Buchhaltung

Mein Name ist Reiner Schwope. Ich bin 1964 in einer Kleinstadt bei Hannover geboren. Wer mehr über mich wissen möchte, braucht ein wenig Blick in meine Vergangenheit, denn dort liegen ja bekanntlich die Gründe für das Warum im hier und jetzt.

Lange Weile war nicht schlimm

Ich erlebt eine für die Sechziger und Siebzieger Jahre typische Kindheit und Jugend. Ich hatte noch “Lange-Weile” und es wurde sich eigentlich noch wenig um die Jugend gekümmert. Und es gab noch viele Nationalsozialisten. Die Aufklärung über die Vergangenheit war hölzern und wenig zielführend. Doch noch war die Demokratie sozial. Also es gab auch noch die berühmten Leitplanken in der Politik.

Dann geh doch in den Osten

Aber es gab keine Kultur der Vielfalt. Und die ankommenden Ausländer wurden kaserniert. Kein Wunder, dass wir vor Ihnen Angst hatten. Integration war ein Fremdwort. Doch ein wenig Aufbruch war zu spüren, als Willy Brandt 1969 erster sozialdemokratischer Bundeskanzler wurde. Denn viele antworteten auf Kritik, wenn auch konstruktiv, mit: “Dann geh doch in den Osten, wenn es Dir hier nicht passt.” Zum Glück nicht bei uns. Doch da bestimmten die ungeheuerlichen Verluste der Kriegszeit den Alltag noch sehr. Allein, wie viele Baulücken mit Bauschutt es noch gab. So entstand dann auch ein Dreieck aus Vergangenheit, einem wirtschaftlich sich eindunkelndem Himmel und langweiligstem Frontalunterricht in der Schule. Und mein Unlieblingsfach war SPORT, gefolgt von Chemie. Aber ohne vernünftige Pädagogik auch kein Wunder. So hieß denn Sport meisten auch Fußball spielen (war so gar nicht meins) oder Zirkeltraining, je nach Laune des Lehrers.

Das Drama der verfehlten Schulpolitik

Ich wurde 1971 eingeschult. Die ersten zwei Jahre waren noch ganz schön. Dann der erste Lehrerinnenwechsel. Weitere zwei Jahre später zogen wir in die Baracke. Sinnbild der Pädagogik jener Zeit (ist heute aber wohl auch nicht besser geworden). Ja, es war wirklich eine Baracke. In einem quasi Notbehelf wurden wir als zweiter Jahrgang der Orientierungsstufe in eine Notunterkunft gesteckt. In der Zeit haben wir ordentlich “gefuchst” und die erst Party im Schulraum gemacht. Aber eigentlich wurden wir “verheizt“. Und es wurde lange noch weiter gemacht, in Niedersachsen bis 2004. Aber ein Gutes hatte es für mich, ich hatte Nachmittags frei. Und dank meiner beständigen Verweigerung der Hausarbeiten, hatte sich ja auch nicht viel zu tun…

Es wurden Junglehrerinnen und Junglehrer genommen, die sollten es in der Orientierungsstufe richten. Diese Mega entscheidenden zwei Jahre. Und es wurde pädagogisch experimentiert, was das Zeug hielt. Mathe und Englisch im Kurssystem. Bei uns gab es vier Kurse von A bis D. In einem entscheidenden Moment war ich im C Kurs in Englisch. Drei sechsen in Folge mit der Folge, dass ich in den D Kurs versetzt wurde. Dort schrieb ich drei Einsen in Folge, aber ich war noch im D Kurs. D Kurs hiess Empfehlung Hauptschule. Aus Gründen, die ich hier nicht nennen kann, folgten denn auch meine Eltern. Ach so, ich besuchte ja später am Hage Lehrgangswerk Pädagogisch-psychologische Kurse bei Professor Becker und da lernte ich: Von einem zum anderen Kurs darf der Notenunterschied eine Zensur im Mittel betragen. Ob da wohl was falsch gelaufen war?

Glück im Unglück

Die Hauptschule war wirklich super pragmatisch. Der Englischlehrer durfte trinken und unterrichten. Der Werklehrer war bekennender Nationalsozialist. Mein Klassenlehrer war engagiert. Wir bekamen eigentlich ein gutes Handwerkzeug mit auf dem Weg. Wenig inspirierend, aber auf jeden Fall die Basics. Ich konnte mit viel Faulheit meine Zeit absitzen, denn ich war Mega unterfordert. Hausarbeiten bei meinen Noten kein Thema, auch wenn es immer mal wieder einen Eintrag ins Klassenbuch gab. By the way: Ich war nie Klassensprecher, dafür aber Klassenbuchführer. Eine schöne weitere Anekdote: Ich wollte immer in den Werkunterricht, kam aber nie rein. Ich durfte Hauswirtschaften und Handarbeiten machen ?. Sport hätte man streichen können. Und Schwimmen hat mir mein Bruder beigebracht. Ich wäre mit dem Schwimmbrett wahrscheinlich noch Jahre unterwegs gewesen. Bei meiner flachen Brustwirbelsäule als Kind ja auch kein Wunder

Langstrecke erst bei schneller Kurzstrecke

Ich hatte lange Arme und Beine. Schmerzen in den Beinen bei jedem Wachstumsschub. Und dann 50 Meter in Bestzeit? Geht nicht, weiß jeder. Nur eine Ausnahme: Mein Sportlehrer: “Du kannst auf die Langstrecke, wenn Du auf der Kurzstrecke schnell bist.” Ich war nie auf der Langstrecke. Das kam erst Jahre später durch meine Kollegen in der Herz-Kreislauf-Klink. Dann aber wollte ich es allen beweisen und lief gleich mal die große Runde mit 7,5 Kilometern. Die Kollegen müssen sich köstlich amüsiert haben, den Profi Läufer sehen schon, wenn es für einen eng wird. Und nicht nur der Abteilungsleiter, ein ehemaliger Profi für 10.000 Meter, waren mehr oder weniger professionell unterwegs. Mit einer Ausnahme war Sport also wirklich das Allerletzte für mich. Die Ausnahme: Rad fahren. Aber dazu musste ich mit meinem Vater erst mal aus zwei Rädern ein neues zusammen bauen, was wir auch nicht nur einmal machten.

Der wundersame Beginn meiner Berufslaufbahn

Normalerweise geht man mit einem Abschluss auf einer Hauptschule irgendwo ins Gewerbe. So war das in den frühen Achtzigern auch noch. Doch zu Hause bauten wir fast alles selber und mir war klar: Ich wollte nicht jeden Tag dreckig von der Arbeit kommen. Also lernte ich mit acht oder neun Schreibmaschine zu schreiben, es war mein eigener Wunsch. Erfuhr ich aber erst letztes Jahr von meiner Mutter, ich erinnerte mich gar nicht mehr. Das Problem in den Jahren: Es gab kaum Ausbildungsplätze. Ich wollte eine kaufmännisch Lehre machen. Also startete ich früh. Schon eineinhalb Jahre vor meinem voraussichtlichem Abschluss schrieb ich Bewerbungen. Gleich einen ganzen Haufen an alle bekannten Banken und Industrieunternehmen. Es war nicht selten, dass für eintausend Bewerber ein Platz frei war. Doch die Glückgöttin Fortuna war mit mir: Ich erhielt nicht mehrere Zusagen. Und ich entschied mich (damals wirklich unglaublich sowas) für den für mich besten Platz.

Und dann ein Glücksgriff

Ich startete eine Ausbildung zum Industriekaufmann bei Langnese-Iglo und die gehörten schon damals zu einem der weltgrößten Konzerne, dem Unilever Konzern. Ein echter Glücksgriff für mich. Noch vor allen anderen in der Klasse hatte ich einen Ausbildungsplatz und dann erwies sich dieser noch als Glücksgriff. Es wurde sich so vorbildlich um uns gekümmert, es war alles auf das bestmögliche Lernergebnis ausgerichtet. Wo gab oder gibt es das. Und ich mochte meinen Beruf. Damals noch ohne Computer, wenn man mal von dem Großcomputer absah. Ansonsten war alles noch analog. Ich berechnete also noch händisch, wie die Kosten einer Schraube in den Spinat einzukalkulieren war. Ach so, Schrauben landeten nicht im Spinat. Aber wunderbarerweise aber Schmutzlappen.

Doch er Horizont war nicht so hell

Die Chance auf eine Weiterbeschäftigung war sehr gering. Es gelang nur einem im Jahrgang nach mir. Wir wurden sechs Monate weiterbeschäftigt. Da ich die Ausbildung ein halbes Jahr verkürzte (ich hatte recht gute Noten) musste ich einige Monate bis zum Zivildienst überbrücken. Dies gelang mit aber gut, denn Langnese war in der Distribution flexible und ich hatte nur eine kurze Ausfallzeit. Doch die ersten Personal Computer zogen in die Büros und es dauerte nicht lang, da war das Bürogebäude bei Langnese leergefegt.

Ich viel erstmal aus allen Wolken

Ich wollte keinen Kriegsdienst an der Waffe machen. Mit den Erlebnissen meiner Eltern war mir das Seinerzeit nicht möglich. Ich verweigerte klassisch. Also nicht, wie später, mit einer Postkarte. Ich musste mich erklären und das wirklich ausführlich. Ich suchte mir Beistand bei einer kirchlichen Einrichtung. Und mit dieser Hilfe wurde ich anerkannt. Ich wurde einberufen zur Johanniter-Unfall-Hilfe e.V.. Ich sollte dort im Rettungsdienst arbeiten. Für mich ein großer Schock: Auf einmal waren die guten Umgangsformen und das angenehme BetriebsklimaSchnee von gestern“. Hier im Rettungsdienst herrschte ein anderer Ton. Später, nach meiner Festanstellung, änderte sich das. Doch davon wusste ich je jetzt noch nichts.

Ein Schock verändert ungewollt mein Leben

Bis zu den Kursen wurde ich im Fahrdienst eingesetzt. In Butzbach erhielten wir dann die Rettungssanitäterkurse. Doch bei einem meiner ersten Einsätze kam es gleich zur Katastrophe: Wir wurden als Krankentransportwagens, mangels eines Rettungswagens, zu einem lebensbedrohlich verletzten Kind gerufen. Und wenn nicht schon genügend Unheil geschehen wäre, war auch ein nicht kompetenter Arzt vor Ort. Wir folgten der gelernten Anweisung: Der Arzt gibt das Kommando und wir folgen. FATALER FEHLER! Auch wenn wahrscheinlich jede andere Maßnahme zu spät gekommen wäre, denn die vitalen Funktionen waren bereits erloschen. Ich quittierte am nächsten Tag meinen Dienst. Der Fahrdienstleiter folgte meinem Wunsch in den Behindertenfahrdienst zurück zu kehren. Dort wurde kurze Zeit später ein Nachfolger für die Fahrdienstleitung unter den Zivildienstleistenden gesucht. Ich überlegte nicht lange und nach einem Gespräch mit dem Fahrdienstleiter saß ich nun überwiegend wieder im Büro.

Ausflug nach Cloppenburg

Ungewöhnliche Projekte

Manchmal kommt man an wirklich ungewöhnliche Stellen. Denn dieser Fahrdienst war kein normaler. Die Einnahmen über die geleisteten Krankentransporte wurden reinvestiert in einen Behindertenfahrdienst zu besonders niedrigen Kosten. So erstellte ich jeden Monat ein Veranstaltungskalender mit Vorschlägen für Ausflüge, Theaterbesuchen und anderem. Und während meiner Tätigkeit wurde der Dienst deutlich erweitert. Angegliedert wurde ein Betreuungsdienst. Gemeinsam mit der Leiterin ebendieser entwickelten wir die erste selbstorganisierte Behindertenfreizeit. Damals war es noch üblich, wesentlich krassere Wort für Menschen mit Handicap zu nehmen. Und moderne Einrichtungen, welche die Menschen mit seinen Bedürfnissen in den Mittelpunkt stellt, gab es nur punktuell. So war es nicht verwunderlich, dass ich viel Herzblut hinein steckte.

Meine Interrailreise viel aus

Ich hatte in sechzehn Monaten vier Monate Überstunden angehäuft. Die vier Monate wollte ich nutzen: Mit dem Interrailticket durch Europa. Doch es kam anders. Über Nacht erkrankte ich an rheumatischen Fieber. Und nun folgte eine Reise in einen Pharmanebel. Kaum zu glauben, ich wurde nicht in ein Krankenhaus eingewiesen. Aber noch war ich ja ein medizinischer Laie. Also dämmerte ich in meiner Wohnung Tag und Nacht vor mich hin. Denn die eingesetzten Medikamente waren einfach der Hammer. Nach knapp zwei Wochen folgte ich dem Rat eines Freundes die Medikamente abzusetzen. Wie ich später erfuhr, war das durchaus sehr gefährlich. Aber noch wusste ich das nicht. By the way: Eines lernte ich wirklich sehr schnell. Viele Freunde sind nicht echt. Und die echten erschienen mir zuvor als nicht so wichtig!

Mein neuer Lebensschwerpunkt: Gesundheit!

Nun fing ich an, mich mehr um mich zu kümmern. Auf Grund einer Hautproblematik hatte ich bereits meine Ernährung auf vegetarisch umgestellt. Und um wieder auf die Beine zu kommen, zwang ich mich trotz größter Schmerzen schwimmen zu gehen, oder besser gesagt, ich fuhr mit dem Fahrrad zum Schwimmen. Die ersten Male waren nicht auszuhalten, aber ich wusste, ich muss meinem Körper helfen. So zog ich regelmäßig meine tausend Meter oder mehr. Und mit jedem Mal ging es ein wenig besserUnd ich lernte noch etwas wichtiges: Ohne Gesundheit ist das Leben nichts! Es dauerte mehrere Monate, bis ich wieder laufen konnte. Und weitere Monate, bis alle Gelenke einigermaßen frei waren. In der Zwischenzeit musste ich mich auch um meine Zukunft kümmern. Denn irgend woher musste ich ja mein Lebensunterhalt verdienen.

Arbeit in einem Schweineladen

Ich hatte einen Arbeitsversuch gestartet. Mit Mühen! Im Büro bei einem Paketdienst, und schon damals ein “Schweineladen“. Nach vier Wochen ging ich zur Chefin und sagte ihr: “Ab morgen bin ich krank gemeldet. Ich werde auch nicht wieder kommen. Sie können mich jetzt kündigen.” Nicht das letzte Mal in meinem Leben, wo ich ein klaren Schnitt machen werden und es sich ungeheuerlich gut anfühlt. Mir war völlig egal, was nun kommt. Bloss aufrecht raus aus diesem Laden. Ich schaute weiter nach einem Job. Doch es gab wirklich keinen Job für einen Industriekaufmann. Aus meiner heutigen Sicht und meiner Erfahrung wären da noch viele Möglichkeiten gewesen. Vielleicht englisch lernen und mich international engagieren. Oder ein Buch schreiben. Oder, oder, oder. Aber so weit offen war ich noch nicht. Das sollte noch gut ein viertel Jahrhundert dauern. Mein einziges Lernprojekt war es das Programmieren in Basic zu lernen. War aber nicht wirklich erfolgreich.

Dankbarkeit eines Arbeitgebers

Ich kann meine frühere Chefin nicht mehr fragen, leider. Zur Frage komme ich gleich. Wir hatten als Zivildienstleistende natürlich einen Vorgesetzten. In unserem Fall eine Frau. Ein Feldwebel mit Haaren auf den Zähnen. Wir zitterten alle vor ihr. Sie kasernierte uns auch einfach mal am Freitag für das kommende Wochenende. Und eben genau diese Frau offerierte mir einen Job in der Geschäftsstelle des Ortsverbandes. Ich sagte natürlich ja. Was ich sie nie gefragt habe, hatte sie mich aus Mitleid eingestellt oder weil sie mit meiner Arbeit zufrieden war. Ich werde es nicht mehr erfahren. Nur meine zwei Zeugnisse geben mir Auskunft und sie sagen, meine Arbeit war gut. Gut, dass zweite Zeugnis habe ich selber vorbereitet ?. So war ich für die nächsten drei Jahre Leiter der Ausbildungsabteilung für Erste – Hilfe und Sofortmaßnahmen am Unfallort. Der Job war geteilt und so hatte ich in den restlichen 50% Public Relations zu machen.

Beginn meiner Lehre der Bewegung

Durch den Umzug war das nächste Schwimmbad weit weg. Und mangels eines Autos (ich wollte auch gar keins), fuhr ich alle Strecken mit dem Fahrrad. Fast dreißig Jahre später bin ich nun wieder an der gleichen Stelle. Für meinen Hund war ich alltags doch immer wieder ins Auto gestiegen. Das ist nun vorbei. Das Fahrrad ist einfach das beste Verkehrsmittel, und dazu ist es noch umweltfreundlich. Ich plane auch mehr Langstrecken, wie früher. Ich entschied mich damals mit Aikido zu beginnen. Gott sei Dank hat Hannover eine sehr gute Schule. Ein Großmeister unterrichtet dort. Drei Mal pro Woche bin ich gefahren, denn mit dem Zug war ich direkt angebunden. Hier der Link zu seiner Schule, die immer noch existiert. Erst dort wurden meine Gelenke wieder richtig frei. Parallel fing ich mit Yoga an. Erst noch mit einfachen Hatha Yoga Übungen.

Ein Arbeitsamt macht ernst

Nun, ich wollte mich weiter entwickeln. Ich war sehr zufrieden mit meinem Job. Aber es war nicht klar, wie lange er fortbestehen würde. Und ich brauchte ein wenig Geld für ein Projekt: Ich wollte berufsbegleitend eine Heilpraktiker Ausbildung machen. So lotete ich aus, wie meine Entwicklungsmöglichkeiten waren. Ich fragte nach einem Termin bei meinem zuständigen Arbeitsberater beim Arbeitsamt nach. Meine vorher schlechten Erfahrungen machten mir keine Sorge. Und sie waren auch unbegründet. Bei jetzt zuständigen Arbeitsamt Hannover herrschte ein anderer Wind. Ich ging in das Gespräch mit wirklich wenig Erwartungen. Und als ich heraus kam, war ich ein anderer Mensch. Es hatte sich eine Tür aufgemacht. Denn der Mann offerierte mir, das Arbeitsamt würde mir eine Umschulung zum Krankengymnasten finanzieren. Noch wusste ich ja nicht, wie wenig Schulplätze es gibt. Auf den langen Rolltreppen stand dann ein Mann neben mir. Er fragte mich, ob ich denn zufrieden sei mit dem Gespräch. Ich liess ihn an meiner Euphorie teilhaben. Unten verabschiedete er sich von mir und stellte sich noch kurz vor: Er war der Leiter des Arbeitsamtes.

Was macht denn so ein Krankengymnast

Ich bin ehrlich. Bis zu dem Gespräch mit dem Arbeitsberater hatte ich ungefähr so viel Ahnung, was ein Krankengymnast ist: Die haben große bunte Bälle in ihrer Praxis. Bei den Krankenfahrten, sitzend, die ich immer mal wieder im Zivildienst machen musste, sah ich dies durch die Tür. Was da wirklich drinnen gemacht wurde, war mir total unklar. Aber nun machte ich mich schlau. Noch ohne auf das Internet zurück greifen zu können. Ich fragte einfach Bekannte und Freunde. So langsam kam mir eine Idee und ebenso konnte ich nun meine Bewerbungen formulieren. Was ich später erfuhr, während in der alten Bundesrepublik Industriekaufleute umgeschult wurden, so wurden kurze Zeit später Physiotherapeuten der neuen Bundesländer zu Industriekaufleuten umgeschult.

Die Suche nach einem Schulplatz

Wieder einmal stand ich vor einem Auswahlverfahren. Und ich hatte wirklich schlechte Karten. Ich war Umschüler, es war nicht meine Erstausbildung. Und noch viel schlimmer: Die meisten Schulen sagten mir: “Wie wollen Sie denn mit einer rheumatischen Erkrankung das Potential haben jahrelang Menschen zu behandeln?” Und ich gebe zu, ich war da sehr blauäugig und gutgläubig in mein Potenzial. Zudem kamen auf rund eintausend Bewerber rund 30 Schulplätze. Ich rechnete mir überhaupt keine Chance aus. Also schaute ich weiter. Vielleicht doch Plan “B”. Besserer Job und eine berufsbegleitende Umschulung. Ich hatte mit Hilfe eines Kollegen “Schwesternhelferinnen-ausbildungen” initiiert. Bei der hohen Arbeitslosigkeit in dieser Zeit, wurde das in den regionalen Medien ordentlich und positiv dargestellt. Neben den unglaublichen Steigerungen der Zahlen in Erster-Hilfe-Ausbildungen durch den Ortsverband sowie einige gute Projekte im Bereich Cooperate Identity gelang mir damit noch das I-Tüpfelchen. Die Bundesgeschäftsführung der Johanniter-Unfall-Hilfe e.V. meldete sich bei mir.

Eine Reise

Mir wurde angeboten, als Refendar für den Bereich Erste-Hilfe das Verbindungsglied zwischen der Hilfsorganisation und den verschiedenen Ministerien zu sein. Ich bewarb mich. Kurze Zeit später wurde ich zu einem Gespräch eingeladen. Ich reiste also nach Köln zur Übernachtung um am nächsten Tage nach Bonn zu fahren. Ein Trip war das, denn nach drei Stunden als Mitreisender war mir nur noch übel. Ein Alptraum! Heute wäre ich an der nächsten Rast raus, aber damals… Und dann irrte ich in Köln umher, denn es war Messe und kein Zimmer frei. Im Kolpinghaus konnte ich im Abstellraum schlafen. Doch der nächste Tag belohnte mich umso mehr. Was ich von der Geschäftsführung der Johanniter-Unfall-Hilfe zu hören bekam, war die Darstellung einer Karriereleiter, wie ich sie mir hätte nie vorstellen können. Aber es wurde noch keine Entscheidung getroffen. Sie wollten sich schriftlich bei mir melden. Etwa um diese Zeit habe ich mich auch an der Physiotherapieschule in Bad Bevensen vorgestellt.

Das Verfahren dauerte den ganzen Tag. Erst motorische Prüfungen, dann immer vier vor der ganzen Lehrerschaft und dem Beirat der Schule. Wie an einer Militärschule, dachte ich bei mir. Wie sich später herausstellte, wurde wirklich alles versucht eine Militärschule zu übertrumpfen. Doch schon beim Hereinkommen wurde ich besonders begrüßt: “Wir begrüssen auch die Zuspätgekommenen.” Ich dachte, das wars dann und nahm den Tag eher locker noch mit.

Neuausrichtung I

Ich war schon in den Vorbereitungen für meine Veränderungen. Ich hatte meine Wohnung aufgegeben. Auch wenn ich noch gar nicht wusste, was denn nun kommen werde. Eines Tages lagen zwei Briefe im Postkasten. Der eine mit der Zusage der Johanniter-Unfall-Hilfe und der zweite mit der Zusage der Physiotherapieschule in Bad Bevensen. Nun war guter Rat teuer. Was tun? Karriere auf wirklich hohem Niveau oder der Sprung ins kalte Wasser. Ich spürte in mich hinein. Ich war (Gott sein Dank) schon in der Lage meinen Kopf dafür auszuschalten. Ich fühlte: Was ist stimmig, was ist richtig. Und das Ergebnis war eindeutig: Ich springe!

Lehrzeit ist keine Herrenzeit

Die Schulzeit dauerte nur zwei Jahre. Aber wenn auch mathematisch irgendwie unmöglich, versuchte die Schulleitung noch mehr Lehreinheiten in den Unterricht einzubauen, als in anderen Ländern in einem ganzem Studium. Der Tag bestand aus Aufstehen, Frühstück, von sieben bis halb neun Unterricht, Praktikum in einem der Kliniken, Mittag, Schule bis vier, kurze Entspannung, Lerngruppe 1 und Lerngruppe 2, dann nach Hause und büffeln bis zur Nachtruhe. Am Wochenende war Zeit für eine Wanderung, mehr nicht. Irgendwann zwischendurch Einkaufen gehen. Ich magerte in den zwei Jahren bei 1,88 Metern Länge auf 63 Kg herunter. Ich schloß mit einem guten Ergebnis ab. Und auch wenn die Zeit hart war, wir waren wirklich gut ausgebildet (ganz anders als an den privaten Schulen). Was mir in der Zeit wirklich geholfen hat war die Transzendentale Meditation und mein tägliches Yoga.

Hochleistungsmedizin I

Es schloss sich nun ein einjähriges Praktikum an. Den Großteil an einer renommierten Klinik mit vielen Fachabteilungen in Hannover, unter anderem bei einem damals berühmten Hirnchirurgen. Ich war kurze Zeit in einem allgemeinen Krankenhaus und dann wechselte ich. Das war für mich ein nachhaltiges Erlebnis. Es gab und gibt einen Unterschied in der Medizin. Die große Breite und die recht einsame Spitze. Das diese einsam ist, stellte ich später fest.

Gesundheitsreformen am Menschen vorbei

Durch die erste Gesundheitsreform von Herrn Blüm gab es von heute auf morgen keine freien Stellen mehr. Ich wunder mich immer wieder, wenn es um Arbeitsplätze in der Kohle oder wo anders gibt, wie schnell alle nach den Arbeitsplätzen rufen und wie wenig man sich darum in den sozialen Berufen kümmert. Ich überbrückte durch Extrawachen im Krankenhaus. Und ich bewarb mich vor allen an Häusern mit besonderer menschlicher Ausrichtung oder in der Kinderphysiotherapie. Aber ich hatte keine “Steinreiche” Wurzeln oder noch keine Kurse für Kinderphysiotherapie, so wurde daraus nichts. Statt dessen erfuhr ich von geplanten Stellen an der Herz-Kreislauf-Klinik (jetzt Herz-Gefäß-Zentrum) in Bad Bevensen. Ich hatte dort ein Praktikum während meiner Schulzeit gemacht. So war es nicht schwer dort eine Stelle zu bekommen.

Hochleistungsmedizin II

Im Team mit vielen wunderbaren Kollegen

Wo ich wirklich gelandet war, wusste ich erst gar nicht. Soviel hatte ich im Praktikum nicht mitgekriegt. Unsere Klinik erhielt in dieser Zeit eine Auszeichnung. Wir waren eine von den besten elf europäischen Kliniken im Herz-Kreislauf-Bereich. Und die einzige davon, die für ihre physikalische Therapie die Auszeichnung erhielt. Statt im Reha-Bereich sollte ich im Akutbereich arbeiten. Zuerst noch auf der chirurgischen Intensivstation und nach einigen Monaten dann wurde ich auf die innere Intensivstation versetzt.

Hochleistungsmedizin III

Angestochen durch die Mobilisationsverfahren in der Neurochirurgie (zum Beispiel nach einem Autounfall) adaptierte ich die Idee. Ich fing an die alten Mobilisationsschemata in Frage zu stellen. Ich maß verschiedenste Parameter und mit der Zeit konnte ich die Chef– und Oberärzte überzeugen. Irgendwann bekam ich dann bei jedem Patienten die Anweisung: “Mobilisieren Sie mit Stufe III.” Was aber genau genommen soviel hieß, wie: “Sie wissen sowieso besser, wieviel gut ist.” Genau so vertrauensvoll war die Zusammenarbeit im gesamten Team. Es ging alles Hand in Hand und zum Wohl des Patienten. Wir probierten unglaublich viel aus. Musik für Komapatienten, mehr Privatsphäre beim Toilettengang, wir klebten Bilder an die Wände, … Es war sehr spannend und ein großes Geschenk auf einer Hochleistungsintensivsation den Aspekt der menschlichen Nähe mit effektivster Bewegungstherapie zu kombinieren.

So war es fast selbstverständlich, dass ich Vorträge auf Kongressen hielt und an der Fachphysiotherapie-Ausbildung für Herz- und Gefäßerkrankungen teilnahm und dann Dozent bei ebendieser wurde. All dies wäre aber nicht ohne das Team möglich gewesen. Ein Team mit sehr individuellen Menschen, das machte es so wertvoll. Ich war ganze fünf Jahre dort, bevor ich an die Physiotherapieschule wechselte. Meine Batterien waren leer. Eine wirklich wertvolle Arbeit, aber nichts für mein ganzes Leben. In den Jahren war aber auch meine Yogapraxis etwas eingeschlafen, wir übten ja den ganzen Tag mit unseren Klienten und nach Feierabend ging es dann auf die tägliche Laufrunde. Im Winter konnten wir damals noch die Sauna nutzen, ein echter Luxus. Phasenweise machte ich auch jeden Morgen eine Runde im Schwimmbad.

Funktionelle Anatomie

Ich kam mit meinem geballten Fachwissen in der Inneren Medizin. Da war ich gut. Also nicht von Anfang an, aber wir hatten so viele Vorträge, Fortbildungen, Seminare und vieles mehr in der Herz-Kreislauf-Klink zudem noch jeden Tag mittags 30 Minuten interne Fortbildung. So wuchs mein Fachwissen in den Jahren enorm. Doch die Anforderungen in einer Schule richten sich nach anderen Gesichtspunkten. Über die Jahre habe ich etliche Fächer unterrichtet. Nur einem blieb an mir hängen: Funktionelle Anatomie! Funktionelle Anatomie ist aber in der Inneren Medizin nicht wirklich der absolute Schwerpunkt. Wie kam die Schulleiterin nur auf diese Idee? Aber sie hat eine gute Entscheidung getroffen. Nichts hätte mir mehr helfen können, als diese Fach. Ich musste jede Struktur im Körper kennen, jede Untersuchung durchführen können und auf Anhieb jeden Punkt im oder am Körper palpieren. Das ist das Anfassen einer Struktur. Nie wieder hat mich das vertiefte Interesse verlassen. Noch heute sitze ich und recherchiere weiter und weiter. Was mir fehlte in dieser Zeit: Zeit für mein eigenes Programm. Ich ging nur regelmäßig Laufen.

Lehrtätigkeit

Selbständigkeit

Durch den Rückgang der Schülerzahlen wurde ich als Junglehrer als erster frei gestellt. Ich war ein wenig wütend, denn so langsam fasste ich Fuß und musste nicht jede Nacht Vorbereitungen treffen. Ich probierte es noch an einer anderen Schule in einem Unternehmensverbund, aber die Qualität war einfach nicht vergleichbar. So machte ich mich 2002 Selbständig. Erst freiberuflich und später in eigener Praxis. Ich begann mit Klienten mehr Eigenprogramme zu entwickeln. Noch waren es nur vereinzelt Yoga-Übungen. Aber bei dem folgenden Fall habe ich schon viele Yoga Übungen eingebunden: Bei einem 12jährigen Jungen mit einer Trichterbrust spürte ich etwas sehr ungewöhnliches: Unter meinen Finger bewegte sich ein Wirbel. Das konnte nicht sein! Doch ich prüfte es wieder und wieder. Immer die gleiche Bewegung in der gleichen Richtung. Sowas war mir nicht bekannt. Und ich war Lehrer für funktionelle Anatomie. Ich befragte eine versierte Kollegin. Und sie meinte, ich hätte den Craniosacralen Rhythmus gefühlt. Nun informierte ich mich und erfuhr, dass es dafür bestimmte Fortbildungen gibt.

Craniosacrale Therapie und somatoemotionale Tiefenentspannung

Ich wollte nicht an irgendeinem Institut lernen, ich wollte direkt beim Upledger Institut lernen. Denn Dr. John Upledger ist führend in seiner heutigen Ausprägung der Craniosacralen Therapie. Ich durchlief alle Seminare dieser Reihe im Laufe der Jahre. Doch ich durchlief parallel eine andere “Formung“. Durch private Erlebnisse, innere Konflikte und die zunehmende Einsicht tief in mein Inneres zu schauen, suchte ich mir eine tiefenpsychologische Begleitung. Nichts war in meinem Leben mit dieser Zeit vergleichbar, auch wenn es viele schwere Momente gab. Es dauerte aber noch einige Jahre, bis sich der berühmte therapeutische Knoten gelöst hatte. Geholfen hat mir in dieser Zeit meine beginnende Kriya Yoga Praxis.

Griechenland I

Griechenland

Im Jahre 2010 zog ich nach Griechenland. Eigentlich zuerst nur als Begleitung, doch erst mal angekommen wurde es meine zweite Heimat. Hier fing ich mehr an, mich der eigenen Yoga Praxis zuzuwenden. Bis 2013 arbeitete ich im Tourismus und bot Therapie in Hotels und privat an. Dann ging ich für drei Jahre zurück und eröffnete in Hannover neben einem bekannten Orthopäden eine eigene Physiotherapiepraxis. Leider stellte sich die Zusammenarbeit als nicht vorteilhaft heraus. Aber ich konnte schon wesentlich mehr Yoga in die Therapie einbauen. Doch in Folge des Stresses erkrankte ich erneut an einer Autoimmunerkrankung, wie damals am rheumatischen Fiebers. Diesmal war es die Form der Psoriasis mit Gelenkbeteiligung. Doch im Gegensatz zum Rheuma war ich ja gut mit meinem Körper verbunden. Ich entschied mich für einen harten Schnitt und beantragte die Insolvenz. Da ich die Beschwerden immer mal wieder hatte, entschied ich mich im Sommer wieder mehr in Griechenland zu arbeiten. Zudem kann ich hier bei einem Freund kostenfrei wohnen. Diesmal wolle ich aber nicht mehr über die Insel fahren. Ich wollte Menschen zu mir einladen mit mir zu üben. Im Winterhalbjahr widme ich mich Touren durch Deutschland.

Neuausrichtung II

Ich begreife, wahrlich im Sinne dieser Worte, ich kann mit meinen Händen nicht mehr den ganzen Tag an der Behandlungsbank stehen. Meine Therapie geht mehr und mehr in die Tiefe, dafür brauche ich viel mehr Zeit. In und nach der Therapie. Und ich möchte mehr mit aktiven Formen arbeiten: Yoga, Gymnastik und Sport. Und ich begleite mittlerweile Menschen über einen längeren Zeitraum. Aktuell unterstütze ich eine früher stark übergewichtige Frau und wir nähern uns der Ziellinie von dem Idealgewicht plus Wiederherstellung der vitalen Funktionen. Aktuell beschäftige ich mich zudem mit weiteren Projekten. Ich arbeite an einem Buch mit dem Titel “Ich habe Nacken”. Und ich versuche meine Internetseite zu professionalisieren. Was in den Google-Ergebnissen auch schon deutlich wird. Meine Arbeit soll das Ziel haben mich neu aufzustellen. Und aber auch mit den Folgen der Insolvenz zurecht zu kommen bestenfalls die Schulden zurück zu zahlen.

Medizinisches Yoga

Yoga ist der Weg nach Innen. Dies ermöglicht besondere Einblicke und Zugänge. Doch in der Praxis ist der Austausch über Erfahrungswerte nicht so wichtig für mich. Ich folge diesem Motto: Ein Gramm Praxis ist mehr Wert als eine Tonne Theorie. Das Wirkliche ist das Selbsterleben. In der Therapie, im Yoga und in der Meditation.

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