Kategorie: ALLGEMEIN

  • Gute Vorsätze – schlechte Idee?

    Gute Vorsätze – schlechte Idee?

    Warum wir uns jedes Jahr etwas vornehmen – und warum es oft trotzdem nicht klappt.

    Vielleicht sieht dein Jahresanfang ungefähr so aus: Kaum ist Silvester vorbei, sitzt irgendwo in dir eine kleine Innendienst‑Abteilung, die den Stift zückt: „So, dieses Jahr machen wir das ordentlich. Weniger Zucker. Mehr Bewegung. Achtsamer. Früher ins Bett.“ Auf dem Papier klingt das großartig. In der Realität meldet sich dann oft der Alltag – und nach ein paar Wochen ist von den heldenhaften Plänen eher ein müdes Schulterzucken übrig. Manchmal bleibt vor allem dieses Gefühl: „Schon wieder nicht durchgezogen.“ Dass es so läuft, ist eher Regel als Ausnahme: Untersuchungen zeigen, dass viele Neujahrsvorsätze schon in den ersten Monaten scheitern, selbst wenn der Start voller guter Absichten ist (Norcross & Vangarelli 1988; Medical News Today 2021). Wenn du dich darin wiedererkennst, liegt das ziemlich sicher nicht daran, dass ausgerechnet du „zu schwach“ bist.

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    Spannender ist die Frage: Passen diese Vorsätze überhaupt zu der Art, wie Menschen ticken – mit Körper, Nervensystem, Biografie, Beziehungen – oder verlangen wir da etwas von uns, das an unserer Natur vorbeigeht (Norcross & Vangarelli 1988)? In diesem Text schauen wir genau dorthin. Was passiert in dir, wenn du dir etwas vornimmst? Warum reicht ein klarer Entschluss im Kopf so oft nicht, um das eigene Verhalten im echten Alltag zu verändern? Und wie könnte es aussehen, wenn der Start ins neue Jahr weniger nach innerem Feldwebel klingt und mehr nach einem freundlichen „Lass uns schauen, was für dich gerade wirklich geht“? Die Antwort hat erstaunlich wenig mit eiserner Disziplin zu tun – und sehr viel mit Rhythmen, Hinweisreizen und den kleinen Möglichkeiten, die dein jetziges Leben dir tatsächlich anbietet (Wood & Neal 2007; Lally & Gardner 2013).

    1. Der Denkfehler hinter guten Vorsätzen

    Die Idee hinter guten Vorsätzen klingt erstmal bestechend einfach: Ein Mensch fasst einen Entschluss – und ab morgen läuft der Rest wie ein neues Programm. Der innere Dialog geht dann ungefähr so: „Jetzt reicht es, ab 1. Januar mache ich Sport.“ Im Hintergrund arbeitet ein stilles Modell mit: oben „altes Verhalten“, unten „neues Verhalten“. Schalter umlegen, fertig. Dieses Bild ist verständlich, aber es hat mit der Art, wie Menschen tatsächlich ticken, nur begrenzt zu tun (Norcross & Vangarelli 1988).

    Wenn man genauer hinschaut, ist Verhalten eher ein komplexes Zusammenspiel als ein Ein‑Knopf‑System. Ob du am Abend spazieren gehst oder auf dem Sofa landest, hat mit deiner Energie, deiner Stimmung, deinen Schmerzen, deinem Stresspegel zu tun – aber auch mit der Umgebung, in der du dich bewegst, mit der Uhrzeit, mit den Menschen um dich herum, mit dem, was du dir über Jahre angewöhnt hast (Wood & Neal 2007; Lally & Gardner 2013). Viele deiner Handlungen laufen nicht über bewusste „Jetzt aber los“-Entscheidungen, sondern über eingespielte Schleifen: bestimme Wege, bestimmte Tageszeiten, bestimmte Situationen – und dein Körper weiß schon, was „dazu gehört“. Die Forschung zeigt sehr deutlich, dass stark eingeübtes Verhalten vor allem von solchen Kontextreizen gesteuert wird, nicht von den Zielen, die du dir im Kopf so schön formulierst (Wood & Neal 2007).

    Wenn du also sagst „Ich nehme mir vor, dreimal pro Woche zu joggen“, dann steht dieser Satz erstmal ziemlich allein im Raum. Dein Körper kennt zu diesem Zeitpunkt andere Gewohnheiten: vielleicht das Sofa nach der Arbeit, den Blick aufs Handy, das Glas Wein am Abend. Diese Muster sind nicht „falsch“, sie sind über Jahre entstanden – oft als Schutz, als Entlastung, als Art, mit Belastung klarzukommen. Ein einzelner Vorsatz kann diese gewachsenen Strukturen nicht einfach wegwischen. Genau hier liegt der Denkfehler: Der Vorsatz behandelt dich wie eine Maschine mit Befehlscode. In Wirklichkeit bist du ein lebendiges System, das auf Sinn, Sicherheit und Passung reagiert – auf das Gefühl: „Das gehört zu mir und ist im Moment wirklich machbar“ (Ryan & Deci 2000; Ng et al. 2012).

    Dazu kommt: Viele Vorsätze entstehen in Momenten, in denen es dir ohnehin nicht gut geht. Du bist genervt von Schmerzen, von deinem Körpergefühl, vom Gewicht, von Erschöpfung. Innen baut sich Druck auf, und der Kopf reagiert mit einem großen Bild in die Zukunft: „Ab Neujahr wird alles anders.“ Für einen Moment kann sich das anfühlen wie eine Erleichterung, fast wie ein Versprechen an dich selbst. Wenn dann der normale Alltag wieder einsetzt – mit genau den gleichen Anforderungen, Beziehungen und Erschöpfungsspitzen wie vorher –, zeigt sich, dass dein realer Möglichkeitsrahmen im Hier und Jetzt enger ist, als der Kopf es an diesem symbolischen Datum geplant hat (Wood & Neal 2007; Alageel et al. 2021).

    Genau deshalb betont die Gesundheitspsychologie seit Jahren: Wirksame Veränderung beginnt nicht beim Idealmenschen in deinem Kopf, sondern bei dem Menschen, der du gerade bist – mit deiner aktuellen körperlichen, psychischen und sozialen Situation. Empfehlungen, die an deine vorhandenen Ressourcen und Vorlieben anknüpfen, zu deinem Alltag passen und sich im Jetzt halbwegs stimmig anfühlen, werden deutlich häufiger umgesetzt und über längere Zeit beibehalten als starre Standardpläne, die auf „man sollte“ beruhen (Alageel et al. 2021; Lindelöf et al. 2019). Übertragen auf den Jahresanfang heißt das: Entscheidend ist nicht, wie kraftvoll sich dein Vorsatz anhört, sondern ob er in das Leben passt, das du heute tatsächlich lebst – mit allen Grenzen, Möglichkeiten und Eigenheiten (Ng et al. 2012; Alageel et al. 2021).

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    Und noch etwas Wichtiges: Veränderung passiert nicht im Kopfkino, sondern im Erleben. In der Praxis arbeite ich deshalb selten mit langen Grübel‑Schleifen („Was wäre die perfekte Lösung?“), sondern mit kleinen, konkreten Experimenten: etwas tun – und dann spüren, wie es sich anfühlt. Nicht erst alles zu Ende denken, bevor du den ersten Schritt gehst, sondern einen sehr kleinen Schritt machen und deinen Körper, deine Stimmung, deinen Alltag dazu befragen: „War das stimmig für mich oder nicht?“ Diese Rückmeldung aus dem Tun ist oft ehrlicher und hilfreicher als jede Kopfentscheidung, weil sie zeigt, was in deinem jetzigen Leben wirklich Platz hat.

    2. Evolutionär betrachtet: Hunger, Spiel und Bewegung

    Stell dir ein Tier vor, das Hunger hat. Es setzt sich nicht hin und schreibt eine innere Liste: „Heute sollte ich mal wieder etwas jagen.“ Es merkt Hunger – ein körperlicher Impuls entsteht, und der Körper geht los. Über Millionen von Jahren war das auch beim Menschen so: Bedürfnisse tauchten als spürbare Signale auf, nicht als moralische Aufgaben. Essen, Ruhen, Bewegen, Spielen – all das war eingebettet in Tagesrhythmen, Jahreszeiten und die Anforderungen der Umgebung (Lieberman 2013; Raichlen & Alexander 2017).

    Bewegung entstand ursprünglich nicht als Trainingsplan, sondern aus Neugier, Erkundung und Notwendigkeit. Kinder zeigen uns bis heute ein Stück dieser alten Logik: Sie rennen los, weil etwas spannend aussieht, sie klettern, weil es zieht, sie drehen sich im Kreis, weil ihnen danach ist. Freude, Spiel und Kontakt sind die Motoren, nicht das schlechte Gewissen. Studien zur körperlichen Aktivität deuten darauf hin, dass diese „lustvolle“ Bewegung – also Aktivität, die als angenehm und passend erlebt wird – eine sehr stabile Grundlage für regelmäßige Bewegung im Erwachsenenalter ist (Raichlen & Alexander 2017; Brand & Ekkekakis 2018).

    Und genau da fängt etwas an, was mir in der Arbeit sehr am Herzen liegt: sich wieder zu spüren. Nicht nur im Kopf zu wissen „Ich sollte mich mehr bewegen“, sondern zu merken: Wie fühlt sich dein Körper gerade an? Wo ist Spannung, wo Müdigkeit, wo vielleicht ein ganz leiser Zug in Richtung Neugier auf Bewegung? Wie spricht dein Rücken zu dir, dein Bauch, dein Atem? Es geht nicht darum, noch eine Aufgabe oben drauf zu packen, sondern eher darum, dir zuzuhören – im Tun, in der Bewegung, in den kleinen Veränderungen. Wenn du möchtest, darf jede Übung, jede neue Gewohnheit eine Einladung sein, dich ein Stück besser kennenzulernen, statt dich strenger zu beurteilen.

    Unsere heutige Lebenswelt hat viele der ursprünglichen Reize leiser gedreht. Wir müssen nicht mehr gehen, um Nahrung zu beschaffen, wir sitzen in Gebäuden, arbeiten am Bildschirm, bewegen uns oft nur noch in dafür vorgesehenen „Fenstern“: Fitnessstudio, Laufrunde, Kurs. Dein Körper spürt zwar weiterhin Müdigkeit, Unruhe oder Anspannung, aber er bekommt selten ein klares, spielerisches Angebot, wie er darauf antworten könnte. Stattdessen legen wir abstrakte Pläne über diese Signale: „Ab Montag gehe ich dreimal pro Woche joggen.“ Für das Nervensystem ist dieser Plan zunächst vor allem eins: ein Satz. Kein echter Reiz, keine kleine Entdeckung, keine gelebte Erfahrung – noch nicht (Ekkekakis 2017; Ng et al. 2012).

    Deshalb arbeite ich in der Praxis selten nach dem Motto „erst perfekt planen, dann funktionieren“, sondern eher so: etwas Kleines tun – und dann spüren, wie es dir damit geht. Ein kurzer Gang vor die Tür, eine kleine Bewegung an der Wand, ein paar Schritte im Flur. Nicht als Prüfung, ob du „diszipliniert genug“ bist, sondern als freundliches Experiment: „Wie reagiert mein Körper jetzt darauf? Wird irgendwo etwas weiter, ruhiger, wacher? Oder braucht er gerade etwas anderes?“ Verhaltensforschung zeigt, dass Menschen deutlich aktiver bleiben, wenn Bewegung an Freude, Passung und Alltagskontext anknüpft, statt als Pflichtübung erlebt zu werden (Ekkekakis 2017; Rhodes & Kates 2015). Dein Körper reagiert auf gelebte Erfahrungen – „Das tut gut, das fühlt sich ein Stück nach mir an“ – viel stärker als auf abstrakte Befehle. Wenn du magst, kann genau das dein eigentlicher „Vorsatz“ sein: dir im Tun zuzuhören und das, was sich stimmig anfühlt, behutsam größer werden zu lassen.

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    3. Müssen ist keine Motivation

    „Ich muss jetzt joggen gehen.“ Allein beim Aussprechen liegt schon etwas Schweres in der Luft. Dieses „Müssen“ trägt den inneren Widerstand in sich – als würde ein Teil in dir sofort antworten: „Eigentlich will ich gerade etwas ganz anderes.“ Viele Menschen kennen diesen Tonfall, wenn es um Bewegung, Ernährung oder Entspannung geht: „Ich muss mehr Sport machen“, „Ich muss endlich gesünder essen“, „Ich muss mal runterkommen.“ Auf den ersten Blick klingt das vernünftig und verantwortungsvoll. Auf den zweiten merkst du vielleicht: Es entzieht deinem Erleben den Boden, weil es dich eher unter Druck setzt, als dich wirklich mitzunehmen.

    In der Motivationspsychologie wird zwischen kontrollierter und autonomer Motivation unterschieden. Kontrolliert ist alles, was sich nach Druck, Schuld, äußerem Erwartungsdruck oder innerem Antreiber anhört. Autonom ist das, was sich innerlich stimmig, selbst gewählt, sinnvoll oder interessant anfühlt – also da, wo du von innen her ein „Ja, das passt zu mir“ spüren kannst (Ryan & Deci 2000; Ng et al. 2012). Langfristig stabile Verhaltensänderungen werden deutlich häufiger dann beobachtet, wenn Menschen einen Sinn in ihrem Verhalten sehen und das Gefühl haben, aus eigener Überzeugung zu handeln, statt einer inneren oder äußeren Stimme zu folgen, die sagt: „Du musst.“ Für den Alltag heißt das: Sobald ein Satz mit „Ich müsste eigentlich …“ beginnt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass das Verhalten zwar kurz angeschoben, aber nicht dauerhaft getragen wird.

    Wenn wir freundlich ehrlich sind, bleibt von all dem „Müssen“ am Ende erstaunlich wenig übrig. Dein Körper muss irgendwann auf die Toilette – das ist tatsächlich nicht verhandelbar. Aber er muss nicht joggen, er muss nicht ins Fitnessstudio, er muss nicht meditieren. Er kann all das tun, wenn es in einem bestimmten Kontext Sinn ergibt, wenn sich etwas gut anfühlt, wenn eine leise Neugier wach wird oder wenn spürbar wird: „Das tut mir gut.“ In der physiotherapeutischen Arbeit erlebe ich immer wieder: Empfehlungen, die stark gegen ein klares inneres Nein gehen, werden höchstens kurz umgesetzt. Kleine, passende Veränderungen dagegen – etwas, das sich „innerhalb des Möglichkeitsrahmens des Jetzt“ anfühlt – werden viel eher ausprobiert, wiederholt und langsam verankert (Ng et al. 2012).

    Wenn man es theologisch denken mag, könnte man sagen: In der „Ökonomie des Tuns“, wie sie uns vermutlich zugedacht war, standen Handeln und Spüren dicht beieinander. Arbeiten, gehen, säen, ernten, sich bewegen, mit anderen leben – und dabei immer wieder merken: Wie fühlt sich das an? Bin ich satt, müde, zufrieden, verbunden? Es ging weniger darum, in jedem Moment eine perfekte „Performance“ abzuliefern, sondern darum, in einem lebendigen Rhythmus von Tun und Sein zu bleiben. Unser Leben heute hat sich davon radikal entfernt. Viele Tätigkeiten sind entkörperlicht, vieles findet im Kopf oder auf Bildschirmen statt. Dazu kommen digitale Reize, die süchtig machen können: soziale Medien, Dauer‑Benachrichtigungen, der ständige Sog ins Außen (Aalbers et al. 2019; Elhai et al. 2017). Sie beanspruchen unsere Aufmerksamkeit, ohne uns wirklich zu nähren. In diesem Klima wirkt jedes zusätzliche „Du musst jetzt noch …“ wie eine weitere Schicht Druck auf ein ohnehin überreiztes System.

    Hilfreich ist deshalb ein Perspektivwechsel: weg vom inneren Feldwebel, hin zu einer neugierigen, freundlichen Haltung dir selbst gegenüber. Statt „Ich muss mehr Bewegung in meinen Alltag bringen“ könnte die Frage lauten: „Wo gibt es schon eine kleine Spur von Lust oder Erleichterung, die mit Bewegung zu tun hat?“ Vielleicht ist es der kurze Gang zum Fenster, der Moment auf dem Balkon, das Gefühl nach ein paar Schritten im Flur. In der Praxis arbeite ich gern so, dass wir etwas sehr Kleines konkret ausprobieren – eine Mini‑Bewegung, eine kurze Sequenz – und dann gemeinsam schauen: „Wie fühlt sich das an? Wo im Körper meldet sich ein zartes Ja, wo vielleicht ein Nein?“ Anstatt gegen den inneren Widerstand anzurennen, suchen wir vorhandene, wenn auch kleine, positive Impulse und verstärken sie. Das verändert die Qualität von Veränderung: weg vom Kampf, hin zu feinerem Spüren und spielerischem Experimentieren. Aus Sicht moderner Motivationsforschung ist genau diese Verschiebung – vom „Müssen“ hin zum „Dürfen“ und „Wollen“ – einer der wichtigsten Schlüssel dafür, dass neue Gewohnheiten bleiben dürfen, statt nach ein paar Wochen wieder zu verschwinden (Ryan & Deci 2000; Ng et al. 2012).

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    4. Die Büffelherde und die menschliche Natur

    Douglas Adams beschreibt in „Per Anhalter durch die Galaxis“ diese herrlich absurde Szene: Einmal im Jahr zieht eine Büffelherde durch eine Landschaft – einfach so, ohne Plan, von irgendwo her nach irgendwo hin. Die Büffel haben keine Anweisung zu ziehen , sie folgen einem Rhythmus, der größer ist als sie selbst. Für die Menschen, die dort leben, hat dieses Ereignis eine ganz konkrete Bedeutung: Wenn die Büffel ziehen, ist Jagdzeit. Nicht, weil jemand sich heroisch vorgenommen hat, „ab dem 1. des Monats disziplinierter zu jagen“, sondern weil der Kontext sich verändert. Die Herde ist da – und mit ihr öffnet sich ein Fenster, in dem eine bestimmte Handlung plötzlich sinnvoll, möglich und naheliegend wird.

    Genau dieser Zusammenhang ist spannend, wenn es um Verhaltensänderung beim Menschen geht. Auch dein Leben spielt sich nicht in einem leeren Raum ab, in dem Vorsätze frei schweben, sondern in Landschaften aus Situationen, Rhythmen und Gelegenheiten. Es ist ein Unterschied, ob du dir im Kopf vornimmst: „Ich sollte mehr gehen“, oder ob du merkst: „Hier ist ein Weg, den ich sowieso laufe – ich könnte einen kleinen Bogen dranhängen.“ Der Auslöser ist dann nicht der nackte Vorsatz, sondern eine konkrete Situation: der Weg zur Arbeit, die Treppe im Haus, der Hund, der raus will, der Garten, der dich anschaut. In der Verhaltensforschung wird immer wieder deutlich, wie wichtig solche Kontexte und Hinweisreize sind: Sie sind deine persönliche Büffelherde. Wenn sie da ist, fällt Handeln leichter; wenn sie fehlt, bleibt der Vorsatz abstrakt.

    Übertragen auf Neujahr könnte man sagen: Viele Vorsätze scheitern, weil sie so tun, als gäbe es das ganze Jahr über gleich viele Büffel – also gleich gute Bedingungen. Die innere Stimme sagt: „Ich müsste einfach mehr Disziplin haben“, statt zu fragen: „In welchen Momenten meines Tages ist die Gelegenheit für eine kleine Bewegung, eine kleine Veränderung, ohnehin schon da?“ Wenn du beginnst, deine eigenen Büffelzüge wahrzunehmen – die Wege, die du sowieso gehst, die Routinen, die ohnehin stattfinden, die Phasen im Jahr, in denen sich etwas leichter anfühlt –, verändert sich der Charakter von Veränderung. Sie wird weniger zu einem jährlichen Großprojekt und mehr zu einem präzisen Reagieren auf Situationen, die etwas ermöglichen, was vorher nicht möglich war. Vielleicht hätte Douglas Adams genau das gefallen: dass der Weg zu mehr Lebendigkeit nicht in heroischen Vorsätzen liegt, sondern in der stillen Kunst, zu bemerken, wann die Herde gerade durch dein eigenes Leben zieht – und dann mitzugehen.

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    5. Außenreize statt Innenzwang

    Die Natur arbeitet von außen nach innen. Licht trifft auf die Netzhaut, Temperatur auf die Haut, Geräusche auf das Ohr, Gerüche auf die Schleimhäute – und erst dann beginnt im Inneren etwas zu schwingen. Unser Nervensystem ist darauf ausgelegt, auf Reize zu antworten, nicht auf abstrakte Befehle. Der Körper kennt „es ist hell“, „es ist kalt“, „da bewegt sich etwas“, „da ruft mich jemand“. Weniger vertraut ist ihm die reine Kopfansage: „Ab morgen bin ich ein disziplinierter Mensch.“ Wenn wir uns also wundern, dass sich Vorsätze nicht umsetzen, lohnt ein Blick darauf, wie wenig sie oft mit den tatsächlichen Reizen und Situationen unseres Alltags verknüpft sind (Wood & Neal 2007; Lally & Gardner 2013).

    In der Verhaltensforschung wird immer wieder beschrieben, dass Gewohnheiten vor allem dann stabil sind, wenn sie an konkrete Außenreize gekoppelt sind: an einen Ort, eine Tageszeit, einen Ablauf oder ein bestimmtes Objekt (Wood & Neal 2007). Statt „Ich mache jeden Tag Übungen“ funktioniert eher „Wenn ich morgens im Bad fertig bin, mache ich zwei einfache Bewegungen vor dem Waschbecken.“ Der Spiegel, das Waschbecken, die feste Reihenfolge – all das sind Hinweisreize, die das neue Verhalten tragen. Ähnlich in der Bewegungstherapie: Wer einen Spaziergang an eine sowieso vorhandene Hunderunde oder den Weg zum Bäcker hängt, braucht weniger Willenskraft, als wenn der Spaziergang jedes Mal neu „aus dem Nichts“ gestartet werden muss. Der Außenreiz öffnet die Tür, das Verhalten muss nicht mehr gegen den ganzen Tag ankämpfen (Wood & Neal 2012; Lally & Gardner 2013).

    Für Veränderungsprozesse heißt das: Statt sich innerlich noch mehr zu drängen, kann es hilfreicher sein, die Umgebung so zu gestalten, dass sie einlädt. Ein Stuhl, der zum Aufstehen und Hinsetzen in sicherer Höhe einlädt, eine Matte, die sichtbar im Raum liegt, Schuhe, die bereitstehen, Licht, das einen bestimmten Bereich attraktiv macht. In der therapeutischen Praxis geht es genau darum: Angebote zu schaffen, die im aktuellen Leben und im aktuellen Zustand realistisch sind – physisch, psychisch und geistig (Ng et al. 2012; Alageel et al. 2021). Dann wird aus „Ich zwinge mich zur Übung“ eher „In dieser Situation bietet es sich an, etwas Kleines zu tun“. Veränderung wird nicht mehr aus reinem Innenzwang herausgepresst, sondern entsteht aus einem Zusammenspiel von Innen und Außen, das sich stimmig anfühlt.

    Ganz konkret lebe ich das im eigenen Alltag so: Meine Yogamatte liegt nicht zusammengerollt im Schrank, sondern so, dass sie jederzeit bereit ist, benutzt zu werden – oft reicht dann ein kurzer Blick, und der Körper „sagt“ schon: Jetzt wäre ein Moment dafür. Die Laufschuhe stehen griffbereit an einem festen Platz und nicht tief versteckt hinter Winterjacken; sie erinnern mich beim Vorbeigehen fast von selbst daran, dass ein kleiner Lauf oder ein schneller Gang möglich wäre. Auch mein Werkzeug für die Gartenarbeit ist so verstaut, dass es zum Arbeiten einlädt, statt erst mühsam zusammengesucht werden zu müssen – wenn die Schaufel sichtbar ist, ist der Schritt nach draußen viel kleiner. Dieses Prinzip gebe ich meinen Patientinnen und Patienten weiter: Was sichtbar, erreichbar und im Alltag verankert ist, wird mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit tatsächlich getan und wiederholt, als das, was hinter Türen und „irgendwann“ verschwindet (Lally & Gardner 2013; Sheeran et al. 2018). So wird aus einem Vorsatz weniger ein innerer Befehl und mehr eine natürliche Antwort auf eine Umgebung, die mitarbeitet, statt im Weg zu stehen.

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    6. Warum „gute Vorsätze“ scheitern – und was besser funktioniert

    Wenn Menschen erzählen, dass ihre Neujahrsvorsätze „mal wieder“ gescheitert sind, klingt das oft so, als hätten sie persönlich versagt. Als wäre da irgendwo ein innerer Defekt: „Bei mir klappt es halt nie.“ In Wirklichkeit scheitern viele Vorsätze nicht an mangelndem Charakter, sondern an ihrer Bauart. Sie sind zu abstrakt („Ich will fitter werden“), zu weit weg vom wirklichen Alltag, zu sehr gegen gewachsene Gewohnheiten gerichtet und oft ohne emotionalen Kern. Sie sagen kaum etwas darüber, wie sich das neue Verhalten anfühlen soll, wo es im Tag seinen Platz findet und was es im Jetzt konkret bedeutet. Das Ziel steht hübsch am Horizont, der Weg dorthin bleibt neblig. Untersuchungen zu Neujahrsvorsätzen zeigen, dass reine Absichtserklärungen ohne Struktur, Kontext und emotionale Verankerung selten über die ersten Wochen hinaus Bestand haben (Norcross & Vangarelli 1988; Oscarsson et al. 2020).

    Ein weiterer Stolperstein: Viele Vorsätze sind „Weg‑von‑Projekte“. „Kein Zucker mehr“, „nicht mehr so viel sitzen“, „weniger Handy“. Die Forschung unterscheidet zwischen Zielen, die etwas vermeiden wollen, und solchen, die auf etwas zugehen – Annäherungsziele wie „mehr frisches Essen“, „jeden Tag ein bisschen Bewegung“, „eine Handy‑freie Stunde nur mit mir“ (Oscarsson et al. 2020). Annäherungsziele sind oft freundlicher zum Nervensystem, weil sie etwas Positives in Aussicht stellen, statt nur Verlust und Verzicht zu betonen. Kurz gesagt: „Weg von“ erzeugt eher Spannung und Mangel, „hin zu“ schafft eher Neugier und Sinn.

    Was besser funktioniert, ist meist weniger glanzvoll – dafür echter. Veränderungen, die sich an deiner wirklichen Lebensrealität orientieren, beginnen selten mit einem heroischen „ab jetzt immer“, sondern eher mit einem stillen „unter diesen Bedingungen wäre dieses kleine Mehr möglich“. Statt „dreimal pro Woche joggen“ vielleicht „jeden zweiten Tag zehn Minuten zügig gehen“ – auf einem Weg, den du sowieso kennst. Statt eine perfekte Ernährung auf einen Schlag umzubauen, vielleicht eine Mahlzeit am Tag so verändern, dass dein Körper hinterher spürbar aufatmet. Aus psychologischer Sicht geht es darum, Verhalten in kleine, erreichbare Schritte zu übersetzen, die zu deinen jetzigen Rhythmen, Vorlieben und Grenzen passen (Oscarsson et al. 2020). Und wieder gilt: nicht nur denken, sondern ausprobieren – tun, spüren, nachjustieren. So wird aus einem großen Vorsatz ein erfahrener Prozess, in dem dein Körper, deine Stimmung und dein Alltag mitreden dürfen. Und genau diese gelebten Erfahrungen verändern auf Dauer mehr als jede noch so schön formulierte Liste am 1. Januar.

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    7. Vom Müssen zum Wollen: Ein Perspektivwechsel

    Ein gutes Ziel fühlt sich nicht wie eine Drohung an, sondern wie eine leise Einladung. „Ich muss mich mehr bewegen“ klingt nach Druck – und dein Körper hört mit. Oft zieht sich innerlich sofort etwas zusammen. „Ich merke, dass mir Bewegung guttut“ hat einen ganz anderen Klang: Hier entsteht eine Verbindung zwischen Erfahrung und Wunsch. In der Motivationsforschung zeigt sich immer wieder, dass Verhalten stabiler wird, wenn es sich autonom und stimmig anfühlt, also aus einem inneren „Ja“ heraus entsteht und nicht aus Angst vor Schuld oder Versagen (Ryan & Deci 2000; Ng et al. 2012). Das ist kein psychologischer Luxus, sondern eine sehr praktische Grundlage, wenn etwas länger halten soll als ein paar Januarwochen.

    In der therapeutischen Arbeit bedeutet das für mich: Es geht nicht darum, Menschen „auf Linie zu bringen“, sondern gemeinsam mit ihnen zu spüren, wo heute – in diesem Körper, in dieser Lebenslage – ein kleines Wollen vorhanden ist. Vielleicht nicht für das große Trainingsprogramm, aber für einen kurzen Gang, eine einfache Übung im Sitzen, einen Moment bewusster Atmung. Vielleicht zeigt sich dieses Wollen erst im Tun: Wir probieren etwas Kleines, und danach schauen wir zusammen, wie es sich anfühlt. Es geht darum, Vorlieben auszubauen, statt Widerwillen zu überdecken. Wer gern draußen ist, beginnt eher mit einem Spaziergang als mit dem Laufband. Wer Musik liebt, findet vielleicht über Klang zurück in Bewegung. Wer sich gerade psychisch dünnhäutig fühlt, braucht eher sanfte, kurze Impulse als fordernde Programme. Studien zu person‑zentrierten Ansätzen und Selbstbestimmung zeigen, dass solche an den aktuellen Möglichkeiten orientierten Schritte häufiger umgesetzt und langfristig fortgeführt werden als starre Vorgaben (Lindelöf et al. 2019; Alageel et al. 2021).

    Wenn aus „Ich muss“ langsam „Ich darf“ und „Ich will ein bisschen ausprobieren“ wird, verändert sich auch die innere Beziehung zu dir selbst. Fehler oder Pausen werden dann nicht mehr automatisch als Scheitern gewertet, sondern als Teil eines Lernwegs. An die Stelle von Selbstvorwürfen kann eine freundlichere Frage treten: „Was war heute einfach zu viel? Und was wäre im nächsten Schritt milder für mich – und trotzdem in Richtung dessen, was mir wichtig ist?“ Auf dieser Ebene sind gute Vorsätze keine starren Gebote mehr, sondern Orientierungen, die immer wieder neu mit deinem wirklichen Leben abgeglichen werden. Aus Sicht moderner Gesundheitspsychologie sind es genau diese flexiblen, selbst mitgestalteten Wege, die am ehesten dazu führen, dass Veränderung bleibt – weil sie zu dem Menschen passt, der sie lebt (Ng et al. 2012).

    In meiner Arbeit ermutige ich Menschen oft zu einer einfachen inneren Messlatte: Wenn 70 bis 80 Prozent von einer Idee in die Umsetzung gehen, ist das bereits ein voller Erfolg. Unter Realitätsbedingungen – mit Schmerzen, Verpflichtungen, Müdigkeit, digitalen Reizen – ist es schlicht unwahrscheinlich, dauerhaft 100 Prozent zu schaffen. Sich für 70 oder 80 Prozent bewusst auf die Schulter zu klopfen, ist keine Ausrede, sondern eine Form von Ehrlichkeit und Selbstfürsorge. Alles darüber ist Bonus, nicht Pflicht.

    Ich freue mich zum Beispiel gerade selbst darüber, dass meine wöchentliche Bildschirmzeit am Smartphone bei etwa 20 Minuten liegt. Unter dieser Schwelle sind relevante Effekte auf Schlaf, Psyche, Aufmerksamkeit oder Herz‑Kreislauf nach aktuellem Wissensstand eher unwahrscheinlich; wichtiger sind dann meist andere Belastungsfaktoren im Alltag (Helsana 2023).

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    8. Einladung statt Belehrung

    Vielleicht ist es Zeit, das Prinzip „gute Vorsätze“ einmal auf den Kopf zu stellen: weg von der inneren Ansage, hin zu einer Einladung. Belehrung – von außen oder als strenge Stimme im eigenen Kopf – hinterlässt bei vielen Menschen eine Mischung aus Schuldgefühl und Widerstand. „Du solltest wirklich …“, „In deinem Alter müsstest du …“, „Ein verantwortungsvoller Mensch macht …“. Diese Sätze mögen sachlich nicht völlig falsch sein, aber sie gehen am Erleben vorbei. Sie sprechen den Kopf an, oft gegen den Körper. Eine Einladung funktioniert anders. Sie sagt: „Schau, hier gäbe es eine Möglichkeit. Probier aus, wie sie sich anfühlt.“ Das Ziel bleibt dasselbe – mehr Gesundheit, mehr Lebendigkeit, mehr Beweglichkeit –, aber der Weg wird anders betreten.

    In einem einladenden Ansatz stehen Wahrnehmung und Erfahrung im Vordergrund. Statt zu sagen „Du musst dreimal pro Woche üben“, könnte die Frage lauten: „An welchem Punkt deines Tages wäre ein kleiner Moment Bewegung denkbar, der dir eher guttut als dich überfordert?“ Statt „Ab sofort kein Zucker mehr“ eher: „Wie fühlt sich ein Tag an, an dem eine Mahlzeit frischer, bunter, lebendiger ist als sonst?“ Veränderung beginnt dann nicht mit einer Vorschrift, sondern mit einer konkreten Erfahrung im Möglichkeitsrahmen des Jetzt. Dieser Rahmen umfasst deinen Körper, deine Psyche und deine geistige Verfassung: Manchmal ist viel möglich, manchmal nur sehr wenig – aber fast immer gibt es irgendeine kleine Bewegung in Richtung dessen, was dir wichtig ist. In Therapie erlebe ich oft, wie entlastend es ist, wenn aus „Du musst“ ein „Wir schauen gemeinsam, was heute geht“ wird.

    Wenn wir Neujahr so denken, verändert sich der Ton: Weniger gute Vorsätze – mehr gute Impulse. Weniger Kontrolle – mehr Wahrnehmung. Weniger „Ich muss mich überwinden“ – mehr „Ich schaue, wo heute ein kleines Ja in mir ist.“ Aus therapeutischer Sicht ist das keine Verweichlichung, sondern eine sehr präzise Art zu arbeiten: Sie nimmt ernst, wie Menschen tatsächlich funktionieren, und baut Veränderung auf dem auf, was jetzt schon da ist, statt auf einem Idealbild, das irgendwann einmal vielleicht erreicht werden soll. Genau dort beginnt oft der Moment, in dem Verhalten sich nicht mehr wie Zwang anfühlt, sondern wie eine stimmige Antwort auf das eigene Leben – und in dem du dich mitgenommen fühlst, statt getrieben.

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    9. Eine Patientengeschichte: Vom großen Vorsatz zur kleinen Spur

    Nennen wir sie Anna, 54. Sie kommt im Dezember in die Praxis, der Rücken tut weh, die Schultern fühlen sich an wie Holz, der Schlaf ist flach. Irgendwann im Gespräch schaut sie kurz weg und sagt fast entschuldigend: „Ab Januar mache ich alles anders. Mehr Sport, gesünder essen, abends kein Handy mehr.“ In ihrer Stimme liegen gleichzeitig Entschlossenheit und Erschöpfung. Der Vorsatz steht wie ein großes Leuchtschild vor ihr – aber ihr wirklicher Alltag, so wie sie ihn gerade lebt, kommt darin kaum vor.

    An diesem Punkt geht es für mich nicht darum, den Vorsatz noch größer zu machen. Stattdessen schauen wir gemeinsam genauer hin. Wie sieht ein normaler Tag bei ihr aus? Wann steht sie auf, wie lange sitzt sie, wo sind Wege, wo sind kleine Pausen, wo sind die Momente, in denen alles zu viel wird? Dabei zeigt sich: Morgens ist sie müde, mittags steht sie unter Druck, abends ist sie ausgelaugt. Ein dreimaliges Trainingsprogramm pro Woche würde sich auf diese Struktur anfühlen wie ein weiterer schwerer Stein im Rucksack. Also lassen wir das große „Ab Januar alles anders“ erstmal stehen wie eine Idee im Hintergrund und stellen eine andere Frage: „Wo wäre in deinem jetzigen Tagesablauf ein Moment, der dich nicht noch mehr fordert, sondern eher ein kleines bisschen gut tut?“

    Anna denkt nach und sagt dann: „Vielleicht, wenn ich vor der Haustür ankomme, bevor ich reingehe. Da stehe ich sowieso kurz.“ Genau dort setzen wir an. Wir vereinbaren kein „Sportprogramm“, sondern ein Mikro‑Ritual: Jedes Mal, wenn sie abends vor der Haustür steht, bleibt sie einen Moment stehen, atmet ein‑, zwei‑, dreimal bewusst ein und aus und macht dann zwei, drei einfache Bewegungen, die wir gemeinsam ausprobieren – Schultern lösen, Wirbelsäule sanft aufrichten, einmal bewusst auf die Füße spüren. Das Ganze dauert weniger als eine Minute. Es passt in ihren Möglichkeitsrahmen: Sie ist ohnehin an diesem Ort, sie muss nichts extra organisieren, sie muss sich nicht überwinden, noch einmal rauszugehen. Es ist kein heroischer Plan, aber es ist real. Und es ist ihrer.

    Nach einigen Wochen erzählt Anna, dass dieses kleine Ritual zu einem inneren Anker geworden ist. An manchen Tagen bleibt es bei diesen wenigen Bewegungen – und das ist völlig in Ordnung. An anderen Tagen merkt sie plötzlich: „Eigentlich könnte ich auch noch einmal um den Block gehen.“ Nicht, weil sie es sich vorher streng vorgenommen hat, sondern weil aus der Erfahrung heraus – dem Gefühl von etwas mehr Raum im Körper, ein wenig mehr Atmen – ein kleiner Impuls entsteht. Sie beginnt, sich im Tun zu spüren, statt sich nur im Kopf zu bewerten. Aus dem großen, abstrakten Neujahrsvorsatz ist ein konkreter, alltagsnaher Einstiegsimpuls geworden, der sich in ihrem wirklichen Leben halten lässt. So beginnt Veränderung oft: nicht mit einem lauten Startschuss, sondern mit einer leisen Spur, die immer wieder begangen werden darf – Schritt für Schritt, im eigenen Tempo.

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    Veränderung im Alltag beginnt oft als winzige Pause im bestehenden Tagesablauf – ein Moment zum Aufatmen, der wirklich in das jetzige Leben passt.

    10. Wie Veränderung im Alltag konkret beginnt

    Wenn man all diese Fäden zusammenzieht – Evolution, Rhythmen, Hinweisreize, Motivation, Patientengeschichten –, dann landet man bei etwas erstaunlich Einfachem: Veränderung beginnt dort, wo ein konkreter, kleiner Schritt in das Leben passt, das heute tatsächlich gelebt wird, und nicht in das Idealbild von „ab morgen“. Statt einen fertigen Plan über den Alltag zu stülpen, geht es darum, den Möglichkeitsrahmen des Jetzt genau anzuschauen: Wie geht es dem Körper gerade? Wie belastbar ist die Psyche? Wie voll ist der Tag, welche Verpflichtungen, welche Freiräume gibt es? Aus therapeutischer Sicht ist das kein „Kleinreden“, sondern eine Form von Präzision: Nur was in diesen Rahmen passt, hat eine realistische Chance, nicht nur einmal, sondern immer wieder umgesetzt zu werden.

    Wenn du ein Gefühl dafür bekommen möchtest, wie eine realistische Erfolgsquote in der Trainingsumsetzung aussehen kann – gerade mit Alltag, Alter und Gesundheit im Gepäck –, dann könnte dieses Video hilfreich für dich sein. Es knüpft an die Gedanken in diesem Artikel an und übersetzt sie in konkrete Beispiele aus dem Training.

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    In der Arbeit mit Patientinnen und Patienten bedeutet das, sehr konkret zu werden. Nicht „Sie sollten mehr Bewegung in Ihren Alltag bringen“, sondern: „An welcher Stelle Ihres Tages könnten zwei Minuten stehen oder gehen gut hineinpassen, ohne Sie zu überfordern?“ Nicht „Ab jetzt jeden Abend Entspannungsübungen“, sondern: „Gibt es einen Moment, an dem Sie ohnehin kurz allein sind – im Bad, im Flur, am Fenster – und an den wir eine kleine Übung koppeln könnten?“ Gleichzeitig werden Vorlieben ausdrücklich einbezogen: Wer Wasser liebt, beginnt vielleicht eher im Thermalbad als im Fitnessstudio. Wer Gärten mag, findet eher Zugang über einfache Gartenarbeit als über abstrakte Kräftigungsprogramme. Wer sich von Musik berühren lässt, lässt vielleicht zuerst Klang sprechen, bevor der Körper sich stärker bewegt. So wird aus dem abstrakten Wunsch „ich müsste“ ein konkretes „so könnte es für mich gehen“.

    Entscheidend ist dabei, Widerwillen nicht als Feind zu behandeln, den man brechen muss, sondern als Information: Wenn ein Vorschlag innerlich ein klares Nein auslöst, ist er für diesen Menschen in dieser Lebenslage im Moment nicht passend. Dann ist es hilfreicher, weiter zu suchen, zu verfeinern, kleiner zu werden, statt die Dosis Zwang zu erhöhen. Veränderung, die sich dauerhaft halten soll, entsteht an der Schnittstelle zwischen innerem Ja, äußeren Gelegenheiten und realistischer Belastbarkeit. Genau dort, im Möglichkeitsrahmen des Jetzt, liegen die guten Impulse, aus denen nach und nach etwas wachsen kann, das sich nicht wie ein Neujahrsvorsatz anfühlt – sondern wie ein Leben, das ein wenig mehr in die Richtung rückt, die wirklich gemeint ist.

    Vielleicht ist Neujahr gar nicht der Moment, an dem du „ein anderer Mensch“ werden musst, sondern eine leise Umarmung: Du darfst genau der Mensch sein, der du jetzt bist – und dir zugleich ein bisschen mehr Gutes gönnen. Dein Körper, dein Herz, dein Nervensystem wünschen sich nicht Optimierung, sondern Wärme, Entlastung, Spielraum. Sie kennen keine Stichtage, nur Augenblicke, in denen etwas weicher werden darf: ein Muskel, ein Atemzug, ein Gedanke über dich, der weniger hart ist.

    Stell dir vor, der Jahreswechsel wäre kein Tribunal, sondern eine Einladung: Du darfst lebendiger werden, ohne mehr leisten zu müssen. Du darfst dich häufiger freundlich anschauen, statt dich innerlich zu ermahnen. Du darfst Pausen machen, ohne sie dir erst zu verdienen. Vielleicht ist der wichtigste Schritt dieses Jahr nicht „mehr Disziplin“, sondern ein kleines inneres „Ja“ zu dir: Ja, ich darf müde sein. Ja, ich darf langsamer machen. Ja, ich darf spüren, was mir gut tut – und dem ein bisschen mehr Platz geben.

    In dieser Haltung werden gute Impulse zu etwas sehr Zärtlichem: Die Yogamatte, die du liegen lässt, ist keine Anklage, sondern eine weiche Einladung an deinen Körper: „Wenn du magst, bewegen wir uns gleich ein bisschen.“ Die Tasse Tee am Nachmittag ist kein Luxus, sondern ein stilles Zeichen: „Ich bin es wert, kurz zur Ruhe zu kommen.“ Der etwas verlängerte Weg oder die eine Mahlzeit, nach der dein Körper ein bisschen aufatmet, sind kleine Botschaften an dich: „Ich kümmere mich um dich.“ Veränderung fühlt sich dann nicht mehr wie Druck an, sondern wie ein wohliges Heimkommen zu dir selbst.

    So darf dieses Neujahr sich eher anfühlen wie eine Decke, die du dir um die Schultern legst, als wie ein Vertrag, den du unterschreiben musst. Du musst nichts beweisen. Du darfst Schritt für Schritt herausfinden, was dir gut tut – im Rahmen deines echten Lebens, mit all seinen Verpflichtungen, Eigenheiten und auch Begrenzungen. Wenn du dir einen Satz mitnehmen möchtest, dann vielleicht diesen: Du darfst in diesem Jahr milder mit dir sein. Aus dieser Milde wachsen oft ganz von selbst die Bewegungen, die dich freier, lebendiger und entspannter machen.

  • Bewegung, Alltag, Lebensqualität: Geriatrische Befunde als Schlüssel zum Erfolg

    Bewegung, Alltag, Lebensqualität: Geriatrische Befunde als Schlüssel zum Erfolg

    Was macht geriatrische Befunde so besonders?

    Geriatrische Befunde sind weit mehr als eine reine medizinische Dokumentation. Sie erfassen nicht nur die körperlichen und geistigen Funktionen, sondern rücken vor allem die Alltagsrelevanz und die individuelle Lebensqualität der Patient:innen ins Zentrum. Dadurch ermöglichen sie eine ganzheitliche Betrachtung des Gesundheitszustands und unterstützen gezielt die Selbstständigkeit im Alter1.

    Hinweis zu meinen Artikeln:

    Meine Artikel für Dich sind keine schnellen und oberflächlichen Nachrichten. Statt eines kurzen Tweets oder eines kurzen Statusupdate erhälst Du bei mir einen ganzen Artikel mit viel Detailinformationen. Zudem gibt es bei gesundheitlichen Problemen selten eine einfache und schnelle Lösung. Der menschliche Organismus ist hochkomplex und da ist schon die Reduktion in einzelne Artikel schwierig.
    Wie auch in meinen Artikeln so ist auch meine Therapie. Ich nehme mir Zeit für die Befundung, die Therapie, die Übungen, die Alltags- und Gebrauchsbewegungen und selbstverständlich auch die methodische und didaktische Vermittlung. Meine PatientInnen schätzen genau das: Sehr genau und ganz exakt, dabei sanft und immer herzlich, ganz nach meinem Motto in der Therapie: „Fühle Dein Wesen in Bewegung und erlebe Dein Sein in der Therapie“.

    Einige Bilder sind mit AI erstellt. Ich möchte den Text illustrieren, aber ich schätze die Privatsphäre von Bewohnern und Mitarbeitern.

    Inhaltsverzeichnis

    Beispiel 1: Frau Schmidt – Wie Alltagsrelevanz sichtbar wird

    Bewegung, Alltag, Lebensqualität: Geriatrische Befunde als Schlüssel zum Erfolg 10

    Frau Schmidt, 82 Jahre, lebt allein und hat nach einem Sturz Schwierigkeiten, sich sicher in ihrer Wohnung zu bewegen. Während ein klassischer medizinischer Befund sich auf die Diagnose „Hüftfraktur nach Sturz“ beschränkt, prüft der geriatrische Befund, ob Frau Schmidt noch selbstständig einkaufen, kochen oder duschen kann – und wie ihr soziales Umfeld sie unterstützt. So wird gemeinsam mit ihr und ihren Angehörigen ein Plan entwickelt, wie sie trotz Einschränkungen weiterhin möglichst selbstbestimmt leben kann1.

    Beispiel 2: Herr Meier – Kognition und Alltagskompetenz im Fokus

    Herr Meier, 78 Jahre, leidet an Diabetes und leichter Demenz. Während der klassische Befund die Blutzuckerwerte und die kognitive Einschränkung dokumentiert, fragt der geriatrische Befund nach, wie Herr Meier seinen Alltag meistert. Kann er seine Medikamente selbst einnehmen? Findet er sich in seiner Umgebung zurecht? Wer unterstützt ihn bei Arztbesuchen? Diese Fragen helfen, gezielt Unterstützung zu organisieren und die Lebensqualität zu erhalten1.

    Negativbeispiel: Was passiert, wenn nicht richtig befundet wird?

    Herr Müller, 85 Jahre, wird nach einem leichten Sturz im Krankenhaus behandelt. Die medizinische Diagnose lautet „Prellung“, eine geriatrische Befunderhebung findet nicht statt. Nach der Entlassung wird Herr Müller allein gelassen. Seine zunehmenden Schwierigkeiten beim Gehen, die Angst vor weiteren Stürzen und die Einsamkeit in seiner Wohnung bleiben unerkannt. Die Folge: Er zieht sich immer mehr zurück, verliert die Freude am Leben und wird schließlich pflegebedürftig. Hätte ein geriatrischer Befund die Alltagsrelevanz und die psychosozialen Aspekte erfasst, hätte gezielte Unterstützung und Prävention helfen können, seine Selbstständigkeit und Lebensqualität zu erhalten1.

    Bewegung, Alltag, Lebensqualität: Geriatrische Befunde als Schlüssel zum Erfolg 11
    Fall Risk
    Das Risiko für Stürze wird frühzeitig erkannt und gezielt reduziert.
    Need for Care
    Pflegebedarf kann rechtzeitig eingeschätzt und passende Maßnahmen eingeleitet werden.
    Social Isolation
    Soziale Isolation wird erkannt, um Teilhabe und Lebensqualität zu fördern.
    Cognitive Impairment
    Kognitive Einschränkungen werden diagnostiziert, um gezielte Förderung und Therapie zu ermöglichen.
    Multimorbidity
    Das gleichzeitige Vorliegen mehrerer Erkrankungen wird umfassend erfasst und berücksichtigt.
    Depression
    Psychische Belastungen wie Depressionen werden frühzeitig erkannt und behandelt.
    Medication Issues
    Probleme mit Medikamenten, wie Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen, werden identifiziert und behoben.
    Mobility Limitations
    Einschränkungen der Mobilität werden erkannt, um gezielt gegenzusteuern.
    Nutritional Problems
    Ernährungsprobleme werden aufgedeckt, um Mangelernährung vorzubeugen.

    Warum geriatrische Befunde unverzichtbar sind

    Geriatrische Befunde schaffen eine Brücke zwischen medizinischer Diagnostik und dem tatsächlichen Leben der Patient:innen. Sie machen den Unterschied zwischen bloßer Behandlung und echter Lebenshilfe. Die frühe Erkennung von Risiken und die gezielte Förderung der Selbstständigkeit helfen, Stürze, Pflegebedarf und soziale Isolation zu vermeiden1.

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    Geriatrische vs. klassische Befunde: Wo liegen die Unterschiede?

    Während klassische medizinische Befunde sich meist auf die Diagnose und Behandlung einzelner Erkrankungen konzentrieren, berücksichtige ich als Geriater die Multimorbidität und die komplexen Wechselwirkungen verschiedener Gesundheitsprobleme im Alter. Ich analysiere, wie sich diese auf Selbstständigkeit, Mobilität und die Teilhabe am sozialen Leben auswirken1.

    Ganzheitlichkeit ist Pflicht, nicht Kür

    Eigentlich sollte jeder Befund – egal in welchem Fachgebiet – den ganzen Menschen im Blick haben. Gerade in der Geriatrie ist das unverzichtbar: Hier mischen sich mein Fachwissen, jahrelange Erfahrung und die Fähigkeit, auch die leisen Zwischentöne wahrzunehmen. Am Anfang arbeitete ich mit Zetteln und Checklisten, doch mit der Zeit wurde mir klar: Das genaue Hinsehen und Zuhören sind elementar. Oft sind es kleine Hinweise im Gespräch oder im Verhalten, die entscheidende Informationen liefern.

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    Spannender Fakt: Die „sechs geriatrischen Is“

    Wussten Sie, dass es in der Geriatrie die sogenannten „sechs Is“ gibt? Sie helfen mir, nichts Wichtiges zu übersehen und das Leben meiner Patient:innen wirklich ganzheitlich zu erfassen. Jeder dieser Begriffe steht für eine der häufigsten und wichtigsten Einschränkungen im Alter2:

    Immobilität

    Ich prüfe, ob meine Patient:innen sich noch selbstständig bewegen können oder auf Hilfsmittel angewiesen sind. Immobilität erhöht das Risiko für Stürze, Thrombosen und den Verlust der Selbstständigkeit2.

    Instabilität

    Instabilität meint Unsicherheit beim Stehen oder Gehen. Sie ist ein Warnsignal für Sturzgefahr und kann viele Ursachen haben, etwa Muskelschwäche, Gleichgewichtsstörungen oder Nebenwirkungen von Medikamenten2.

    Inkontinenz

    Viele ältere Menschen verlieren die Kontrolle über Blase oder Darm. Das ist nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein psychisches Problem, das zur sozialen Isolation führen kann2.

    Intellektueller Abbau

    Damit ist die Verschlechterung der geistigen Fähigkeiten gemeint, etwa durch Demenz. Ich achte auf Gedächtnis, Orientierung und Konzentration – denn kognitive Einschränkungen wirken sich massiv auf den Alltag aus2.

    Insomnie

    Insomnie ist der medizinische Begriff für Schlaflosigkeit oder Schlafstörungen. Sie äußert sich durch Probleme beim Ein- oder Durchschlafen und kann zu Tagesmüdigkeit, Konzentrationsstörungen und Depressionen führen. Chronische Insomnie erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und beeinträchtigt die Lebensqualität erheblich3.

    Iatrogene Probleme

    Als iatrogen werden gesundheitliche Probleme bezeichnet, die durch medizinische Maßnahmen entstehen – zum Beispiel Nebenwirkungen von Medikamenten oder Komplikationen nach ärztlichen Eingriffen. Besonders im Alter ist die Gefahr für solche Komplikationen erhöht, etwa durch Wechselwirkungen vieler Medikamente oder Dosierungsfehler4.

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    Wissenschaftlicher Beweis für den Mehrwert

    Bereits in den 1980er Jahren zeigte eine große Studie von Rubenstein et al., dass das geriatrische Assessment – also die ganzheitliche, strukturierte Befunderhebung – die Lebensqualität und die medizinische Versorgung älterer Menschen signifikant verbessert5. Moderne Leitlinien fordern deshalb ausdrücklich einen mehrdimensionalen, interdisziplinären Ansatz1. Die Wissenschaft bestätigt also, was ich in der Praxis täglich erlebe: Nur ein umfassender Blick auf Körper, Geist, Psyche und soziales Umfeld ermöglicht wirklich gute Therapieentscheidungen.

    Praxisbeispiel: Der Unterschied im Alltag

    Herr Weber, 79, kommt wegen Rückenschmerzen in die Praxis. Ein klassischer Befund würde sich auf die Wirbelsäule und die Schmerzskala konzentrieren. Das geriatrische Assessment geht weiter: Ich frage nach Sturzrisiko, Medikamenten, Schlaf, Stimmung, Ernährung und sozialer Einbindung. So stellt sich heraus, dass Herr Weber nachts schlecht schläft, tagsüber müde ist und deshalb unsicher auf den Beinen steht. Erst die Gesamtschau ermöglicht eine gezielte, nachhaltige Behandlung – und verhindert womöglich den nächsten Sturz.

    Negativbeispiel: Wenn Ganzheitlichkeit fehlt

    Frau Berger, 84, wird nach einem Sturz ins Krankenhaus eingeliefert. Die Diagnose lautet „Oberschenkelhalsfraktur“, die Operation verläuft erfolgreich. Doch niemand fragt, warum sie gestürzt ist, ob sie zu Hause Unterstützung hat oder wie es um ihre Ernährung und ihr Gedächtnis steht. Nach der Entlassung bleibt sie allein, baut körperlich ab und wird innerhalb weniger Monate pflegebedürftig. Ein ganzheitlicher geriatrischer Befund hätte hier frühzeitig Risiken erkannt und gezielte Hilfen ermöglicht1.

    Fazit: Hinsehen und Hinhören sind elementar

    Die beste Checkliste ersetzt nicht das offene Gespräch, das genaue Beobachten und das Zusammenspiel von Erfahrung und Fachwissen. Geriatrische Befunde sind dann am wertvollsten, wenn sie das ganze Leben eines Menschen im Blick behalten – und nicht nur einzelne Diagnosen abhaken. Genau das macht den Unterschied für die Lebensqualität im Alter aus1.

    Bewegung, Alltag, Lebensqualität: Geriatrische Befunde als Schlüssel zum Erfolg 15

    Multimorbidität verstehen: Warum Alltag und Alter untrennbar sind

    Im Alter treten häufig mehrere Erkrankungen gleichzeitig auf. Multimorbidität bedeutet das gleichzeitige Vorhandensein mehrerer chronischer Erkrankungen, die sich gegenseitig beeinflussen und komplexe Auswirkungen auf den Alltag haben6. Die Herausforderung besteht darin, die Auswirkungen dieser Erkrankungen auf die Aktivitäten des täglichen Lebens zu erkennen und gezielt zu adressieren. Nur so kann die Lebensqualität erhalten und die Selbstständigkeit gefördert werden.

    Auswirkungen auf den Alltag

    Multimorbidität führt zu Einschränkungen bei einfachen und komplexen Aktivitäten des täglichen Lebens, wie Körperpflege, Kochen, Einkaufen und sozialer Teilhabe. Die Betroffenen müssen viele gesundheitliche Aktivitäten in ihren Alltag integrieren, etwa die Einnahme mehrerer Medikamente, regelmäßige Messungen und Arztbesuche, was eine hohe organisatorische und psychische Belastung darstellt7.

    Erhöhte Risiken durch Multimorbidität

    Die gleichzeitige Präsenz mehrerer Erkrankungen erhöht das Risiko für Komplikationen, Pflegebedarf und soziale Isolation. Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Medikamenten und Erkrankungen können zu Behandlungsfehlern und Komplikationen führen, die die Gesundheit weiter beeinträchtigen7. Übersehene Begleitprobleme führen häufig zu Krankenhauseinweisungen oder verlängern stationäre Aufenthalte8.

    Die Bedeutung des geriatrischen Assessments

    Ein geriatrisches Assessment identifiziert frühzeitig Risikofaktoren und ermöglicht gezielte Interventionen, die auf die individuellen Bedürfnisse der Patient:innen abgestimmt sind. Es unterstützt die Koordination der komplexen Versorgung und trägt dazu bei, die Funktionsfähigkeit und Lebensqualität zu erhalten8.

    Wissenschaftliche Evidenz

    Studien zeigen, dass eine Behandlung, die auf einem Comprehensive Geriatric Assessment (CGA) basiert, die Funktionsfähigkeit älterer Menschen erhält und die Komplikationsrate senkt. Dies führt zu einer verbesserten Versorgung und einem längeren Erhalt der Selbstständigkeit5.

    Praxisbezug und interdisziplinäre Versorgung

    Multimorbide Patient:innen benötigen eine koordinierte, interdisziplinäre Versorgung, die ihre komplexen Bedürfnisse berücksichtigt. Dies umfasst die Zusammenarbeit von Hausärzt:innen, Fachärzt:innen, Therapeut:innen und Pflegekräften, um eine ganzheitliche Betreuung sicherzustellen6.

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    Physiotherapie für Senior:innen: Was wird untersucht?

    Physiotherapie für ältere Menschen ist weit mehr als nur Bewegungstraining – sie ist ein Schlüssel zu Selbstständigkeit, Lebensfreude und Sicherheit im Alltag. Im Zentrum der physiotherapeutischen Befunderhebung stehen die körperlichen Funktionen wie Mobilität, Kraft, Gleichgewicht und Schmerz. Ziel ist es, die Bewegungsfähigkeit zu erhalten oder zu verbessern und Stürze zu vermeiden9.

    Die motorischen Beanspruchungsformen – ein ganzheitlicher Blick

    In der Physiotherapie werden alle motorischen Fähigkeiten betrachtet, die für die Alltagsbewältigung entscheidend sind:

    • Kraft: Essenziell für Aufstehen, Gehen, Tragen und Treppensteigen. Krafttraining beugt Muskelschwund (Sarkopenie) vor und stabilisiert die Gelenke10.
    • Beweglichkeit: Ermöglicht große, schmerzfreie Bewegungsradien. Dehnübungen und Mobilisationstechniken erhalten die Gelenkfunktion und verhindern Bewegungseinschränkungen10.
    • Gleichgewicht: Eine gute Balance schützt vor Stürzen und gibt Sicherheit im Alltag. Gleichgewichtsübungen trainieren das Zusammenspiel von Muskeln, Nerven und Sinnen10.
    • Koordination: Wichtig für komplexe Bewegungen wie Gehen auf unebenem Boden oder das Anziehen. Koordinationsübungen fördern das Zusammenspiel verschiedener Muskelgruppen11.
    • Ausdauer: Unterstützt Herz und Kreislauf, ermöglicht längere Spaziergänge und fördert die allgemeine Belastbarkeit10.
    • Schnelligkeit: Auch im Alter wichtig, etwa um auf Stolperfallen oder Gleichgewichtsstörungen schnell reagieren zu können11.
    • Zeit- und Raumorientierung: Wer sich sicher im eigenen Zuhause und in der Umgebung bewegen kann und weiß, wann und wohin er gehen muss, bleibt länger selbstständig. Die Orientierung ist ein oft unterschätzter, aber zentraler Aspekt der Mobilität im Alter12.
    Bewegung, Alltag, Lebensqualität: Geriatrische Befunde als Schlüssel zum Erfolg 17

    Standardisierte Tests: Objektive Messung für mehr Sicherheit

    Um Fortschritte und Risiken gezielt zu erfassen, kommen in der Geriatrie bewährte Tests zum Einsatz:

    Tinetti-Test

    Der Tinetti-Test prüft Gleichgewicht und Gang in zwei Teilen: Teil 1 bewertet das Gleichgewicht beim Sitzen, Aufstehen, Stehen (auch mit geschlossenen Augen), Drehen und bei kleinen Stößen gegen den Oberkörper. Teil 2 analysiert das Gangbild, darunter Schrittlänge, -symmetrie, -höhe und Rumpfstabilität. Die maximale Punktzahl beträgt 28; je niedriger das Ergebnis, desto höher das Sturzrisiko. Der Test dauert meist weniger als fünf Minuten und ist wissenschaftlich validiert für die Sturzprognose im Alter13.

    Timed Up and Go Test (TUG)

    Beim TUG sitzt die Person auf einem Stuhl, steht auf, geht drei Meter, wendet und setzt sich wieder. Die Zeit wird gemessen: Unter 10 Sekunden gilt als normal, ab 20 Sekunden besteht eine relevante Mobilitätseinschränkung. Der Test bewertet nicht nur Mobilität, sondern auch Kraft, Gleichgewicht, Koordination und Orientierung im Raum. Er ist einfach, schnell und praxistauglich – und gibt einen sehr guten Hinweis auf die Alltagsmobilität13.

    Weitere Assessments

    Ergänzend werden der Romberg-Test (Gleichgewicht mit geschlossenen Augen), Handkraftmessungen (zur Früherkennung von Muskelschwäche) oder Ausdauertests wie der 6-Minuten-Gehtest eingesetzt10.

    Technologische Innovationen: Sensoren für die Zukunft

    Moderne Sensoren und Wearables revolutionieren die Diagnostik: Sie messen Bewegungsabläufe, Gleichgewicht und Kraft im Alltag – nicht nur in der Praxis. Sensorsohlen erfassen beispielsweise Druck- und Temperaturveränderungen an den Füßen und können drohende Komplikationen frühzeitig anzeigen. KI-basierte Wearables überwachen Bewegungsmuster und warnen bei Sturzgefahr oder Thromboserisiko14. So werden Therapie und Prävention noch individueller und sicherer.

    Warum Ganzheitlichkeit zählt – und Freude macht

    Die physiotherapeutische Befunderhebung ist wie eine kleine Entdeckungsreise: Sie beleuchtet nicht nur die körperlichen Fähigkeiten, sondern auch die Persönlichkeit, die Alltagsgewohnheiten und die Lebensfreude der Patient:innen. Wer regelmäßig an individuell angepassten Programmen teilnimmt, bleibt länger selbstständig, leidet seltener an Schmerzen und gewinnt an Lebensqualität. Die beste Physiotherapie ist immer ganzheitlich, individuell – und manchmal auch überraschend kreativ10.

    Bewegung, Alltag, Lebensqualität: Geriatrische Befunde als Schlüssel zum Erfolg 18

    Die geriatrische Anamnese: Was ist wichtig?

    Die Anamnese ist das Herzstück jeder geriatrischen Untersuchung. Sie geht weit über das bloße Erfassen von Symptomen hinaus: Sie umfasst die individuellen Beschwerden, die aktuelle Lebenssituation, die Ressourcen und Wünsche der Patient:innen sowie deren funktionellen, kognitiven und psychosozialen Status15. Eine sorgfältige Anamnese ist die Grundlage für eine gezielte Therapieplanung und ermöglicht eine individuelle Betreuung, die auf die Bedürfnisse und Möglichkeiten älterer Menschen abgestimmt ist16.

    Was wird in der geriatrischen Anamnese erfasst?

    • Medizinische Vorgeschichte: Frühere und aktuelle Erkrankungen, Operationen, Impfstatus und relevante Behandlungen werden erfragt. Auch seltene oder veraltete Therapieformen sowie Nebenwirkungen werden berücksichtigt17.
    • Medikamentenanamnese: Alle aktuell und früher eingenommenen Medikamente, inklusive Selbstmedikation und Nahrungsergänzungsmittel, werden dokumentiert. Wechselwirkungen und Nebenwirkungen sind häufige Probleme im Alter17.
    • Funktioneller Status: Wie selbstständig ist die Person im Alltag? Kann sie sich waschen, anziehen, essen, einkaufen oder telefonieren? Hier kommen Instrumente wie der Barthel-Index oder der Timed Up and Go Test zum Einsatz16.
    • Kognitive und emotionale Situation: Gedächtnis, Orientierung, Stimmung und Motivation werden erfasst, z.B. mit dem Mini-Mental State Test oder der Geriatrischen Depressionsskala16.
    • Sozialanamnese: Wohnsituation, soziale Kontakte, familiäre Unterstützung, finanzielle Ressourcen und Zugang zu Hilfsmitteln oder Pflege werden besprochen17.
    • Ressourcen und Wünsche: Welche Stärken, Interessen und Ziele hat die Person? Was ist ihr im Alltag besonders wichtig? Diese Fragen helfen, Therapieziele individuell zu setzen und die Lebensqualität zu fördern16.

    Fallbeispiel 1: Der entscheidende Hinweis

    Frau L., 84 Jahre, berichtet über zunehmende Schwäche. Im Gespräch stellt sich heraus, dass sie seit dem Tod ihres Mannes kaum noch isst und sich sozial zurückgezogen hat. Die Anamnese deckt eine depressive Verstimmung und Mangelernährung auf – beides wäre ohne gezieltes Nachfragen leicht übersehen worden. Erst durch die ganzheitliche Anamnese kann ein passender Therapieplan entwickelt werden, der Ernährung, Bewegung und soziale Teilhabe fördert16.

    Fallbeispiel 2: Ressourcen erkennen und nutzen

    Herr K., 79 Jahre, lebt allein, ist aber noch sehr aktiv im Garten. Die Anamnese zeigt: Trotz einer Herzerkrankung kann er viele Alltagsaktivitäten selbstständig bewältigen, braucht aber Unterstützung bei der Medikamenteneinnahme und gelegentlich beim Einkaufen. Die gezielte Erfassung seiner Ressourcen ermöglicht eine maßgeschneiderte Betreuung, die seine Selbstständigkeit erhält und Überforderung vermeidet16.

    Wissenschaftliche Evidenz und Empfehlungen

    Studien und Leitlinien belegen: Eine strukturierte, multidimensionale Anamnese ist essenziell für die erfolgreiche geriatrische Versorgung. Sie bildet die Basis für das Comprehensive Geriatric Assessment (CGA), das medizinische, funktionelle, kognitive und psychosoziale Aspekte systematisch erfasst und als Grundlage für Therapie und Prognose dient18. Nur durch diese umfassende Herangehensweise können Risiken frühzeitig erkannt, Ressourcen gestärkt und die Lebensqualität älterer Menschen nachhaltig verbessert werden15.

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    Mobilität, Kraft, Gleichgewicht & Schmerz: Was wird gemessen?

    Mobilität, Muskelkraft, Gleichgewicht und Schmerz sind zentrale Parameter im geriatrischen Befund. Sie geben Aufschluss über die Selbstständigkeit, das Sturzrisiko und die Lebensqualität älterer Menschen. Um diese Faktoren objektiv zu erfassen und den Therapieerfolg zu dokumentieren, werden wissenschaftlich validierte und standardisierte Tests eingesetzt19. Die Auswahl der Tests richtet sich nach den individuellen Fähigkeiten und Einschränkungen der Patient:innen – so entsteht ein ganzheitliches Bild, das weit über eine reine Symptombeschreibung hinausgeht.

    Mobilität: Mehr als nur Gehen

    Die Mobilität umfasst alle Fähigkeiten, sich sicher und selbstständig fortzubewegen. Sie ist Voraussetzung für die Teilhabe am Alltag und für die Vermeidung von Pflegebedürftigkeit. Standardisierte Mobilitätstests wie der Tinetti-Test und der Timed Up and Go Test sind in der Geriatrie etabliert20.

    Tinetti-Test

    Der Tinetti-Test (Performance Oriented Mobility Assessment) prüft in zwei Teilen das Gleichgewicht (z. B. beim Sitzen, Aufstehen, Stehen, Drehen) und das Gangbild (Schrittlänge, Symmetrie, Wegabweichung, Rumpfstabilität). Die maximale Punktzahl beträgt 28; je niedriger das Ergebnis, desto höher das Sturzrisiko. Der Test ist wissenschaftlich validiert und dauert meist weniger als fünf Minuten21.

    Timed Up and Go Test (TUG)

    Beim TUG sitzt die Person auf einem Stuhl, steht auf, geht drei Meter, wendet und setzt sich wieder. Die Zeit wird gemessen: Unter 10 Sekunden gilt als normal, ab 20 Sekunden besteht eine relevante Mobilitätseinschränkung. Der Test ist einfach, schnell und gibt einen sehr guten Hinweis auf die Alltagsmobilität und das Zusammenspiel von Kraft, Gleichgewicht, Koordination und Orientierung21.

    Kraft: Grundlage für Selbstständigkeit

    Muskelkraft ist entscheidend für Aufstehen, Gehen, Tragen und Treppensteigen. Die Handkraftmessung ist ein bewährter Test zur Früherkennung von Muskelschwäche (Sarkopenie), die mit erhöhter Gebrechlichkeit und Sturzgefahr einhergeht22.

    Gleichgewicht: Balance als Lebensversicherung

    Gleichgewichtsübungen und -tests (z. B. Tandemstand, Romberg-Test) geben Hinweise auf das Sturzrisiko. Schon kleine Defizite können im Alltag gravierende Folgen haben – deshalb wird das Gleichgewicht regelmäßig überprüft und gezielt trainiert19.

    Schmerz: Subjektiv, aber messbar

    Schmerz beeinflusst Mobilität und Lebensqualität erheblich. In der Geriatrie werden standardisierte Schmerzskalen wie die numerische Ratingskala (NRS) oder die visuelle Analogskala (VAS) eingesetzt, um Schmerzen systematisch zu erfassen und die Wirksamkeit von Therapien zu überprüfen23.

    Ganzheitliche Bewertung und individuelle Anpassung

    Die Auswahl und Kombination der Tests erfolgt immer individuell. Sie berücksichtigt die kognitiven und körperlichen Fähigkeiten, die Wohnsituation und die persönlichen Ziele der Patient:innen. Nur so kann die Therapie optimal angepasst und der Alltag nachhaltig verbessert werden19.

    Bewegung, Alltag, Lebensqualität: Geriatrische Befunde als Schlüssel zum Erfolg 20

    Realistische Ziele in der Geriatrie: Was ist möglich?

    In der Geriatrie steht nicht das abstrakte Ideal im Mittelpunkt, sondern das, was für die einzelne Person im Alltag tatsächlich erreichbar und bedeutsam ist. Die Zielsetzung orientiert sich an den individuellen Möglichkeiten, Ressourcen und Wünschen der Patient:innen. Gemeinsam mit ihnen und ihren Angehörigen wird geprüft, welche Fortschritte realistisch sind und wie die Selbstständigkeit im Alltag erhalten oder sogar verbessert werden kann24.

    Individuelle Zielsetzung – ein gemeinsamer Prozess

    Jede Therapieplanung beginnt mit der Frage: Was ist für Sie persönlich im Alltag wichtig? Geht es darum, wieder selbstständig einkaufen zu können, Treppen zu steigen oder einfach schmerzfrei zu sitzen? Die Antworten sind so vielfältig wie die Menschen selbst. Die Ziele werden gemeinsam festgelegt und regelmäßig überprüft – denn sie können sich im Krankheitsverlauf oder mit neuen Lebensumständen ändern25.

    Was ist realistisch? – Beispiele aus der Praxis

    • Frau S., 87 Jahre: Nach einem Oberschenkelhalsbruch ist das Ziel nicht, wieder Marathon zu laufen, sondern ohne Angst und möglichst ohne Hilfsmittel durch die eigene Wohnung zu gehen und im Garten zu sitzen.
    • Herr T., 80 Jahre: Mit fortschreitender Demenz ist das Ziel, sich weiterhin im vertrauten Umfeld zurechtzufinden, die Tagesstruktur zu behalten und bei der Körperpflege so viel wie möglich selbst zu übernehmen.
    • Frau M., 75 Jahre: Nach einem Schlaganfall ist das Ziel, wieder eigenständig essen und trinken zu können und an Gesprächen mit der Familie teilzunehmen.

    Therapieplanung: Ressourcen stärken, Überforderung vermeiden

    Die Therapie orientiert sich an den vorhandenen Stärken und vermeidet Überforderung. Kleine, erreichbare Schritte sind oft motivierender als große, unrealistische Ziele. Die Einbindung von Angehörigen und Pflegepersonen ist dabei ebenso wichtig wie die regelmäßige Anpassung der Ziele an die aktuelle Lebenssituation26.

    Wissenschaftliche Evidenz

    Studien zeigen, dass eine partizipative Zielsetzung – also das gemeinsame Festlegen von Zielen durch Patient:in, Angehörige und therapeutisches Team – die Motivation, die Lebensqualität und den Therapieerfolg in der Geriatrie deutlich verbessert. Leitlinien empfehlen ausdrücklich, Ziele regelmäßig gemeinsam zu überprüfen und an die sich verändernden Ressourcen und Wünsche anzupassen27.

    Fazit: Lebensqualität im Mittelpunkt

    Realistische Ziele in der Geriatrie sind so individuell wie die Menschen selbst. Sie entstehen im Dialog, berücksichtigen die Lebensgeschichte und die aktuelle Situation und setzen auf das, was im Alltag zählt: Selbstständigkeit, Teilhabe und Lebensfreude.

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    Ergotherapie für Senior:innen: Was wird geprüft?

    Die Ergotherapie ist ein zentrales Element der geriatrischen Versorgung. Sie konzentriert sich auf die Erfassung und Förderung der Selbstversorgung, der Alltagskompetenz und der kognitiven Leistungen. Ziel ist es, Senior:innen dabei zu unterstützen, ihren Alltag möglichst selbstständig und sicher zu bewältigen28. Um dies zu erreichen, nutzt die Ergotherapie verschiedene standardisierte Instrumente wie den Barthel-Index oder den FIM-Score, die die Selbstständigkeit in den wichtigsten Lebensbereichen objektiv messbar machen29.

    Der ergotherapeutische Befund: Was wird erfasst?

    Im ergotherapeutischen Befund werden gezielt die Fähigkeiten in folgenden Bereichen untersucht:

    • Aktivitäten des täglichen Lebens (ATL): Dazu zählen grundlegende Aufgaben wie Waschen, Anziehen, Essen, Toilettengang und Fortbewegung. Ziel ist es, die größtmögliche Selbstständigkeit in diesen Basisfunktionen zu erhalten oder wiederherzustellen28.
    • Instrumentelle Aktivitäten des täglichen Lebens (IADL): Hierzu gehören komplexere Tätigkeiten wie Einkaufen, Kochen, Haushaltsführung, Telefonieren oder das Management von Finanzen und Medikamenten. Diese Fähigkeiten sind entscheidend für ein selbstbestimmtes Leben außerhalb von Pflegeeinrichtungen29.
    • Kognitive Leistungen: Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Konzentration, Orientierung und Problemlösefähigkeit werden überprüft. Einschränkungen in diesen Bereichen können die Alltagskompetenz stark beeinflussen und frühzeitig auf eine beginnende Demenz oder andere kognitive Störungen hinweisen30.

    Alltagskompetenz und Kognition: Was ist wichtig?

    Alltagskompetenz bedeutet, den Alltag eigenständig, sicher und strukturiert bewältigen zu können. Dazu gehören neben den motorischen Fähigkeiten auch die kognitiven Leistungen:

    • Gedächtnis: Erinnern von Terminen, Namen, Abläufen.
    • Konzentration: Fokussiertes Arbeiten an einer Aufgabe, auch bei Ablenkung.
    • Orientierung: Sich in Zeit, Raum und Situation zurechtfinden.

    Die regelmäßige Überprüfung dieser Fähigkeiten ist wichtig, um frühzeitig Unterstützungsbedarf zu erkennen und gezielt gegenzusteuern28. In der Praxis werden dafür wissenschaftlich anerkannte Tests eingesetzt, z. B. der Mini-Mental State Examination (MMSE) zur Erfassung kognitiver Defizite oder der Uhrentest, der besonders alltagsrelevante Fähigkeiten wie Planen und Ausführen prüft29.30

    Teilhabe und Lebensqualität: Was können wir erreichen?

    Die Ergotherapie verfolgt das Ziel, die Teilhabe am sozialen Leben und die Lebensqualität älterer Menschen zu erhalten oder zu verbessern. Dies geschieht durch gezielte Interventionen, die auf die individuellen Bedürfnisse und Ressourcen der Patient:innen abgestimmt sind. Durch die Förderung von Selbstständigkeit und Alltagskompetenz können Stürze, Pflegebedarf und soziale Isolation wirksam vermieden werden31.

    Förderung der sozialen Teilhabe

    Soziale Teilhabe bedeutet, aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Ergotherapeutische Maßnahmen unterstützen Senior:innen dabei, Kommunikationsfähigkeiten zu erhalten, Freizeitaktivitäten nachzugehen und soziale Kontakte zu pflegen. Dies wirkt sich positiv auf das psychische Wohlbefinden und die Lebenszufriedenheit aus32.

    Verbesserung der Alltagskompetenz

    Die Alltagskompetenz umfasst die Fähigkeit, tägliche Aufgaben selbstständig zu bewältigen. Ergotherapie trainiert gezielt Fähigkeiten wie Ankleiden, Kochen, Haushaltsführung und Nutzung von Hilfsmitteln. Dies stärkt das Selbstvertrauen und die Unabhängigkeit im Alltag33.

    Prävention von Stürzen und Pflegebedürftigkeit

    Stürze sind eine der häufigsten Ursachen für Verletzungen und Pflegebedürftigkeit im Alter. Ergotherapeutische Interventionen zielen darauf ab, Sturzrisiken zu minimieren, indem sie Gleichgewicht, Kraft und Reaktionsfähigkeit verbessern. Studien zeigen, dass gezielte Trainingsprogramme die Sturzrate signifikant senken können34.

    Vermeidung sozialer Isolation

    Soziale Isolation kann zu Depressionen, kognitivem Abbau und einer Verschlechterung des allgemeinen Gesundheitszustands führen. Ergotherapie fördert die soziale Integration durch Gruppenaktivitäten, Förderung von Kommunikationsfähigkeiten und Unterstützung bei der Nutzung digitaler Medien35.

    Wissenschaftliche Evidenz

    Eine Vielzahl von Studien belegt die Wirksamkeit ergotherapeutischer Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensqualität und zur Förderung der Selbstständigkeit älterer Menschen. Systematische Übersichtsarbeiten zeigen, dass Ergotherapie die funktionellen Fähigkeiten verbessert und die Teilhabe am sozialen Leben stärkt36.

    Praxisbeispiel: Frau H. gewinnt Lebensqualität zurück

    Frau H., 82 Jahre, hatte nach einem Schlaganfall Schwierigkeiten, ihren Haushalt zu bewältigen und soziale Kontakte zu pflegen. Durch ein individuell angepasstes ergotherapeutisches Programm konnte sie ihre Alltagskompetenz verbessern, wieder selbstständig kochen und an Gemeinschaftsaktivitäten teilnehmen. Dies führte zu einer deutlichen Steigerung ihrer Lebenszufriedenheit und Selbstständigkeit37.

    Fazit

    Ergotherapie leistet einen entscheidenden Beitrag zur Erhaltung und Verbesserung der Teilhabe und Lebensqualität im Alter. Durch individuelle, ganzheitliche Interventionen werden nicht nur Defizite ausgeglichen, sondern auch Ressourcen gestärkt, um ein aktives und selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.

    Bewegung, Alltag, Lebensqualität: Geriatrische Befunde als Schlüssel zum Erfolg 22

    Aufbau eines modernen geriatrischen Befunds: Was gehört dazu?

    Ein moderner geriatrischer Befund ist weit mehr als eine reine Auflistung von Diagnosen. Er umfasst verschiedene Bereiche, die gemeinsam ein umfassendes und individuelles Bild der Patientin oder des Patienten zeichnen. Ziel ist es, nicht nur medizinische Fakten zu erfassen, sondern auch Ressourcen, Risiken und Potenziale für die Lebensqualität im Alter herauszuarbeiten. Die wichtigsten Domänen sind:

    • Allgemeinzustand: Erfasst werden der körperliche und geistige Zustand, Vitalzeichen (Blutdruck, Puls, Temperatur), Bewusstseinslage, Sprache, Mimik und Stimmung. Hier zeigt sich, wie fit und belastbar eine Person insgesamt ist38.
    • Mobilität und Körperliche Funktion: Beurteilt werden Gangbild, Gleichgewicht, Muskelkraft, Gelenkbeweglichkeit und die Fähigkeit, sich selbstständig fortzubewegen. Auch Sturzprophylaxe und Hilfsmittelbedarf werden dokumentiert39.
    • Selbstversorgung und Alltagskompetenz: Hier stehen die Aktivitäten des täglichen Lebens (ATL) wie Ankleiden, Waschen, Essen, aber auch komplexere Aufgaben wie Einkaufen oder Telefonieren (IADL) im Fokus. Hilfsmittelbedarf und Unterstützungsbedarf werden ebenfalls erfasst40.
    • Kognition und Gedächtnis: Orientierung zu Person, Zeit und Raum, Gedächtnisleistung, Konzentration und Aufmerksamkeit werden geprüft. Standardisierte Tests wie der Mini-Mental State Examination (MMSE) oder Uhrentest kommen häufig zum Einsatz41.
    • Emotion und Psychosoziales: Erfasst werden Stimmungslage, Antrieb, soziale Kontakte und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Auch Hinweise auf Depression, Angst oder soziale Isolation werden dokumentiert42.
    • Schmerz und Symptome: Lokalisation, Intensität und Qualität von Schmerzen, aber auch andere belastende Symptome wie Atemnot, Schwindel oder Inkontinenz werden systematisch erfragt43.
    • Ernährung und Allgemeinzustand: Ernährungszustand, Körpergewicht, Appetit, mögliche Schluckstörungen und Mangelernährung werden beurteilt. Auch der Flüssigkeitshaushalt wird berücksichtigt44.
    • Medikation: Alle regelmäßig oder bedarfsweise eingenommenen Medikamente werden aufgelistet. Besonderes Augenmerk gilt der Polypharmazie, möglichen Wechselwirkungen und der richtigen Einnahme45.

    Weitere ergänzende Domänen, die je nach individueller Situation einbezogen werden können, sind:

    • Hautzustand (z. B. Dekubitusrisiko, Wundheilung)
    • Wundmanagement (chronische Wunden, Verbände)
    • Schlaf (Schlafqualität, Schlafstörungen)
    • Seh- und Hörvermögen
    • Schluckfunktion, Mundgesundheit

    Bereiche des geriatrischen Befunds: Ein Überblick

    BereichInhalte
    AllgemeinzustandKörperlicher und geistiger Zustand, Vitalzeichen, Bewusstseinszustand, Sprache, Mimik, Stimmung
    Mobilität und Körperliche FunktionGang, Gleichgewicht, Muskelkraft, Gelenkbeweglichkeit, Sturzprophylaxe, Selbstständigkeit in der Mobilität
    Selbstversorgung und AlltagskompetenzATL (z. B. Ankleiden, Waschen), IADL (z. B. Einkaufen, Telefonieren), Hilfsmittelbedarf
    Kognition und GedächtnisOrientierung, Gedächtnisleistung, Konzentration, Aufmerksamkeit, kognitive Tests
    Emotion und PsychosozialesStimmungslage, soziale Kontakte, Teilhabe an Aktivitäten
    Schmerz und SymptomeLokalisation und Intensität von Schmerzen, weitere Symptome (z. B. Atemnot, Schwindel)
    Ernährung und AllgemeinzustandErnährungszustand, Körpergewicht, Appetit, Schluckstörungen
    MedikationRegelmäßige Medikamente, Polypharmazie, Wechselwirkungen
    Zusammenfassung und EmpfehlungenWichtigste Befunde, Empfehlungen für Pflege und Therapie, Zielsetzungen
    Schritt-für-Schritt-AnleitungPraktische Tipps zur Erstellung und Anwendung des Befunds
    Bewegung, Alltag, Lebensqualität: Geriatrische Befunde als Schlüssel zum Erfolg 23

    Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Befunderstellung

    1. Vorbereitung: Alle relevanten Unterlagen, Vorbefunde und Medikamente bereitlegen. Angehörige oder Bezugspersonen einbeziehen.
    2. Anamnese: Medizinische Vorgeschichte, aktuelle Beschwerden, Lebensumstände und Ressourcen erheben.
    3. Körperliche Untersuchung: Mobilität, Kraft, Gleichgewicht, Gelenkfunktionen, Schmerz und Hautzustand prüfen.
    4. Funktionelle Tests: Standardisierte Assessments (z. B. Barthel-Index, Tinetti-Test, MMSE) durchführen.
    5. Kognitive und emotionale Einschätzung: Orientierung, Gedächtnis, Stimmung und psychosoziale Situation erfassen.
    6. Ernährung und Medikation: Ernährungsstatus, Trinkverhalten und Medikamentenplan überprüfen.
    7. Zusammenfassung: Wichtigste Befunde und Risiken benennen, Ressourcen und Ziele festhalten.
    8. Empfehlungen: Konkrete Vorschläge für Therapie, Pflege, Hilfsmittel und weitere Diagnostik formulieren.
    9. Evaluation: Regelmäßige Überprüfung und Anpassung des Befunds und der Maßnahmen.

    Fazit

    Ein moderner geriatrischer Befund ist die Basis für eine individuelle, ganzheitliche und zielgerichtete Versorgung älterer Menschen. Er fördert die Selbstständigkeit, deckt Risiken auf und gibt wertvolle Hinweise für die Therapieplanung – immer mit dem Ziel, die Lebensqualität im Alter bestmöglich zu erhalten46.

    Bewegung, Alltag, Lebensqualität: Geriatrische Befunde als Schlüssel zum Erfolg 24

    Zusammenfassung und Empfehlungen: Was tun mit den Befunden?

    Nach der Befunderhebung werden die wichtigsten Ergebnisse verständlich zusammengefasst. Daraus leiten sich konkrete Empfehlungen für die weitere Pflege, Therapie und Alltagsgestaltung ab. Diese Empfehlungen sind praxisnah, individuell und berücksichtigen sowohl die medizinischen als auch die psychosozialen Bedürfnisse der Patient:innen. Besonders wichtig ist die enge Abstimmung zwischen allen Beteiligten, um Überforderung zu vermeiden und Ressourcen optimal zu nutzen47.

    Interdisziplinäre Zusammenarbeit: Warum Teamwork zählt

    Eine erfolgreiche geriatrische Versorgung lebt von der Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen: Physiotherapie, Ergotherapie, Pflege, Ärzt:innen und – je nach Bedarf – auch Sozialarbeit, Logopädie oder Ernährungsberatung. Jede Profession bringt ihre spezifischen Kompetenzen ein. Gemeinsam werden Ziele festgelegt, Maßnahmen abgestimmt und der Therapieerfolg regelmäßig überprüft48. Die interprofessionelle Zusammenarbeit umfasst regelmäßige Fallbesprechungen, gemeinsame Zielsetzung und Evaluation. Wissenschaftliche Studien belegen, dass interdisziplinäre Teams die Versorgungsqualität und das Wohlbefinden älterer Menschen signifikant verbessern49.

    Warum sind geriatrische Befunde so wertvoll?

    Geriatrische Befunde sind die Grundlage für eine individuelle, bedarfsgerechte und erfolgreiche Behandlung im Alter. Sie ermöglichen eine gezielte Therapieplanung, die auf die persönlichen Bedürfnisse und Ressourcen der Patient:innen eingeht. Ziel ist es, die Selbstständigkeit und die Teilhabe am sozialen Leben so lange wie möglich zu erhalten50. Metaanalysen zeigen, dass geriatrische Befunde und ein umfassendes Assessment die Institutionalisierungsrate senken, die Funktionsfähigkeit erhalten und die Lebensqualität verbessern. Besonders hervorzuheben ist die nachweisliche Reduktion von Mortalität und Delir-Risiko durch CGA-adaptierte Behandlung51.

    Vorbeugung von Stürzen, Pflegebedarf und Isolation

    Ein strukturierter geriatrischer Befund hilft, Risiken wie Stürze, Pflegebedarf und soziale Isolation frühzeitig zu erkennen. Durch gezielte Präventionsmaßnahmen, individuell abgestimmte Trainingsprogramme und die Einbindung von Angehörigen können viele negative Entwicklungen im Alter vermieden oder verzögert werden52.

    Befundvorlage: So einfach geht’s

    Für die praktische Anwendung steht eine erprobte Befundvorlage zur Verfügung. Sie kann als PDF oder Word-Datei heruntergeladen und individuell angepasst werden. Eine Schritt-für-Schritt-Anleitung unterstützt bei der Erstellung und Auswertung des geriatrischen Befunds – von der Erhebung bis zur Ableitung konkreter Maßnahmen53.

    Bewegung, Alltag, Lebensqualität: Geriatrische Befunde als Schlüssel zum Erfolg 25

    Fazit: Geriatrische Befunde – unverzichtbar für Lebensqualität

    Geriatrische Befunde sind ein zentrales Instrument, um die Lebensqualität und Selbstständigkeit im Alter zu sichern. Sie ermöglichen eine gezielte, individuelle und erfolgreiche Behandlung und fördern die Teilhabe am sozialen Leben. Sie motivieren Patient:innen, Angehörige und Therapeut:innen, gemeinsam an den Zielen zu arbeiten und das Leben im Alter aktiv zu gestalten54.


    Anhang: Erläuterung zum geriatrischen Befund

    Allgemeinzustand
    Der Allgemeinzustand beschreibt den körperlichen und geistigen Gesundheitsstatus der Patient:innen. Hierzu zählen die Vitalzeichen (Blutdruck, Puls, Atmung, Temperatur), der Bewusstseinszustand sowie Sprache, Mimik und Stimmung. Diese Basisparameter geben einen ersten Eindruck von Belastbarkeit, Wohlbefinden und möglichen akuten oder chronischen Problemen55.

    Mobilität und Körperliche Funktion
    In diesem Abschnitt werden die Fähigkeiten zur selbstständigen Fortbewegung und körperlichen Aktivität beurteilt. Erfasst werden Gangbild, Gleichgewicht, Muskelkraft, Gelenkbeweglichkeit, Sturzprophylaxe und die Selbstständigkeit in der Mobilität. Standardisierte Tests wie der Tinetti-Test, der Timed Up and Go Test und die Handkraftmessung liefern objektive Daten zum Sturzrisiko und zur funktionellen Leistungsfähigkeit56.

    Selbstversorgung und Alltagskompetenz
    Hier steht die Fähigkeit im Mittelpunkt, Aktivitäten des täglichen Lebens (ATL) wie Waschen, Ankleiden, Essen und Toilettengang eigenständig zu bewältigen. Instrumentelle Aktivitäten (IADL) wie Einkaufen, Kochen, Haushaltsführung und Telefonieren werden ebenfalls berücksichtigt. Der Hilfsmittelbedarf wird erhoben, um die Selbstständigkeit optimal zu unterstützen. Objektive Instrumente wie der Barthel-Index und der FIM-Score helfen, die Alltagskompetenz zu erfassen57.

    Kognition und Gedächtnis
    Die kognitive Leistungsfähigkeit wird durch die Prüfung von Orientierung (Zeit, Ort, Person), Gedächtnisleistung, Konzentration und Aufmerksamkeit beurteilt. Standardisierte Tests wie der Mini-Mental State Examination (MMSE) und der Uhrentest dienen der systematischen Erfassung kognitiver Defizite. So können Unterstützungsbedarf und Frühzeichen einer Demenz frühzeitig erkannt werden58.

    Emotion und Psychosoziales
    Erfasst werden Stimmungslage, Motivation, soziale Kontakte und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Hinweise auf Depression, Angst oder soziale Isolation werden dokumentiert, um frühzeitig psychosoziale Interventionen einzuleiten. Die psychosoziale Situation ist ein zentraler Bestandteil des ganzheitlichen geriatrischen Befunds59.

    Schmerz und Symptome
    Die Lokalisation, Intensität und Qualität von Schmerzen werden systematisch mit Hilfe von Skalen wie der numerischen Ratingskala (NRS) oder der visuellen Analogskala (VAS) erfasst. Weitere Symptome wie Atemnot, Schwindel oder Inkontinenz werden ebenfalls dokumentiert, um ein umfassendes Bild der gesundheitlichen Situation zu erhalten60.

    Ernährung und Allgemeinzustand
    Der Ernährungszustand wird anhand von Körpergewicht, Body-Mass-Index (BMI), Gewichtsverlauf, Appetit und Flüssigkeitszufuhr beurteilt. Schluckstörungen und Mangelernährung werden durch standardisierte Screenings wie das Mini Nutritional Assessment (MNA) erkannt. Eine gute Ernährung ist entscheidend für die allgemeine Gesundheit und die Genesung61.

    Medikation
    Alle regelmäßig oder bedarfsweise eingenommenen Medikamente werden dokumentiert. Besonderes Augenmerk gilt Polypharmazie, möglichen Wechselwirkungen und der korrekten Einnahme. Die Medikation wird regelmäßig überprüft, um Risiken zu minimieren und die Wirksamkeit zu sichern62.

    Weitere Domänen (optional)
    Je nach individueller Situation können weitere Bereiche ergänzt werden, z. B. Hautzustand und Wundmanagement, Schlafqualität, Seh- und Hörvermögen sowie Schluckfunktion und Mundgesundheit. Diese ergänzenden Domänen tragen zu einem noch umfassenderen Bild bei und helfen, spezifische Probleme zu erkennen und zu behandeln55.

    Zusammenfassung und Empfehlungen
    Am Ende des Befunds werden die wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst. Empfehlungen für Pflege, Therapie und Alltagsgestaltung werden praxisnah formuliert. Dabei werden sowohl Risiken als auch Ressourcen berücksichtigt, um individuelle Zielsetzungen zu definieren und die Versorgung optimal zu gestalten63.

    Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Befunderstellung
    Eine strukturierte Vorgehensweise erleichtert die Erstellung des geriatrischen Befunds:

    1. Vorbereitung aller relevanten Unterlagen und Einbeziehung von Angehörigen oder Bezugspersonen.
    2. Durchführung der Anamnese und Erhebung der medizinischen Vorgeschichte sowie der Lebenssituation.
    3. Körperliche Untersuchung inklusive Mobilität, Kraft, Gleichgewicht, Gelenkfunktionen und Schmerz.
    4. Anwendung standardisierter funktioneller und kognitiver Tests.
    5. Erfassung der psychosozialen Situation, Ernährung und Medikation.
    6. Zusammenfassung der Befunde, Festlegung von Empfehlungen und Zielen.
    7. Interdisziplinäre Abstimmung und Planung regelmäßiger Evaluationen64.

    Diese strukturierte und umfassende Befunderhebung ist die Grundlage für eine individuelle, ganzheitliche Versorgung und trägt maßgeblich zur Erhaltung der Lebensqualität im Alter bei.


    Bewertung: Warum eine gründliche Befundung unverzichtbar ist

    Für mich ist klar: Jede Befundung sollte ausführlich, schriftlich und mit maximaler Aufmerksamkeit erfolgen. Wer nur oberflächlich oder „nebenbei“ befundet, riskiert, wichtige Details zu übersehen – und verpasst die Grundlage für eine wirklich zielführende Therapie. Eine gute Befundung ist mehr als das bloße Sammeln von Daten: Sie ist ein aktiver Prozess des genauen Hinschauens, Zuhörens und Bewertens. Alle relevanten Aspekte – medizinisch, funktionell, kognitiv, emotional und sozial – müssen gründlich betrachtet werden. Erst die schriftliche Dokumentation sichert die Nachvollziehbarkeit und ermöglicht die Zusammenarbeit im Team.

    Die Gefahr des Verzichts auf Befundung

    Es ist ein weit verbreiteter Irrtum zu glauben, dass man ohne eine gründliche Befundung auskommen kann, weil man viel Erfahrung hat oder aus Zeitmangel. Das wäre so, als wollte man einen Marathon ohne Training laufen – man riskiert Verletzungen, Überforderung und letztlich das Scheitern. Genauso führt eine unzureichende Befundung dazu, dass wichtige Details übersehen werden, die für eine erfolgreiche Therapie entscheidend sind. Ohne eine klare, schriftliche und bewertende Befundung fehlt die Grundlage, um individuelle Ziele zu setzen und passende Maßnahmen zu planen.

    Befundung ist mehr als Diagnose

    Eine Befundung endet nicht mit der Diagnose. Vielmehr ist sie der Ausgangspunkt, um gemeinsam mit Patient:in und Team Ziele zu formulieren und konkrete Maßnahmen zu planen. Die Bewertung der erhobenen Daten im Ganzen ist entscheidend: Was bedeuten die Testergebnisse, die Beobachtungen, die Aussagen der Patient:in im Zusammenhang? Erst aus dieser Gesamtschau lassen sich sinnvolle, individuelle Therapieziele und nächste Schritte ableiten.

    Beispiele: Von der Befundung zu Zielen und Maßnahmen

    • Beispiel Mobilität: Die Befundung ergibt eine deutliche Gangunsicherheit und reduzierte Muskelkraft. Ziel: Sturzprophylaxe und selbstständiges Gehen in der Wohnung. Maßnahmen: Gezieltes Kraft- und Gleichgewichtstraining, Anpassung von Hilfsmitteln, Schulung im sicheren Umgang mit Gehhilfen.
    • Beispiel Alltagskompetenz: Im Barthel-Index zeigt sich, dass das Ankleiden und die Nahrungsaufnahme nur mit Hilfe gelingen. Ziel: Erhalt und Förderung der Selbstständigkeit bei den Aktivitäten des täglichen Lebens. Maßnahmen: Ergotherapeutische Übungen, Anpassung von Hilfsmitteln, Einbeziehung von Angehörigen.
    • Beispiel Kognition: Die kognitiven Tests deuten auf eine beginnende Demenz. Ziel: Orientierung und Tagesstruktur erhalten. Maßnahmen: Gedächtnistraining, Einführung von Erinnerungshilfen, Beratung der Angehörigen.
    • Beispiel Schmerz: Die Schmerzskala zeigt chronische Schmerzen, die die Bewegung einschränken. Ziel: Schmerzreduktion und Verbesserung der Lebensqualität. Maßnahmen: Anpassung der Medikation, physiotherapeutische Schmerzbehandlung, Entspannungstechniken.

    Fazit

    Eine gründliche, schriftliche und bewertende Befundung ist die Basis jeder guten Therapie. Sie verlangt volle Aufmerksamkeit, Klarheit und die Bereitschaft, alle Aspekte des Menschen in den Blick zu nehmen. Nur so entstehen individuelle, realistische Ziele und Maßnahmen, die wirklich etwas bewirken.

    „Ich selber übe noch heute das Verfeinern beim Befunden“

    Blick in die Zukunft: Befundungen werden immer wichtiger

    In Zukunft werden strukturierte und umfassende Befundungen noch an Bedeutung gewinnen. Die demografische Entwicklung, zunehmende Multimorbidität und der Anspruch auf individuelle, evidenzbasierte Therapie machen es unerlässlich, alle relevanten Aspekte systematisch zu erfassen und zu bewerten. Digitale Dokumentation, interdisziplinäre Zusammenarbeit und die Nutzung moderner Technologien werden den Stellenwert der Befundung weiter erhöhen.

    Methoden und Tools, die Befundungen erleichtern

    • Digitale Befundbögen und Apps: Elektronische Dokumentationssysteme ermöglichen eine strukturierte, schnelle und fehlerarme Erfassung aller Befunddaten. Sie bieten Checklisten, automatische Auswertungen und erleichtern die interdisziplinäre Kommunikation55.
    • Standardisierte Assessment-Instrumente: Validierte Skalen und Tests wie Barthel-Index, FIM, MMSE, Tinetti-Test oder Geriatrische Depressionsskala sorgen für Vergleichbarkeit und Nachvollziehbarkeit.
    • Wearables und Sensorik: Moderne Sensoren und Smartwatches messen Bewegungsdaten, Herzfrequenz, Schlaf und Aktivität im Alltag und liefern objektive Zusatzinformationen für die Befundung56.
    • Interdisziplinäre Plattformen: Digitale Tools ermöglichen den Austausch von Befunden, Zielen und Maßnahmen zwischen Ärzt:innen, Therapeut:innen und Pflegekräften – auch standortübergreifend.
    • Sprach- und Texterkennung: Innovative Softwarelösungen erlauben die schnelle Dokumentation per Spracheingabe und automatischer Textstrukturierung.
    • KI-gestützte Analysen: Künstliche Intelligenz kann helfen, Auffälligkeiten in großen Datenmengen zu erkennen, Risiken vorherzusagen und Therapieempfehlungen zu unterstützen57.

    Mein Ausblick

    Wer die Chancen moderner Methoden nutzt, kann Befundungen effizienter, genauer und patientenzentrierter gestalten. Entscheidend bleibt jedoch: Die beste Technik ersetzt nicht das aufmerksame, empathische und kritische Hinsehen und Bewerten. Befundung bleibt immer eine Kernkompetenz – heute und in Zukunft.


    Fußnoten

    1. S1-Leitlinie Geriatrisches Assessment der Stufe 2, AWMF-Registernummer 084-002, 2024.
    2. Das geriatrische Assessment – Praxis Matic. 2025.
    3. Insomnie – DocCheck Flexikon. 2025. https://flexikon.doccheck.com/de/Insomnie
    4. Iatrogene Erkrankungen – DocCheck Flexikon. 2024. https://flexikon.doccheck.com/de/Iatrogene_Erkrankungen
    5. Rubenstein LZ et al. A randomized trial of comprehensive geriatric assessment and management. N Engl J Med. 1984;311(26):1664-1670.
    6. Multimorbidity in patient’s care – definitions, strategies and limitations. PubMed. 2022.
    7. Multimorbidität im mittleren Alter – SaxoForN Ergebnisbroschüre. 2023.
    8. Das geriatrische Assessment | springermedizin.de. 2016.
    9. S1-Leitlinie Geriatrisches Assessment der Stufe 2, AWMF-Registernummer 084-002, 2024.
    10. Mobilität im Alter: Wie Physiotherapie Senioren zu mehr Lebensqualität verhilft. physiotherapie-theramedicom.de, 2025.
    11. 6 Dinge wie Physiotherapie Senioren mit Mobilität unterstützen kann. linkedin.com, 2024.
    12. Geriatrisches Assessment mit Demenztest (MMST, DEMTEC). hausarzt-iserbrook.de, 2022.
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    20. Mobilität | Medizinischer Dienst – KC Geriatrie. kcgeriatrie.de, 2024.
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    22. Gangstörungen bei älteren Menschen. MSD Manual, 2023.
    23. Mobilität in der Langzeitpflege – CORE. Dissertation, 2014.
    24. S1-Leitlinie Geriatrisches Assessment der Stufe 2, AWMF-Registernummer 084-002, 2024.
    25. Thieme: Praktische Geriatrie. Willkomm, Praktische Geriatrie, 2017.
    26. S3-Leitlinie Umfassendes Geriatrisches Assessment (CGA), AWMF-Registernummer 084-003, 2024.
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    28. S1-Leitlinie Geriatrisches Assessment der Stufe 2, AWMF-Registernummer 084-002, 2024.
    29. Deutsche Gesellschaft für Geriatrie: Geriatrisches Assessment – Barthel-Index und FIM-Score. 2024.
    30. Folstein MF et al. „Mini-Mental State“: A practical method for grading the cognitive state of patients for the clinician. J Psychiatr Res. 1975;12(3):189–198.
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    32. Deutscher Verband der Ergotherapeuten e.V. (DVE): Ergotherapie und soziale Teilhabe, 2023.
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    46. S1-Leitlinie Geriatrisches Assessment der Stufe 2, AWMF-Registernummer 084-002, 2024.
    47. Thieme: Praktische Geriatrie. Willkomm, Praktische Geriatrie, 2017.
    48. S3-Leitlinie Umfassendes Geriatrisches Assessment (CGA), AWMF-Registernummer 084-003, 2024.
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    64. S3-Leitlinie Umfassendes Geriatrisches Assessment (CGA), AWMF-Registernummer 084-003, 2024.
  • Betriebliches Gesundheitsmanagement: Praxisnahe Maßnahmen für kleine Unternehmen

    Betriebliches Gesundheitsmanagement: Praxisnahe Maßnahmen für kleine Unternehmen

    Betriebliches Gesundheitsmanagement: Praxisnahe Maßnahmen für kleine Unternehmen

    Immer mehr kleine Unternehmen stehen vor der Herausforderung, Gesundheit, Motivation und Produktivität ihrer Mitarbeitenden selbst ohne großes Budget zu unterstützen. Doch BGM muss weder teuer noch kompliziert sein – entscheidend sind Sinn, Umsetzbarkeit und der echte Mehrwert für das Team1.

    Was ist betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) – und warum lohnt es sich?

    BGM umfasst alle systematischen Strategien, um die Gesundheit und das Wohlbefinden am Arbeitsplatz langfristig zu stärken. Der Nutzen ist wissenschaftlich mehrfach belegt: Programme zur Gesundheitsförderung senken Krankheitstage, steigern Motivation und Zufriedenheit – und der wirtschaftliche Rückfluss ist nachweisbar. Studien zeigen: Jeder für BGM investierte Euro kann sich bis zum Dreifachen auszahlen2. Besonders kleine Unternehmen profitieren dabei von überschaubaren, praxistauglichen Maßnahmen, die auf ihre individuellen Bedürfnisse zugeschnitten sind3.

    Wichtig: Häufig besteht die Sorge, dass Gesundheitsmaßnahmen vor allem zusätzlichen Aufwand und Mehrbelastung für das Team bedeuten. Mehrere wissenschaftliche Untersuchungen widerlegen das jedoch eindeutig: Richtig umgesetzt, führen betriebliche Gesundheitsmaßnahmen zu einer echten Erleichterung im Arbeitsalltag, spürbarer Zeitersparnis (etwa durch weniger Fehlzeiten und reibungslosere Abläufe) und steigern die Effizienz4. Die verbreitete Annahme, BGM sei ein „Zusatzstress“, ist laut aktuellen Übersichtsarbeiten ein Wahrnehmungsfehler – nach kurzer Zeit empfinden Mitarbeitende die Maßnahmen meist als Entlastung und Gewinn an Lebensqualität4.

    Story: Wie ein Pflegeheim Gesundheitsförderung wirklich lebt

    In einem Pflegeheim meldeten Mitarbeitende immer wieder Erschöpfung, Rückenschmerzen oder Frust über versäumte Erholung an. Statt kurzfristigen Einzelaktionen entschied sich das Leitungsteam für einen niedrigschwelligen und partizipativen Ansatz: Bei einem offenen Teamgespräch konnten alle Kolleginnen und Kollegen ehrlich schildern, was den Alltag erleichtern würde. Besonders häufig genannt wurden Wünsche nach kleinen Bewegungspausen, unkomplizierten Erinnerungen an das Trinken während stressiger Schichten und mehr Austausch im Miteinander. Daraus entstand ein individuelles Gesundheitsmanagement, das wirklich an den Bedürfnissen der Leute ansetzt. Die Maßnahmen wurden gemeinsam abgestimmt und im Alltag Schritt für Schritt erprobt5.

    Drei bewährte Maßnahmen für kleine Unternehmen

    Betriebliches Gesundheitsmanagement: Praxisnahe Maßnahmen für kleine Unternehmen 26

    1. Aktive Pausen einführen
    Kleine, gemeinsame Bewegungseinheiten – zum Beispiel kurze „Schulter-Lockerer“ zwischen Pflegegängen oder sanfte Dehnübungen während der Übergabe – lassen sich selbst im hektischen Pflegealltag integrieren. In unserem Beispiel wurden bewegte Pausen mit kleinen Wettbewerben zwischen den Teams kombiniert: Wer macht die meisten individuellen Minisport- oder Dehnsessions? Ergebnis: Weniger Verspannungen, mehr Energie und ein spürbar besserer Teamgeist5, 6.
    Fakt: Studien belegen, dass regelmäßig eingeführte Mikro-Übungen am Arbeitsplatz Muskel-Skelett-Beschwerden um bis zu 13 % senken und die Zufriedenheit erhöhen7.

    Betriebliches Gesundheitsmanagement: Praxisnahe Maßnahmen für kleine Unternehmen 27

    2. Sichtbare Gesundheitsbotschaften & Impulse
    Ich empfehle, dass Unternehmen gezielt sichtbare und motivierende Gesundheitsbotschaften integrieren. Zum Beispiel hat sich in einem Pflegeheim gezeigt, wie effektiv einfache, selbst gestaltete Hinweise sein können: Mitarbeitende brachten Plakate mit Aussagen wie „Vergiss nicht, dich zu strecken“, „Trink genug während der Schicht“ und kleinen Atemübungen an Aufenthaltsräumen und Fluren an. Darüber hinaus wurden bewegte Pausen in den Arbeitsalltag eingebaut, und es gab freundschaftliche Wettkämpfe, welche Teams die meisten Pausenaktivitäten durchführen. Diese Maßnahmen führten zu einer verbesserten Trinkkultur, zu mehr Bewegung während der Schicht und zu einer spürbar positiveren Atmosphäre auf der Station. In Rückmeldungen wurde die erhöhte Aufmerksamkeit für das eigene Wohlbefinden besonders hervorgehoben1.
    Fakt: Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass sichtbare Hinweise und niederschwellige Gesundheitsimpulse das Bewusstsein und die Eigenverantwortung nachweislich stärken8.

    Betriebliches Gesundheitsmanagement: Praxisnahe Maßnahmen für kleine Unternehmen 28

    3. Regelmäßiger und ehrlicher Austausch
    Ich empfehle, eine offene und regelmäßige Feedbackkultur zu etablieren, die oft noch wirksamer ist als einzelne Maßnahmen allein. In einem Pflegeheim wurde beispielsweise ein monatliches „Gesundheitscafé“ eingeführt, bei dem Mitarbeitende offen über Belastungen, Verbesserungsvorschläge und kleine Erfolge sprechen konnten. Dieses Format ermöglichte es dem Team, gemeinsam Lösungen zu entwickeln – etwa die Anschaffung ergonomischer Stehhilfen oder verbesserte Pausenregelungen. Viele wertvolle Veränderungen – von der besser abgestimmten Dienstplanung bis zu neuen Austauschgruppen – entstanden aus diesem kontinuierlichen Dialog9.
    Fakt: Unternehmen mit Feedbackkultur profitieren nachgewiesen von geringerer Fluktuation und weniger Ausfällen10.

    In 3 Schritten zu Ihrem eigenen Gesundheitsmanagement

    1. Bedarf erkennen
      Starten Sie mit einer kurzen anonymen Befragung oder offenen Gesprächsrunde: Wo drückt der Schuh – Rückenprobleme, Stress, fehlender Austausch? Die Wünsche und Belastungen der Mitarbeitenden sind laut Wissenschaft Grundlage für jede wirksame Gesundheitsförderung3, 11.
    2. Maßnahme auswählen und schnell starten
      Setzen Sie auf ein einziges, unkompliziertes Vorhaben – zum Beispiel Bewegungspausen, einen gesunden Snack-Tag oder die Einführung eines Feedback-Formats. Hauptsache, der Anfang ist niedrigschwellig und gemeinsam getragen!
    3. Dranbleiben und anpassen
      Binden Sie die gewählte Maßnahme fest in den Alltag ein, holen Sie regelmäßig Feedback ein und passen Sie Ihren Ansatz flexibel an. Gemeinsame kleine Zwischenerfolge steigern die Motivation und fördern die Nachhaltigkeit12.

    Fazit und Einladung

    Betriebliches Gesundheitsmanagement funktioniert auch ohne großes Budget und mit wenig Aufwand – entscheidend ist das Engagement aller und der Mut, einfach anzufangen. Ob durch aktive Pausen, mehr sichtbare Gesundheitsbotschaften oder den regelmäßigen Dialog: Kleine Schritte bringen große Wirkung, wenn sie gemeinsam gegangen werden.

    Tipp: Sehen Sie sich dazu auch unser Video an: „Einfache BGM-Maßnahmen sofort umsetzen – Drei Ideen für Ihren Betrieb“ auf meinem YouTube-Kanal.

    1. Cancelliere C, Cassidy JD, Ammendolia C, Côté P. Are workplace health promotion programs effective at improving presenteeism in workers? A systematic review and best practice recommendations. J Occup Environ Med. 2011;53(11):1054-67.
    2. Baicker K, Cutler D, Song Z. Workplace wellness programs can generate savings. Health Affairs. 2010;29(2):304-311.
    3. Proper KI, van Mechelen W. Effectiveness and economic impact of worksite interventions to promote physical activity and healthy diet. Int J Behav Nutr Phys Act. 2008;5:62.
    4. Osilla KC, Van Busum K, Schnyer C et al. Systematic review of the impact of worksite wellness programs. Occup Environ Med. 2012;69(11):815-825.
    5. Noblet A, Lamontagne AD. The role of workplace health promotion in addressing job stress. Health Promot Int. 2006;21(4):346-353.
    6. Shrestha N, Kukkonen-Harjula KT, Verbeek JH, et al. Workplace interventions for reducing sitting at work. Cochrane Database Syst Rev. 2018.
    7. Brandt M, Sundstrup E, Jakobsen MD, et al. Effect of 12 weeks of strength training on musculoskeletal pain in the neck and shoulders among industrial workers. Occup Environ Med. 2016;73(4):250-256.
    8. Robroek SJ, van Lenthe FJ, van Empelen P, Burdorf A. Determinants of participation in worksite health promotion programmes: a systematic review. Int J Behav Nutr Phys Act. 2009;6:26.
    9. Nielsen K, Randall R, Holten AL, González ER. Conducting organizational-level occupational health interventions: What works? Work & Stress. 2010;24(3):234-259.
    10. Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung. (Zitierungen aus Literaturreview zu Teamkultur, Fluktuation und Gesundheitseffekten.)
    11. Bundesgesundheitsministerium: Grundlagen wirksamer Bedarfsanalysen. (Für weiterführende sektorale Empfehlungen siehe https://www.bundesgesundheitsministerium.de/gesundheitsfoerderung.html)
    12. Cancelliere C, Cassidy JD, Ammendolia C, Côté P. Are workplace health promotion programs effective at improving presenteeism in workers? A systematic review and best practice recommendations. J Occup Environ Med. 2011;53(11):1054-67.
  • Die Dehnung des M. Trapezius

    Die Dehnung des M. Trapezius

    Hinweis zu meinen Artikeln:

    Meine Artikel für Dich sind keine schnellen und oberflächlichen Nachrichten. Statt eines kurzen Tweets oder eines kurzen Statusupdate erhälst Du bei mir einen ganzen Artikel mit viel Detailinformationen. Zudem gibt es bei gesundheitlichen Problemen selten eine einfache und schnelle Lösung. Der menschliche Organismus ist hochkomplex und da ist schon die Reduktion in einzelne Artikel schwierig.

    Wie auch in meinen Artikeln so ist auch meine Therapie. Ich nehme mir Zeit für die Befundung, die Therapie, die Übungen, die Alltags- und Gebrauchsbewegungen und selbstverständlich auch die methodische und didaktische Vermittlung. Meine PatientInnen schätzen genau das: Sehr genau und ganz exakt, dabei sanft und immer herzlich, ganz nach meinem Motto in der Therapie: „Fühle Dein Wesen in Bewegung und erlebe Dein Sein in der Therapie“.

    Diese Übung kann jederzeit am Arbeitsplatz gemacht werden oder im Alltag. Zuvor wird die Übung in Ruhe und ohne Hast erlernt. Dies sollte immer mit hoher Aufmerksamkeit geschehen. Die Dehnung sollte sanft und ruhig ausgeführt werden. Der Muskel ist, wie alle körperlichen Strukturen, langsam.

    Die Muskeldehnung für den M. Trapezius

    Ausgangsstellung

    Aufrechter Sitz auf einer stabilen, festen und flachen Unterlage. Beide Füße haben festen Kontakt mit der ganzen Sohle auf dem Boden. Die Füße stehen unter oder vor den Kniegelenken. Sie sind nicht unter der Sitzfläche.

    Die Kniegelenke zeigen nach vorn. Oder die Beine sind leicht gegrätscht. Die Körperlängsachse ist eingeordnet.

    Die Körperlängsachse einordnen.

    Ergonomie im Sitzen: Entlastung für Deine Wirbelsäule!
    Ergonomie im Sitzen: Entlastung für Deine Wirbelsäule!

    Ergonomie im Sitzen: Entlastung für Deine Wirbelsäule!

    Wie ordne ich die Körperlängsachse ein?

    Hinweis: Ein Drehstuhl oder andere instabile Unterlagen sind nicht geeignet.

    Ausführung

    Eindimensional

    Die eindimensionale Ausführung ist für Beginner. Auf der Gegenseite der Dehnung wird der Kopf wird zur Seite geneigt. Das Ohr nähert sich der Schulter. Die Bewegung endet, wenn ein deutlicher Zug im M. Trapezius zu spüren ist.

    Die Dehnung des M. Trapezius 29

    Hinweis: Limitiert die Halswirbelsäule früher, dann sollte dies untersucht werden.

    Ist die aktiv einnehmbaren Stellung erreicht, dann endet die Bewegung. Es wird keine Bewegungserweiterung durch Kompression am Kopf durchgeführt.

    Die Dehnung des M. Trapezius 30

    Der verstärkende Zug für den M. Trapezius wird über den Zug am Schultergürtel erreicht. Der Schultergürtel zieht nach unten und außen. Es wird die Hand auf der Dehungsseite nach unten geschoben.

    Die Dehnung des M. Trapezius 31

    Damit der Muskel weiter wird ist es wichtig innerlich zu entspannen. Das geht am besten durch bewusstes atmen. Vor allem mit jeder Ausatmung darf die Weite im Muskel größer werden.

    Dabei lösen sich die Aktin-und Myosinfilamente des Muskels.

    Die Dehnung des M. Trapezius 32

    Dies entrollen geschieht nach und nach. Dies wiederum benötigt Zeit und Ruhe. Wichtig ist also die innere Entspannung und das Loslassen. Aus diesem Grund ist es gut aufgewärmt und ruhig zu sein.

    Das Lösen der Dehnung geschieht zuerst über die Schaltstelle Schulter. Die Dehnung wird reduziert und der Schultergürtel leicht bewegt (kleine Kreise zum Beispiel). Erst in der darauf folgenden Phase wird der Kopf repositioniert. Die Kopf- und Halsgelenke sind sehr fragil und dies schont die Gelenke weitestgehend.

    Im Gegensatz zu der klassischen Vorstellung einer Dehnung mit Zug wird bei der modernen Dehnung mit Atmung geübt. Und ein wichtiger zweiter Faktor erhöht den Effekt radikal: Das bewusste Spüren und Empfinden. Die Nachhaltigkeit für den langfristigen Effekt erhöht sich immens.

    Die Dauer beginnt bei 18/20 Sekunden exklusive Nachspüren. Die maximalen Dehnungszeiten können Stunden betragen, sie werden in Yoga-Krankenhäusern teilweise so durchgeführt. Noch wichtiger ist das wohlige und genussvolle Dehnen als die exakte Zeit.

    Das vegetative Nervensystem sollte möglichst symmetrisch mit zur Ruhe kommen. Das führt zu mehr Abrollen der Aktin- und Myosinfilamente im Muskel. Und erst wenn diese maximal abgerollt sind, werden die kleinen Muskelspindeln gedehnt. Diese vermitteln dann an den Organismus, den Muskel länger zu bauen.

    Mehrdimensional

    Eine Verstärkung des Zuges kann durch die dreidimensionale Einstellung erreicht werden. Der Kopf neigt sich zur gegenüberliegenden Seite, dreht zur Dehnungsseite und wird nach vorn gebeugt.

    Das sollte langsam und sehr ruhig praktiziert werden. Die Kopf- und Halsgelenke sind sehr empfindlich. Die Zugverstärkung betrifft hier die Nackenfasern. Deshalb reicht in der Regel die eindimensionale Einstellung.

    Empfehlungen

    1. Ich empfehle immer die beidseitige Dehnung. Ist eine Seite stärker verkürzt, ist trotzdem die kontralaterale Seite für die Muskelsteuerung (Koordination der Fasern) wichtig. Der weitere Ablauf ist wie bei der eindimensionalen Einstellung.
    2. Regelmäßiges Dehnen erhöht den Effekt1.
    3. Wichtig für die Muskelentspannung hier ist natürlich die Aktivierung der nach unten ziehenden Muskulatur durch entsprechende Stützübungen. Das detonisiert den tonischen M. Trapezius nachweislich.
    Unterer Μ. Trapezius: Welche Übung rekrutiert mehr Fasern?
    Unterer Μ. Trapezius: Welche Übung rekrutiert mehr Fasern?
    Detonisierung des M Tapezius
    Detonisierung des M Tapezius

  • Das Schlüsselbein ist schnell in Gefahr

    Das Schlüsselbein ist schnell in Gefahr

    Die obere Extremität besteht aus dem Schultergürtel und Arm. Der Schultergürtel selbst hat zwei Knochen: Schlüsselbein und Schulterblatt.

    Das Schlüsselbein verbindet Rumpf und Arm gelenkig: Name und Bedeutung, Knochenwachstum, Aufbau und seine Funktion, Erkrankungen und Verletzungen sowie Therapie.

    Hinweis zu meinen medizinisch anatomischen Artikeln

    Ich war Lehrer für funktionelle Anatomie und bin wissenschaftlich arbeitender Author. Meine medizinisch anatomischen Artikeln geben diesen Blickwinkel wieder.

    Das Schlüsselbein ist schnell in Gefahr 33
    CC BY-ND 4.0 DE: www.MedicalGraphics.de

    Name und Bedeutung

    Der Knochen „verriegelt“ Brust und Arm miteinander. Genau dies sagt das altgriechische Wort κλείς klis. Neugrichisch wird daraus Κλείδα Klida der Verschluss oder latainisch Calvicula Schlüsselchen. Im englischen hat der Name keine entsprechende Ableitung. Dort heißt er „Collarbone“, also Kragenknochen. Die Verriegelung, ist technisch gesehen eine Strebe. Diese Strebe, ist der einzige horizontale Knochen im menschlichen Körper.

    Sollten die ersten Anatomen genau geschaut haben, dann haben sie die Funktion wirklich gut analysiert. Denn während wir den Arm abspreizen, vollführt das äußere Ende tatsächlich die Bewegung eines Schlüssels.

    Knochenbildung

    Es ist einer der drei ursprünglichen Knochen des Schultergürtels. Diese sind Schulterblatt, Schlüsselbein und Rabenbein (beim Menschen mit dem Schulterblatt verknöchert). Es kommt erst bei Reptilienvögeln und Säugetieren vor und ist bei den Knochenfischen nur angedeutet.

    Das Schlüsselbein ist schnell in Gefahr 34
    10 Schulterblatt und Schlüsselbein

    Bei manchen Säugetieren, hat es sich auch wieder zurückgebildet. Besser ausgebildet, ist es bei den Primaten und somit auch Menschen. Des Weiteren gut ausgebildet, ist es auch bei den Nagetieren und den Hasenartigen.

    Bau und Funktion

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    Das Schlüsselbein ist durch die Haut sehr gut tastbar. Legt man die Hand flach auf das Schlüsselbein, so haben beide die gleiche Länge.

    Es ist ein relativ dünner Knochen. Seine Form ist doppelt gekrümmt und hat die grobe Form eines „S“. Seine Länge ist beim Erwachsenen etwa 15 cm. Er bildet die einzige Verbindung vom Rumpf zum Arm mittels echter Gelenke. Das Schulterblatt, verbindet sich zum Rumpf mittels Verschiebeschichten.

    Das Schlüsselbein von oben und unten aus einem alten Anatomiebuch mit seinen verschiedenen Gelenkflächen, Muskelansätzen und seiner tollen "S" Form.
    Obere Abbildung von oben und unter von unten.

    Das Schlüsselbein wird in drei Teile unterteilt:

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    Das sternale Ende

    Das zum Körperzentrum (proximale) sowie zur Körpermitte (mediales) zeigende Ende, ist rechteckig und abgerundet. Es ist gelenkig mit dem oberen Teil des Brustbein verbunden. Das Manubrium ist ein dicker, großer, trapezförmiger Knochen, der oberhalb des Brustbeinkörpers auf der Wirbelhöhe T3-T4 liegt. Es ist gut mit dem Finger zu tasten.

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    Das Gelenk hat die Form eines Sattels.

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    In einem Sattelgelenk, wechseln sich die konvexe und konkave Form ab. Dies ist aber deutlich weniger als beim bekannteren Daumengrundgelenk. Es wird grundsätzlich die vom Körperzentrum zeigende(proximale) Gelenkfläche beobachtet:

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    Vorbewegungen (Protraktion)Anheben (Elevation)
    Rückbewegungen (Retraktion)Absenken (Depression)

    Bei einer Vorbewegung (Protraktion) und Rückbewegung(Retraktion) der Schulter, spürt man das Gleiten des Knochens nach vorn und hinten.

    Hier ist die Gelenkfläche konvex. Beim Anheben (Elevation) und Absenken (Depression) der Schulter spürt man das Gegengleiten des Knochens im Gelenk. Hier ist die Gelenkfläche konkav.

    Das Schlüsselbein ist schnell in Gefahr 40

    Um die Längachse kann das Schlüsselbein rotieren. Das Gelenk hat für die komplexe Beweglichkeit eine Bandscheibe (Diskus artikularis). Die faszinierende Gelenkmechanik mit den Fingern zu spüren, ist schon wirklich beeindruckend.

    Der Schaft

    Der Hauptkörper (Corpus) ist ein Röhrenknochen bis zum körperfernen (distalen) Ende. Die erste Schwingung folgt dem Brustkorb und der darunter, befindlichen, ersten Rippe. Diese lange, seitliche und vordere Krümmung, erstreckt sich auf zwei Dritteln, der gesamten Schaftlänge.

    Fast 2/3 des Schlüsselbeines laufen mit dem Rumpf und der darunter liegenden ersten Rippe nach hinten.

    Bei schlanken Menschen, kann man hier hinter dem Schlüsselbein und vor allem beim „Abklappen“ des Schulterblattes, eine Kuhle tasten. Diese „Überschlüsselbeingrube“ hat den Namen „Salzffässchen“.

    Es folgt eine kleine Gerade. Zum Schluss biegt er nach außen und flacht sich ab. Besonders in der Geraden, ist der Knochen, bei Überlastung bruchgefährdet.

    Das Schlüsselbein ist schnell in Gefahr 41

    Auch im weiteren Verlauf, kann man den Knochen gut durch die Haut tasten. Besonders spannend, ist die Bewegung des äußeren Endes, wenn wir den Arm abspreizen oder anheben über spätestens 90°. Physiologisch sollte die Schultergürtelbewegung aber schon ab 70° stattfinden.

    Der abgeflachte, laterale Bereich, (Acromialbereich) des Schafts weist eine noch größere hintere Krümmung auf, um mit dem Acromion des Schulterblatts zu artikulieren. Dieses hat seinen Namen, von seiner körperfernen „extremen“ Lage: Der Ort an dem es ακρώς, akros = extrem ist, heißt Ακρώμειο, Akromion.

    Das acromiale Ende

    Das in die Peripherie (distale), sowie zur Körperseite (laterale) zeigende Ende, ist abgeflacht/dünn und breit. Es ist gelenkig mit dem Acromion verbunden. Einer Verlängerung der Schulterblattgräte.

    Das Schlüsselbein ist schnell in Gefahr 42
    CC BY-ND 4.0 DE: www.MedicalGraphics.de

    Die untere Oberfläche ist rauh und hat einen Grad. Die Trapezlinie, ist für ein Band (Lig. Trapezoideus) als auch die leichte abgerundete Ausstülpung (Tuberculum conoideum). Es befindet sich über dem Rabenschnabelfortsatz, welcher vom Schulterblatt nach vorne kommt (siehe oben).

    Diese Knochenrauhigkeiten und -vorsprünge, dienen der wichtigen Fixierung des Schlüsselbeins, mit dem Rabenschnabelfortsatz. Es verbindet das Acromion mit dem Schulterblatt.

    Diese Oberflächenmerkmale, sind Ansatzstellen für Muskeln und Bänder der Schulter. Denn das flache Gelenk zum Schulterblatt, wird durch viele Bänder auf dem Schulterdach gehalten. Die Ansätze der Muskel am Knochen sind gut abgegrenzt.

    Das Schlüsselbein ist schnell in Gefahr 43

    Der vordere Rand ist konkav und bildet den Ursprung des Deltoidmuskels. Der hintere Rand ist konvex und bildet die Befestigung des Trapezmuskels.

    Entwicklung

    Das Schlüsselbein, ist der erste Knochen, welcher mit dem Prozess der Verknöcherung beginnt. Dies entwickelt sich, während der Entwicklung des Embryos, in der fünften und sechsten Schwangerschaftswoche. Es ist die Ablagerung von Mineralien, auf einer vorgefertigten Matrix, der Zwischenzellsubstanz. Er schließt seine Verknöcherung im Alter von etwa 21–25 Jahren ab. Damit ist er der letzte Knochen.

    Das äußere Ende, verknöchert wie auch der Schädel, innerhalb der Knochenhaut (Dermis), direkt von außen. Unter der Membram des Knochens (intramembranös), bzw. Knochenhaut (Dermis), bildet sich eine Verdichtung von Bindegewebszellen (Osterblasten) Osteoid und Fermente. Die Fermente, fördern die Einlagerung von Kalksalzen. So verknöchert der Knochen.

    Das innere Ende, wächst in einer Knorpel-Wachstumsfuge. In dieser Fuge, wächst und entsteht, zwischen Schaft (Diaphyse) und Ende (Epiphyse) der Knochen. Stammzellen (Mittelfell – Mesemchym), bilden zuerst Knorpelzellen (Chondroblasten). Diese produzieren Knorpel. Anschließend kommt es zur Einsprossung von Blutgefäßen. Knochen bildende Zellen(Osteoblasten), ersetzen den Knorpel nachfolgend. Die Verknöcherung schließt im 18. bis 20. Lebensjahr ab.

    Der Schaft wächst klassisch wie ein Röhrenknochen, bei der Verknöcherung von außen (perichondrale Ossifikation). Die Knorpelhaut (Perichondrium), Knochen produziert Zellen (Osteoblasten). Diese lagern sich ringförmig, um das Knorpelmodell und es entsteht so eine Knochenmanschette. Im Schaftbereich gibt es zwei Wachstumszentren, die sich erst später vereinen. Bei einer Störung, kann sich hier ein Falschgelenk (Pseudarthrose) bilden1.

    Erkrankungen & Verletzungen

    Knochenbrüche

    Knochenbrüche, sind meistens im Mittelbereich (80 %), seltener am Ende. Denn dort sind meisten, die Gelenke selber betroffen.

    Beim aufrecht gehenden Menschen, kommt es bei Stürzen, häufig zu einem Schlüsselbeinbruch. Dieser Bruch ist mit 15 % bei Erwachsenen und 25 % bei Kindern wahrscheinlich. Damit ist es der Knochen, der am häufigsten bricht. Die Inzidenz liegt bei 64 pro 100.002.

    Durch die Fraktur kommt es zu einer sicht- und tastbaren Stufenbildung. Eine scheinbare Verlängerung, des Armes und/oder einer Veränderung der Kopfhaltung.

    80 % aller Brüche können konservativ versorgt werden. Im Gegensatz zu anderen Röhrenknochen, ist es hier mehrheitlich, ein einfacher Überlastungsbruch. Frakturen bei Auffahrunfällen durch Gurte, sind heute seltener, da sowohl die Gurte verstellbar sind, als auch die Aufprallenergie durch den Airbag aufgefangen wird.

    Die Entscheidung für die konservative oder operative Behandlung erfolgt durch:

    Claviculafraktur-Faktoren*KonservativOperativ
    Verschiebung (Dislokation)normalstark
    Trümmerzone (Bruchfragmente)Keine bis wenig Trümmerviele Fragmente
    Frakturlinieeinfachkomplex
    Gelenkbeteiligungneinja
    Polytrauma (Vielfachverletzungen oder -brüche)neinja
    Mitverletzung Nerven oder Blutgefäßeneinja
    Weitere gesundheitliche Risikofaktoren (zum Beispiel Heilungseinschränkungen)neinja
    Körperliche Handicapsneinja
    Alltagsanforderungen (zum Beispiel Sportler, bestimmte Berufe)neinja
    *Die Ärztin oder der Arzt entscheidet dies mit der PatientIn individuell. Die Liste ist ein grober Anhaltspunkt.

    Konservative Behandlung:

    Meistens, wird sie durch Schulterretraktion mittels eines „Rücksackverbandes“ ruhiggestellt. Gelegentlich, wird auch der Arm ruhig gestellt mit einem Gilchrist-Verband. Mindesttragedauer ist drei bis vier Wochen.

    Operative Behandlung

    Eine Operation richtet sich nach den individuellen Bedürfnissen und Bruchformen. Die Behandlungsoptionen sind minimalinvasive elastische Titannägel (TEN, ESIN) oder moderne Platten- und Schraubensysteme.

    KonservativOperativ
    Knochenschwielegroßklein
    Repositionierunggrobexakt
    Heilungsphase 6–8 Wochenkürzer
    Vollständige Knochenheilung3–6 Monatekürzer
    Belastbarkeit (Alltag, Sport, Arbeit)sehr langsammeistens direkt nach OP
    Heilungsrategutsehr gut
    Tastbarkeit Bruchstellemeistensselten

    Die minimalinvasive Operation, ist ein Eingriff mittels kleinster Inzisionen (punktuelle Hautöffnungen). Es wird ein flexibler Nagel von der Innen- oder Außenseite des Knochens in das Schlüsselbein eingeführt. Beide Fragmente werden exakt zusammen geführt. Diese Methode eignet sich für einfache und glatte Brüche. Das in der Markhöhle (Medulla) befindliche Implantat gleicht die unterschiedlichen Zugbelastungen des Schlüsselbeins aus. Diese Behandlung ist ideal für Klavikulafrakturen mit 2-3 Fragmenten3.

    Bei der Behandlung mit Platten- und Schraubensystemen werden die Bruchstücke mit einer Platte und Schrauben verbunden. Die Platten, sind winkelstabil und sind somit eine kraftschlüssige Verbindung. Dies, ermöglicht hohe Stabilität. Die minimalinvasive Operation ist ein Eingriff mittels minimaler Hautschnitte.

    Brüche, am äußeren Ende, des Schlüsselbeins, können mittels Arthroskopie (Schlüsselloch-Technik) versorgt werden. Hier kommen moderne Faden-Titanplättchen-Systeme (TightRope- oder DogBone-Verfahren)zum Einsatz. Sie stabilisieren den Bruch.
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    Die Operationen werden unter Vollnarkose durchgeführt. Sie dauern in der Regel maximal 60 Minuten. Zur Überwachung und Nachsorge ist mindestens ein Tag Klinikaufenthalt notwendig. Zur Reduzierung der Schmerzen und zur Schonung, kann eine Armschlinge verordnet werden. Die Armschlinge muss nicht durchgehend getragen werden. Länger als zwei Wochen wird das Tragen nicht empfohlen, da dies zu Einschränkung der Beweglichkeit führen kann.

    Entwicklungsstörungen

    In der Entwicklungsgeschichte der Spezies sind die Schlüsselbeine relativ spät entstanden. Dies, kann bei angeborenen Erkrankungen4 ,zu Minderbildung (Hypoplasie), Fehlbildung (Dysplasie), oder vollständige Fehlen (Aplasie) führen.

    Frakturen bei der Geburt

    Bei 1 bis 2 Prozent der Neugeborenen kommt es bei der Geburt zu einer Fraktur des Schlüsselbeins. Symptome sind Minderbewegung auf der betroffenen Seite. Es kann zu einer höheren Reizbarkeit kommen. Manchmal wird die Fraktur auch erst entdeckt, wenn sich der Kallus (Gewebeschwiele) bildet. Eine Fraktur kann bei der Palpation des Körpers festgestellt werden. Das Schlüsselbein ist nach innen eindrückbar. Die Sicherung der Diagnose ist kein Röntgenbild oder eine Ultraschalluntersuchung notwendig.

    Die Fraktur muss nicht versorgt werden. Ein Gips oder Verband ist nicht notwendig. Eine Fehlstellung gleicht sich von selbst aus. Es kommt in der Regel zu keiner Mitverletzung von Nerven und Gefässen.

    Sie heilt von alleine aus. Das Baby kann bei Bewegung Schmerzen haben. Es sollte vorsichtig gelagert, getragen und bewegt werden. 

    Klavikulektomie

    Bei chronischer Instabilität und Arthrose, kann das Schlüsselbein teilweise (partiell) entfernt werden. Die teilweise Klavikulektomie wird an den Enden, im Bereich des Schultereckgelenks, oder des Sternoklavikulargelenks durchgeführt.

    Bei bösartigen (malignen) Tumoren5 ,kann das Schlüsselbein komplett (totale) entfernt werden. Diese betreffen nur selten das Schlüsselbein. Metastasen kommen nur sehr selten vor. Andere sehr seltene Ursachen für eine komplette Entfernung, sind chronische Knocheninfektionen und komplexe Knochenbrüche. Die Rekonstruktion war früher sehr schwierig und ist heute, wegen der modernen Operationstechniken häufiger.

    Die komplette Klavikulektomie entfernt den gesamten Knochen. Sie ist schwieriger als eine Amputation und Komplikationen sind häufiger. Es kann zu lokalen Infektionen kommen und die Verletzungsgefahr der tieferen Strukturen(Vena subclavia) ist größer. Dies führt zu Instabilität. Der Funktionsverlust ist meist nur mäßig.

    Das Schlüsselbein, kann als Knochenersatz entnommen werden. Es kann zur Rekonstruktion des Oberarmknochens verwendet werden. Dies, ist ein Verfahren, bei einem bösartigen (malignen) Knochentumor, des Oberarmknochens6.

    ICD – 11 Codierungen des Schlüsselbein

    Die ICD dient weltweit zur Verschlüsselung von Diagnosen. An der Pflege und Weiterentwicklung dieser und anderer Klassifikationen der WHO beteiligt sich als WHO Kooperationszentrum für das System Internationaler Klassifikationen auch das BfArM (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte).

    • XA2AL0 Knochen des Schultergürtel
    • XA6384 Klavikula
    • XA76N8 Sternales Ende der Klavikula
    • XA4PT6 Schaft der Klavikula
    • XA09P2 Akromiales Ende der Klavikula
    • NC12.0 Fraktur der Klavikula
    •  NC12.00 Fraktur des sternalen Endes der Klavikula
    •  NC12.01 Fraktur des Klavikulaschafts
    •  NC12.02 Fraktur des akromialen Endes der Klavikula
    •  NC12.03 Multiple Frakturen der Klavikula, isoliert
    •  KA45.5 Klavikulafraktur durch Geburtsverletzung
    •  NC12.0Y Sonstige näher bezeichnete Fraktur der Klavikula
    •  NC12.0Z Fraktur der Klavikula, nicht näher bezeichnet
    • Luxationsfraktur des Schlüsselbeins
    • Fraktur des Schlüsselbeins
    • Klavikulafraktur durch Geburtsverletzung (KA45.5)
      • Lateralität
      •  XK9J Bilateral
      •  XK8G Links
      •  XK9K Rechts
      •  XK70 Unilateral, nicht näher bezeichnet
    • FA31.Y Sonstige näher bezeichnete erworbene Deformitäten der ExtremitätenDeformität des Schlüsselbeins
    • ▽FA31 Sonstige erworbene Deformitäten der Extremitäten
      •  FA31.0 Valgusdeformität, anderenorts nicht klassifiziert
      •  FA31.1 Varusdeformität, anderenorts nicht klassifiziert
      •  FA31.2 Flexionsdeformität
      •  FA31.3 Erworbene Fallhand
      •  FA31.4 Erworbener Hängefuß
      •  FA31.5 Erworbener Pes planus
      •  FA31.6 Erworbene Klauenhand oder Klumphand
      •  FA31.7 Erworbener Klauenfuß oder Klumpfuß
      •  FA31.8 Erworbene unterschiedliche Extremitätenlänge
    • 4B20.YSonstige näher bezeichnete Sarkoidose: Sarkoidmyositis, Schlüsselbein
    • EF00.Z Pannikulitis unbestimmter oder nicht näher bezeichneter ÄtiologiePannikulitis des Schlüsselbeins unbestimmter oder nicht näher bezeichneter Ätiologie
    1. Sakkers, Ralph J. B. M.D; a Ton, Erik Tjin M.D†; Bos, Cees F. A. M.D., Ph.D.. Left-Sided Congenital Pseudarthrosis of the Clavicula. Journal of Pediatric Orthopaedics B 8(1):p 45-47, January 1999. ↩︎
    2. Prokop A, Schiffer G , Jubel A , Chmielnicki M. Intramedullary stabilisation of clavicula fractures. Zeitschrift fur Orthopadie und Unfallchirurgie, 15 Oct 2013, 151(5):449-451 ↩︎
    3. Prokop A, Schiffer G , Jubel A , Chmielnicki M. Intramedullary stabilisation of clavicula fractures. Zeitschrift fur Orthopadie und Unfallchirurgie, 15 Oct 2013, 151(5):449-451 ↩︎
    4. Kleidokranialen Dysplasie, Foramina parietalia mit kleidokranialer Dysostose, Mandibuloakralen Dysplasie ↩︎
    5. Osteosarkome, Ewing-Sarkome, primitive neuroektodermale Tumoren, Myelome ↩︎
    6. Clavicula Pro Humero Reconstruction for Malignant Tumor of the Proximal Humerus in Children and Adults HIDEYUKI KINOSHITA, HIROTO KAMODA, YOKO HAGIWARA, TAKESHI ISHII, SEIJI OHTORI, TSUKASA YONEMOTO Anticancer Research Apr 2022, 42 (4) 2139-2144; DOI: 10.21873/anticanres.15696 ↩︎
  • Parameter bei Übung und Training

    Parameter bei Übung und Training

    Trainingsparameter: Mehr Genauigkeit = mehr Erfolg!

    Durch genaue Bestimmung der Parameter Deines Trainings erzielst Du den optimalen Trainingsreiz. Trainingsparameter sind die Variablen beim Training.

    Hinweis zu meinen Artikeln:

    Meine Artikel für Dich sind keine schnellen und oberflächlichen Nachrichten. Statt eines kurzen Tweets oder eines kurzen Statusupdate erhälst Du bei mir einen ganzen Artikel mit viel Detailinformationen. Zudem gibt es bei gesundheitlichen Problemen selten eine einfache und schnelle Lösung. Der menschliche Organismus ist hochkomplex und da ist schon die Reduktion in einzelne Artikel schwierig.
    Wie auch in meinen Artikeln so ist auch meine Therapie. Ich nehme mir Zeit für die Befundung, die Therapie, die Übungen, die Alltags- und Gebrauchsbewegungen und selbstverständlich auch die methodische und didaktische Vermittlung. Meine PatientInnen schätzen genau das: Sehr genau und ganz exakt, dabei sanft und immer herzlich, ganz nach meinem Motto in der Therapie: „Fühle Dein Wesen in Bewegung und erlebe Dein Sein in der Therapie“.

    Häufigkeit

    Wie lange brauche ich eine Pause vor dem nächsten Training? Wann ist die Erholung erreicht? Und noch wichtiger, wann bin ich im Bereich der Superkompensation? Das bezeichnet die Anpassungsprozesse im Rahmen des Trainings. Denn der Körper passt sich den Anforderungen an. Diese Adaption heißt Superkompensation. Setzt Du den nächsten Reiz zu früh, vermindert sich Dein Erfolg. Setzt Du den nächsten Reiz zu spät, bleibt der Erfolg aus.

    Je nach Belastungsart und -ort ist das sehr unterschiedlich und wird durch Tests ermittelt. Als Faustregel gilt: einmal pro Woche erhaltender Reiz, zweimal die Woche gering aufbauender Reiz, ab dreimal aufbauender Reiz.

    Heterochronism of adaptation: Der Körper reagiert unterschiedlich auf einen Trainingsreiz, deshalb sind exakte Trainingsparameter wichtig!
    Das Modell der Superkompensation


    Dieses Prinzip wurde ursprünglich für die Glykogen–Superkompensation entwickelt. Es wird aber immer noch als Modell genommen. Die verschiedenen Funktionssysteme des Körpers antworten auf die gezielte Reizsetzung unterschiedlich. Die wird auch als „Heterochronismus der Wiederherstellung“ bezeichnet. Training ist die Anpassung der biologischen Prozesse (Superkompensationsprinzip) und immer auch Bewegungslernen!

    Motorische Leistungen

    Zwei Übende und davor die motorischen Fähigkeiten und Fertigkeiten in jeweils einem Kreis aufgeführt.

    Je genauer die Art der motorischen Beanspruchung, desto gezielter der Trainingsreiz für Deinen Körper:

    1. Konditionsfähigkeiten
      • Kraft (Arbeit gegen Widerstand)
        • isometrisch (Halten gegen Widerstand)
        • Konzentrisch/exzentrisch
        • Weite der Bewegung (Yoga, Calisthenics)
      • Ausdauer
    2. Koordinationsfähigkeiten
      • Muskulär (auch Differenzierungsfähigkeit)
        • intramuskulär
        • extramuskulär
      • Gleichgewicht, Orientierung und Kopplungsvermögen (Abstimmung der Bewegung räumlich, zeitlich und dynamisch)
      • Reaktion
      • Rhythmus und Anpassung-/Umstellungsfähigkeit
      • Vereinigung von Bewegungen sowie die Fähigkeit zur Neugestaltung von Bewegungen
    3. Schnelligkeit
    4. Flexibilität
      • Gelenkigkeit
      • Strukturlängenvermögen (früher Dehnung, nur das hintere Längsband an der Wirbelsäule ist dehnfähig)
      • Beweglichkeit
        • aktiv (durch Muskelkontraktion)
        • passiv (durch das Einwirken von Kräften)
      • Gewebegeschmeidigkeit

    Die Belastungsart wird sehr zielgerichtet bestimmt. Und sie wird punktuell um ein vorliegendes Trainingsziel fokussiert. So vermeidest Du Training ohne exakte Zielsetzung und jahrelanges Training ohne Erfolg. Ein Beispiel:

    Die Lügen beim Training

    Auf dem Bild ist eine Frau im Halbkniestand mit einem Gewicht hochgereckt im rechten Arm. Links ist ein Kreis mit den vielen Feldern, die wir beüben, wenn wir Kraft und Ausdauer im Fokus haben.

    Es gibt keine Kraftausdauer. Es gibt nur einen Übergangsbereich zwischen der Limitierung der Kraft und der Limitierung der Ausdauer. Aus Sport-physiologischer Sicht ist aber der Kontext zur intramuskulären und extramuskulären Koordination wichtig. Vor allem zur Vermeidung von Trainings- oder Sportschäden an den Körperstrukturen.

    Es gibt noch viele andere sportliche Ungenauigkeiten. Eines der bekanntesten ist, dass Muskeln dehnfähig sind. Das stimmt nicht. Also gleich mal weg mit dem Namen. Die gleiche Übung kann unter dem richtigen Aspekt aber sehr zielführend sein:

    1. Muskellängenübung zur Erwärmung
    2. Muskellängenübung in der aktiven Pause
    3. Muskellängenübung zum Einbau von Aktin- und Myosinfilamenten im Muskel (niemals ohne Aufwärmung)
    4. Muskellängenübung zur Regeneration nach dem Sport

    Ablauf bei Übung und Training

    Vor drei Übenden, die eine Plankübung machen, ist ein Diagrammen mit dem Ablauf einer Übungsstunde.

    Es ist gut, sich vorzubereiten. Auch bei Deiner Übungsstunde. Dann gehe langsam in die Aufwärmung. Bereite Deine Strukturen gezielt vor. Anschließend, wenn Du noch frisch und ausgeruht bist, übst Du eine zielgerichtete Erhöhung einer einzigen Fähigkeit. Im ausdauernden Üben baust Du sie in Dein Programm ein. Danach werden gezielt Strukturen „entmüdest“. Eine Phase der Entspannung erhöht den Effekt deutlich. Zum Schluss reflektierst Du Dein Üben und fühlst ausgiebig nach.

    Testabhängiges Üben und Trainieren

    Das Bild zeigt eine Silhouette von zwei Trainierenden und rechts sind die Trainingsparamter aufgelistet
    • Intensität (Belastung während eines Satzes)
    • Trainingsumfang (Wie oft mache ich eine Übung oder Zeitdauer der Belastung TUT time under tension)
    • Satz (Wiederholung der Bewegung)
    • Sätze (Wiederholung des Satzes)
    • Umfang (Tempo oder Zeit)
    • Dichte (Pausenlänge zwischen den Sätzen)

    Jede Veränderung der Trainingsparameter verändert Dein Training. Und die „lohnende Pause“ zwischen den Sätzen erlaubt eine unvollständige Erholung (Regelwert 2/3), führt aber zu einem höheren Gesamtumfang.

    Du kannst auch auf bestimmte Trainingsmethoden zurückgreifen oder ein eigenes Programm mit Deinem Coach entwickeln. Zwei typische Beispiele:

    • Muskelaufbau: Zuwachs des Muskelwachstums
      • Beispiele: Pyramide, Supersätze, Überlastungsmethode
    • Fettverbrennung: Möglichst viele Kalorien lokal oder allgemein aerob verbrennen (auch durch den Nachbrenneffekt bis zu 48 Stunden)
      • Beispiele HIIT, Tabata, Challenge

    Lerne Deine motorische Zielgenauigkeit zu erhöhen und wende dann exakte Trainingsparameter an! So erhöhst Du Deinen Trainingseffekt!

    Reiner Schwope

    Motivation und Aufmerksamkeit

    Ein Kind wirkt bunte Schnipsel in die Luft, es soll Ausdruck sein für Dein Üben und Trainieren. Denn ein spannendes Training mit hoher bewusster und unbewusster Aufmerksamkeit sowie Ansporn erhöht den Effekt.

    Selbst wenn wir eine exakte Bestimmung der Trainingsparameter haben, so kommt nun eine extrem schwere Kategorie für die Therapeutin oder die Trainerin hinzu. Wir müssen für den nötigen Anreiz suchen. Bei auch immer gleichen Wiederholungen muss es für Dein Gehirn am besten total unterschiedlich sein. Je höher die ungebuwsste und bewusste Aufmerksamkeit sowie unser Ansporn ist, desto mehr Effekt zeigt sich.

    Trainingstagebuch

    Eine Frau schreibt in ein Heft. Es wirkt sinnlich und auch erotisch.

    Aus der Praxis empfehle ich Dir ein Trainingstagebuch. Nehme Dir mindestens einmal pro Woche Zeit für Deine Trainingsplanung. Sie ergänzt Dein Dir gesetztes Primärziel. Ein erfahrener Coach kann Dir helfen den Trainingsplan zu optimieren.

    Eigenmotivation

    Ein Mann läuft am Wasser. Er wirkt motiviert und scheint Freude zu empfinden.

    Denke nicht viel über Deine Motivation nach, vor allem die ersten drei Jahre. Wir sind dann noch nicht so „abhängig“. Die neuronale Verschaltung baut sich ja erst auf. In dieser Zeit einfach in die Turnschuhe schlüpfen und los. Du darfst dafür umso mehr Freude nach dem Training haben.

    Nichts ist ermüdender als über Dein eigenes Training und Deine Motivation nachzudenken. Es ist DEIN „Trainingskiller“. Lasse das einfach ganz weg. Konzentriere Dich nur auf DEIN Gefühl nach dem Üben oder Trainieren. Das spüre jedes Mal intensiv. Merke, was Dir und wie es Dir besonders gut geht. Das macht dann Freude und die will DEIN Körper dann immer mehr.

    Und dann möchte ich noch mit einem weiteren „Trainingskiller“ aufräumen. Deine Tagesform wird, je nach Training, mal oben und mal unten sein. Merke Dir, der Trainingseffekt ist an den Tagen am besten, wo Du Dich nur so durchschleifst.

    Drei Männer im Kreis. Sie motivieren sich als Gruppe und haben Spaß.

    Dafür gibt es noch eine praktische Empfehlung für Dich, was Deinen Effekt erhöht, und zwar sofort: Suche Dir eine TrainerIn oder zumindest einen Partner beim Üben und Trainieren. Natürlich ist eine echte TrainerIn perfekt, denn wenn ich alle Faktoren zusammen fasse, dann muss jetzt noch die kurz-, mittel- und langsfristige Übung- und Trainingsplanung folgen. Nur ein Profi ist in der Lage, einen solchen Prozeß ideal zu forcieren und auch das letzte herauszukitzeln.

    Zwei sitzen sich gegenüber und einer erklärt auf einer Landkart den Weg.

    Ein Trainingsplan führt Dich durch die vielen Wirren des Aufbaues von motorischen Funktionen. Das ist vergleichbar mit dem Erreichen eines Zieles ohne eine Karte. Ein Grund, warum so viele Menschen im Fitnessbereich keine Erfolge erzielen. Hier erhält man meistens nur ein grobes Schema zum Üben.

    Du darfst aber mit Erfolg trainieren. Du bist es Dir Wert. Investiere in Deinen Körper, damit Du Dich geübt und trainiert fühlst und dadurch Kraft und Ausdauer für Deinen Alltag hast!

  • M. Trapezius: Welche Übung rekrutiert mehr Fasern?

    M. Trapezius: Welche Übung rekrutiert mehr Fasern?

    Der untere M. Trapezius ist für das Schultergelenk funktionell sehr wichtig. Deshalb ist es wichtig, zu wissen, welche Übungen wirken. Eine Querschnittsstudie mit wiederholten Messungen an asymptomatischen Personen hat dies untersucht1.

    Die Standardübung

    Es ist die Y-Übung in Bauchlage. Sie wird mit über 90° Schulteranhebung ausgeführt wird. Sie wird häufig angewendet (Standardübung) und ist mit 85 % bis 97 % der MVC sehr effektiv. MVC steht für Maximum Voluntary Contraction und ist ein Maß für die Muskelkraft.

    Warum ist die Funktion vom unteren M. Trapezius so wichtig für das Schultergelenk?

    Der untere Trapezmuskel erleichtert die dynamische skapulothorakale Kontrolle2. Für die Armhebung ab 30° und zwingend ab 90° muss das Schulterblatt eine vorbereitende Drehung und Senkung machen.

    Ein wichtiger Muskel für diese Bewegung ist der unter M. Trapezius. Der Muskel selbst bleib dabei gleich in seiner Länge, er dient als Widerlager für den kontrahierenden M. Serratus anterior(Sägezahnmuskel). Das Schulterblatt dreht nach außen und wird dabei unten gehalten.

    Standard Übung nicht immer einsetzbar

    Bei einer Rehabilitation für das Schultergelenk, zum Beispiel nach einer Operation, sind Schulteranhebungen über 90° nicht indiziert. Deshalb kann die Standardübung nicht eingesetzt werden.

    Da aber die Schultergelenkproblematik mit einer Dysfunktion der Schulterblattbewegung einhergeht, ist eine entsprechende Übung erforderlich. Deshalb ist es zielführend, den unteren M. Trapezius zu trainieren.

    Insbesondere nach postoperativen Rekonstruktionen der Rotatorenmanschette. Dabei wird die Sehne des Abspreizmuskel (M. Supraspinatus) rekonstruiert. Schulterabduktionsübungen über 90° sind dann bis zur sechsten oder siebten Woche nicht erlaubt, damit die Heilung der Sehne geschützt wird.

    Welche alternativen Übungen bringen Wieviel Effekt?

    Folgende Übungen wurden also bei gesunden Probanden getestet und es wurde die elektrische Aktivität gemessen (EMG=Elektromyographie). Der erste Wert ist der Mittelwert und die Streubreite ist mit ± in Prozent angegeben:

    • Liegestütz im Sitzen (56 ± 23 % MVC)
    • Schulterblattretraktionsübungen (51 ± 29 % MVC)
    • Kobra in Bauchlage (44 ± 14 % MVC)
    • Rudern in Bauchlage (36 ± 14 % MVC)
    • Seitlich liegenden Außenrotation (34-65 % MVC)
    • Seitlich liegenden Vorwärtsflexion (48-64 % MVC)

    Das Geschlecht beeinflusste einige EMG-Werte und interagierte typischerweise mit dem Trainingstyp.

    In der frühen Rehabilitation wird die seitlich liegende Außenrotation in Bauchlage und der Wall Slide empfohlen. Beim Wall Slide wird der Arm außenrotiert während man den Rumpf an der Wand abstützt. Dies spricht den unteren M. Trapezius an und limitiert die Bewegung im Schultergelenk.

    Für die Übungsauswahl ist ein wichtiger und elementarer Faktor die intra- und intermuskuläre Koordination. Das ist die Koordination im Muskel und der Muskeln untereinander. Das Gesamtbild der Bewegung ist also in allen Teilen von besonderer Bedeutung. Werte alleine dienen nur zum Verständnis der Wirkweisen einzelner Übungen!

    1. F. Garcia, Cristina Herrera, Jacquelyn M. Maciukiewicz, Reagan E. Anderson Daniel C. Ribeiro, Clark R. Dickerson. Variation of muscle recruitment during exercises performed below horizontal arm elevation that target the lower trapezius: a repeated measures cross-sectional study on asymptomatic individuals. Journal of Electromyography and Kinesiology
      Available online 24 April 2023, 102777
      ↩︎
    2. Johnson et al., 1994 ↩︎
  • Ergonomie im Sitzen:  Entlastung für Deine Wirbelsäule!

    Ergonomie im Sitzen: Entlastung für Deine Wirbelsäule!

    Das Einordnen der Körperlängsachse entlastet viele Strukturen:

    • Wirbelsäule
      • Knochen
      • Bänder
      • Bandscheiben
      • Gelenke
      • Muskeln
    • Organe/Organstrukturen
      • Zwerchfell
      • Herz
      • Aorta insb. Aortenbogen
      • Nacken
    • Funktion
      • Gleichgewicht
      • Versorgung des Gehirns

    Die Liste bildet einige Beispiele ab und ist nicht vollständig. Eine bessere Ergonomie im Sitzen führt zu einer deutlichen Entlastung und steigert zudem das Wohlbefinden. Wojciech Jastrzębowski schuf 1857 den Begriff Ergonomie (Ergonomik). Das stammt von altgriechisch ἔργον ergon Arbeit. Aus der Betrachtung der gesunden Haltung und Bewegung ist eine Wissenschaft geworden.

    Ein ähnlicher Begriff hat eine andere Bedeutung. Die Ergotherapie unterstützt kranke oder verletzte Menschen insbesondere bei der Bewältigung ihres Alltags. Sie ermöglicht betroffene Menschen:

    • Eigenständige Versorgung
    • Gesellschaftliche Teilhabe
    • Steigerung der Lebensqualität

    Es gibt zwei Grundziele der Ergonomie. Das primäre ist die Belastung für den menschlichen Organismus zu mindern. Das sekundäre ist es die Arbeit zu optimieren. Am Anfang stand noch die Arbeitssicherheit im Vordergrund (zum Beispiel an der Mensch-Maschine Schnittstelle, Anpassung von Arbeitsgeräten/Werkzeugen). Später schaute man mehr auf die Arbeitsbedingungen (Lärmschutz,…) und auch der Arbeitsablauf rückte mehr in das Blickfeld. In den 80er und späteren Jahren wurden diese durch psychologische Betrachtungen ergänzt. Mittlerweile hat sich aber eine ganzheitliche Sichtweise durchgesetzt. Der Mensch mit seinen Bedürfnissen steht im Mittelpunkt.

    Und in diesem Artikel zeige ich Dir, wie Du für Dich einen gute Sitzposition findest.

    Deine Wirbelsäule

    Die Wirbelsäule ist ein flexibler Stab. Du hast sieben Halswirbel, zwölf Brustwirbel und fünf Lendenwirbel. Zwischen den Wirbeln sind Bandscheiben. Sie haben einen flüssigen Kern, welches von Bindegewebe gehalten wird. Die Wirbel haben zudem Verbindungen über kleine Gelenke.

    Ergonomie im Sitzen: Entlastung für Deine Wirbelsäule! 44
    Die Wirbelsäule von der Seite (grün=Kreuzbein, gelb=Lendenwirbelsäule, blau=Brustwirbelsäule, rot=Halswirbelsäule)

    Ist die Wirbelsäule regelmäßig in Bewegung und nicht belastet, hält Deine Wirbelsäule ein Leben lang! Einseitige Haltung und Belastung führen aber schnell zu ernsten Problemen. Vor allem das lange Sitzen am Arbeitsplatz ist von Natur aus schon belastend.

    Nur Bewegung ernährt die Strukturen in den Gelenken und Bandscheiben. Sie sind bradytroph. Bradytroph bedeutet mit langsamem Stoffwechsel. Bradytrophe Gewebe werden durch Diffusion aus der sie umgebenden Flüssigkeit versorgt. Sie haben nur wenige oder keine Blutgefäße auf. Nutze Pausen zur Bewegung damit Deine Strukturen gut ernährt werden.

    Musst Du lange sitzen, fehlt Deiner Wirbelsäule Bewegung. Bei einseitiger Belastung kommt es zur strukturellen Überlastung.

    Folgen einseitiger Belastung

    Gewichte müssen gehalten werden. Und das muss Deine Muskulatur machen. Gewichte entstehen, wenn Du ein Körperabschnitt aus der Mitte heraus verlagerst. Zum Beispiel, wenn Dein Kopf nach vorn geneigt ist. Sitzt Du noch dazu und schreibst, dann hängen auch noch Deine Arme an der Achse. Die meisten Muskeln können dies baubedingt nicht lange halten. Ein Beispiel ist der Trapeziusmuskel im Nacken. Spätestens nach einigen Minuten wird der Muskel dann sauer. Durch die hohe Spannung (meistens ab ca. 30%) werden die kleinen Blutgefäße zusammen gedrückt. Die Blutversorgung wird gestoppt. Dann arbeitet der Muskel anaerob (also ohne Sauerstoff). Das Stoffwechselprodukt ist Milchsäure (Lactat). Das schwemmt in den Zwischenzellbereich. Die Übersäuerung spürst Du durch Schmerzen. Zudem ist eine koordinierte und weich abgestimmte Muskelarbeit nicht mehr möglich. Das gröbere Einstellen ist im Nacken dann besonders unangenehm. Wir empfinden uns dumpf und eingeschränkt. Dies wirkt sich wieder auf Dein Befinden aus.

    Die Sitzhaltung ist im beruflichen und privaten Kontext viel häufiger als früher.

    Doch niemand hat uns das Sitzen gelehrt. Selbst heute noch gibt es kaum Programme für die Schulen oder an den Arbeitsplätzen. Und das Sitzen ist nun mal ein Programm in unserem Gehirn. Ist das Programm nicht geschult, dann fallen wir schnell in eine ungünstige Sitzhaltung.

    Schmerzen führen zu keiner Veränderung der Sitzhaltung1. In Folge ist häufig eine Schonhaltung zu beobachten. Das Bewegungsempfinden oder konkreter die kinästhetische Sinneswahrnehmung.

    Die Schulung einer besseren Ergonomie der Sitzhaltung wird in Schritten aufgebaut:

    Idee entwickeln

    Forscher gehen davon von einer Wissensvermittlung aus2.{(Stephen J.Edmondston, Hon Yan Chana, Gorman Chi Wing Ngai, M. Linda R.Warren, Jonathan M.Williams, Susan Glennon, Kevin Netto)Manual Therapy Volume 12, Issue 4, November 2007, Pages 363-371}

    einer „guten“ Haltung

    Sitzhaltung üben

    Die erste Regel lautet: Locker bleiben und weiter üben. Bewegungsprogramm benötigen etwa 10.000 Wiederholungen. Das sind umgesetzt in Zeit schon mal drei Jahre üben. Achte auf folgende Punkte:

    • Sitzhöhe mindestens Unterschenkellänge, der Winkel der Kniegelenke ist größer 90°.
    • Beide Fußsohlen sind auf dem Boden.
    • Füße unter oder vor den Kniegelenken.
    • Knie kippen nicht nach innen oder außen.
    • Die Oberschenkel sind leicht gegrätscht.
    • Das Becken muss in einer bestimmten Kippung sein (kein Holkreuz!)
    • Die Sitzbeinhöcker sind gleich belastet.
    • Das Brustbein ist aufgerichtet.
    • Der Nacken ist lang.
    • Der Kopf ist hinten.

    Dies ist für die posturale Kontrolle der entscheidende Aspekt.

    Posturale Kontrolle

    Das Vermögen unter dem Einfluss der Schwerkraft eine aufrechte Körperhaltung zu erhalten.

    Schau Dir dazu mein Video an und beginne:

    Durch Klicken auf das Video wird eine Datenverbindung mit YouTube aufgebaut

    Die Körperlängsachse einnehmen, ganz einfach🤗

    Steigere langsam Deine Wiederholungen. Am Anfang kann man auf einem Hocker sitzend vor einer Wand üben. Nehme die Körperlängsachse ein ohne Kontakt mit der Wand. Dann schiebe Deinen Körper langsam nach hinten an die Wand. Nun überprüfe:

    1. Berühren der Kopf, die Brustwirbelsäule und das Becken gleichzeitig die Wand?
    2. Passt mehr als eine Handfläche zwischen die Lendenwirbel und die Wand?
    3. Passt mehr als ein Finger zwischen die Halswirbel und die Wand?
    4. Ist das Kinn an die Brust gezogen und der Nacken lang? Oder zeigt die Nase nach vorn? (Hier kannst Du einen Spiegel nutzen)

    Bewegung lernen

    Dein denkendes Ich ist kein guter Helfer. Es ist schnell mit anderen Dingen beschäftigt. Deshalb nutze alle Hilfen, die Du Dir geben kannst. Das kann schon ein kleiner Zettel am Arbeitsplatz am Monitor sein. Oder ein Programm, was Dich regelmäßig erinnert.

    In der zweiten Phase wechsel das Hilfsmittel Wand zum Messen gegen einen Stock (Besenstiel reicht). So kannst Du nun auch üben die Langachse einheitlich nach vorn und hinten zu neigen. Auch eine schöne Übung für die Rumpfmuskulatur, vor allem die Bauchmuskulatur wird so sehr effektiv aktiviert.

    Lerne die Körperlängsachse im Raum stabil zu neigen. So kannst Du später die Hebe- und Tragetechniken üben.

    Wohlbefinden steigern

    Bist Du in der Lage die Körperlängsachse einzuordnen und im Raum nach vorne und hinten zu neigen, dann kommt jetzt der nächste Schritt. Lerne die Körperlängsachse ganz minimal hinter der mittleren Position zu halten. Dabei löst Du Spannung im Rücken und Aktivierst den Bauchmuskel. Das bringt ganz tolle physiologische Effekte mit sich.

    • Wir können wieder gut durchatmen.
    • Das Herz ist ohne Kompression.
    • Die Nackenmuskulatur kann sich entpannen.
    • Die Kopfdurchblutung erhöht sich.

    Die Liste ist natürlich viel länger. Ein besonderen Effekt möchte ich aber zeigen: Dein Entspannungsvermögen wird größer und Dein Energielevel steigt. Denn Du aktivierst den „Solar plexus“. Das ist das riesige Nervengeflecht im Bauchraum.

    Sitzen

    Du wirst das auch schon gehört haben. Es ist nicht so weit hergeholt. Der Urmensch war viel mehr in Bewegung als wir heute. Unser Organismus ist auf Bewegung ausgelegt. Also, runter vom Sofa und raus in die Natur! Wenn Deine Arbeit im Sitzen ist, dann tue alles, um die Folgen für Deinen Körper zu minimieren. Hier ein kleines Programm für Dich🤗

    • Sitzhaltung optimieren
      • Körperlängsachse einnehmen
    • Sitzunterstützungen
      • Stuhl
      • Tisch
      • Ergonomische Maus und Tastatur
      • Bildschirm auf Augenhöhe
    • Ausgleichsbewegungen und Übungen
    • Verschiedene Sitzarten und Wechsel des Arbeitsplatzes

    Sitzen in der Schule

    Sitzen Arbeit

    Die Bestuhlung hat nach Untersuchungen geringen oder keinen Einfluss3.

    1. Kathryn Refshauge, Leonard Bolst & Michalene Goodsell. The Relationship Between Cervicothoracic Posture and the Presence of Pain. Journal of Manual & Manipulative Therapy Volume 3, 1995 – Issue 1 ↩︎
    2. Stephen J. Edmondston, Hon Yan Chan, Gorman Chi Wing Ngai, M. Linda R. Warren, Jonathan M. Williams, Susan Glennon, Kevin Netto. Postural neck pain: An investigation of habitual sitting posture, perception of ‘good’ posture and cervicothoracic kinaesthesia, Manual Therapy, Volume 12, Issue 4, 2007, Pages 363-371 ↩︎
    3. Mieke A.A., De Bruyne, Lieven Danneels, Véronique Braet, Evelyn Van De Sijpe, Maaike Vanwijnsberghe, Lieselot Verhenne, Tine Willems. Do stool types have an influence on cervicothoracic muscle activity and cervicothoracic posture among dentists/dental students? Applied Ergonomics Volume 97, November 2021, 103519 ↩︎
  • Lokales Ausdauertraining: Mit diesem Trick trainierst Du ohne Herzbelastung

    Lokales Ausdauertraining: Mit diesem Trick trainierst Du ohne Herzbelastung

    Was ist eigentlich lokales Ausdauertraining?

    Du fragst Dich bestimmt gleich, was ist denn nun schon wieder lokales Ausdauertraining? Und Du hast bestimmt noch nichts darüber gehört. Wenn doch, dann beglückwünsche ich Dich. Aber ich gehe mal davon aus, Du weißt noch nichts darüber, oder Du möchtest mehr erfahren. Lokale Ausdauer wird nicht in einem Lokal ausgeübt. Und auch nicht lokal also örtlich begrenzt in bestimmten Regionen. Lokal heißt hier örtlich spezifisch irgendwo in Deinem Körper.

    Lokales Ausdauertraining ist, wenn Du nicht mehr als 15 % Deiner Muskulatur arbeiten lässt. Das sind maximal 1/7 Deiner Skelettmuskulatur. Oder umgekehrt ausgedrückt: Du bewegst Muskulatur ausdauernd. Aber es sind so wenig Fasern beteiligt, dass ein allgemeiner Effekt ausbleibt, also ohne, dass Dein Kreislauf gefordert wird.

    Je nachdem, wie stark die Belastung ist, trainierst Du noch mit Sauerstoffverbrennung (aerob) oder mit Laktatbildung (anaerob). Die Schwelle liegt so bei etwa 70% (unterschiedlich je nach Muskel). Wobei es eigentlich gar keine Ausdauer mehr ist, wenn Du anaerob arbeitest{Relationship between the Relative and Absolute Isometric Endurance of an Isolated Muscle Group (K. B. Start &J. S. Graham) Pages 193-204 17 Mar 2013}.

    Wichtig für Dich: Den Muskel langsam ermüden, also nicht zu viel Kraftanteil dabei haben.

    Zum Ersten hast Du dann keinen Ausdauereffekt und zum Zweiten ist der Effekt beim Krafttraining auch eher mindernd für die Ausdauer{Effects of Three Resistance Training Programs on Muscular Strength And Absolute and Relative Endurance (Tim Anderson &Jay T. Kearney) Pages 1-7 11 Aug 1981}.

    Arbeitet Dein Muskel dabei in Bewegung, dann ist das dynamische Ausdauer. Hältst Du nur ohne zu bewegen gegen einen Widerstand, dann ist das statische Ausdauer. Wobei auch die statische Ausdauer für Alltags- und Gebrauchsbewegungen durchaus sinnvoll sein kann. Wir müssen dabei nur wissen, dass der Muskel in seinem Längenzustand unterschiedlich viel Kraft erzeugen kann. Im Durchschnitt liegt die maximal Kraftausbeute in der Mitte zwischen der maximalen Länge und der maximalen Kürze.

    Wieso sagen einige auch peripheres Ausdauertraining?

    Ganz einfach: Die meisten Muskeln, die weniger als 1/7 der Körpermuskulatur mit Sicherheit ausmachen liegen genau dort, in der Peripherie. Also das ist schon mal ein guter Ausgangspunkt für Dich. Warum? Weil die Peripherie ein wichtiger Bereich für den Blutdruck ist. Und somit für Deine Herzbelastung. Öffnen wir die periphere Durchblutung senkt sich der Widerstand. Das Herz pumpt leichter. Und es wird zudem besser gefüllt. Also korrekt heißt es vor gefüllt. Wir arbeiten also Blutdruck senkend und Herz erleichternd. Das ist doch schon mal ein Grund die Peripherie zu trainieren. Allein darin liegt also schon ein sehr guter Effekt.

    Und dann noch der positive Effekt für das zweite Herz. So heißen unsere Beinmuskeln. Sie helfen dem großen Herzen bei seiner Arbeit. Denk mal darüber nach! Wenn wir gehen, arbeiten unsere Beine im gleichen Rhythmus wie unser Herz. Mit sechzig bis achtzig Schritten in der Norm. Nun gut, auch mal mit 120. Aber dann arbeitet spätestens auch unser Herz schneller 🙂 Das nennen wir das zweite Herz. Es pumpt. Und so war es ja auch geplant. In der Urzeit saßen wir nicht den ganzen Tag herum. Wir waren ständig in Bewegung. So heißt es ja neuerdings „Sitzen ist das neue Rauchen“. Das ist nicht ohne Grund.

    Patienten mit chronischer obstruktiver Lungendysfunktion (COPD, COLD) profitieren besonders

    Durch Untersuchungen wissen wir, dass nicht nur Menschen mit einer Herzerkrankung besonders vom lokalen Muskeltraining profitieren{Relevance of assessing quadriceps endurance in patients with COPD (C. Coronell, M. Orozco‐Levi, R. Méndez, A. Ramírez‐Sarmiento, J.B. Gáldiz, J. Gea) European Respiratory Journal 2004 24: 129-136}. Untersucht wurden hier die Werte für die Ausdauer der Oberschenkelmuskulatur (M. Quadriceps). Er ist wichtig für eine ganz wesentliche Alltagsfunktion: Das Aufstehen und Hinsetzen. Bei Abnahme der Kraft im Muskel wird die Alltagsbewegung Aufstehen immer schwerer. Und die Folge: Immer mehr Pressatmung. Was der Lunge und auch dem Herzen gar nicht gut tut. Die Lungenbläschen (Alveolen) können die Luft nicht entlassen und immer mehr Bläschen kollabieren quasi. Am besten ist eine langsame und ruhige Ausatmung, damit alle Areale der Lunge gut entlüftet werden können. Da hilft auf jeden Fall ein starker Oberschenkelmuskel. Dann fällt uns diese Bewegung deutlich leichter.

    Und noch ein schöner Effekt: Fett wird 60% schneller abgebaut

    Im Muskel werden Kohlenhydrate und Fette als Energieträger verwendet und unter Sauerstoff zu Energie umgewandelt. Das machen unsere Energiekraftwerke im Muskel (Mitochondrien). Bei sehr hoher Belastung kann die Energiebereitstellung notfalls auch ohne Sauerstoff stattfinden. Dann entsteht aber Milchsäure. Die Energiekraftwerke erhöhen bei Training den Anteil der Verwertung von Fettsäuren um sagenhafte 60%{Medicine & Science in Sports & Exercise (BENTE KIENS) 29(5):640-645, MAY 1997}. Ein unglaublicher Wert. Das zeigt die Wichtigkeit von Training auch und gerade für die Gewichtsreduktion. Und wer weniger wiegt, dessen Herz kann auch leichter arbeiten. Das ist einfache Physik. Doch der Effekt geht noch weiter: Wir können Energie einfach wesentlich effektiver dem Muskel bereitstellen. Lokales Ausdauertraining ist ein Booster für die Energiekraftwerke in Deinem Muskel.

    Die Effekte reichen noch viel tiefer

    Fast alle physiologischen Vorgänge werden positiv beeinflusst. Das geht soweit, dass Nerven besser arbeiten{Role of sensory nerves in the rapid cutaneous vasodilator response to local heating in young and older endurance‐trained and untrained men (Garry A. Tew, Markos Klonizakis, James Moss, Alan D. Ruddock, John M. Saxton, Gary J. Hodges) 10 December 2010}. Bei der vorliegenden Untersuchung zeigten sensorische Nerven der Haut eine besseren Widerstand gegen Alterungsprozesse. Die Untersuchung zeigt nochmal sehr deutlich: Das lokale Ausdauertraining ist sehr effektiv. Und in diesem besonderen Fall noch Herz entlastend. Denn der periphere Widerstand der Hautdurchblutung wird gesenkt. Das verbessert auch die Thermoregulation. Noch ein Beispiel: Die biologisch aktivste Form des Testosterons ist DHT. Es wird vermehrt gebildet bei trainierten Skelettmuskeln{Endurance Exercise Training Enhances Local Sex Steroidogenesis in Skeletal Muscle (KATSUJI AIZAWA; MOTOYUKI IEMITSU; SEIJI MAEDA; NOBORU MESAKI; TAKASHI USHIDA; TAKAYUKI AKIMOTO) 01.11.2011}. Dies ist wiederum für den Muskelaufbau nötig. Aber auch psychisch wirkt dieses Hormon. Es ist für unser „Belohnungssystem“ ein wichtiges Hormon. Und wer möchte sich nicht gern ein wenig belohnen?

    Das lokale Ausdauertraining ist perfekt für Dein Training ohne Herzbelastung

    Dein Herz- und Kreislauf wird bei diesem lokalen Training nicht belastet. Es ist so begrenzt auf eine Region, da reicht der normale Blutstrom aus, also, wenn Du gerade nicht mit Verdauen beschäftigt bist. Und dann musst Du auch noch Deine bewegten Eigengewichte mit in die Waagschale legen. Aber vor allem musst Du zwei Dinge im Auge behalten:

    1. Idealerweise keine Lactatbildung

    Das Herz nimmt Laktat aus dem Blut auf. Es reoxidiert es. Voraussetzung dafür ist allerdings eine ausreichende Sauerstoffversorgung über die Koronargefäße. Bei einer Vorbelastung des Herzens ist ein Training mit Laktaerhöhung also nicht sinnvoll.

    2. Keine Druckerhöhung

    Arbeitest Du gegen Widerstand oder ist der Widerstand zu hoch, dann fängst Du an zu pressen. Doch jede Druckerhöhung ist kontraproduktiv. Also mach es ohne! Stell Dir diesen Vergleich vor: Die Muskelaktivität soll wie Fahrrad fahren sein, doch Du fährst nicht berghoch. Also eine dauernde Bewegung. Du spürst dabei eine angenehme lokale Erwärmung.

    Erhöhe Deine Lebensqualität

    Das lokale Muskelausdauertraining hat bei Patienten mit mittelschwerer, chronischer Herzinsuffizienz positive Auswirkungen auf die Bewegungstoleranz und die gesundheitsbezogene Lebensqualität.

    Dies ergab eine Studie {Improved quality of life inchronic heart failure patients following local endurance training with leg muscle (PT, MSc Raija Tyni-Lenné, PT, MSc Raija Tyni-Lenné, MD Allan Gordon, MD, PhD Christer Sylvén) Journal of Cardiac Failure}. Und wir wissen es aus der Beobachtung in den Herzgruppen und in den Kliniken: Die Lebensqualität steigt, wenn man mit gleicher Energie mehr Leistung erbringen kann. Du kannst also durch gezieltes Üben und Trainieren Deine Lebensqualität erhöhen. Es ist nicht verwunderlich, warum so viele Menschen in Fitnesseinrichtungen gehen. Sie werden ja nicht gezwungen, sie wissen einfach um die wohltuende Wirkung!

    Unterscheide die Muskelgrößen

    Es gibt drei grundsätzliche Muskelgrößen. Natürlich ist das eine Vereinfachung. Aber es erleichtert Dir das Wichtige zu erkennen. Was Du zu beachten hast, erkläre ich Dir hier:

    Kleine

    Die Kleinen sitzen an den Enden Deiner Gliedmaßen, also Hand und Fuß. Sie bedienen die Endglieder. Sie neigen schnell dazu, die zu ihnen führenden Blutgefäße zu verschließen. Früher, als wir noch mit dem Füllfederhalter schreiben mussten, da wusste fast jedes Kind, wie schnell der Arm müde wurde. Um keine Druckerhöhung im Gefäßsystem zu bekommen, arbeite hier mit vorsichtiger Dosierung. Ich mache diese Muskeln gern am Anfang, dann erhöht sich sogar der Blutstrom und der Druck für das Herz sinkt. Übungen in der Peripherie können sehr schön mit Räkel-, Streck- und Gähnbewegungen kombiniert werden.

    Mittelgroße

    Sie bedienen Ellenbogen und Knie. Klar, die am Knie sind eigentlich stärker als die an der Schulter, aber ich sehe das nach dem Prinzip der Proportion der Extremitäten. Das ist physiologisch auf jeden Fall so. Diese Muskeln sind eigentlich die Klassiker für das lokale aerobe Training. Ich baue sie in den Mittelteil meiner Übungsreihe.

    Große

    Das sind die großen Beweger. Sie kann ich auch lokal ausdauernd trainieren. Aber in der Praxis hat sich heraus gestellt, das sie sich schon mehr allgemein aktivieren. Vor allem bei einem Ungeübten. Hier bietet sich dann eher an im Intervall oder in der Wechselmethode zu arbeiten. Gerade in wirklich niedrig belastbaren Gruppen hat sich dies als immenser Sicherheitsvorteil herausgestellt.

    Doch egal, wie groß die Muskelgruppe ist, wir können gut einschätzen, wie hoch die Belastung ist. Im Gegensatz zu allgemeinen Ausdauer (wie zum Beispiel beim Fahrradfahren oder Gehen) können wir genauer überprüfen, wieviel Leistung wir dem Muskel abverlangen{ImRatings of perceived exertion (RPE) as an index of aerobic endurance during local and general exercises
    MURIELLE GARCIN,JEAN-FRANCOIS VAUTIER,HENRY VANDEWALLE &HUGUES MONOD Pages 1105-1114 | Published online: 10 Nov 2010proved quality of life inchronic heart failure patients following local endurance training with leg muscle (PT, MSc Raija Tyni-Lenné, PT, MSc Raija Tyni-Lenné, MD Allan Gordon, MD, PhD Christer Sylvén) Journal of Cardiac Failure
    }. Das ist ein großer Vorteil bei Deinem Training. Die lokale Muskelausdauer ist leichter zu dosieren.

    Welchen Nachteil hat das lokales Ausdauertraining?

    Nun, Du wirst wahrscheinlich gemerkt haben, Du musst für einen Effekt ja irgendwie den ganzen Körper beüben. Und dann rechne mal die Zeit. Doch das scheint nur so. Ich mache es Dir vor. Hände öffnen schließen, dazu räkeln recken und strecken, gähnen nicht vergessen. Dann Füße bewegen… Du siehst an diesem Anfang, wir müssen es nur konsequent aufbauen, strukturieren und dann systematisch alle Muskelgruppen in der richtigen Dosierung ausreichend lange bewegen. Bei den mittelgroßen Muskelgruppen liegt dann der Schwerpunkt. Wenn wir beim Üben langsam Richtung Zentrum vordringen, gehen wir in die Wechseltechnik über, das ist praktischer. Doch wir können auch die Hüft- oder Rumpfmuskeln lokal arbeiten lassen. Achte nur darauf nicht zu viele einzusetzen!

    Also, der scheinbare Nachteil ist gar keiner. Wir kommen bei guter Strukturierung mit 20 bis 30 Minuten täglichen Einsatzes durchaus zurecht. Du kannst aber auch zwei Einheiten machen. Dann aber lieber eine andere Dynamik wählen. Ich wechsle dann gern zur Koordination. Denn Koordination ist ja der zweite große Schlüssel, um bei gleichem Spriteinsatz mehr Power zu haben. Verstehst Du den Vergleich?

    Trainiere periphere Ausdauer und die Koordination, und Du entlastest Dein Herz!

    Ich wechsle auch deshalb zur Koordination, weil ein bereits ermüdeter Muskel keinen neuen Belastungsreiz mehr braucht. Und Koordination ist einfach auch schön. Und dann noch ein kleiner schöner Nebeneffekt des lokalen Ausdauertrainings: Wir bekommen im Nachzug auch mehr Kraft. Aber bitte, hier nochmal für Alle der Hinweis: Es gibt keine Kraftausdauer. Völliger Blödsinn, möchte nur wissen, wer das mal erfunden hat. Es gibt Kraft und es gibt Ausdauer. Irgendwo ist ein Grenzbereich. Aber den trainieren wir nicht. Wir trainieren lieber gezielt. Vor allem wenn es um exakte Dosierung geht. Also kombiniere in Deinen Trainingsabläufen diese im Wechsel! Und dann noch ein kleiner didaktischer Hinweis. Korrekterweise sprechen wir bei Leistungen bis 50 Watt (auf dem Ergometer) von Übung und nicht von Training.

    Hinweis: Übe nie ohne fachmedizinische Untersuchung, wenn Du eine Erkrankung zum Beispiel des Herzens hast. Immerhin haben wir in Europa wirklich tolle medizinische Einrichtungen. Und dann übe am Anfang mit Physiotherapeuten, die eine fachliche Weiterbildung im Bereich Herz- und Gefäßerkranken haben.

  • Der M. Trapezius verspannt und verkürzt

    Der M. Trapezius verspannt und verkürzt

    Der Trapeziusmuskel ist schnell verspannt und verkürzt. Das hat verschiedene Gründe. Das kann man verstehen, wenn man den Muskel „liest“.

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    Der M. Trapezius
    Hinweis zu meinen Artikeln:

    Meine Artikel für Dich sind keine schnellen und oberflächlichen Nachrichten. Statt eines kurzen Tweets oder eines kurzen Statusupdate erhälst Du bei mir einen ganzen Artikel mit viel Detailinformationen. Zudem gibt es bei gesundheitlichen Problemen selten eine einfache und schnelle Lösung. Der menschliche Organismus ist hochkomplex und da ist schon die Reduktion in einzelne Artikel schwierig.

    Wie auch in meinen Artikeln so ist auch meine Therapie. Ich nehme mir Zeit für die Befundung, die Therapie, die Übungen, die Alltags- und Gebrauchsbewegungen und selbstverständlich auch die methodische und didaktische Vermittlung. Meine PatientInnen schätzen genau das: Sehr genau und ganz exakt, dabei sanft und immer herzlich, ganz nach meinem Motto in der Therapie: „Fühle Dein Wesen in Bewegung und erlebe Dein Sein in der Therapie“.

    Alles wesentliche über den Muskel hier auf meinem Video oder ausführlich im ganzen Artikel:

    Im Gegensatz zu klassischen bauchigen einköpfigen Muskel ist der M. Trapezius flach und weit aufgefächert. Der unter dem Muskel liegende Schulterblattanheber (M. Levator scapulae) ist so ein Muskel von Punkt zu Punkt mit einem lang gezogenen Muskel-„Bauch“. Der M. Trapezius ist das komplette Gegenteil. Er ist flach und fächert sich im Ursprung sehr weit auf.

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    Er hat eine Ursprungslinie vom Hinterhaupt, dem Hinterhauptband im Halswirbelsbereich und den Dornfortsätzen der Wirbel im Brustwirbelbereich.

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    Sein breit aufgefächerter Ursprung läuft zusammen auf den kleineren Ansatz. Die Fasern gehen an das äußere Schlüsselbein, das Schulterdach und die Schulterblattgräte.

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    Dies ergibt die Form eines Trapez. Und diese Form gibt ihm seinen Namen. In deutschen Sprachraum heißt der Muskel Kapuzenmuskel. Die Fläche einer Kapuze (nicht aufgesetzt) gleicht der Muskelfläche.

    Kapuzenpulli früher und heute

    Der Begriff Kapuze stammt von dem italienischen „cappuccio“. Die Kappe war im Mittelalter weit verbreitet. Deutsch hieß sie Kugel und wurde erstmals der Limburger Chronik ihm Jahre 1351 erwähnt.

    In den 1930er Jahren hat der Bekleidungshersteller Champion für Arbeiter die Form wieder aufgenommen. Sie wurde für die Arbeiter in den Tiefkühllagern von New York konzipiert. Dieser Kapuzenpulli wurde später als Sport- und Freizeitkleidung populär.

    Es ist in der Regel ein Sweatshirt mit einer tunnelartige Bauchtasche, auch Kängurutasche. Die Kapuze kann mit Schnüren verengt werden.

    Im englischen heisst er „Hoodie“ oder „Full Zip Hooded Sweatshirt“ und das kommt natürlich von Robin Hood. Andere Namen sind: Schlumpf, Kapu
    Kapuzi, Zipper (mit Reißverschluss)

    Du kannst den Muskel gut spüren. Der ausfliegende Teil hat dickere Faserbündel. Dort spüren wir ihn besonders bei der Dehnung. Seinen Ursprung am Kopf kann schmerzhaft sein. Verspannungen in diesem Bereich können Auslöser für Kopfschmerzen sein.

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    M. Trapzius Palpation
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    Neben seiner überwiegend flachen Bauform ist ein zweiter Faktor markant: Der Muskel überbrückt viele Gelenke.

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    Der M. Trapezius überbrückt die Kopfgelenke, die Halswirbelsäule und das Schulterblatt/Schlüsselbein

    Der obere Anteil ist tonisch. Tonische Muskeln leisten insbesondere Haltearbeit und neigen zur Verkürzung. Die Limitierung ist die Durchblutung. Die anderen Anteile sind phasisch. Phasische Muskeln leisten vorwiegend Bewegungsarbeit und neigen zur Abschwächung.

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    Wie kommt es zur Verspannung und Verkürzung?

    Diese Balancierung mit den entsprechenden Fasertypen ist bei normalen (physiologischen) Bewegungen im Alltag unproblematisch. Bei einseitiger (pathologischer) Belastung und speziell im Sitzen kann das fatale Folgen haben. Hier hält der Muskel mit den oberen Anteilen bei Vorhaltung fall verhindernd den Kopf und ist an der anderen Seite angespannt durch Armvorhaltung oder Abspreizen im Schultergelenk.

    Regulär ist der Schultergürtel parkiert. Er ruht also auf dem Thorax. Die Arme hängen herunter. Der Ellenbogen ist am Rumpf angelegt. Schon 30 % Abspreizen im Schultergelenk führt zu einer deutlichen Tonuszunahme im M. Trapezius. Dies ist leicht durch einen Test zu spüren.

    Die meisten Arbeitsplätze sind nicht ergonomisch ausgerichtet. Meistens blockieren viele Akten den Schreibtisch und die Tastatur liegt weit entfernt, wie auch die Maus. Bei Laptops fehlt es häufig an einer zweiten körpernahen Tastatur.

    In Folge einer solchen Arbeit schwächen die mittleren und unteren Muskelanteile sich ab. Der obere Anteil verspannt und verkürzt. Ab 30 % Muskelspannung sinkt die Versorgung und Entsorgung. Der Stoffwechsel des Muskels wird dann massiv behindert bis blockiert. Das Schulterblatt steht höher und kann nicht mehr rotieren und nach unten gleiten.

    Eine portugiesische Studie hat dies genauer untersucht1. Es gab signifikante Unterschiede in der Variation des EMG-Signals zwischen den beiden Positionen für den nicht-dominanten Arm. Die Tonuserhöhung trat nicht erst nach Stunden auf, bereits nach 10 Minuten Tippen wurde sie festgestellt und wurde zuerst in der nicht-dominante Seite verzeichnet. Aufgestützte Unterarme reduzierten die elektrische Aktivität in beiden M. Trapezius (oberer Anteil), wobei der Unterschied im nicht-dominanten Seite größer war.

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    Die Verspannung und Verkürzung hat Folgen

    Muskelschmerzen / Myalgie

    In Folge von der Überbeanspruchung und Verspannung, aber auch durch Verletzungen, Traumata, bestimmte Medikamente und Krankheiten kann eine Myalgie ausgelöst werden. Die Myalgie beschreibt Muskelschmerzen und -schmerzen. Diese können Bänder, Sehnen und Faszien betreffen. Es kann aber auch das weiche Gewebe, das Muskeln, Knochen und Organe verbindet, mit betroffen sein.

    In Folge der Tonusveränderung sowie Position des Schulterblattes verändert sich auch der Tonus im M. Scaleni als auch der M. Levator scapulae ihren Tonus. Beide Muskeln können dann unangenehm bis hoch schmerzhaft reagieren.

    Nacken & Hinterhaupt

    Die hohe Spannung stört die Bewegungsfreiheit des Hinterhauptes. Dies stört die Strukturen, welche sich dahinter befinden. Dazu gehört das Kleinhirn und der vierte Ventrikel. Für das Gleichgewicht, das Stressempfinden und das Wohlbefinden ist das sehr ungünstig.

    Es kommt in Folge zu einer Wechselwirkung mit dem Grundtonus des Muskels, der Atmung, des Kreislaufs und anderen basalen Einstellungen des Körpers.

    Gleichgewicht

    Die Spannungen am Hinterhaupt und ihre Wirkung auf die Hirnbasis beeinträchtigen das Gleichgewicht. Aber auch der „Feineinsteller“ Halswirbelsäule für das Gleichgewicht kann nicht seiner Funktion nachkommen.

    Schultergelenk

    Die Verspannungen und Verkürzungen sind für das Schultergelenk ein großes Problem. Bei allen Schulterbewegungen ist eine Mitbewegung im Schultergürtel erforderlich. Ist die gestört, kommt es zu einer Fehl- und Überbelastung des Schultergelenks kommen.

    Psychologisch & Emotional

    Verspannungen im M. Trapezius führen zu klassischen Empfindungen und deren Ausdrücken: Eine Last auf seinen Schulter spüren, Die Last des Lebens spüren, Tonnen auf seiner Schulter haben,… Diese Gefühle belasten seelisch und emotional.

    Wechselwirkungen der Folgen

    Alle Folgen für Strukturen und Empfindungen wirken selbst wieder ungünstig auf die Verspannung und Verkürzung des M. Trapezius.

    Maßnahmen für Entspannung und Verlängerung des M. Trapezius

    • Tonusregulation
      • Räkeln, Recken und Strecken
      • Entspannung
      • Stress abbauen
    • Atemübungen insb. für die Zwerchfellatmung
    • Dehnung für mehr Strukturlänge
    • Muskelaufbau insbesondere der Stützmuskulatur mit M. Trapezius aufsteigender Anteil (Pars ascendens): Hier findest Du die Übung
    • Alltags und Gebrauchsbewegungen besonders die Einordnung der Körperlängsachse: Hier findest Du die Übung
    • Übungen für die tiefe Haltemuskulatur an der Wirbelsäule.
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    Ergonomie im Sitzen: Entlastung für Deine Wirbelsäule!
    Ich übe in Bauchlage die Y-Übung für den unteren M. Trapezius
    Ausgangsstellung Bauchlage: Y-Übung für den unteren M. Trapezius

    Therapie bei Verspannungen und Verkürzungen des M. Trapezius

    Eine Therapie ist grundsätzlich immer individuell. Eine exakte und ausführliche Befunderhebung ermittelt die individuellen Parameter. Auf Basis des persönlichen Befundes werden exakte Ziele formuliert.

    Die einzelnen therapeutischen Maßnahmen enthalten häufig folgende Übungen:

    • tiefe Querfriktion für den M. Trapezius
    • manuelle Mobilisation des Schulterblattes
    • Entlastungsgriffe für den Nacken
    • Feinstmobilisation der Halswirbelsäule und der Kopfgelenke (Dens-Atlas-Occipital)
    • C4 Still point Technik für den vierten Ventrikel2
    • Zervikale Traktion3

    Das Einrenken der Halswirbelsäule ist zu unterlassen. Die primären und sekundären Gefahren sind zu hoch. Zudem gibt es keinen Nachweis über eine Wirkung.

    • Detaillierte Analyse der Alltags- und Gebrauchsbewegungen
    • Anleitung für Übungen und/oder Training. Das Übungsprogramm greift primär entlastend in den Alltag.

    Von der primären Befundaufnahme bis zu den Eigenübungen ist auf ein pädagogisch/psychologisch, methodisches, didaktisches und somit zielführende Begleitung durch die Therapie zu achten.

    1. Rui José Santiago, João Santos Baptista, André Magalhães, José Torres Costa.Total forearm support during a typing task may reduce the risk of Trapezius‘ Myalgia development. International Journal of Industrial Ergonomics Volume 95, May 2023, 103449 ↩︎
    2. Żurowska A, Malak R, Kołcz-Trzęsicka A, Samborski W, Paprocka-Borowicz M. Compression of the Fourth Ventricle Using a Craniosacral Osteopathic Technique: A Systematic Review of the Clinical Evidence. Evid Based Complement Alternat Med. 2017;2017:2974962. doi: 10.1155/2017/2974962. Epub 2017 Oct 18. PMID: 29234380; PMCID: PMC5664229. ↩︎
    3. Sung-Yong Choi, Jung-Hyun Choi. The effects of cervical traction, cranial rhythmic impulse, and Mckenzie exercise on headache and cervical muscle stiffness in episodic tension-type headache patients. Journal of Physical Therapy Science 28.3.2016 p. 837-843 ↩︎