrequenz
    • Laktat im Blut: Das ist die Milchsäureausschüttung bei Energieproduktion ohne Sauerstoff
    • Blutdruck
    • Atemfrequenz
    • Atemtiefe
    • Sauerstoffsättigung
    • Messung und Aufzeichnung von Parametern der Lungenfunktion (Spirometrie)

    Ergänzend nimmt die Therapeutin andere sichtbare Zeichen auf:

    • Hautdurchblutung/Schwitzen
    • Atemtechnik/Sprechvermögen
    • Bewegungsausführung

    Das subjektive Empfinden der Patientin und die objektive Wahrnehmung werden nun im Kontext der medizinischen Daten (der Diagnose und verschiedenen Testverfahren) übereinander gelegt. Die Ergebnisse können unglaublich weit auseinander liegen. Denn es gibt krankheitsbedingte und psychologische{„Psychophysical bases of perceived exertion.“(BORG, G.)Medicine and Science in Sports and Exercise 1982 14 (5), S. 377–381} Einflussfaktoren, die unsere Wahrnehmung und Leistungsabgabe merklich beeinflussen.

    Die natürliche Verzerrung unserer Wahrnehmung

    Die Reize und Reaktionen in Deinem Körper unterliegen bewussten, halbbewussten und unterbewussten Verarbeitungsmustern. Diese können wir nur sehr begrenzt beeinflussen. Die Veränderung der Verarbeitungsmuster benötigt auch noch viel Zeit. Sie kann nur durch Therapie, Übung und Training erreicht werden kann. Einfluss haben natürlich auch Unfälle, Lebensschicksale und Erkrankungen. Wir sind Individuen, und so verarbeiten wir Reize. Ohne Reizsetzungen verändern sich keine Verarbeitungsmuster.

    Es erfordert also gezielte Hilfen, wie zum Beispiel die Borg-Skala, um das subjektive Empfinden soweit zu objektivieren, dass es „messbar“ wird.

    Individuelle Therapie!

    Deine subjektive Wahrnehmung in der Therapie muss analysiert werden, damit wir sie verstehen und die Therapie entsprechend anpassen können. Die Therapeutin hat die Aufgabe dies individuell in der Therapie durchzuführen.

    Exakte Steuerung führt zum Ziel!

    Nochmal kurz zurück zu einer Herzpatientin: Will man nun eine Patientin maßvoll üben/trainieren, dann erfordert das wirklich eine genaue Steuerung. Aus dem Ergebnis des Leistungstest wird unter Berücksichtigung des subjektiven Leistungsvermögen ein Übungsplan erstellt.

    Ein einfaches Beispiel

    Die Patientin A empfindet die Leistung als „sehr leicht“ ist aber nach den medizinischen Werten bei 13 („etwas schwer“). Die Therapeutin hilft die Körperwahrnehmung zu sensibilisieren und die Leistungsanforderung in den Fokus zu nehmen. Bei gleichem 13er medizinischen Wert empfindet Patientin B die Anstrengung als „sehr, sehr schwer“. Hier sucht die Therapeutin nach Gründen und hilft der Patientin diese gezielt anzugehen. Beide Beispiele sind natürlich eine grobe Vereinfachung.

    In der Übung wird jeder Patientin dann ein eigener Plan erstellt. Es ist ein exakter Widerstand in einer bestimmten Geschwindigkeit für eine bestimmte Zeit zu halten. Hier ein Beispiel: Dauertechnik auf dem Ergometer mit 50 Watt für 10 Minuten Tempo 80 Umdrehungen.

    Man muss es quasi auf den Punkt bringen. Will man nun bei der gleichen Frau die Fettverbrennung anregen, sind die Daten anders: 30 Minuten 15 Watt Tempo 60 Umdrehungen. Die Werte variieren im Verlauf der Therapie. Regelmäßige meist wöchentlich Re-Befundungen sind dafür nötig. Unterschiede in der Tagesform werden trotzdem berücksichtigt.

    Doch neben den Zielen ist es genauso wichtig die individuellen Parameter mit einzubeziehen. Erst im Prozess der Zeit, also des Übens oder Trainierens steuert man langsam in Richtung der objektiven Parameter. Die Begleitung ist also ein zentraler Bestandteil in der Therapie.

    Effektive Übung/Training erfordert exakte Dosierung. Das Einbeziehen der individuellen Empfindungen ist sehr wichtig. Eine Übung, eine Gymnastik oder ein Training sind idealerweise genau so angepasst, das sie Dir entspricht. Landläufig sagen wir dann gern: Trainiere im grünen Bereich. Wir führen den Körper aus der „Komfortzone“ heraus ohne ihn zu überfordern. Diese Steuerung erfordert viel Feingefühl. Therapie, Übung und Training darf und muss den Körper genau da „kitzeln“, wo das Ziel liegt.

    Was ist mit den anderen motorischen Bereichen?

    Am Beispiel der Ausdauer konnte ich Dir zeigen, wie eine exakte individuelle Übung- und Trainingssteuerung funktioniert. Nun, auch wenn sich die Parameter ändern, das Prinzip bleibt für alle motorischen Beanspruchungen gleich:

    • Flexibilität („Dehnfähigkeit“ und Gleitfähigkeit der Strukturen)
    • Koordination
      • Intramuskulär (in einem Muskel)
      • Extramuskulär (mehrere Muskeln)
      • Ganzkörper/Körperteile (Bewegungsmuster)
      • Gleichgewicht
    • Kraft
    • Schnelligkeit

    Bevor ich auf die Anwendung im Bereich der Therapie komme möchte ich noch eine andere Frage beantworten:

    Trainingssteuerung in der „Fitnessindustrie“ und im Breitensport

    Fachleute kennen im Prinzip keine Fitness. Und Breitensport dient der Breite der Bevölkerung. Es ging bei den historischen Entscheidungen (Beispiel Trimm-Dich 130 Bewegung) mehr um eine Massenbewegung. Die Masse sollte sich mehr bewegen. Egal wie und wie effektiv. Und im Fitnessstudio möchte man das Anforderungsprofil auch nicht zu hoch ansetzen, denn damit holt man seinen Kundinnen durchaus aus einer „Komfortzone“.

    Fitness

    Fitness wird im Allgemeinen das körperliche und oft auch geistige Wohlbefinden verstanden. Es ist das Vermögen aus, im Alltag leistungsfähig zu sein und Belastungen standzuhalten.

    Steuerung in der Therapie

    In der Therapie ist die Steuerung nochmal deutlich komplexer als beim Üben oder im Training. Auf Basis der ärztlichen Diagnose wird ein detaillierter Befund erstellt. Jede Patientin ist mit ihrem Körper, ihrem Geist und ihrer Seele einzigartig. Die sehr differenzierten therapeutischen Ziele müssen mit individuellen Maßnahmen ausgeführt werden. Dabei ist das aufmerksame Wahrnehmen, sich Zeit nehmen und selber in Ruhe sein unabdingbar.

    Es gibt viele Befindungen zu berücksichtigen. Denken wir an den Schlaf, wie erholt wir sind oder ob wir voller Tatendrang sind. All dies muss individuell erfasst werden. Ein besonders Befinden wird noch genauer beleuchtet. Es ist der Schmerz. Der Schmerz ist ein wichtiges Signal des Körpers und/oder der Seele.

    Schmerzen

    Besonders das Schmerzempfinden ist in der Therapie zu berücksichtigen. Deshalb wird die Schmerzquantität und -qualität genau erfasst. Sie wird zeitlich Verlauf erfasst. Dadurch kann man den Verlauf oder die Therapie kontrollieren.

    Schmerzintensität

    Wie stark ist der Schmerz? Zur Erfassung kann eine Schmerzskala verwendet werden.

    Schmerzen in der Therapie

    Therapie findet grundsätzlich im schmerzfreien Bereich statt. Es gibt nur sehr wenige begründete Ausnahmen. Beispiele sind die Triggerpunktbehandlung, Bindegewebsmassage und das Training bei peripherer arterieller Verschlusskrankheit.

    Schmerzqualität

    Schmerzen sind primär sensorische Wahrnehmungen. Sie sind stechend, brennend, drückend, ziehend, pochend, hämmernd, pulsierend, schneidend,… und werden von den Schmerzrezeptoren vermittelt. Die als Nozizeption bezeichnete Schmerzwahrnehmung gibt Hinweise auf die Ursache für die Krankheit (Ätiologie). Sind die Nerven selber betroffen, dann handelt es sich um neuropathische Schmerzen. Sie sind häufig kribbelnd, brennend oder elektrisierend.

    Schmerzkontexte und Affekt

    Schmerzintensität und Schmerzqualität werden zudem in einen Kontext mit den Alltagsaktivitäten, der Schlafqualität, den Stimmungen und der Belastung erfasst.

    Die Schmerzen führen zu einer Veränderung der Gemütslage (Affekt). Wir empfinden Schmerzen als heftig, quälend, lähmend, vernichtend. Aus diesem Grund wird auch erfasst, wie der Schmerz toleriert wird.

    Schmerzakzeptanz

    Schmerzen und die Schmerzwahrnehmung werden grundsätzlich nicht manipuliert! Schmerzen sind Zeichen einer krankhaften Veränderung, einer Überbelastung oder einer geweblichen Veränderung.

    Im Einzelfall kann eine Schmerzschulung erforderlich sein. Ein leicht ziehender Schmerz bei einem Training der peripheren lokalen Ausdauer bei Zustand einer peripheren Durchblutungsstörung ist zielführend. Eine Schmerzunterdrückung zum Beispiel durch Medikamente ist bei Überlast nicht günstig.

    In der Praxis hat sich das Führen eines Schmerztagebuches bewährt. Wichtig ist auch die Berücksichtigung einer Schmerzmedikation.

    Schmerzlokalisation

    Wo im Körper ist der Schmerz?

    Es werden die schmerzhaften Areale und die ausstrahlenden Schmerzen notiert.

    Typische Schmerzlokalisation und Hinweise auf mögliche Ursachen
    KopfKopfschmerzen, Spannungskopfschmerzen, Clusterkopfschmerzen, Migräne, Neuralgie,…
    GesichtTrigeminusneuralgie, Zahnschmerzen, Kieferschmerzen, Kraniomandybuläre Dysfunktion,…
    HalsPharyngitis, Laryngitis, Tonsillitis, Tracheitis
    BrustAngina pectoris, Herzinfarkt, Pneumonie, Ösophagitis
    RückenZervikozephalgie, BWS- und LWS-Syndrom, Protrusion/Prolaps, Lumboischialgie, Sakralgie
    BauchAppendizitis, Cholecystitis, Pankreatitis, Ulcus ventrikuli/duodeni, Colon irritable
    UnterleibAdnexitis, Urethritis, Prostatitis, Zystitis
    Typische Strukturen und Hinweise auf mögliche Ursachen
    MuskelMuskelkater, Fibromyalgie, Myasthenie, Muskeldystrophie
    GelenkArthritis, Arthrose, Hyperurikämie, Spondylarthropathien, Osteochondropathien
    KnochenWachstumsschmerzen, Frakturen, Fissuren, Osteoporose, Osteochondrome, Osteosarkome, multiples Myelom bzw. Plasmozytom
    Veränderungen bei einer Erkrankung

    Veränderungen bei einer Erkrankung

    Weiter oben bin ich von einer regulären und in gewisser Weise vorhersagbaren Triangel ausgegangen. Merkmal einer Erkrankung ist aber die Veränderung der Vorhersagbarkeit. Die „gesunde“ Einheit von subjektiven Empfinden, objektiver Wahrnehmung und medizinischen Daten geraten mit der Erkrankung in ein zunehmendes Ungleichgewicht. Oder andersherum gesagt, das zunehmende Ungleichgewicht ist eins der wesentlichen Symptome einer Erkrankung.

    Für eine patientenorientierte Therapie ist das Dreieck aus medizinischen Parametern, der objektiven Wahrnehmung und dem subjektiven Empfinden maßgebend.

    REINER SCHWOPE
  • Traumatherapie II: Super wirksame Alternativen

    Traumatherapie II: Super wirksame Alternativen

    Die Traumatherapie-Alternativen: Komplementärmedizin und integrative Ansätze

    Die Popularität der Traumatherapie-Alternativen, also der komplementären und integrativen Gesundheitsansätze, hat in den letzten Jahren erheblich zugenommen{„Introduction to the Special Issue: Complementary Medicine and Integrative Health Approaches to Trauma Therapy and Recovery“(Sandra Mattar, Paul A. Frewen)Psychological Trauma: Theory, Research, Practice, and Policy, 12(8), 821-824}.

    Traumatherapie II: Super wirksame Alternativen 28

    Alternativmedizin und Komplementärmedizin sind Ergänzungen zu den Diagnosetechniken und Behandlungsmethoden der Schulmedizin. Sie sind Erweiterungen zu der Medizin, wie sie im Medizinstudium oder an Fachschulen unterrichtet wird. Sie stehen prinzipiell nicht im Gegensatz, wie manche Schulmediziner behaupten. Daher auch der französische Begriff Komplementär (complémentaire) = ergänzend. Es sind verschiedene Verfahren wie Naturheilkunde, Körpertherapieverfahren, Entspannungsverfahren aber auch Yoga und die traditionelle chinesische Medizinen (TCM). Die Osteopathie als auch die Craniosacrale Therapie finden wir sowohl in der Schulmedizin als auch bei den alternativen Verfahren.

    Der Zuspruch zu diesen Techniken und Therapien wird immer größer{„Trends in the Use of Complementary Health Approaches Among Adults: United States, 2002–2012″(Tainya C. Clarke, Ph.D., M.P.H., Lindsey I. Black, M.P.H., Barbara J. Stussman, B.A., Patricia M. Barnes, M.A., Richard L. Nahin, Ph.D., M.P.H.)Natl Health Stat Report USA. 2015 February 10; (79): 1–16.} und sie sind sie in der Regel günstiger. Hinzu kommt, dass klassische Fachkräfte für psychische Gesundheit sehr lange Wartezeiten haben. Doch der zunehmende Zuspruch ist nicht nur damit zu begründen. Es sind die – mittlerweile auch wissenschaftlich erforschten – Wirkungen.

    Abschottung in der Schulmedizin

    Nun sind die Methoden durchaus wissenschaftlich begründet. Doch die Integration in das Gesundheitssystem stockt schon seit Jahren. Es scheint sich eine Mauer aufgebaut zu haben zwischen der Schulmedizin und den alternativen Verfahren. Und dies geschieht obwohl Patientinnen alternative Therapien mit ihren Ärzten besprechen wollen und sie tatsächlich anwenden{„Complementary and alternative medicine contacts by persons with mental disorders in 25 countries: Results from the World Mental Health Surveys(de Jonge, P., Wardenaar, K. J., Hoenders, H. R., Evans-Lacko, S., Kovess-Masfety, V., Aguilar-Gaxiola, S., Al-Hamzawi, A., Alonso, J., Andrade, L. H., Benjet, C., Bromet, E. J., Bruffaerts, R., Bunting, B., Caldas-de-Almeida, J. M., Dinolova, R. V., Florescu, S., de Girolamo, G., Gureje, O., Haro, J. M.,…)WHO World Mental Health Survey Collaborators. (2018). Complementary and alternative medicine contacts by persons with mental disorders in 25 countries: Results from the World Mental Health Surveys. Epidemiology and Psychiatric Sciences, 27(6), 552–567}. Viele Ärztinnen haben Skepsis oder sind einfach unwissend, sie kennen die aktuellen Studien nicht{„Disease prevention and health promotion: How integrative medicine fits“(Ali, A., & Katz, D. L.)American Journal of Preventive Medicine 2015, 49(5, Suppl 3), S230–S240}. Dies führt zur Stigmatisierung: Komplementärmedizin und integrative Ansätze werden vom schulmedizinischen Fachpersonal negativ bewertet.

    medizinische Stigmatisierung

    Wenn eine Therapie von anderen durch gesellschaftlich oder gruppenspezifisch negativ bewertete Merkmale charakterisiert wird, wird sie dadurch diskriminiert.

    Nicht selten verschweigen Patientinnen gegenüber ihren Ärztinnen den Einsatz von Techniken der Komplementärmedizin oder integrativer Ansätze{„Perceptions about Complementary Therapies Relative to Conventional Therapies among Adults Who Use Both: Results from a National Survey“(David M. Eisenberg, MD, Ronald C. Kessler, PhD, Maria I. Van Rompay, BA, Ted J. Kaptchuk, OMD, Sonja A. Wilkey, MD, Scott Appel, MS, Roger B. Davis, ScD)Annals of internal medicine 2001}{„Actors influencing the use of complementary and alternative medicine and whether patients inform their primary care physician(Patricia Thomson, Jenny Jones, Josie M. Evansa Stephen, L.Leslie) Complementary Therapies in Medicine Volume 20, Issues 1–2, February–April 2012, Pages 45-53}{„Nondisclosure of complementary and alternative medicine use to primary care physicians: Findings from the 2012 National Health Interview Survey.“(Jou, J., & Johnson, P. J.)Journal of the American Medical Association Internal Medicine 2016, 176(4), 545–546}{„Factors influencing the use of complementary and alternative medicine and whether patients inform their primary care physician.“(Thomson, P., Jones, J., Evans, J. M., & Leslie, S. L.)Complementary Therapies in Medicine 2012, 20, 45–53.}. Patientinnen haben zum Teil regelrecht Angst vor einer Offenlegung.

    Definition II

    Komplementärmedizin und integrative Gesundheitsansätze sind eine Gruppe verschiedener medizinischer und gesundheitlicher Systeme, Praktiken und Produkte, die derzeit nicht als Teil der konventionellen Medizin angesehen werden. Im Englischen hat sich der Begriff Complementary Integrated Health, kurz CIH, etabliert.

    Die Patientin im Mittelpunkt

    Im neueren Verständnis steht die Patientin mit ihren Bedürfnissen im Mittelpunkt. Das nennt man Patienten zentrierte Versorgungsmodelle. Dies ist ein weiterer Punkt für ergänzende Therapieverfahren. Denn es verändert sich allmählich die Art und Weise, wie Therapiepläne für Patientinnen entwickelt werden. Anfänglich standen dabei nur Therapien im Fokus, die im Studium unterrichtet wurden. Dies sollte zu einer „Patienten zentrierten Wissenschaftlichkeit“ führen.

    Mittlerweile hat sich der Blick jedoch deutlich geweitet. Es werden nicht nur rein evidenzbasierte Techniken unterstützt. Es geht heute mehr um die Frage, wie der individuelle Mensch mit seinem Trauma unterstützt werden kann.

    Evidenzbasierte Medizin

    „Auf empirische Belege gestützte Heilkunde“ (englisch: evidence-based medicine) soll die Wirksamkeit der medizinischen Therapie durch wissenschaftliche Belege sichern. Dabei werden verschiedene Wirksamkeitsgrade (Evidenzgrade) unterschieden.

    Neuere patientenzentrierte Ansätze betonen durchaus die Verwendung von präventiven und ganzheitlichen Wellnessmodellen, die über die Verwendung evidenzbasierter Behandlungen hinausgehen. Es gibt zu viele individuelle Einflussfaktoren, die bei einer Therapieplanung zu berücksichtigen sind{„Concepts and a model for the comparison of medical systems as cultural systems“(Arthur Kleinman)Social Science & Medicine. Part B: Medical Anthropology Volume 12, 1978, Pages 85-93}. Zuerst sind hier ethnische, religiöse und kulturelle Faktoren zu nennen. Immer mehr werden die Patientinnen bei der Therapieplanung dazu gefragt{„Opening Statement by Stuart Bondurant for the Complementary and Alternative Medicine in the United States Report“(Stuart Bondurant, M.D.) Complementary and Alternative Medicine in the United States Institute of Medicine 12.01.2005}. Dich es gibt ja auch weitere Aspekte wie die Kosten, Zeitintensität und Verfügbarkeit{„Yoga in the Treatment of Trauma-Related Disorders“ Research-Based Perspectives on the Psychophysiology of Yoga Advances in Medical Diagnosis, Treatment, and Care, 2018, p. 218-240}.

    Traumatherapie II: Super wirksame Alternativen 29
    MIND UND BODY MIT DEM HERZEN VERBINDEN

    Mind-Body-Heilansätze

    Seit Tausenden von Jahren werden Mind-Body-Heilansätze erfolgreich angewendet{„The integration of Complementary and Alternative Medicine (CAM) into the practice of psychology: A vision for the future.“(Barnett, J. E., & Shale, A. J.) Professional Psychology2012: Research and Practice, 43(6), 576–585}. Die Schulmedizin lehnte sie (noch) strikt ab. Angeblich fehlen Beweise für deren Wirksamkeit, obwohl Studien dies nachweisen. Aus der Nichtbeachtung wurde nicht selten Verachtung{„Use of complementary therapies by registered psychologists: An international study.“(Stapleton, P., Chatwin, H., Boucher, E., Crebbin, S., Scott, S., Smith, D., & Purkis, G.). Professional Psychology: Research and Practice 2015, 46(3), 190–196.}. Und dies obwohl noch nicht mal alle schulmedizinischen Verfahren nachweislich wirken{„Cognitive behavioral therapy for the treatment of post-traumatic stress disorder: a review“(Nilamadhab Kar)Neuropsychiatr Dis Treat. 2011; 7: 167–181}.

    Mind-Body-Verfahren

    Mind-Body-Medizin

    Es sind moderne Therapieansätze aus den USA, die auf uralten Verfahren basieren. Sie wirken auf Körper, Seele und Geist durch Achtsamkeit. Die Körperwahrnehmung, Ruhe und Bewegung in Alltagssituationen wird bewusst wahrgenommen und durch entsprechende Verfahren ergänzt. Hier steht vor allem der Aspekt der Selbstfürsorge im Mittelpunkt. Dabei werden die eigenen Ressourcen behutsam und achtsam eingesetzt. 

    Über den Umweg der klinischen Psychologie gab es jedoch einen Zustrom von Geist-Körper-Ansätzen. Bekannt sind diese aus der traditionellen chinesischen Medizin, der buddhistischen Psychologie und der Energiemedizin (u.a.):

    • Meditations- und Entspannungstechniken
    • Achtsamkeits-, Akzeptanz- und Bindungstherapie
    • Augenbasierte Desensibilisierung und Wiederaufbereitung von Bewegungen
    • Emotionale Therapie
    • Dialektische Verhaltenstherapie
    • Stressreduzierung auf Achtsamkeitsbasis
    • Progressive Entspannung
    • Biofeedback und Neurofeedback

    Die nachweislichen Wirkungen

    Da es viele Studien gibt, habe ich eine Metaanalyse zu Hilfe genommen{„Complementary and Alternative Medicine for Posttraumatic Stress Disorder Symptoms: A Systematic Review“(Helané Wahbeh, N.D., MCR., Angela Senders, N.D., Rachel Neuendorf, M.S., Julien Cayton, B.A.)FOCUS Volume 16, Issue 1 Complementary and Integrative Medicine 24 Jan 2018}.

    Metaanalyse

    Ist eine Zusammenfassung von Primärstudien. Die Daten werden strukturiert, und Informationen aller Daten werden in den Metadaten gebündelt. Daraus entsteht eine Gesamtaussage aller Studien. Sie enthält quantitative und statistische Aussagen. So werden vorliegende Forschungsarbeiten zusammengefasst und präsentiert.

    In dieser wurden dreiunddreißig Studien mit insgesamt 1329 Teilnehmern überprüft. Der wissenschaftliche Nachweis des Nutzens für eine posttraumatische Belastungsstörung war

    • stark
      • wiederholte transkranielle Magnetstimulation
    • gut
      • Akupunktur
      • Hypnotherapie
      • Meditation
      • Visualisierung
    • nicht eindeutig
      • Biofeedback
      • Entspannung
      • emotionale Freiheit und Gedankenfeldtherapien
      • Yoga
      • Naturprodukte

    Ähnliche Ergebnisse liefern andere Metaanalysen{„Efficacy of complementary and alternative medicine therapies for posttraumatic stress disorder.“(Strauss, J. L., Coeytaux, R., McDuffie, J., Nagi, A., & Williams, J.)Evidence-based Synthesis Program (ESP) Center Durham Veterans Affairs Healthcare System, Department of Veterans Affairs 2011}. Im Gegensatz zu obiger Analyse sieht eine weitere Metaanalyse mit 1173 Gesamtteilnehmern vielversprechende Ansätze bei Meditation und Yoga{„Meditation and yoga for posttraumatic stress disorder: A meta-analytic review of randomized controlled trials.“(Gallegos, A. M., Crean, H. F., Pigeon, W. R., & Heffner, K. L.)A meta-analytic review of randomized controlled trials. Clinical Psychology Review 2017, 58, 115–124.}{„Yoga as a potential psychosocial tool: Results from a quasi experimental study on victims of flood affected state of Kerala“(Mathew)Advances in Integrative Medicine 21 January 2021}.Und sie steht damit nicht alleine{„Yoga Therapy as an Innovative Treatment for Complex Trauma“(Randall Emmons, Ashley E., Chan, Dara V., Burker, Eileen J.)Journal of Applied Rehabilitation Counseling Vol 52 Issue 4 2022}. Weitere Studien unterstützen ebenfalls den positiven Effekt von Yoga{„A Yoga Intervention for Posttraumatic Stress: A Preliminary Randomized Control Trial“(Farah Jindani, Nigel Turner, Sat Bir S. Khalsa)Evidence-Based Complementary and Alternative Medicine
    Volume 2015, Article ID 351746
    }{„LIGHTNESS AND LIBERATION: HOW SURVIVORS OF INTERPERSONAL TRAUMA EXPERIENCE THE SELF FOLLOWING REGULAR YOGA PRACTICE“(Tessa L. Winslow)In School and Counselling Psychology University of Saskatchewan Saskatoon December 2020}{„A Pilot Study of a Randomized Controlled Trial of Yoga as an Intervention for PTSD Symptoms in Women“(Karen S. Mitchell Alexandra M. Dick Dawn M. DiMartino Brian N. Smith,…) Journal of traumatic stress 25 March 2014}{„Moderators of treatment efficacy in a randomized controlled trial of trauma-sensitive yoga as an adjunctive treatment for posttraumatic stress disorder.“(Nguyen-Feng, V. N., Hodgdon, H., Emerson, D., Silverberg, R., & Clark, C. J.). Psychological Trauma: Theory, Research, Practice, and Policy 2020, 12(8), 836–846.}]. Es wurden auch verschiedene Meditationen (Achtsamkeit, Mantra und Mitgefühlsmeditation) genauer unterschieden{„The Theoretical and Empirical Basis for Meditation as an Intervention for PTSD“(Ariel J. Lang, Jennifer L. Strauss, Jessica Bomyea, …)Behavior Modification June 5, 2012 Volume: 36 issue: 6, page(s): 759-786}. Es werden aber nicht nur die Wirksamkeit sondern auch die Wirkweise untersucht, zum Beispiel das Sinken von Stresshormonen{„Reexamining the effect of emotional freedom techniques on stress biochemistry: A randomized controlled trial.“(Stapleton, P., Crighton, G., Sabot, D., & O’Neill, H. M.). Psychological Trauma: Theory, Research, Practice, and Policy 2020, 12(8), 869–877.}.

    Und auch nicht so bekannte Verfahren, wie die Musiktherapie zeigen positive Ergebnisse{„Trauma-Informed Care in Music Therapy: Principles, Guidelines, and a Clinical Case Illustration“( Annie Heiderscheit, Kathleen M Murphy)Music Therapy Perspectives 21 July 2021}, wenn die Therapeutin angemessen geschult ist. Das Verfahren der narrativen Expositionstherapie stammt aus Schwer- und Mehrfachtraumatisierung insb. organisierter Gewalt (Krieg){„Investigating the Efficacy and Experiences With Narrative Exposure Therapy in Severe Mentally Ill Patients With Comorbid Post-traumatic Stress Disorder“(Maria Mauritz, Peter Goossens, Ruud Jongedijk, Hester Vermeulen and Betsie van Gaal)Psychological Therapies, a section of the journal Frontiers in Psychiatry 28 April 2022}.

    Es fehlen die Interessengruppen und -verbände, so gibt es wenig wirkliches Interesse und Mittel für Studien zur Komplementärmedizin und integrativer Ansätze. Erschwerend sind auch die konzeptionellen und methodischen Herausforderungen für gute Studien{„Conceptual and methodological issues in research on mindfulness and meditation“(Davidson, R. J., & Kaszniak, A. W.)American Psychologist 2015, 70(7), 581–592}.

    Meine Therapie für Dich

    Echte Berührung entspannt tief
    Echte Berührung entspannt tief

    Du bekommst immer eine individuelle Unterstützung durch mich. Am Anfang beginnen wir immer mit einer ruhigen und ausführlichen Befundaufnahme. Im Prozess praktiziere immer mit besonderem Aspekt auf Deiner Sicherheit. Dazu gehört die Anwendung der non violent Communication nach M. Rosenberg, also die Anwendung der gewaltfreien Kommunikation.

    Advanced craniosacrale Therapie

    Die Craniosacral Therapie ist ein sanfter, praktischer Ansatz zur Bewertung und Verbesserung des Craniosacral-Systems. Das besteht aus den Membranen und der Zerebrospinalflüssigkeit. Es umgibt und schützt das Gehirn und das Rückenmark.

    Traumatherapie II: Super wirksame Alternativen 30
    Craniosacrale Therapie

    CST kommuniziert mit Zellen, Gewebe, Organe und den gesamten Organismus. Veränderungen, wie zum Beispiel Spannungserhöhungen, können beeinflusst werden. In der Folge werden Schmerzen gelindert und Störungen der Funktion behoben. Es werden die natürlichen und angeborenen Heilungsprozesse des Körpers angeregt. Die Gesundheit und Leistungsfähigkeit des ganzen Körpers wird gesteigert. Die Lebensqualität und Gesundheit werden gesteigert.

    Somatoemotionale Tiefenentspannung

    Der Somatoemotional Deep Release ist die Kommunikation mit den Zellen, Geweben, Organen und den gesamten Organismus mit der Frage nach Emotionen, Erinnerungen und Seelenerfahrungen, welche die natürliche Entfaltung des Individuums behindern.

    Traumatherapie II: Super wirksame Alternativen 31
    Somatoemotional deep release

    Viele körperliche Symptome können nicht vollständig gelöst und geheilt wurden, bis auch eine Emotionen, Erinnerungen und Seelenerfahrungen gelöst sind. Geeignet ist die Technik bei chronischen Erkrankungen und subklinischen Mustern. Das können schwache Immunität, Energiemangel, mangelndes Selbstvertrauen, Depressionen oder Angstzustände sein.

    Es besteht eine Verbindung zwischen physischem Gewebe und emotionalen und mentalen Aspekten. Diese können durch entsprechende Techniken der Kommunikation und Körperarbeit erreicht werden. Diese vereinen physikalische Therapie oder Psychotherapie. So können alle Aspekte der menschlichen Natur (physisch, mental, emotional und spirituell) erreicht werden. Kernmerkmal ist die Absichtslosigkeit, Hier- und Jetztsein, Sanftheit und Kreativität. Es fördert Heilungsprozesse bei Krankheit, hilft Probleme zu lösen und unterstützt das persönlichen Wachstum. Ziel ist das Erreichen eines erfüllten Lebens mit gesunder Körperaktivität, Körperhaltung und Bewegung. SomatoEmotional Release® und die Werkzeuge von CST kombinieren alle – in einem Ansatz, der enorme Veränderungen und Wachstum im Leben einer Person ermöglichen kann.

    Ergänzende Techniken

    Zur Schmerzlinderung setzte ich häufig die Tiggerpunktbehandlung ein. Zum Energieausgleich nutze ich die Akupressur (Punkte aus der traditionellen chinesischen Medizin).

    Durch meine langjährigen Erfahrung nutze ich auch alle Formen der Bewegung für Deinen Heilungsprozess. Hier suchen wir nach einer für Dich geeigneten Form. Häufig setzte ich dabei Yoga oder Tai Chi/Qi Gong Übungen ein. Es gibt aber aus der klassischen Übungstherapie und Trainingstherapie viele nutzvolle Unterstützungen. die den Heilungsprozess deutlich beschleunigen können.

    Je nach Notwendigkeit unterrichte ich Entspannungsverfahren (Autogenes Training, progressive Muskelentspannung,…) oder Tiefenentspannungsverfahren(Tra Tak), Atemübungen, Meditation und Achtsamkeitsübungen.

    Manchmal nutze ich auch Elemente aus der Theatertherapie oder Musiktherapie.

    Psychoeducation

    Psychoedukation (PE) ist die Intervention mit systematischer, strukturierter und didaktischer Wissensvermittlung für eine Krankheit und ihre Behandlung. Es werden die emotionale und motivationale Aspekte integriert, um Patienten zu befähigen, mit der Krankheit umzugehen und ihre Therapieadhärenz und -wirksamkeit zu verbessern.

    Narrative Expositionstherapie (NET)

    Durch intensives Wiedererfahren wird die Erfahrung aktualisiert. Gedanken, Gefühle, Bedeutungen, Empfindungen, Körperhaltung werden verbunden. Es werden alle Elemente der negativen Erlebnisse in der Distanz aktiviert, bis das Erlebte sich einordnen, begreifen und benennen läßt.

    Die schematische Anwendung einer oder mehrerer Elemente ist nicht geeignet, da sie nicht auf das Individuum angepasst ist.