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Trauma Therapie

Mit einem Trauma verlieren wir die Sicherheit und Ordnung. Alles schränkt sich ein. Wir glauben, es gibt keine Lösung. Doch es gibt Wege aus der Katastrophe. Gezielte Trauma Therapie!

Ein Trauma kann Dein Leben komplett verändern. Alle Sicherheiten verlieren sich im Nirgendwo. Ruhe und Gelassenheit gehen in einen unergründbaren Warnzustand über. Du hast keine Kontrolle mehr.

Auslöser

Typische Auslöser für ein Trauma sind das Erleben von körperlicher und seelischer Gewalt zum Beispiel in Form von gewalttätigen Angriffen. Im engeren Kreis ist auch die sexualisierte Gewalt in Form von Vergewaltigung oder sexuellem Missbrauch. Die Einschränkung der persönlichen Freiheit durch Entführung, Geiselnahme oder Gefangenschaft (ins. politisch und im Krieg) bis zu Folter und Konzentrationslager sind wie Katastrophen (natürliche oder durch Menschen verursachte) weitere Ursachen. Aber auch normale Unfälle oder die Diagnose einer lebensbedrohlichen Krankheit können zu einem Auslöser werden.

Besonders anfällig sind Kinder und Jugendliche für traumatische Erfahrungen. Sie sind stärker abhängig und verfügen über weniger Ressourcen.

Infobox: Was bedeutet Trauma und Therapie?

Τραύμα ist griechisch und heisst Wunde. θεραπεία therapeia ist„Dienst, Pflege, Heilung“.

Häufigkeit

Nicht jeder entwickelt nach einem Trauma eine Störung. Ungefähr jeder fünfte bleibt traumatisiert. Das nennt man dann fachlich korrekt eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Die Prävalenz ist in der Epidemiologie und medizinischen Statistik eine Kennzahl für die Krankheitshäufigkeit. Sie ist ursachenspezifisch etwa wie folgt1:

  • 50 % Kriegs-, Vertreibungs- und Folteropfern/Vergewaltigung
  • 25 % Gewaltverbrechen
  • 10 % Verkehrsunfallopfer
  • 10 % Schwere Organerkrankungen (Herzin-
    farkt, Malignome)

Die Intensität eines Ereignisses ist nicht ausschliesslich maßgebend. Gemäß dem diagnostischen und statistischen Handbuch psychischer Störungen (DSM-IV) liegt erst ein Trauma vor, wenn eine Person mit tatsächlichem oder drohendem Tod konfrontiert wurde, ernsthaft verletzt wurde, oder die eigene oder fremde körperliche Unversehrtheit bedroht wurde und sie in Folge intensive Furcht, Hilflosigkeit und Entsetzen verspürt.

Infobox: Fachmedizinisch

Einteilung nach International Classification of Desease (ICD-10):

Akute Belastungsreaktion ICD-10: F 43.0
Anpassungsstörung ICD-10: F 43.2
Andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung ICD-10: F 62.0

Synonyme:
PTBS – Posttraumatische Belastungsstörung PTSD – Post Traumatic Stress Disorder

Doch die Intensität erhöht nur die Wahrscheinlichkeit eines Traumaerlebnisses2. Kollegen vom Upledger Institut haben das bei Ihrem Einsatz in Bosnien bestätigt. Der aktuelle Ansatz stellt deshalb auch die Verarbeitungsmöglichkeit mehr in den Vordergrund. So können auch scheinbar belanglose Ereignisse zu einem Trauma führen.

Infobox: Traumaintensität

Viele Trauma Patienten werden nicht erkannt, weil die Annahme besteht, ein Trauma muss objektiv als solches eingestuft werden können. Das ist grundlegend falsch!

Wirkung im Körper

Akute Symptome sind Erinnerungslücken, Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen und Konzentrationsschwierigkeiten. Die Symptome sind individuell unterschiedlich. Eines eint sie: Das körperliche Erleben wird abgespalten. Es kommt zu somatoformen Störungen. Es kann ein Gefühl der Taubheit, körperlicher Beschwerden bis zur Nichtexistenz eintreten. Dies betrifft Körperteile, Körperregionen oder den gesamten Körper. Viele haben dabei das Gefühl, nicht sie selbst zu sein (Depersonalisation). Oder sie sind der Welt entrückt/fern (Derealisation).

Langfristig bekommen viele eine Depressionen, Angststörung oder Suchterkrankung. Es kommt also zu einer nachhaltigen Persönlichkeitsstörung. Das kann zu starken Dissoziationen (dissoziative Störungen) führen. Dissoziationen sind das Auseinanderfallen von psychischen Funktionen, die normalerweise zusammenhängen. Dies kann sehr weit gehen. Einige Traumapatienten entwickeln Suizidgedanken.

Infobox: Fachmedizinisch II

Einteilung nach International Classification of Desease (ICD-10):

Folgestörungen
Dissoziative Störungsbilder F44
Somatoforme Schmerzstörung F45.4
Emotional Instabile Persönlichkeitsstörung (Borderline) F60.3
Dissoziale Persönlichkeitsstörung F60.2 Essstörungen F50
Affektive Störungen F32, 33, 34 Substanzabhängigkeit F1
Somatoforme Störungen F45

Typ-I-Traumata = einmalig (Beispiel Unfall)
Typ-II-Traumata = wiederholt (Beispiel Misshandlungen)

Im Kern gibt es zwei Hauptprobleme:

  • Verbindungsabnahme = Soziale Verbundenheit nimmt ab
  • Aktivierung der Erregung = Anstieg an Spannung

Zu den seelischen Problemen erhöht sich das Risiko für körperliche Erkrankungen. Wird eine posttraumatische Belastung chronisch, kommt es zu einer Stressaktivierung (traumaassoziiert). Insbesondere ist dies für Herz-Kreislauferkrankungen und immunologische Erkrankungen belegt.

Infobox: Chronisch

Chronische Krankheiten haben keinen klar bestimmbaren Ausgangspunkt, sondern entwickeln sich langsam und schleichend.

Chronos (griechisch Χρόνος Zeit) ist in der griechischen Mythologie die Personifizierung der Zeit.

Was passiert in uns?

Die grundlegende Veränderung ist sehr tief in unserem Nervensystem. Und da geht es um Zentren und Steuerungen die weit ab der bewussten Kontrolle liegen. Die Bewegung (Motorik) können wir veranlassen, doch nur bedingt steuern. Der Einfluss auf die Bewegungsprogramme wie Gehen, Stehen und andere Alltags- und Gebrauchsbewegungen geht nur über Übung und Training. Im sensiblen Bereich haben wir nur noch einen sehr geringen Einfluss. Doch im vegetativen Nervensystems haben die meisten Menschen überhaupt keinen Einfuss. Diese tief liegenden Automatiken sind gut geschützt vor unserem Einfluss. Und das ist im Prinzip auch gut so. Doch was tun, wenn es dort durch ein Trauma zu einer Störung kommt?

Therapie

Um diesen fehlenden Zugang in das somatische Erleben wieder zu finden brauchen wir Hilfe. So, wie man bei einem Beinbruch eine Krücke braucht. Es ist eigentlich ganz einfach. In der modernen Medizin gab es dafür folgende Empfehlung für eine traumaadaptierte Therapie:

Akut und Gefährdet

Bei Vorliegen einer Psychose (Halluzinationen, Wahn, Realitätsverlust oder Ich-Störungen) oder der Selbstgefährdung (akute Suicidalität) wird die stationäre Aufnahme in einer Psychiatrie empfohlen. Besteht eine solche Gefahr nicht, ist die ambulante Therapie oder eine Tagesklinik geeigneter.

Traumaadaptive Therapie

Stabilisation

Basis der Therapie ist eine tragfähige therapeutische Beziehung zu einer (Traumatherapie-)erfahrenen Therapeutin oder Therapeuten. Wichtig sind zuerst eine sichere Umgebung. Dabei sollte eine Selbst- und Fremdgefährdung vermieden werden. Mögliche Ressourcen beim Betroffenen (intrapersonell) als auch im sozialen Umfeld (interpersonell) werden aktiviert. Es werden Techniken zur Kontrolle negativer Gedanken und Emotionen vermittelt (intrusive Phänomene) und ggf. Distanzierungstechniken vermittelt.

Der informierte Patient

Die Vermittlung von grundlegenden (basalen) Informationen über traumatypische Symptome und Verläufe erfolgt durch geeignete Lehr-Lernverfahren (Psychoedukation). Dazu gehört auch die Aufklärung über die von Affektregulation sowie das Selbst- und Beziehungsmanagement (soziale Kompetenzen).

Traumabearbeitung

Es gibt eine Reihe von Therapieverfahren, die in der Traumabearbeitung klassisch eingesetzt werden:

  • Kognitive Verhaltenstherapie: Dosierte Konfrontation mit dem Trauma und bewusste Änderungen von Denk- und Verhaltensmuster.
  • Kognitive Therapie (nach Ehlers und Clark): Ungünstige Gedanken und Verhaltensweisen werden gemeinsam indentifiziert und besprochen, damit sie durch günstigere Gedanken und Verhaltensweisen ersetzt werden können.
  • Langdauernde Konfrontation in sensu (nach Foa und Rothbaum): Wiederholte Erinnerung und Auseinandersetzung mit dem Trauma fördert eine Verarbeitung der Geschehnisse.
  • Langdauernde Konfrontation in vivo: Das Trauma nachgestellt wird oder der Patient begibt sich in objektiv gefährliche Situationen.
  • EMDR (nach Shapiro): Das „Eye Movement Desensitization and Reprocessing“ soll beide Gehirnhälften intensiv zu stimulieren. Dadurch werden blockierte oder nicht integrierte Erinnerungen an das Trauma „gelöst“ und verarbeitet.
  • Somatic Experiencing nach Peter Levine: Anhaltenden (körperliche) Reaktionen auf das Trauma werden aufgegriffen und zu einer Lösung geführt.
  • Schonende Traumatherapie nach Martin Sack: Belastung der Patienten wird durch spezielle Techniken während der Konfrontation mit den traumatischen Erinnerungen möglichst gering gehalten.
  • Psychodynamische Psychotherapie: Es werden die unbewussten Wirkungen des Traumas auf den Patienten herausgefunden und behandelt.
  • Psychodynamische imaginative Traumatherapie (nach Reddemann): Es werden Vorstellungsbilder entwickelt, welche die traumatischen Symptome besser kontrollierbar machen und dadurch mehr psychische Stabilität geben.
  • Imagery Rescripting nach Smucker: Durch beruhigende Vorstellungsbilder wird die Bewältigung der traumatischen Erfahrungen erleichtert. Die Traumbilder werden „neu geschrieben“.
  • Narrative Konfrontation (narrative Expositionstherapie): Die getrennten Elemente des Traumas werden zu einer Geschichte zusammengezufügt und in die eigene Lebensgeschichte integriert.
  • Life Review-Technik bei älteren Patienten (nach Maercker und Zöllner): Die Bilanz aus den positiven und negativen Erinnerungen wird in Gegenüberstellung gebracht.
  • Gestalttherapie: Die Wechselwirkung von Körper, Geist und Seele sowie der Kontakt in das sozialen Umfeld werden in Zusammenhang gebracht.
  • Familien- und Paartherapie: Wenn Partner und die nahen Angehörigen durch die Symptomatik stark belastet werden.
  • Kultursensitive Therapie: Angepasst an den sozialen und kulturellen Hintergrund des Patienten.

Infobox: Therapiebegriffe

  • Supportive Therapie: Unterstützende therapeutische Begleitung
  • Psychosoziale Intervention: Soziale Eingliederungshilfen (Einbeziehung von Angehörigen, Opferhilfsorganisationen, berufliche Rehabilitation, Opferentschädigungsgesetz,…)
  • Psychopharmakotherapie: Der Einsatz von Medikamenten
  • Adjuvante Verfahren: Ergänzende oder unterstützende Therapiemaßnahmen
    • Körpertherapie (allgemein wie Sport)
    • Ergotherapie
    • Kunsttherapie

Integrative Modelle

Traumatherapie endet nicht mit der Traumabearbeitung. Der therapeutische Prozess zur Unterstützung von Trauer, Neubewertung und sozialer Neuorientierung wird durch geeignete Maßnahmen vorgesetzt. Ich arbeite mit folgenden Techniken:

  • Craniosacrale Therapie mit einer speziellen Tiefenentspannungsmethode. Ich spüre Störungen in den somatoemotionelen Feldern auf. Durch spezielle Verfahren und Techniken (verbal/non-verbal) leite ich die somatoemotionale Relaxation (SER) ein. Dieses Verfahren ist sehr sanft und bietet im Erleben eine sehr hohe Sicherheit.
  • Aufmerksamkeitsbasierte Interventionen umfassen Körperhaltung, Atem, Entspannung und Meditation und Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR). Allen gemein ist, dass sie komplex sind. Sie werden wirksam zur Verringerung traumabedingter Symptome eingesetzt. Yoga und Achtsamkeit haben eine vergleichbare Wirksamkeit wie Medikamente und Psychotherapie3.
  • Trauma – sensitives Yoga (Trauma – Sensitive Yoga/TSY) hilft bei seelischen Verletzungen (Trauma) eine wohlwollende Beziehung zum Körper zu entwickeln4.

Leitlinien in der Therapie

Psychopharmakotherapie sowie eine klassische Verhaltenstherapie sind als alleinige Therapieverfahren nicht geeignet.

Ergotherapie, Kunsttherapie, Musiktherapie, Körper- und Bewegungstherapie, Physiotherapie sind in einem Behandlungszimmer zu berücksichtigen.

Die Konfrontation mit der Erinnerung (Trauma) zur Verarbeitung und Neubewertung des Geschehenen muss im Kontext zur Stabilität des Betroffenen gesehen werden!

Es besteht eine Kontraindikation zur Behandlung, wenn bestimmte Emotionen nicht erlebt werden können (mangelnde Affekttoleranz), das Ich-Gefühl gestört ist (schwere Dissoziationsneigung wie akute Psychose), gegen sich selbst gerichtete Aggressionen vorliegen (unkontrolliert autoaggressives Verhalten) oder mangelnde Distanzierungsfähigkeit zum traumatischen Ereignis besteht. Das gleiche gilt, wenn eine hohe psychosoziale und körperliche Belastung vorliegt. Ebenso bei akutem Substanzkonsum (Medikamente, Alkohol, Drogen) ist keine Therapie sinnvoll.

Fußnoten

  1. „S3 – LEITLINIE Posttraumatische Belastungsstörung ICD-10: F43.1″GUIDO FLATTEN, URSULA GAST, ARNE HOFMANN, CHRISTINE KNAEVELSRUD, ASTRID LAMPE, PETER LIEBERMANN, ANDREAS MAERCKER, LUISE REDDEMANN, WOLFGANG WÖLLER)202TRAUMA&GEWALT 5.Jahrgang Heft3/2011
  2. „Results of hierachical regression analysis with trauma index and temperamental traitsas a predictor of PTSD“(Andrzej Eliasz, Andrzej Eliasz, Sarah E. Hampson, Boele de Raad)Advances in Personality Psychology S. 28 2005
  3. „Mindfulness and Yoga for psychological trauma: systematic review and meta analysis“(Jennifer Taylor, Loyola McLean, Anthony Korner, Elizabeth Stratton, Nicholas Glozier)Journal of Trauma & Dissociation 26.05.2020
  4. „Treating Complex Trauma Survivors: A Trauma – Sensitive Yoga (TSY) – Informed Psychotherapeutic Approach“(Isabelle Ong)Journal of Creativity in Mental Health 18.05.2020

Von Reiner Schwope

Ich biete Dir Physiotherapie und Yoga an.

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