Der große Therapiehund Oskar ist tod
Mein Hund Oskar am Strand auf Juist

Der große Therapiehund Oskar ist tod

Es gibt Tage, die ändern Dein Leben. So einen Tag hatte ich gestern. Es war ein Finale. Das Ende einer langen Leidensphase. Mein Hund Oskar ist über die Regenbogenbrücke gegangen. Mein treuer Begleiter. Er war mein Berater, meine Eskorte und nicht selten mein Mentor. Oskar war immer bei mir. Am Tage und in der Nacht. Auch bei der Arbeit in meinen Therapieräumen oder bei Hausbesuchen. Da hat er wirklich großartiges geleistet. Nicht selten mehr als mein Tun.

Ich möchte ein wenig ausholen. Denn schon unsere erste Begegnung war wie ein Wunder. Im September 2006 rief mich eine gute Freundin an. Sie wusste, ich hatte mir als Kind immer einen Hund gewünscht. Ich war ungefähr acht Jahre alt. Doch es sollte über dreißig Jahre dauern. Meine Mutter wollte keinen Hund. Die bekannten Gründe. Aber ihre Entscheidung war eine Kopfentscheidung. Heute wissen wir beide, es waren viele Kopfentscheidungen in der Zeit. Doch sie hatten ihre Gründe. Gründe, die in dem Verlust in der Vergangenheit gründeten. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Oskar war ziemlich runtergekommen. Stumpfes kurzes Fell und er hospitalisierte im Zwinger. Kein schöner Anblick. Kein attraktives Gegenüber. Meine gute Freundin und ich unternahmen einen Spaziergang. Und auch bei diesem stellte sich heraus: komplett unorganisiert. Nun, ich sprach mit den freundlichen Helfern im Tierheim. Sie meinten, sie würden mir den Hund nicht gern mitgeben. Ich solle besser nach einem anderen schauen. Doch ich beharrte, denn ich spürte, er ist der Richtige. Nach einigem hin und her nahm ich ihn mit. Ich hatte zwei Wochen frei und wollte es ausprobieren.

Schon nach sieben oder acht Tagen fuhr ich mit Oskar wieder zum Heim. Das Personal konnte es kaum fassen. Oskar war innerhalb weniger Tage komplett ausgetauscht. “Unglaublich!”, sagten sie. Gut, ich hatte mich schon vorher immer interessiert und meine frühere Frau hatte selber einen ganz wunderbaren Hund. Ich war also nicht ganz unerfahren. Aber so ein Wechsel hatte andere Gründe. Gründe die in Vertrauen und tiefer Herzensliebe stecken.

Doch unser Weg begann erst. Es war immer mal wieder nicht gerade einfach. Erst jetzt weiß ich, was er mich auf seinem letzten Weg gelehrt hat: Meinen Rest an Hilflosigkeit, Verzweiflung und Wut hat er mitgenommen. Das ist auch der Grund, warum ich hier schreibe. Aus der Tiefe der Vergangenheit kamen diese Gefühle und eigentlich fühlte ich mich schon ganz “peacig”. Aber besonders Oskar nervte mich manchmal ungemein. Doch er zeigte mir was, und ich habe erst gestern verstanden was. Das hat mich ungemein und tief berührt.

In der Nacht vor seinem letzten Gang war ich bei ihm. Er lag auf meinem Schoss. Und es war unglaublich tief. Es war, als wäre er in absoluten und vollkommenen Vertrauen mit mir. In völliger Hingabe. Ich habe nur einmal ein so starkes Gefühl erlebt: beim Tod meines Vaters. Doch diesmal war es nicht von mir ausgehend. Ich war in einem Gefühl der Sorge und der Angst vor dem Verlust. Nein, es war Oskar. Er führte mich noch zweimal an meine Gefühle. Der Rest war Hingabe, absolute Aufgabe. So wie ein Sternenhimmel bei klarer dunkler Nacht. Er dämmerte schon manchmal sehr weit weg, doch ein Rest hielt ihn. Und das war ich.

Am Morgen, ich konnte nicht essen oder Kaffee trinken, habe ich ihn zur Ärztin gebracht. Ein Weg, er hätte schwerer nicht sein können. Ich wollte ihn aber nicht weiter leiden lassen, er war mittlerweile nur noch die Hälfte seines alten Gewichtes und er dämmerte manchmal Stunden auf seinen schwachen Beinen. Ich habe ihn in die Nähe seines Liebelingsplatzes gebracht. Dort darf er nun ruhen und seine Seele darf auf die Reise gehen. Und ich weiß, sie ist gegangen. Denn so schwer meine Stimmung, so dick der Kloß im Hals, so tonnenschwer mein Herz, so weich meine Knie, so leer mein Gehirn: Es geschah etwas.

Noch in der Nacht hatten wir Südsturm. Sehr unangenehm mit hohen Temperaturen. Erst gegen Morgen flaute es ab. Aber es war bedeckt und drückend. Als ich zur Wohnung kam, strahlte von links die Sonne und rechts “blinzelte” mir eine gelbe Kleeblume zu. Es war in Ordnung in meinem Gefühl zu sein, doch irgendetwas war trotzdem in Ordnung. Ich habe vorher mit vielen Menschen gefühlt und gesprochen. Denn schon vor Weihnachten dachte ich täglich, er würde in der Nacht gehen.

Ich fuhr am Abend zu einem Strand, an dem ich häufiger nachts stehe. Zuvor habe ich mir ein Essen auswärts gegönnt und habe es Oskar gewidmet. Am Strand saß ich bei Dunkelheit. Ich hörte im Gebüsch etwas Plumpsen. Erst da merkte ich in gut zehn Metern eine Kuh stehen. Sie war fast gar nicht zu erkennen. Und später sah ich, es lag vor ihr noch eine zweite im Gras. Ich stand, wie gesagt, schon oft hier. Doch ich hatte noch nie Kühe hier gesehen. Und kurze Zeit später gesellte sich zu mir (und einem Gasthund) ein Hund. Er nahm auch seelenruhig im gleichen Abstand Platz. Ich war mir nicht ganz sicher, aber rechts im Gebüsch hatte ich auch ein Rascheln, doch ich konnte nichts erkennen.

Und mir war es auch egal, ob ich etwas erkennen konnte. Denn ich erkannte schon. Sie waren da, um mir etwas zu sagen. Und ich verstand. Es war alles vollkommen, so wie es ist. Und auch ich darf loslassen. Loslassen vom letzten Rest an Zweifel, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Wut und Trauer. Einfach in das Unendliche eintauchen und Fließen. Ich sehe schon gut mit dem Herzen, aber nun darf ich ganz in das Vertrauen gehen.

P.S.: Oskar hatte einen Vorbesitzer. Viele unserer Anfangsprobleme kamen von Ängsten aus dieser Zeit. Er traute sich Anfangs kaum über Brücken, wenn man den Fluß sehen konnte. Und auch Patienten mit einem Handstock knurrte er an. Doch das nahm mir ein Patient ab. Er kam zwei Mal die Woche und spielte mit Oskar etwas Katz und Maus. Später verstand Oskar einen Stock nur noch so: SPIELEN!!!

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Reiner Schwope

Ich biete Dir Physiotherapie und Yoga an.

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