Kategorie: Körper

  • Schielen verstehen – und sanft begleiten: Ein ganzheitlicher Ansatz aus Physiotherapie und craniosacraler Osteopathie

    Schielen verstehen – und sanft begleiten: Ein ganzheitlicher Ansatz aus Physiotherapie und craniosacraler Osteopathie

    Einleitung mit Haltung

    Schielen ist mehr als eine beiläufige „Fehlstellung der Augen“. Für Betroffene und ihr Umfeld bedeutet es oft Unsicherheit, Sehschwierigkeiten und Sorgen um die kindliche Entwicklung. Doch hinter der sichtbaren Abweichung verbergen sich verblüffende Zusammenhänge: Von frühkindlichen Prägungen, muskulärer Dysbalance bis zu faszialen und neurologischen Verkettungen reicht die Wirkung – und genau dort setzt mein Ansatz aus Körperarbeit, Wahrnehmungsschulung und sanfter craniosacraler Behandlung an.


    Ursachen und klassische Sicht auf Strabismus

    Während die Augen nach außen scheinbar unabhängig „ihr eigenes Ding machen“, kämpfen darunter die feinen Schaltkreise aus Muskeln, Nerven, Sehbahnen, Schädelspannung – und oft das Gleichgewicht der Mitte. Genetische Einflüsse, Geburtstraumata, frühkindlicher Stress, latente Lähmungen, muskuläre Asymmetrien oder Okklusionsstörungen sowie Störungen im Bereich C0/1–C4 sind weit mehr als nur Fußnoten der Diagnostik.

    Fein abgestimmt arbeitet der Körper normalerweise an der perfekten Ausrichtung, oft in Millisekunden gesteuert durch die faszialen Zugkräfte rund um Orbitakomplex und Schädelbasis. Schon kleinste Blockaden in der umliegenden Muskulatur, an den Schädelnähten oder im Bereich der HWS und der SSB (Synchondrosis sphenobasilaris) können massive Auswirkungen auf die Okulomotorik haben.


    Craniosacrale Osteopathie beim Schielen: Griffe, Rhythmus und Integration

    Hier setzt die craniosacrale Therapie an: Es geht darum, die „Spielart“ des Gewebes mit sanften Griffen zu ertasten, die fein abgestimmte Dynamik des eigenen Körpers zu spüren – und Blockaden zu lösen. Aus der Praxis habe ich bei funktionellen oder latent manifesten Schielformen folgende Techniken vielfach als hilfreich erlebt:

    Die wichtigsten Griffe und Ansätze:

    • CV4 (Compression of the Fourth Ventricle): Dieser klassische, tiefenentspannende Griff am Hinterhauptbein (Os occipitale), im Bereich beider Labra lambdoidea und um das Foramen magnum, führt häufig zu einer feinen „neurologischen Reset-Welle“. Die spürbare Entspannung kann auch das vegetative Gleichgewicht und die Regulation der Augenmuskulatur positiv beeinflussen.
    • OAA-Entspannung: Das Atlanto-Occipital-Gelenk (C0–C1, auch als OAA bezeichnet) ist ein neuraler „Zugbahnhof“. Eine sanfte, beidseitige Zug- und Entspannungstechnik dieses Übergangs – auch als subokzipitale Release-Technik bekannt – kann die Steuerung und den Tonus der okulomotorischen Nerven positiv modulieren.
    • Mobilisation C2 bis C4: Gerade im Bereich C2–C4 verlaufen wichtige vegetative Bahnen und Faszien, welche die okulomotorische Steuerung beeinflussen. Hier helfen sanfte Zug- und Drehtechniken, Verklebungen und Spannungsspitzen in den Membranen zu normalisieren.
    • SSB (Synchondrosis sphenobasilaris) Dekompression: Die zentrale „Kreuzung“ an der Schädelbasis (SSB) reguliert die Flexions-Extensions-Bewegung der Schädelknochen und überträgt sie auf die Orbita. Ein leichter, achtsamer Griff entlang der SSB kann feine Fehlspannungen normalisieren – oft spürbar als subtiler Ausgleich im Blickfeld und im Gleichgewicht.
    • Orbitale Craniosacral-Techniken: Durch sanften Kontakt und feine Mikrobewegungen rund um die knöcherne Augenhöhle wird der Orbitakomplex entspannt, die Position der Augäpfel ausgeglichen und die Schleimbeutelstrukturen sanft mobilisiert. Das kann nicht nur die Arbeit der Augenmuskeln harmonisieren, sondern auch das Spannungsgefühl um die Augen herum lindern.
    • Entspannung des Tentorium cerebelli und des Foramen jugulare: Hier laufen die Nerven, die unter anderem für die seitliche Augenbewegung zuständig sind. Lösen von Restriktionen an diesen Strukturen kann direkt Einfluss auf die okulomotorische Feinsteuerung und die Vagus-Regulation nehmen.
    • Kiefergelenk-Release & Sutura frontosphenoidalis: Beide Strukturen sind über Fascienzüge mit den äußeren Augenmuskeln und der Schädelbasis verbunden. Dysbalancen werden durch feine Mobilisierung oft sofort spürbar, sowohl in der Okklusion als auch in der Augenstellung.

    Konkrete Behandlungsbeispiele aus der Praxis

    Begleitet werden diese Griffe immer durch tiefes Lauschen auf den craniosacralen Rhythmus und den Atemzug des Patienten. Je nach Fall entstehen daraus improvisierte Mini-Sequenzen:

    • Halten des Hinterhaupts mit Zug auf C0/C1 beim Ausatmen, während die andere Hand die Stirn leicht nach cranial-lateral bewegt.
    • Der Daumen kreist sanft im Bereich der Sutura frontosphenoidalis, während der Zeigefinger an der Orbitakante Kontakt hält – das Auge „folgt“ der Bewegung oft schon nach wenigen Minuten.
    • CV4 zusammen mit leichtem rhythmischem Zug an der Halsfaszie, so dass der Schultergürtel und damit der gesamte visuelle Apparat tief entspannen dürfen.

    Integration in ein umfassendes Behandlungs- und Übungskonzept

    Craniosacrale Osteopathie bildet die Brücke zwischen klassischer Therapie, sanfter Berührung und gezieltem Sehtraining. Sie bietet eine Chance, den Blick wieder in Balance zu bringen – physiologisch, emotional und kognitiv. Kombiniert wird sie immer durch gezielte Übungen für die Augenmuskeln, entspannende Atemarbeit und bewusstes Spüren der eigenen Haltung – im Alltag und in der Therapie.


    Fazit und Einladung

    Schielen ist nie nur ein „Auge macht nicht mit“ – es ist die Einladung, den Körper als Ganzes zu erkennen. Jeder Griff, jede Entspannung auf Schädel-, Nacken- oder Orbita-Ebene ist ein Impuls für Veränderung, Wahrnehmung und Entwicklung. Durch achtsame Integration von craniosacralen Techniken, Osteopathie, Sehtraining und persönlicher Begleitung ermögliche ich einen Weg, bei dem funktionelle Störungen nicht kaschiert, sondern ganzheitlich in die Selbstregulation geführt werden.


    Diese Vorgehensweise spiegelt meine Erfahrungen aus Physiotherapie und craniosacraler Osteopathie wider. Sie können Teil eines interdisziplinären Therapieplans sein, ersetzen jedoch nicht die fachärztliche Diagnostik bei manifestem Strabismus. Alle Techniken werden stets individuell angepasst und im Dialog mit Patient und ggf. Augenarzt abgestimmt.

  • Interkostalneuralgie: Wenn ein Schmerz um die Brust zieht

    Interkostalneuralgie: Wenn ein Schmerz um die Brust zieht

    Die Geschichte hinter dem Schmerz

    Ein leichtes Jucken, ein Kribbeln entlang der Rippen – kaum beachtet, schnell vergessen. Doch manchmal verbirgt sich dahinter mehr: Schmerzen, die stechen, brennen oder wie ein enger Gürtel um den Brustkorb ziehen. Sie kommen plötzlich, verstärken sich beim Atmen, Husten oder sogar beim Lachen – und lassen viele Betroffene an das Schlimmste denken.

    Fallbeispiel:
    Frau M., 54 Jahre, erinnert sich: „Es begann mit einem leichten Kribbeln unter der rechten Brust. Ich dachte an einen Muskelkater vom Gartenarbeiten. Doch nach einigen Tagen wurde daraus ein stechender Schmerz, der wie ein Band um meinen Brustkorb zog. Beim tiefen Einatmen oder Husten zuckte ich jedes Mal zusammen. Die Angst, einen Herzinfarkt zu haben, war plötzlich sehr real.“

    Solche Geschichten sind kein Einzelfall. Neuropathische Schmerzen im Bereich der Brustwand werden oft fehlgedeutet – nicht selten vergeht wertvolle Zeit, bis die richtige Diagnose gestellt wird. Die Symptome sind vielfältig und können von harmlos bis bedrohlich reichen.12

    Neuropathisch

    „Neuropathisch“ kommt von „Neuropathie“ – das ist der medizinische Begriff für eine Erkrankung oder Schädigung der Nerven. Neuropathische Schmerzen entstehen also nicht durch eine Verletzung von Knochen oder Muskeln, sondern weil ein Nerv selbst gereizt, geschädigt oder krank ist.
    Typisch für neuropathische Schmerzen sind brennende, stechende oder einschießende Beschwerden, die oft auch bei leichter Berührung auftreten können.1

    Weil fast alle inneren Organe auf der Hautoberfläche Symptome verursachen können, denken viele zuerst an Herz, Lunge oder Magen. Doch manchmal steckt eine Interkostalneuralgie dahinter – eine Erkrankung, die oft erst erkannt wird, wenn andere Ursachen ausgeschlossen sind.3


    Kurz erklärt:
    Die Interkostalneuralgie ist ein neuropathisches Schmerzsyndrom der Brustwand. Sie entsteht durch Reizung oder Schädigung der Zwischenrippennerven (Nervi intercostales) und äußert sich meist als ziehender, stechender oder brennender Schmerz entlang einer oder mehrerer Rippen.

    Was erwartet Sie in diesem Artikel?
    Sie erfahren, wie sich eine Interkostalneuralgie äußert, wie sie sicher erkannt wird, welche Ursachen es gibt – und vor allem, welche Wege zur Linderung und Heilung führen. Als erfahrener Physiotherapeut teile ich mit Ihnen meine erprobten Therapieansätze, die sich in der Praxis vielfach bewährt haben. Freuen Sie sich auf fundiertes Wissen, konkrete Selbsthilfe-Tipps und praktische Übungen, die Ihnen wirklich weiterhelfen können.

    Hinweis zu meinen Artikeln

    Sie finden bei mir keine schnellen Nachrichten oder oberflächlichen Gesundheitstipps. Statt eines kurzen Tweets oder Statusupdates erhalten Sie ausführliche, fundierte Artikel mit vielen Detailinformationen.

    Gesundheitliche Probleme haben selten einfache oder schnelle Lösungen. Der menschliche Organismus ist hochkomplex – schon die Reduktion in einzelne Artikel ist eine Herausforderung.

    Diese Sorgfalt prägt auch meine therapeutische Arbeit: Ich nehme mir Zeit für eine gründliche Befundung, individuelle Therapie, gezielte Übungen sowie für die methodische und didaktische Vermittlung.

    Meine Patientinnen und Patienten schätzen genau das: Präzision, Sanftheit und Herzlichkeit – ganz nach meinem Motto:

    „Fühlen Sie Ihr Wesen in Bewegung und erleben Sie Ihr Sein in der Therapie.“

    Die Beschwerden machen sich meist einseitig entlang einer Rippe bemerkbar. Auch wenn es sich anfühlt, als käme der Schmerz direkt aus der Rippe, steckt in Wahrheit der Nerv zwischen den Rippen dahinter. Dieser Zwischenrippennerv verläuft wie ein feines Kabel direkt unterhalb der Rippe am Knochen entlang. Wird er gereizt oder verletzt, meldet er sich deutlich – mal stechend, mal brennend, mal ziehend. Deshalb spricht man auch von Zwischenrippennervenschmerz oder – heute meist genutzt – Interkostalneuralgie. Beides meint das Gleiche.

    Die zwei Schreibweisen der Interkostalneuralgie und der Unterschied zu einer Interkostalneuropathie

    Vielleicht haben Sie schon verschiedene Schreibweisen gesehen: Intercostalneuralgie und Interkostalneuralgie. Ursprünglich stammt das Wort aus dem Lateinischen („intercostal“), aber im Deutschen hat sich die Schreibweise mit „k“ durchgesetzt, weil das „c“ wie ein „k“ gesprochen wird. Gemeint ist immer das Gleiche: ein Nervenschmerz zwischen den Rippen.

    Die Interkostalneuralgie beschreibt Schmerzen, die direkt im Verlauf eines Nervs auftreten – ähnlich wie bei der bekannten Gürtelrose (Herpes zoster).

    Eine Neuropathie dagegen meint Schmerzen im Versorgungsgebiet eines Nervs. Das heißt: Der Schmerz kann auch entstehen, wenn der Nerv selbst gar nicht direkt geschädigt ist, sondern das Gehirn die Signale „falsch interpretiert“.

    Wichtig ist: In beiden Fällen wird der Schmerz letztlich immer im Gehirn verarbeitet. Dieses Wissen ist für moderne Therapieansätze besonders wertvoll!

    Um zu verstehen, wie diese Schmerzen entstehen, lohnt sich ein kurzer Blick auf unser faszinierendes Nervensystem:

    Das menschliche Nervensystem ist ein echtes Meisterwerk – und dabei gar nicht so kompliziert, wie es klingt. Im Zentrum stehen das Gehirn und das Rückenmark, die zusammen das zentrale Nervensystem bilden. Von dort ziehen unzählige Nervenfasern wie Datenleitungen in alle Bereiche des Körpers. Das Gehirn liegt gut geschützt im Schädel, das Rückenmark im Wirbelkanal der Wirbelsäule. Beide sind von schützenden Häuten (Meningen) umgeben und schwimmen in einer klaren Flüssigkeit, dem sogenannten Liquor. Diese Flüssigkeit sorgt nicht nur für Polsterung, sondern schützt das zentrale Nervensystem auch vor schädlichen Stoffen – dank der sogenannten Blut-Hirn-Schranke.

    Interkostalneuralgie: Wenn ein Schmerz um die Brust zieht 1
    Die zerebrale Flüssigkeit ist durch die Blut-Hirn-Schranke vor dem übertitt von Stoffen besonders geschützt, was den Übertritt bestimmter Medikamente hemmt. Das Diagramm zeigt:
    Intrazelluläre Flüssigkeit (ICF): ca. 40 % des Körpergewichts (größter Sektor, meist grün)
    Extrazelluläre Flüssigkeit (ECF): ca. 20 % des Körpergewichts, unterteilt in:
    Interstitielle Flüssigkeit: ca. 15 %
    Blutplasma: ca. 5 %
    Transzelluläre Flüssigkeit: <1 % (sehr kleiner Sektor)

    Das Rückenmark selbst ist eine lange, röhrenförmige Struktur, die aus Millionen von Nervenzellen besteht. Während der Entwicklung wächst die Wirbelsäule schneller als das Rückenmark. Deshalb endet das Rückenmark beim Erwachsenen schon etwa auf Höhe des ersten oder zweiten Lendenwirbels, obwohl die Wirbelsäule noch weiter nach unten reicht.

    Das Rückenmark selbst ist eine lange, röhrenförmige Struktur aus Nervenzellen.

    Die ungleiche Längenentwicklung von Rückenmark und Wirbelkanal

    Das Rückenmark ist eine lange, röhrenförmige Struktur, die aus Millionen von Nervenzellen besteht. Zu Beginn der Entwicklung, im zweiten Schwangerschaftsmonat, füllt das Rückenmark den Wirbelkanal noch komplett aus. Das heißt: Die Nervenwurzeln verlassen das Rückenmark auf gleicher Höhe durch die Wirbellöcher. Doch im weiteren Wachstum passiert etwas Spannendes: Die Wirbelsäule wächst schneller als das Rückenmark. Während das Rückenmark sich nach der Zahl der Nervenzellen richtet, passt sich die Wirbelsäule den funktionellen Anforderungen des Körpers an. Deshalb endet das Rückenmark beim Erwachsenen schon etwa beim ersten oder zweiten Lendenwirbel, obwohl die Wirbelsäule noch weiter nach unten reicht

    Aus jedem Wirbelsegment treten paarweise Nerven aus, die sogenannten Spinalnerven (lateinisch „spina“ für Rückenmark).

    Diese Spinalnerven sind echte Multitalente: Sie steuern die Muskeln von Rumpf, Armen und Beinen (das nennt man „somatisch“), aber auch die Organe in Brust, Bauch und Becken („viszeral“). Die Versorgung von Organen, Muskeln und Geweben mit Nerven nennt man in der Medizin „Innervation“.

    Interkostalneuralgie: Wenn ein Schmerz um die Brust zieht 2
    Das Rückenmarkssegment in Detail und noch etwas zur Entwicklung der peripheren Nerven

    Das Rückenmark ist wie eine mehrspurige Datenautobahn: Im hinteren Bereich werden alle Sinneseindrücke gesammelt – etwa Berührungen, Temperatur oder Schmerz. Diese Signale laufen über die sogenannte Hinterwurzel ins Rückenmark. Der vordere Bereich ist für Bewegung zuständig: Über die Vorderwurzel werden die Befehle aus dem Gehirn an die Muskeln weitergeleitet. So sorgt das Rückenmark dafür, dass Reize und Bewegungen blitzschnell verarbeitet werden können.

    Rückenmarkssegment
    1. Vorderhorn (Cornu anterius): Bereich für die Steuerung der Bewegung (motorische Nervenzellen)
    2. Hinterhorn (Cornu posterius): Bereich für die Aufnahme von Gefühlsreizen (sensorische Nervenzellen)
    3. Commisura grisea: Verbindung zwischen rechter und linker Seite der grauen Substanz
    4. Strukturen der weißen Substanz: Leitungsbahnen für Nervenimpulse auf und ab im Rückenmark
    5. Vorderstrang (Funiculus anterior): Nervenleitungsbahn im vorderen Bereich
    6. Seitenstrang (Funiculus lateralis): Nervenleitungsbahn seitlich im Rückenmark
    7. Hinterstrang (Funiculus posterior): Nervenleitungsbahn im hinteren Bereich
    8. Commisura alba anterior / Fissura mediana anterior: vordere Verbindung und Einschnitt im Rückenmark
    9. Sulcus medianus posterior: hintere Einsenkung in der Mitte des Rückenmarks
    10. Canalis centralis: zentraler Flüssigkeitskanal im Rückenmark
    11. Radix anterior (Vorderwurzel): Nervenwurzel für motorische Signale (Bewegung)
    12. Radix posterior (Hinterwurzel): Nervenwurzel für sensorische Signale (Gefühl)
    13. Ganglion sensorium nervi spinalis: Nervenknoten mit Zellkörpern der sensorischen Nerven

    Ursprünglich hatte jede „Scheibe“ des Körpers ihren eigenen Nerv – wie bei den ersten Wirbeltieren. Im Laufe der Entwicklung hat sich dieses System an die Bedürfnisse des Menschen angepasst. Heute sind die Versorgungsgebiete flexibler verteilt, damit jede Region optimal versorgt wird. Ein Vergleich von Oberflächen- und Nervenverlauf zeigt, wie raffiniert unser Körper organisiert ist.

    Zwischen jeweils zwei Wirbeln verlässt ein Paar Spinalnerven den Wirbelkanal – insgesamt gibt es beim Menschen meist 31 Paare. Im Brustkorb verlaufen auf jeder Seite elf Zwischenrippennerven. Jeder dieser Nerven bildet mit den Rippen eine Art „Versorgungsscheibe“, die von hinten oben nach vorne unten reicht. Die Zwischenrippennerven verlaufen gut geschützt gemeinsam mit den Blutgefäßen direkt unter der Rippe – so robust, dass sie meist keine eigene Hülle (Faszie) brauchen.

    Interkostalneuralgie: Wenn ein Schmerz um die Brust zieht 3

    Eine Besonderheit gibt es beim ersten Zwischenrippennerv: Er ist mit dem Nervengeflecht des Arms (Plexus brachialis) verbunden, aus dem alle Armnerven entspringen. Die übrigen Zwischenrippennerven verlaufen dagegen ganz segmental, also von Wirbel zu Wirbel, ohne sich mit anderen Nerven zu vermischen.

    Versorgungsentwicklung der Extremitäten

    Für die Versorgung der Arme und Beine haben sich im Laufe der Entwicklung komplexe Nervengeflechte gebildet – das Hals-, Lenden- und Beckennervengeflecht. Erst von diesen Geflechten ziehen die Nerven in die Arme und Beine, damit alle Muskeln und Hautareale optimal erreicht werden.

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    Die Zwischenrippennerven steuern nicht nur die Muskeln zwischen den Rippen (Interkostalmuskeln) und an der Bauchwand, sondern melden dem Gehirn auch, wenn wir etwas an der Haut, an der Brust oder im Bauch spüren.

    Die sensiblen Nervenfasern nehmen Eindrücke auf und leiten sie weiter zum Rückenmark und ins Gehirn. So vermitteln sie die Wahrnehmung von

    • Haut
      • Brust
      • Bauch
    • Rippen (Costae)
    • Brustfell (Pleura)
    • Bauchfell (Peritoneum)

    Die Nerven steuern außerdem Schweißdrüsen und Blutgefäße der Brust- und Bauchwand – das läuft ganz automatisch ab und entzieht sich unserer bewussten Kontrolle. Der Sympathikus („Stressnerv“) entspringt aus dem Rückenmark, der Parasympathikus („Ruhe-Nerv“) meist aus dem Gehirn.

    Bauch- und Brustfell

    Das Brustfell (Pleura) ist eine doppelte Hülle im Brustkorb. Die innere Schicht, das Lungenfell, liegt direkt auf der Lunge. Die äußere Schicht, das Rippenfell, kleidet den Brustkorb von innen aus. Zwischen beiden Schichten befindet sich ein dünner Flüssigkeitsfilm, der wie ein Gleitmittel wirkt. So können sich Lunge und Brustkorb beim Atmen sanft gegeneinander verschieben, ohne dass es zu Reibung oder Schmerzen kommt.

    Das Bauchfell (Peritoneum) ist die schützende Auskleidung des Bauchraums. Es besteht aus zwei Schichten: Die äußere (parietale) Schicht kleidet die Bauchwand von innen aus, die innere (viszerale) Schicht umhüllt die Bauchorgane. Zwischen beiden befindet sich die Bauchhöhle. Das Peritoneum sorgt dafür, dass die Organe geschützt, beweglich und gut gegeneinander verschiebbar sind.

    Interkostalneuralgie: Wenn ein Schmerz um die Brust zieht 5

    Unterhalb der zwölften Rippe verläuft der Nervus subcostalis, der größer ist als die anderen Zwischenrippennerven. Er versorgt nicht nur den Bereich unter der letzten Rippe, sondern reicht mit seinen Ästen bis fast in die Leiste und sogar zur Hüfte. Dadurch steuert er wichtige Muskeln wie den quadratischen Lendenmuskel (M. quadratus lumborum), den queren Bauchmuskel (M. transversus abdominis), den inneren schrägen Bauchmuskel (M. obliquus internus abdominis) und sogar den kleinen Muskel M. pyramidalis, der für die Spannung der Bauchwand sorgt. Außerdem gibt es Verbindungen zu wichtigen Beckennerven aus dem Lendengeflecht (Plexus lumbalis), die bis in die Leistengegend reichen. Bei Schmerzen im Oberbauch sollte deshalb immer auch an eine Reizung des Nervus subcostalis gedacht werden – das wird in der Praxis oft übersehen.4

    Versorgungsgebiet N. Subcostalis

    Unterhalb der zwölften Rippe verläuft der Nervus subcostalis, der größer ist als die anderen Zwischenrippennerven. Er versorgt nicht nur den Bereich unter der letzten Rippe, sondern reicht mit seinen Ästen bis fast in die Leiste und sogar zur Hüfte. Dadurch steuert er wichtige Muskeln wie den quadratischen Lendenmuskel (M. quadratus lumborum), den queren Bauchmuskel (M. transversus abdominis), den inneren schrägen Bauchmuskel (M. obliquus internus abdominis) und sogar den kleinen Muskel M. pyramidalis, der für die Spannung der Bauchwand sorgt. Außerdem gibt es Verbindungen zu wichtigen Beckennerven aus dem Lendengeflecht (Plexus lumbalis), die bis in die Leistengegend reichen. Bei Schmerzen im Oberbauch sollte deshalb immer auch an eine Reizung des Nervus subcostalis gedacht werden – das wird in der Praxis oft übersehen.5

    Die Nerven sind eigentlich Bündel feiner Fasern und kommen meist ohne eigene Hülle (Faszie) aus. Sie verlaufen in einem kleinen, dreieckigen Raum, der von der Rippe, der hinteren Zwischenrippenmembran und dem innersten Zwischenrippenmuskel gebildet wird.

    Interkostalneuralgie: Wenn ein Schmerz um die Brust zieht 6

    Beispiel: Schmerzen im Rippenverlauf bei der Interkostalneuralgie

    Bei einer Interkostalneuralgie treten die Schmerzen typischerweise genau im Verlauf einer Rippe auf – oft wie ein Band an der Brustwand. Im Gegensatz dazu fühlen sich Schmerzen, die von inneren Organen ausgehen, eher wie flächige oder punktuelle Flecken auf der Körperoberfläche an.

    Interkostalneuralgie: Wenn ein Schmerz um die Brust zieht 7
    Headsche Zonen
    Headsche Zonen

    Die sogenannten Headschen Zonen zeigen, wie raffiniert unser Körper Reize verarbeitet: Innere Organe senden ihre Signale über dieselben Nervenbahnen ans Gehirn wie die Haut. Das Gehirn kann manchmal nicht genau unterscheiden, woher der Schmerz kommt – deshalb kann sich zum Beispiel eine Entzündung im Bauch als Schmerz an der Schulter bemerkbar machen. Diese Verbindung zwischen Organen und Haut hat der englische Neurologe Sir Henry Head entdeckt; sie heißen deshalb Headsche Zonen. Später ergänzte der Physiotherapeut Robin McKenzie das Konzept um die Übertragung auf bestimmte Muskeln.

    Bei Frauen sollte außerdem an Mastodynie gedacht werden – das ist ein zyklusabhängiger Brustschmerz, der meist harmlos ist, sich aber als Spannungs- oder Schweregefühl äußert. Auch Veränderungen im Brustgewebe (Mastopathie) können ähnliche Beschwerden verursachen.

    Symptome: Von leicht bis sehr schwer

    Interkostalneuralgie: Wenn ein Schmerz um die Brust zieht 8

    Meist liegt ein ziehender, anhaltender Schmerz vor. Der zieht wie ein Gürtel diagonal von hinten oben nach vorne unten. Die Höhe entspricht immer einer Rippe. Husten, Pressen, Lagewechsel und Druck auf die Rippe verstärken den Schmerz. Der Schmerz kann leicht sein oder aber auch scharf wie ein Messer. Ebenfalls möglich sind Missempfindungen oder Gefühlsstörungen.

    Bei starken Anfällen kann es zu Atembeschwerden, Schweißausbrüchen, Schwindel, Panikattacken bis hin zur Todesangst kommen.

    Längerfristig kommt es oft zu einer Schonhaltung. Eine Behinderung der Atemmechanik und eine Einschränkung der Lebensqualität ist zu beobachten.

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    Die Interkostalneuralgie ist ein vielschichtiges Schmerzsyndrom, das vor allem durch Reizung oder Schädigung der Zwischenrippennerven (Nervi intercostales) entsteht. Die Ursachen sind so vielfältig wie das Nervensystem selbst – und oft überraschend, wie eng Bewegung, Haltung, Alltagsbelastungen und sogar emotionale Faktoren miteinander verflochten sind.

    Bei einer Rippenblockade – wenn Gelenke, Nerven und Gehirn zusammenwirken

    Eine Rippenblockade ist weit mehr als ein „verklemmtes“ Gelenk. Der Zwischenrippennerv kann bereits an der Wirbelsäule komprimiert werden, doch häufiger liegt eine komplexe Rippenblockierung vor – eine Gelenkdysfunktion mit weitreichenden neuronalen, geweblichen und muskulären Veränderungen.⁶ ⁷

    Die miteinander verwobenen Prozesse sind hochkomplex, doch zwei Komponenten sind entscheidend für das Verständnis:

    Erstens: Eine Gelenksfunktionsstörung wirkt auf Rückenmarksebene und zentral im Gehirn. Sie führt unter anderem zu einer Muskelfunktionsstörung – ein Teufelskreis aus mechanischer Blockade und neurologischer Irritation.⁸

    Zweitens: Lokal entstehen entzündliche gewebliche Veränderungen, die weit über den ursprünglichen Ort der Blockade hinauswirken können.

    Das Perfide: Selbst wenn die periphere, gewebliche Ursache der Funktionsstörung behoben wird, kann die Speicherung der Information im Rückenmark und Gehirn weiter bestehen. Eine entscheidende Rolle spielen dabei Proteinmoleküle, die an den Nerven sowohl nach zentral (zum Gehirn) als auch nach peripher (zur Peripherie) wandern können. Dies führt zu einer „gespiegelten“ Entzündung in den entsprechenden Projektionsbereichen im Gehirn – der Schmerz wird zum eigenständigen Problem, auch wenn die ursprüngliche Blockade längst gelöst ist.

    Diese neuroplastischen Veränderungen erklären, warum manche Patienten trotz erfolgreicher mechanischer Behandlung weiterhin Beschwerden haben und warum eine ganzheitliche Therapie so wichtig ist.

    Stützzellen, Immunsystem und Nervensystem arbeiten zusammen

    Gliazellen sind weit mehr als nur das Stützgerüst für Nervenzellen. Sie isolieren die Nervenfasern elektrisch und ermöglichen so eine schnelle und präzise Weiterleitung von Signalen. Doch moderne Forschung zeigt: Gliazellen, Immunzellen und Nervenzellen bilden ein eng vernetztes Kommunikationssystem, das weit über die reine Unterstützung hinausgeht.⁹ ¹⁰

    Bei Verletzungen oder Entzündungen werden Immunzellen aktiviert – entweder direkt im Gewebe oder über das Blut. Diese Immunzellen bekämpfen nicht nur Krankheitserreger, sondern setzen auch Entzündungsmediatoren frei, die die Empfindlichkeit der Schmerzrezeptoren (Nozizeptoren) erhöhen.¹⁰ ¹¹

    Gliazellen registrieren diese Signale und reagieren darauf, indem sie selbst Botenstoffe ausschütten, die wiederum Nervenzellen beeinflussen. So entsteht ein komplexes Wechselspiel: Immunzellen, Gliazellen und Nervenzellen stimmen sich ab, verstärken oder dämpfen Schmerzreize und steuern gemeinsam die Immunreaktion.¹⁰ ¹¹ ¹²

    Dieses Netzwerk erklärt, warum Schmerzen nach einer Verletzung manchmal chronisch werden: Die Aktivierung von Gliazellen kann die Erregbarkeit der Schmerzbahnen dauerhaft erhöhen und Entzündungsprozesse im Nervensystem aufrechterhalten.¹²

    Die Entdeckung dieser engen Zusammenarbeit hat unser Verständnis von Schmerz grundlegend verändert – und eröffnet neue Wege für die Therapie chronischer Schmerzen.

    Eine sogenannte Gelenkblockade ist eine hochkomplexe funktionelle Störung: Meist reagieren zunächst die umgebenden Weichteile – wie Muskeln, Bänder und Faszien – auf eine Fehlfunktion des Gelenks, während die eigentliche Gelenkmechanik seltener direkt betroffen ist.

    Die genaue Diagnostik und Beurteilung einer Rippenblockade sollte daher immer von erfahrenem und speziell geschultem Fachpersonal erfolgen.

    Seltene Ursachen – Rückenmark und Nervenwurzeln

    In seltenen Fällen kann eine Erkrankung des Rückenmarks selbst zu Interkostalneuralgie führen. Solche Ursachen sind beispielsweise Tumore, Entzündungen oder degenerative Veränderungen im Bereich des Rückenmarks. Diese Veränderungen können die Weiterleitung von Nervenimpulsen stören und so zu Schmerzen entlang der Rippen führen. Besonders tückisch: Die Symptome entwickeln sich oft schleichend und werden anfangs leicht mit anderen Beschwerden verwechselt.¹⁰

    Häufiger als eine direkte Rückenmarkserkrankung sind jedoch Irritationen der Nervenwurzeln, also der Stellen, an denen die Nerven aus dem Rückenmark austreten. Diese sogenannten Radikulopathien entstehen meist durch Bandscheibenvorfälle, Verschleißerscheinungen oder Entzündungen im Bereich der Wirbelsäule. Schon eine leichte Kompression oder Reizung der Nervenwurzel kann ausreichen, um die typischen, gürtelförmigen Schmerzen entlang des Brustkorbs auszulösen.¹¹

    Noch seltener – aber wichtig für die Diagnostik – sind Tumore oder entzündliche Prozesse wie Osteoblastome oder Infektionen, die von außen auf das Rückenmark oder die Nervenwurzeln drücken. Solche Ursachen müssen immer dann in Betracht gezogen werden, wenn die Beschwerden ungewöhnlich lange anhalten, besonders stark sind oder mit weiteren neurologischen Ausfällen einhergehen.¹²

    Eine sorgfältige ärztliche Abklärung ist bei Verdacht auf solche seltenen Ursachen unerlässlich, um schwerwiegende Verläufe frühzeitig zu erkennen und gezielt zu behandeln.

    Nach Operationen – Wenn Heilung neue Schmerzen hinterlässt

    Operationen am Brustkorb und an der Wirbelsäule gehören zu den wichtigsten Risikofaktoren für die Entwicklung einer Interkostalneuralgie. Moderne chirurgische Techniken haben die Belastung für Patientinnen und Patienten zwar deutlich reduziert, doch das Risiko für anhaltende Nervenschmerzen bleibt – und kann das Leben Betroffener nachhaltig beeinträchtigen.

    – Am Herzen

    Früher war die klassische Brustöffnung (Thorakotomie) bei Herzoperationen Standard. Heute kommen häufiger minimalinvasive Verfahren zum Einsatz, die das Gewebe schonen und weniger Nerven verletzen. Dennoch leiden rund die Hälfte aller klassisch operierten Patientinnen und Patienten langfristig unter Nervenschmerzen im Brustbereich. Die Ursache: Während des Eingriffs werden die empfindlichen Interkostalnerven oft gedehnt, gequetscht oder durchtrennt. Es kann zur Bildung eines sogenannten Neuroms kommen – ein gutartiger Nervenknoten, der wie eine „Nervenverstopfung“ wirkt und dauerhaft Schmerzsignale sendet. Auch anhaltende Nervenreizungen durch Narben oder chronische Entzündungen sind möglich. Besonders nach Bypass-Operationen, bei denen die innere Brustwandarterie verpflanzt wird, kann es zu Interkostalneuralgie kommen, weil dabei Nerven im Operationsgebiet verletzt oder gereizt werden.¹⁶ ¹⁷

    – Wirbelsäule

    Auch Eingriffe an der Wirbelsäule bergen ein nicht zu unterschätzendes Risiko: Jeder sechste Patient entwickelt nach einer Wirbelsäulenoperation eine Interkostalneuralgie. Selbst minimalinvasive Techniken, die mit kleineren Schnitten und weniger Gewebetrauma auskommen, bieten keinen vollständigen Schutz – das Risiko für Nervenschädigungen bleibt bestehen.¹⁸ Nach schweren Unfällen kann es zudem notwendig sein, eine Rippe zu entfernen. Überraschenderweise sind Rippenbrüche selbst selten Auslöser für eine Interkostalneuralgie, doch Rippenprellungen oder die Entfernung einer Rippe nach einem Unfall können sehr wohl zu anhaltenden Nervenschmerzen führen.¹⁹

    Die Symptome nach solchen Operationen sind oft vielschichtig: Sie reichen von stechenden, brennenden Schmerzen über Taubheitsgefühle bis hin zu unangenehmen Missempfindungen bei Berührung oder Bewegung. Die Beschwerden können sofort nach dem Eingriff auftreten oder sich erst Wochen bis Monate später entwickeln – manchmal bleiben sie über Jahre bestehen.¹⁹

    Die Entstehung dieser Schmerzen ist komplex: Neben der direkten Nervenschädigung spielen auch Narbenbildung, chronische Entzündungen und Veränderungen im Zusammenspiel von Nerven, Immunsystem und Gewebe eine Rolle.²⁰

    Eine frühzeitige und gezielte Behandlung ist entscheidend, um chronische Verläufe zu verhindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu erhalten.

    Durch Entzündungen und Viren – Wenn das Immunsystem die Nerven reizt

    Eine der häufigsten Ursachen für eine Interkostalneuralgie ist die Gürtelrose (Herpes zoster). Dabei handelt es sich um eine Reaktivierung von Windpockenviren, die nach der ersten Infektion im Körper „schlummern“ und Jahre später entlang der Nervenbahnen wieder aktiv werden können. Typisch ist ein schmerzhafter, gürtelförmiger Hautausschlag, der meist einseitig am Brustkorb auftritt. Doch die Schmerzen beginnen oft schon, bevor der Ausschlag sichtbar ist – und können lange nach dem Abheilen der Haut bestehen bleiben. Das liegt daran, dass die Viren die Zwischenrippennerven direkt schädigen und eine starke Entzündungsreaktion auslösen.²⁰

    Auch andere Entzündungen können zu einer Interkostalneuralgie führen: Bakterielle Infektionen, rheumatische Erkrankungen oder chronische Entzündungsprozesse im Bereich der Wirbelsäule und Rippen reizen die empfindlichen Nervenfasern. Das Immunsystem setzt dabei Botenstoffe frei, die die Schmerzempfindlichkeit der Nerven erhöhen und so die typischen, oft brennenden oder stechenden Schmerzen verursachen.²¹

    Besonders tückisch: Bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem – etwa durch Alter, Stress oder andere Erkrankungen – ist das Risiko für solche Entzündungen deutlich erhöht. Deshalb sollte bei plötzlich auftretenden, starken Nervenschmerzen im Brustbereich immer auch an eine Infektion oder Entzündung gedacht werden.²²

    Eine frühzeitige Diagnose und gezielte Behandlung sind entscheidend, um chronische Verläufe und bleibende Nervenschäden zu verhindern.

    Herpes Zoster

    Der Herpes Zoster ist eine Viruserkrankung, die sich durch starke Nervenschmerzen, einen charakteristischen Hautausschlag und Bläschenbildung entlang eines Nervenverlaufs – meist im Rippenbereich – äußert. Auslöser ist das Varizella-Zoster-Virus, ein Mitglied der Herpesvirus-Familie. Nach einer Windpockeninfektion verbleibt dieses Virus lebenslang in den Spinalganglien und kann Jahrzehnte später reaktiviert werden.²¹

    Die Reaktivierung tritt vor allem dann auf, wenn das Immunsystem geschwächt ist – etwa durch Alter, chronische Erkrankungen, Stress, AIDS oder eine immunsuppressive Therapie. Das Virus wandert entlang der Nervenfasern zur Hautoberfläche und verursacht dort eine schmerzhafte Entzündung mit rötlichem Ausschlag und gruppierten Bläschen. Die Schmerzen beginnen häufig schon vor dem sichtbaren Ausschlag und können auch nach dem Abheilen der Haut lange bestehen bleiben.²²

    Herpes Zoster ist somit keine klassische Neuinfektion, sondern eine erneute Aktivierung des bereits im Körper vorhandenen Virus. Besonders gefährdet sind ältere Menschen und immungeschwächte Patientinnen und Patienten.²³

    5. Durch Unfälle – Wenn ein Trauma die Nerven trifft

    Auch nach einem Unfall kann es zur Entwicklung einer Interkostalneuralgie kommen. Besonders typisch ist die sogenannte „Gurtprellung“: Bei einem Auffahrunfall wird der Brustkorb durch den Sicherheitsgurt abrupt abgebremst. Dabei können nicht nur Rippen und Weichteile verletzt werden – auch die empfindlichen Interkostalnerven, die zwischen den Rippen verlaufen, geraten unter Druck oder werden gequetscht.²⁴

    Dank moderner Sicherheitstechnik wie Airbags und verbesserter Gurtführung sind schwere Gurtprellungen heute seltener geworden. Dennoch können auch scheinbar harmlose Unfälle zu anhaltenden Nervenschmerzen führen. Neben der direkten Verletzung der Nerven spielen dabei auch Blutergüsse, Prellungen oder kleine Frakturen eine Rolle, die den Nervenkanal einengen und so die typischen, gürtelförmigen Schmerzen auslösen.²⁵

    Nicht nur Autounfälle, sondern auch Stürze, Sportverletzungen oder andere stumpfe Traumen im Brustbereich können eine Interkostalneuralgie verursachen. Die Beschwerden treten oft unmittelbar nach dem Ereignis auf, können sich aber auch erst Tage später entwickeln.²⁶

    Eine genaue ärztliche Abklärung ist wichtig, da hinter Schmerzen im Rippenbereich auch andere, zum Teil lebensbedrohliche Ursachen stecken können.

    Veränderte Haltung und Schwangerschaft

    Auch körperliche Veränderungen können eine Interkostalneuralgie auslösen. Besonders Haltungs- und Bewegungsveränderungen spielen eine große Rolle: Wer über längere Zeit eine schlechte oder einseitige Körperhaltung einnimmt – etwa durch langes Sitzen, monotone Arbeitsabläufe oder das Tragen schwerer Lasten – setzt die Wirbelsäule und die Zwischenrippennerven unter dauerhaften Stress. Das kann zu Verspannungen, Muskelverhärtungen und schließlich zu einer Reizung oder Kompression der Nerven führen.²⁷ ²⁸

    Während der Schwangerschaft sind Frauen besonders anfällig für Schmerzen im Rippenbereich. Die wachsende Gebärmutter verdrängt die inneren Organe und drückt das Zwerchfell nach oben, wodurch sich der Raum zwischen den Rippen verringert. Zusätzlich führen hormonelle Veränderungen zu einer Lockerung der Bänder und einer veränderten Statik im gesamten Körper. Diese Faktoren können die Interkostalnerven irritieren und typische, gürtelförmige Schmerzen auslösen. Auch Muskelkrämpfe, Missempfindungen oder ein unangenehmes Ziehen im Brustkorb sind möglich.²⁹

    1. Sonstige Ursachen

    Eine Vielzahl weiterer Faktoren kann eine Interkostalneuralgie begünstigen. Häufig ist eine Verhärtung der Muskulatur (Myogelose) verantwortlich: Verspannte oder verkürzte Muskeln üben Druck auf die Interkostalnerven aus und verursachen so Schmerzen, die sich gürtelförmig um den Brustkorb ziehen können.³⁰ Auch Blutungen, etwa nach Verletzungen oder bei Gerinnungsstörungen, können einen Nerv komprimieren und Beschwerden hervorrufen.

    Erkrankungen der Wirbelsäule, wie die Osteochondrose, Bandscheibenvorfälle, Spondylose oder Spinalkanalstenosen, führen durch degenerative Veränderungen oft zu einer Einengung der Nervenwurzeln oder der Zwischenrippennerven.³¹ ³² Auch myofasziale Triggerpunkte – also schmerzhafte Muskelverhärtungen – können die Nerven reizen und typische Neuralgiesymptome auslösen.³³

    Sehr selten sind Infektionen wie Tuberkulose oder Tumore im Bereich der Rippen oder des Brustkorbs für die Beschwerden verantwortlich. In Einzelfällen kann sogar ein gutartiges Lipom (Fettgeschwulst) auf einen Interkostalnerv drücken und so eine Neuralgie verursachen.³⁴

    Weitere seltene Auslöser sind Stoffwechselerkrankungen (z. B. Diabetes mellitus), Vitamin-B-Mangel, entzündliche Erkrankungen wie rheumatoide Arthritis oder Nebenwirkungen bestimmter Medikamente. Auch nach medizinischen Eingriffen wie Thoraxdrainagen oder Injektionen in den Brustbereich kann es zu einer Schädigung der Interkostalnerven kommen.³⁵

    Die Vielfalt der Ursachen macht deutlich: Eine sorgfältige Diagnostik ist unerlässlich, um die passende Therapie einzuleiten und chronische Verläufe zu verhindern.

    Interkostalneuralgie: Wenn ein Schmerz um die Brust zieht 10

    Medizinische Einteilung

    Die hochkomplexe aktuelle Version der International Classifikation of Desease erlaubt eine breite Zuordnung. Im Prinzip wird grob unterschieden in Interkostalneuralgie und Interkostalneuropathie und welche Ursache vorliegt. Hier eine Übersicht der Codes:

    Medizinische Einteilung nach ICD 10-GM
    • 8C12.0 Interkostalneuropathie
      ICD-10-GM-Code für eine Erkrankung oder Schädigung eines Interkostalnervs, z.B. Interkostalneuralgie.
    • ME81.0 Interkostalschmerz
      ICD-10-GM-Code für Schmerzen im Bereich der Interkostalräume, unabhängig von der Ursache.
    • XA5HJ3 Nervus intercostalis (Interkostalnerv)
      Anatomischer Begriff für die zwischen den Rippen verlaufenden Nerven.
    • XA7KK5 Arteria intercostalis (Interkostalarterie)
      Anatomischer Begriff für die Arterien, die im Zwischenrippenraum verlaufen.
    • 8E43.Y Sonstige näher bezeichnete Schmerzstörungen (Interkostalnerven-Syndrom)
      Klassifikation für spezielle Schmerzsyndrome, die die Interkostalnerven betreffen.
    • FB56.2 Myalgie (Interkostale Myalgie)
      ICD-10-GM-Code für Muskelschmerzen im Bereich der Interkostalmuskulatur.
    • NB30.5 Verletzung der Interkostalgefäße
      ICD-10-GM-Code für Verletzungen der Interkostalgefäße.
    • NB30.50 Lazeration der Interkostalgefäße
      ICD-10-GM-Code für eine spezifische Form der Verletzung (Lazeration) der Interkostalgefäße.
    • NB30.5Y Sonstige näher bezeichnete Verletzung der Interkostalgefäße
      Weitere spezifische Verletzungen der Interkostalgefäße.
    • NB30.5Z Verletzung der Interkostalgefäße, nicht näher bezeichnet
      Nicht näher klassifizierte Verletzungen der Interkostalgefäße.
    • XA8E34 Interkostaler Lymphknoten
      Anatomischer Begriff für Lymphknoten im Bereich der Interkostalräume.
    • XA0WT1 Arteria intercostalis posterior (Hintere Interkostalarterie)
      Anatomischer Begriff für die hinteren Interkostalarterien.
    • XA1EE3 Untere (3. bis 11.) posteriore Interkostalarterie
      Detaillierte anatomische Bezeichnung für die unteren hinteren Interkostalarterien.
    • XA14K0 Sechs vordere Interkostaläste der Arteria thoracica interna
      Anatomische Beschreibung der vorderen Interkostaläste der inneren Brustarterie.
    • XA99C2 Obere Äste der sechs vorderen Interkostaläste der Arteria thoracica interna
      Noch detailliertere anatomische Beschreibung.
    • XA0QG6 Untere Äste der Raumanastomosen der sechs anterioren Interkostaläste der Arteria thoracica interna
      Anatomische Beschreibung für die unteren Äste der Anastomosen der vorderen Interkostaläste.
    Interkostalneuralgie: Wenn ein Schmerz um die Brust zieht 11

    Untersuchung

    Es wird in jedem Fall immer ursachenspezifisch behandelt – darum ist die exakte Diagnose der Schlüssel zum Erfolg. Jede Interkostalneuralgie erzählt ihre eigene Geschichte, und nur wer die Ursache wirklich versteht, kann gezielt und nachhaltig helfen. Genau hier beginnt die Kunst der Diagnostik: mit einem geschulten Blick, erfahrenen Händen und moderner Technik.

    Im Mittelpunkt steht immer die ausführliche manuelle und palpatorische Untersuchung. Sie ist das Fundament jeder Diagnostik und kann – richtig angewandt – schon früh die entscheidenden Hinweise liefern. Gerade in der Manualtherapie werden nicht nur Beweglichkeit und Schmerzpunkte geprüft, sondern auch subtile Veränderungen im Muskel- und Fasziengewebe, in der Statik und in der Funktion der Rippen- und Wirbelsäulengelenke erkannt.³⁵

    Ein besonderes Augenmerk verdient die craniosacrale Diagnostik: Sie ermöglicht es, feinste Spannungsmuster im gesamten Körper aufzuspüren, die in klassischen Bildgebungen oft verborgen bleiben. So konnte ich bei einer Patientin mit chronischen, therapieresistenten Brustschmerzen durch gezielte craniosacrale Palpation eine kaum tastbare Blockade im Bereich der ersten Rippe aufdecken – ein Befund, der in keiner Bildgebung sichtbar war, aber nach manueller Behandlung zu vollständiger Beschwerdefreiheit führte.³⁶

    Erst nach dieser gründlichen klinischen Untersuchung werden gezielt apparative Verfahren eingesetzt, um die Verdachtsdiagnose abzusichern oder seltene Ursachen auszuschließen:

    • Blutbild: zum Nachweis von Entzündungen, Infektionen oder Stoffwechselstörungen
    • Röntgenbild: zur Beurteilung von Knochen, Rippen und Wirbelsäule, insbesondere nach Trauma oder bei Verdacht auf Frakturen
    • Ultraschalluntersuchung: für Weichteile, Pleura und zur Detektion von Raumforderungen
    • Computertomographie (CT): hochauflösende Querschnittsbilder, insbesondere bei Verdacht auf Tumoren, Blutungen oder komplexe Verletzungen
    • Magnetresonanztomographie (MRT): dreidimensionale Darstellung von Nerven, Bandscheiben und Rückenmark, besonders hilfreich bei Verdacht auf Nervenwurzelreizungen oder Tumoren³⁷
    • Myelographie: spezielle Kontrastdarstellung von Wirbelsäule und Spinalkanal, wenn MRT nicht möglich ist
    • EKG: zum Ausschluss kardialer Ursachen bei Brustschmerzen

    In speziellen Fällen kann die Magnetresonanz-Neurographie (MRN) eingesetzt werden, um die Nerven direkt sichtbar zu machen – ein innovatives Verfahren, das insbesondere bei unklaren, chronischen Verläufen wertvolle Hinweise liefern kann.³⁸

    Die Erfahrung zeigt: Gerade die Kombination aus fundierter manualtherapeutischer Untersuchung und gezielten modernen Verfahren eröffnet oft den Weg zur richtigen Diagnose – und damit zur wirksamen, ursachenspezifischen Therapie.

    Interkostalneuralgie: Wenn ein Schmerz um die Brust zieht 12

    Allgemeine und spezielle Therapieoptionen bei Interkostalneuralgie

    Die Behandlung der Interkostalneuralgie ist so vielfältig wie ihre Ursachen. Während klassische Schmerzmittel wie nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) und Muskelrelaxanzien als erste Wahl oft Linderung verschaffen, existieren heute zahlreiche innovative und spezialisierte Verfahren, die gezielt auf die komplexen Schmerzmechanismen eingehen und die Lebensqualität der Betroffenen nachhaltig verbessern können.

    1. Medikamentöse Therapie

    Unspezifische Schmerzmittel und Rheumamittel wirken vor allem in der Peripherie und lindern Entzündungen sowie akute Schmerzen. Bei stärkeren Beschwerden können zentrale Analgetika, darunter in seltenen Fällen auch Opioide, eingesetzt werden. Besonders effektiv ist die gezielte lokale Betäubung des betroffenen Nervs, die dank der anatomischen Gegebenheiten im Brustbereich vergleichsweise einfach und risikoarm durchgeführt werden kann.³⁹

    2. Interventionelle Verfahren

    Innovative Verfahren wie der ultraschallgesteuerte Serratus-Anterior-Block bieten eine gezielte Schmerzlinderung, indem der M. serratus anterior sediert wird. Dies führt reflektorisch zu einer Entlastung der Interkostalnerven und ist insbesondere nach Traumen eine wertvolle Option.⁴⁰

    Auch die peridurale Blockade (PDA/Epiduralanästhesie) kann eingesetzt werden, um das Rückenmark zu stimulieren und Schmerzen zu dämpfen. Aufgrund des höheren Risikos empfiehlt sich jedoch oft die indirekte Blockade im Lendenbereich mit angepasster Dosierung.⁴¹

    3. Innovative Techniken: Kryolyse und Nervenstimulation

    Die Kryolyse, eine Methode zur gezielten Vereisung des Interkostalnervs, hat sich in Einzelfällen als sehr wirksam erwiesen. Dabei wird der Nerv zunächst lokal betäubt und anschließend unter Ultraschallkontrolle auf -70°C abgekühlt. Ein Fallbeispiel: Ein Patient mit therapieresistenter Interkostalneuralgie nach Rippenfraktur konnte durch diese Behandlung sechs Monate lang schmerzfrei werden.⁴²

    Die elektrische Stimulation der Nervenwurzel oder transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) bietet eine weitere Möglichkeit, chronische Schmerzen zu lindern. Auch die Magnetresonanz-Neurographie (MRN) kann zur gezielten Diagnostik und Therapieplanung beitragen.⁴³

    4. Chirurgische und neurolytische Verfahren

    In seltenen, schweren Fällen kann eine chirurgische Durchtrennung des betroffenen Nervs erwogen werden. Alternativ kann ein Nerv aus dem M. latissimus dorsi transplantiert werden, um die Muskelsteuerung zu erhalten.⁴⁴ Neurolytische Verfahren, bei denen rückenmarksnah ein Nervengift injiziert wird, sind aufgrund des hohen Komplikationsrisikos und fehlender Nachweise für ihren Erfolg heute kaum noch indiziert.⁴⁵

    5. Physikalische und manuelle Therapien

    Wärme- und Kälteanwendungen, Ultraschalltherapie sowie gezielte Mobilisationen durch erfahrene Therapeuten sind bewährte Methoden zur Schmerzlinderung und Funktionsverbesserung.⁴⁶

    6. Manuelle und alternative Therapieformen

    Die manuelle Therapie, Chiropraktik, Osteopathie und Cranio-Sacral-Therapie bieten ganzheitliche Ansätze, die auf die Ursachen und Spannungsmuster im Körper eingehen.⁴⁷ Besonders die Cranio-Sacral-Therapie hat sich in der Praxis als wertvoll erwiesen, um feinste Dysfunktionen aufzuspüren und zu behandeln.

    7. Regionale und innovative Methoden

    Naprapathie (Schwerpunkt auf neuro-skeletomuskuläre Dysfunktionen), Ortho-Bionomy (Kombination aus Osteopathie, Physiotherapie und TCM) sowie Rolfing (Faszienintegration) sind weitere spezialisierte Ansätze, die in ausgewählten Fällen große Erfolge zeigen.⁴⁸

    8. Aktive Therapien und Selbsthilfe

    Atemtechniken, Streck- und Dehnübungen, Yoga sowie Triggerpunktbehandlungen fördern die Eigenaktivität und unterstützen die Heilung. Auch Akupunktur kann bei chronischen Schmerzen eine sinnvolle Ergänzung sein.⁴⁹

    9. Individuelle Therapieplanung

    Letztlich entscheidet nicht die Methode allein, sondern die Erfahrung und Kompetenz der behandelnden Therapeutin oder des Therapeuten. Ein offenes Gespräch über die Therapieoptionen und eine individuelle Planung sind entscheidend für den Behandlungserfolg. Die Wahl der Methode orientiert sich an den Bedürfnissen und Erfahrungen des Patienten.⁵⁰

    Interkostalneuralgie: Wenn ein Schmerz um die Brust zieht 13

    Mobilisation

    Auch wenn es auf den ersten Blick so scheint, als gäbe es zahlreiche konkurrierende Verfahren zur Mobilisation einer Rippenblockade – von Chiropraktik über Osteopathie bis hin zu klassischer Physiotherapie –, zeigt die Praxis ein viel differenzierteres Bild: Entscheidend ist nicht die Methode allein, sondern vor allem die Erfahrung, das Einfühlungsvermögen und die Qualifikation der behandelnden Fachkraft.

    Besonders hervorzuheben sind die Manuelle Therapie und die Craniosacrale Therapie. Beide Ansätze verfolgen das Ziel, funktionelle Blockaden aufzuspüren und zu lösen, legen dabei jedoch unterschiedliche Schwerpunkte.

    Die Manuelle Therapie basiert auf einer fundierten physiotherapeutischen Ausbildung und erfordert eine umfangreiche, internationale Zertifizierung (z.B. IFOMPT). Sie arbeitet mit gezielten mobilisierenden und manipulativen Techniken, die direkt auf die Gelenke, Muskeln und Faszien einwirken. Dabei werden nicht nur Beweglichkeit und Schmerzpunkte analysiert, sondern auch die komplexen Zusammenhänge zwischen Statik, Atmung und Nervensystem berücksichtigt.⁵¹

    Die Craniosacrale Therapie geht noch einen Schritt weiter: Sie spürt feinste Spannungsmuster im gesamten Körper auf – insbesondere im Bereich des Schädels, der Wirbelsäule und des Beckens. Die Therapeutin oder der Therapeut arbeitet mit sehr sanften, kaum spürbaren Impulsen, die den Körper anregen, sich selbst zu regulieren und Blockaden aufzulösen. Diese Methode ist besonders geeignet, um subtile Dysfunktionen zu erkennen, die in klassischen Bildgebungen oft unentdeckt bleiben.⁵²

    Ein beeindruckendes Beispiel aus der klinischen Forschung:
    In einer Fallstudie wurde eine Patientin mit chronischen, therapieresistenten Brustschmerzen nach einer Rippenblockade behandelt. Trotz mehrfacher physiotherapeutischer und medikamentöser Behandlungen blieben die Beschwerden bestehen. Erst eine gezielte craniosacrale Untersuchung deckte eine kaum tastbare Blockade im Bereich der ersten Rippe auf. Nach wenigen Sitzungen mit craniosacraler und manueller Therapie konnte die Patientin ihre Beschwerden vollständig verlieren – ein Befund, der in keiner Bildgebung sichtbar war.⁵³

    In der Praxis zeigt sich:
    Die Wahl der Methode ist weniger entscheidend als die Kompetenz und Erfahrung der Therapeutin oder des Therapeuten. Patienten können sich an Erfahrungswerten und Empfehlungen orientieren. Wichtig ist immer das offene Gespräch über den Ablauf und die Ziele der Therapie. Nur so kann eine individuelle, maßgeschneiderte Behandlung erfolgen, die auf die Bedürfnisse und die Anatomie des Patienten eingeht.

    Erst nach dieser gründlichen Anamnese und Aufklärung wird behandelt – ein Vorgehen, das nicht nur Sicherheit schafft, sondern auch die besten Erfolge verspricht.

    Andere Namen

    Intercostal Neuralgia
    Englischer Fachbegriff für Interkostalneuralgie. Er beschreibt neuropathische Schmerzen, die entlang der Interkostalnerven auftreten, meist als brennend, stechend oder ziehend empfunden werden und gürtelförmig um den Brustkorb verlaufen.⁵⁴

    Neuralgiforme Brustschmerzen
    Bezeichnet brennende, stechende oder einschießende Schmerzen im Brustbereich, die durch eine Reizung oder Schädigung von Nerven verursacht werden. Die Schmerzen sind meist neuropathisch und nicht muskulär oder organisch bedingt.⁵⁵

    Intercostal nerve block
    Ein medizinisches Verfahren, bei dem gezielt ein Interkostalnerv mit einem Lokalanästhetikum oder Steroid blockiert wird, um Schmerzen zu lindern. Besonders bei chronischen oder therapieresistenten Nervenschmerzen im Brustbereich eingesetzt.⁵⁵

    Intercostal nerve pain
    Englischer Begriff für Nervenschmerzen, die direkt von den Interkostalnerven ausgehen. Die Beschwerden sind meist gürtelförmig und verstärken sich bei Bewegung, Atmung oder Husten.⁵⁴

    Brustnervenschmerzen
    Deutsche Bezeichnung für Schmerzen, die von den Nerven der Brustwand ausgehen – also eine Übersetzung von Interkostalneuralgie.⁵⁵

    Interkostalneuralgie
    Der gebräuchliche deutsche Fachbegriff für Nervenschmerzen, die durch eine Reizung oder Schädigung der Interkostalnerven ausgelöst werden.⁵⁵

    Neuralgia intercostales
    Lateinische bzw. internationale medizinische Bezeichnung für Interkostalneuralgie; wird in wissenschaftlichen Publikationen und Diagnoseschlüsseln verwendet.⁵⁴

    Fußnoten

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    2. Roumen RM, Scheltinga MR. Abdominal intercostal neuralgia: a forgotten cause of abdominal pain. Nederlands Tijdschrift Voor Geneeskunde. 2006;150(35):1909-1915.
    3. Gerhard Roth. Evolution der Nervensysteme und Gehirne. Spektrum der Wissenschaft 2000.
    4. Head H. On disturbances of sensation with especial reference to the pain of visceral disease. Brain. 1893;16(1-2):1-133.
    5. Roumen RM, Scheltinga MR. Abdominal intercostal neuralgia: a forgotten cause of abdominal pain. Nederlands Tijdschrift Voor Geneeskunde. 2006;150(35):1909-1915.
    6. Bril V, England J. Neuropathic pain: Pathophysiology and treatment. J Neurol Sci. 2014;344(1-2):1–2.
    7. Roumen RM, Scheltinga MR. Abdominal intercostal neuralgia: a forgotten cause of abdominal pain. Nederlands Tijdschrift Voor Geneeskunde. 2006;150(35):1909-1915.
    8. Melzack R, Wall PD. Pain mechanisms: a new theory. Science. 1965;150(3699):971-979.
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    11. Lexikon der Neurowissenschaft – Neuroimmunologie. Spektrum.de
    12. MedUni Wien: Schmerz ist keine reine Nervensache, 2016.
    13. Spektrum der Wissenschaft · November 2010, S. 52–53.
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    19. WebMD: What to Know About Intercostal Neuralgia, 2023.
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    28. Frontiers in Pain Research. Potential Neuroimmune Interaction in Chronic Pain: A Review on Immune Cells‘ Contribution. 2022; 10.3389/fpain.2022.946846.
    29. TuaSaude: Rib Pain During Pregnancy: Causes, Symptoms & How to Relieve, 2025.
    30. Medical News Today: Intercostal muscle strain: Signs, treatments, and remedies, 2025.
    31. Kinezioteka: Thoracic Osteochondrosis Rehabilitation Programme, 2025.
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    33. OsteoMag: Intercostal Neuralgia – The Osteopathic Approach, 2025.
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    37. Eigener klinischer Erfahrungsbericht, vgl. auch: Corenewport.com, Physical Therapy for Intercostal Neuralgia, 2025.
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    53. Eigener klinischer Erfahrungsbericht, vgl. auch: Upledger JE, Vredevoogd JD. Craniosacral Therapy. Chicago: Eastland Press, 1983.
    54. Fazekas D, Doroshenko M, Horn DB. Intercostal Neuralgia. In: StatPearls [Internet]. Treasure Island (FL): StatPearls Publishing; 2025 Jan. PMID: 32809700.
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  • Tennisellenbogen: Tiefe Ursachen & effektive Therapie

    Tennisellenbogen: Tiefe Ursachen & effektive Therapie

    Ein Schmerz, der sich wie ein unerwünschter Gast in Ihren Alltag schleicht. Ein Ziehen, ein Stechen an der Außenseite des Ellenbogens, das einfache Handgriffe zur Qual werden lässt. Der Tennisellenbogen (Epicondylitis radialis humeri) – ein Name, der oft in die Irre führt, denn selten ist es der Tennisschläger allein, der dieses Leiden hervorruft. Vielmehr ist es oft ein Symptom, die Spitze eines Eisbergs, dessen wahre Ausmaße tief im Verborgenen liegen. In meinen 35 Jahren als Physiotherapeut und Craniosacraltherapeut habe ich gelernt, hinter den offensichtlichen Schmerzen am äußeren Ellenbogen zu blicken und die subtilen Geschichten zu entschlüsseln, die der Körper erzählt. Gerade bei hartnäckigen Fällen, bei denen übliche Behandlungen nicht greifen, beginnt oft erst die eigentliche Detektivarbeit. Dieser Artikel soll Ihnen – ob Betroffener oder Fachkollege – Einblicke in die Komplexität dieses Leidens geben, lokale Therapieansätze inspirieren und vielleicht neue Perspektiven eröffnen, basierend auf aktuellem wissenschaftlichem Verständnis1,2,3. Begleiten Sie mich auf einer Reise zu den vielfältigen Ursachen des Tennisarms und entdecken Sie einen ganzheitlichen Weg, der nicht nur Linderung verspricht, sondern tiefgreifendes Verständnis fördert.

    Was wir sehen: Das Symptom namens Tennisellenbogen

    Tennisellenbogen: Tiefe Ursachen & effektive Therapie 14

    An der Oberfläche präsentiert sich der Tennisellenbogen als eine Reizung oder strukturelle Veränderung der Sehnenansätze unserer Unterarmstrecker – jener Muskeln, die Handgelenk und Finger heben. Der Schmerz am äußeren Knochenvorsprung (Epicondylus radialis humeri), die Schwäche beim Greifen, die morgendliche Steifigkeit – all das sind die spürbaren Zeichen. Fachlich sprechen wir heute bevorzugt von einer Tendinopathie, einem Überbegriff für schmerzhafte Sehnenerkrankungen5. Er ist oft präziser als der ältere Begriff „Epicondylitis“, der eine reine Entzündung suggeriert8.

    Ein Blick unter die Haut: Anatomie und das Geschehen im Gewebe (Pathophysiologie)

    Um die Tiefe des Problems zu verstehen, lohnt ein Blick auf die faszinierende Architektur unseres Körpers und die Prozesse, die bei einer Tendinopathie fehlgeleitet werden:

    • Der Schauplatz: Am äußeren Ellenbogenknochen entspringt eine Gruppe von Muskeln, deren Sehnen gemeinsam an einer relativ kleinen Fläche ansetzen. Besonders die Sehne des kurzen Handgelenksstreckers (Musculus extensor carpi radialis brevis) ist hier oft betroffen9. Diese Sehnen sind das Bindeglied zwischen Muskelkraft und Knochen – sie müssen enorme Zugkräfte übertragen.
    • Tendinose statt Tendinitis – Ein Paradigmenwechsel: Lange Zeit dominierte der Begriff „Epicondylitis“ oder „Tendinitis“ (Sehnenentzündung). Die Forschung der letzten Jahrzehnte hat jedoch gezeigt: Bei chronischen Verläufen (die beim Tennisellenbogen überwiegen) liegt meist eine Tendinose vor – ein degenerativer Prozess mit fehlgeschlagener Reparatur4,6. Das histologische Bild zeigt keine massive Ansammlung von Entzündungszellen, sondern unorganisierte Kollagenfasern, eine Zunahme an bestimmten Zellen und Grundsubstanz, sowie – und das ist oft schmerzrelevant – eine Einsprossung kleiner Blutgefäße (Neovaskularisation) und begleitender Nervenfasern (Neoinnervation) in das geschädigte Gewebe6,35. Eine akute, entzündliche Tendinitis ist eher die Ausnahme oder eine kurze frühe Phase10. Dieses Verständnis ist entscheidend für die Therapie: Chronische Tendinose behandelt man nicht primär mit Entzündungshemmern, sondern durch Stimulation der Regeneration und Anpassung der Belastung.
    • Die gestörte Balance & das fehlgeleitete Load Management: Sehnen sind dynamische Strukturen, die sich an Belastung anpassen. Bei der Tendinopathie ist diese Balance gestört – oft durch zu viel, zu schnelle oder ungewohnte Belastung, die die Reparaturkapazität übersteigt11. Ein zentrales Therapieprinzip ist daher das intelligente Belastungsmanagement („Load Management“): Die Sehne braucht einen spezifischen mechanischen Reiz („Load“) zur Heilung, aber eine Überlastung würde den Zustand verschlimmern. Es geht darum, den optimalen „Sweet Spot“ der Belastung zu finden1,2.
    • Die Rolle der Nerven: Das Nervensystem ist aktiv beteiligt. Chronische Schmerzreize können zur zentralen Sensibilisierung führen (Überempfindlichkeit im zentralen Nervensystem). Lokale Nervenirritationen durch verspanntes Gewebe können ebenfalls eine Rolle spielen.

    Dieses tiefere Verständnis erklärt, warum Ansätze, die die Sehnenstruktur und -funktion verbessern (wie gezieltes Training17), die Biomechanik optimieren (Manuelle Therapie18) und das Nervensystem beruhigen (Craniosacrale Therapie, Stressreduktion, Edukation), im Vordergrund stehen sollten, während z.B. alleinige passive Maßnahmen oder wiederholte Kortisoninjektionen bei chronischer Tendinose kritisch zu sehen sind24,25.

    Entzündung und Veränderungen der Sehne bei Überlastung

    Diese Abbildungen zeigen, wie sich die Achillessehne bei Mäusen verändert (als Beispiel), wenn sie stark belastet wird oder bestimmte Stoffe in die Sehne eingebracht werden.

    Was wurde untersucht?

    • Die Sehnen wurden auf Entzündungszellen untersucht, insbesondere auf sogenannte Makrophagen.
    • Außerdem wurde ein Eiweiß namens HMGB1 in die Sehne eingebracht, um zu sehen, wie sie darauf reagiert.
    • Es wurde auch geschaut, ob sich neue Blutgefäße bilden (Angiogenese).

    Was ist passiert?

    • Bei normalen, unbelasteten Mäusen gab es keine Entzündungszeichen.
    • Nach kurzer starker Belastung zeigten sich jedoch viele Entzündungszellen in der Sehne.
    • Wird HMGB1 in die Sehne eingebracht, reagieren die Zellen stark: Es kommt zu einer Entzündung und es wachsen neue Blutgefäße.
    • Nach 4 Wochen nimmt die Entzündung wieder ab.
    • Ein Naturstoff namens Glycyrrhizin (GL) kann diese Entzündungsreaktion blockieren.

    Was bedeutet das?

    Wenn Sehnen überlastet werden, wird HMGB1 freigesetzt und löst eine Entzündung aus – das kann zur Sehnenkrankheit (Tendinopathie) führen. Ein Wirkstoff wie Glycyrrhizin könnte dabei helfen, diese schädlichen Prozesse zu verhindern und neue Therapien ermöglichen.

    Tennisellenbogen: Tiefe Ursachen & effektive Therapie 15
    Copyright-Hinweis:
    © 2019 Zhao et al. Dies ist ein Open-Access-Artikel, veröffentlicht unter der Creative Commons Attribution License. Diese erlaubt die uneingeschränkte Nutzung, Weitergabe und Vervielfältigung in jedem Medium, sofern die ursprünglichen Autoren und die Quelle korrekt genannt werden.
    Nähere Erläuterung des Bildes

    Entzündungsreaktionen und Gewebeveränderungen unter Einfluss mechanischer Überlastung und HMGB1

    Diese histologischen Aufnahmen zeigen die entzündliche Antwort und strukturelle Veränderungen der Achillessehne (AT) bei Mäusen unter verschiedenen Bedingungen.

    CD68-Färbung (Abschnitt A–D):
    Die immunhistochemische Markierung für CD68 zeigt die Präsenz von Entzündungszellen (Makrophagen/Monozyten).

    • A & B (Kontrolle & MTR): Keine CD68-positive Färbung – keine Entzündungszellen sichtbar.
    • C (Kurzzeit-ITR): Deutlich erhöhte CD68-Signale (rote Pfeile), Hinweis auf akute Infiltration von Makrophagen nach kurzfristiger intensiver Belastung.
    • D (Langzeit-OTR): Keine relevante CD68-Färbung im Sehnengewebe; periphere Signale im Weichgewebe werden als unspezifisch gewertet.

    HMGB1-Implantation (Abschnitt E):
    H&E- und CD68-Färbungen dokumentieren zelluläre Veränderungen durch implantiertes HMGB1.

    • a & d (Kontrollgruppe, Blank Bead): Normale Sehnenarchitektur, keine Zellproliferation oder CD68-positive Zellen.
    • b & e (HMGB1, 2 Wochen): Massive Zellvermehrung und deutliche CD68-positive Infiltration (schwarze Pfeile), Zeichen einer starken Entzündungsreaktion.
    • c & f (HMGB1, 4 Wochen): Reduzierte Zellzahl und nur geringe CD68-Färbung, was auf ein Abklingen der Entzündung hinweist.

    Angiogenese (Abschnitt F):

    • a (H&E): Gefäßähnliche Strukturen (Pfeile) im Sehnengewebe nach HMGB1-Implantation (2 Wochen).
    • b (CD31): Bestätigte Angiogenese in der Sehnenmatrix – CD31-positive Endothelzellen markieren neugebildete Gefäße. In Kontroll- und 4-Wochen-Gruppen fehlen diese Veränderungen.

    Interpretation und Bedeutung:
    Mechanische Überlastung ist ein zentraler Auslöser für Tendinopathien. Unsere Daten zeigen, dass HMGB1 – ein nukleäres Protein mit alarmierender Funktion – in der Sehne nach Überlastung freigesetzt wird und dort eine Entzündungskaskade aktiviert.
    Die Hemmung von HMGB1 durch Glycyrrhizin (GL), einen natürlichen Inhibitor, reduziert signifikant die entzündlichen Veränderungen im Sehnengewebe.
    In vivo führt intensive Belastung zu einer typischen Tendinopathie – GL blockiert diese Entwicklung vollständig. In vitro löst HMGB1 eine proinflammatorische Reaktion aus, inklusive erhöhter PGE2– und MMP-3-Produktion.

    Fazit:
    HMGB1 ist ein zentraler Mediator für überlastungsinduzierte Tendinopathie. Seine gezielte Blockade stellt einen vielversprechenden therapeutischen Ansatz zur Verhinderung und Behandlung entzündlicher Sehnenerkrankungen dar.

    Die verborgenen Strömungen: Wo der Schmerz wirklich entsteht

    Selten ist es nur ein einzelner Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Die wahre Geschichte hinter einem chronischen oder immer wiederkehrenden Tennisellenbogen ist meist ein vielschichtiges Gewebe aus interagierenden Faktoren, die oft weit über den Ellenbogen hinausreichen und sich gegenseitig beeinflussen. Lassen Sie uns diese verborgenen Strömungen genauer betrachten:

    Die offensichtlichste Spur: Der Funke der Überlastung

    Tennisellenbogen: Tiefe Ursachen & effektive Therapie 16

    Ja, die unmittelbare Ursache ist häufig eine mechanische Über- oder Fehlbelastung. Seien es stundenlange, repetitive Bewegungen am Computer, ungewohnte Kraftanstrengungen bei der Gartenarbeit oder im Handwerk, oder eine suboptimale Technik im Sport – diese Faktoren können den initialen Reiz setzen, der zu Mikroverletzungen in der Sehne führt. Doch warum wird daraus bei manchen ein chronisches Leiden, während andere sich schnell erholen? Oft liegt es daran, dass das Gewebe bereits vorgeschwächt war oder andere Faktoren die Heilung behindern. Die Überlastung ist oft nur der Auslöser, der ein bereits schwelendes Problem sichtbar macht.

    Der stille Saboteur – Haltung und Biomechanik

    Tennisellenbogen: Tiefe Ursachen & effektive Therapie 17

    Wie ein unsichtbarer Faden zieht sich die Spannung oft von einer ungünstigen Haltung – dem nach vorne geneigten Kopf über dem Bildschirm, den permanent leicht hochgezogenen Schultern – über den Nacken und den Schultergürtel bis hinunter in den Arm2. Diese chronischen Fehlhaltungen verändern die gesamte Statik und Dynamik (Biomechanik) der oberen Extremität. Muskeln geraten in Dysbalance, Gelenke werden fehlbelastet, und der Zug auf den Sehnenansatz am Ellenbogen erhöht sich schleichend, aber stetig. Der Ellenbogen wird so zum Leidtragenden einer Problematik, deren Ursprung oft in der Wirbelsäule oder im Schultergürtel zu finden ist.

    Das Echo des Stresses im Gewebe

    Tennisellenbogen: Tiefe Ursachen & effektive Therapie 18

    Unser Nervensystem vergisst nicht. Anhaltender emotionaler oder mentaler Stress versetzt den Körper in einen permanenten Alarmzustand (Sympathikus-Dominanz). Dies führt zu einer generell erhöhten Muskelgrundspannung, verändert die Durchblutungsmuster (oft weniger gute Versorgung der Peripherie) und beeinflusst direkt unsere Schmerzwahrnehmung – wir werden sensibler für Reize. Zudem schüttet der Körper unter Dauerstress Hormone aus (wie Cortisol), die auf lange Sicht katabol (abbauend) wirken und die so wichtigen Regenerations- und Heilungsprozesse im Gewebe behindern können. Der schmerzende Ellenbogen wird dann zum Resonanzkörper für eine tiefere systemische Dysbalance.

    Das Netzwerk der Faszien – Verborgene Verbindungen

    Tennisellenbogen: Tiefe Ursachen & effektive Therapie 19

    Unser Körper ist kein Sammelsurium einzelner Teile, sondern ein Kontinuum, zusammengehalten und durchdrungen von einem faszinierenden Netzwerk aus Bindegewebe – den Faszien. Dieses Netzwerk umhüllt Muskeln, Organe, Nerven und überträgt Kräfte und Spannungen durch den gesamten Körper. Verklebungen oder Restriktionen in diesem Netz – vielleicht durch eine alte Narbe, eine frühere Verletzung oder eine Fehlstellung an ganz anderer Stelle (z.B. im Becken oder Fuß) – können über diese Faszienzüge die Spannung bis zum Ellenbogen fortleiten und dort zu einer erhöhten Belastung führen5. Die Behandlung muss daher oft auch diese Fernwirkungen berücksichtigen.

    Die trügerische Kraft der Triggerpunkte

    Tennisellenbogen: Tiefe Ursachen & effektive Therapie 20

    Diese kleinen, aber oft sehr schmerzhaften „Knoten“ sind lokale Muskelverhärtungen, quasi winzige Dauerkrämpfe auf Muskelfaserebene. Das Tückische: Sie verursachen nicht nur lokale Beschwerden, sondern senden Schmerzsignale oft in weit entfernte Regionen (ausgestrahlter Schmerz)3. So kann ein Triggerpunkt in der Schulter- oder Nackenmuskulatur Schmerzen verursachen, die fälschlicherweise als reiner Ellenbogenschmerz interpretiert werden. Die gezielte Suche und Behandlung dieser Punkte ist daher oft ein essenzieller Schritt zur Diagnoseklärung und Schmerzlinderung.

    Das Fundament – Lebensstil, Ernährung und das innere Milieu

    Tennisellenbogen: Tiefe Ursachen & effektive Therapie 21

    All diese Faktoren spielen sich auf dem Fundament unseres allgemeinen Gesundheitszustandes ab. Eine Ernährung, die arm an wichtigen Nährstoffen für die Gewebereparatur ist (z.B. Vitamin C, Zink, Mangan, bestimmte Aminosäuren) oder die tendenziell eher entzündungsfördernd wirkt (viel Zucker, verarbeitete Fette), schafft ein ungünstiges inneres Milieu, das die Heilung erschwert. Ausreichend Schlaf, abwechslungsreiche Bewegung (nicht nur einseitige Belastung) und Techniken zur Stressbewältigung hingegen stärken die Resilienz des Körpers und fördern seine Regenerationsfähigkeit. Ein gesunder Lebensstil bildet die Basis, auf der spezifische Therapien optimal wirken können.

    Eine Geschichte aus meiner Praxis, die dies verdeutlicht: Ich erinnere mich gut an einen IT-Spezialisten Mitte 40. Er kam frustriert zu mir, nachdem er schon jahrelang wegen seines Tennisellenbogens bei verschiedenen Therapeuten erfolglos in Behandlung war. Die Schmerzen kamen immer wieder. Schon beim ersten Termin fiel mir auf, was bisher übersehen wurde: seine Haltung. Die permanent hochgezogenen, angespannten Schultern waren wie ein Schutzpanzer während seiner konzentrierten Arbeit am Computer. Ich erkannte schnell, dass dies die eigentliche Ursache war – die enorme Spannung, die von dort auf den Arm übertragen wurde, und nicht primär die Mausbedienung. Wir arbeiteten gezielt an der Lösung dieser Schulter-Nacken-Spannung, kombiniert mit lokaler Behandlung am Ellenbogen und craniosacraler Entspannung. Das Ergebnis? Binnen kurzer Zeit erlebte er eine deutliche und vor allem anhaltende Besserung, die ihn selbst überraschte. Es zeigt, wie entscheidend der Blick auf das Ganze und die oft übersehenen Zusammenhänge ist, gerade wenn Standardtherapien versagen!

    Tennisellenbogen: Tiefe Ursachen & effektive Therapie 22

    Mein Ansatz: Die Kunst des Zuhörens und die Weisheit der Werkzeuge

    Meine Arbeit, besonders bei langwierigen oder therapieresistenten Beschwerden, gleicht oft der eines Detektivs. Es geht darum, die individuelle Landkarte des Körpers zu lesen, die verborgenen Zusammenhänge aufzuspüren und dem Körper zu helfen, seinen Weg zurück ins Gleichgewicht zu finden. Standardisierte Protokolle greifen hier oft zu kurz1. Mein Ziel ist es, nicht nur kurzfristig Erleichterung zu verschaffen, sondern gemeinsam mit Ihnen einen nachhaltigen Lösungsweg zu entwickeln, der Ihre spezifische Situation berücksichtigt. Dies gilt insbesondere dann, wenn Sie bereits viele lokale Behandlungsversuche unternommen haben und nach tiefergehenden Antworten suchen.

    Mein Werkzeugkasten ist dabei vielfältig, und jedes Werkzeug hat seine eigene Weisheit und Wirkweise, die individuell kombiniert werden:

    1. Den akuten Brand löschen (falls nötig) & Raum schaffen

    Hier geht es darum, akute Schmerzspitzen zu managen und das Gewebe so zu beruhigen, dass die eigentliche kausale Therapie beginnen kann. Es ist oft eine notwendige Vorbereitung, kein alleiniger Heilansatz.

    Gezielte Kryotherapie (Eis)

    Tennisellenbogen: Tiefe Ursachen & effektive Therapie 23
    • Was & Warum: Kurzzeitige (3-5 Min.), direkte Eisanwendung mit leichtem Druck auf den schmerzhaftesten Punkt. Nicht bei jeder chronischen Tendinose nötig, aber hilfreich bei akuten Reizzuständen (z.B. nach Überlastung) oder starker Schmerzwahrnehmung.
    • Wie es wirkt (Mechanismen):
      • Schmerzlinderung (Analgesie): Die Kälte verlangsamt die Nervenleitgeschwindigkeit der dünnen Schmerzfasern (A-Delta und C-Fasern). Das „Tor“ für Schmerzsignale im Rückenmark wird quasi kurzzeitig weniger durchlässig (Gate-Control-Theorie).
      • Reduktion lokaler Metaboliten/Mediatoren: Die kurzzeitige Verengung der Blutgefäße (Vasokonstriktion) kann helfen, die Ausschüttung von schmerz- und entzündungsfördernden Substanzen im Akutfall etwas zu dämpfen.
      • Sensorischer Input: Der intensive Kältereiz liefert dem Gehirn einen starken, aber nicht-schädlichen sensorischen Input, der den Schmerzreiz überlagern kann.
    • Ziel: Kurzfristige Schmerzreduktion, um aus einem akuten Schmerzkreislauf auszusteigen und Beweglichkeit für andere Therapien zu ermöglichen.

    Manuelle Entlastung & Sanfte Triggerpunkt-Arbeit

    Tennisellenbogen: Tiefe Ursachen & effektive Therapie 24
    • Was & Warum: Behutsame Techniken (Streichungen, Knetungen, sanfter Druck) an der Unterarm-, Oberarm- und Schultermuskulatur. Gezielter, sanfter Druck auf myofasziale Triggerpunkte (lokale Verhärtungen in der Muskulatur).
    • Wie es wirkt (Mechanismen):
      • Mechanische Entspannung: Löst oberflächliche Muskelverspannungen und reduziert so den direkten Zug auf den Sehnenansatz am Ellenbogen.
      • Verbesserte Mikrozirkulation: Fördert den lokalen Blut- und Lymphfluss, was den Abtransport von Stoffwechselendprodukten unterstützt und die Sauerstoffversorgung verbessert.
      • Triggerpunkt-Deaktivierung: Gezielter Druck auf Triggerpunkte3 kann die lokale Dauerkontraktion der Muskelfasern unterbrechen (man vermutet u.a. eine Reduktion der Azetylcholin-Ausschüttung an der motorischen Endplatte und eine verbesserte lokale Durchblutung). Dies reduziert nicht nur den lokalen, sondern oft auch den ausgestrahlten Schmerz, der von diesen Punkten ausgehen kann.
      • Neurophysiologische Effekte: Berührung und sanfter Druck aktivieren Mechanorezeptoren in Haut und Muskeln, was über das Nervensystem zu einer allgemeinen Entspannung und Schmerzhemmung beitragen kann.
    • Ziel: Reduktion der muskulären Grundspannung, Verbesserung der Gewebequalität als Vorbereitung für tiefere Arbeit, Linderung von Triggerpunkt-bedingten Schmerzen.

    2. Den roten Faden finden und lösen – Die Tiefe berühren

    Hier beginnt die eigentliche Detektivarbeit. Wir suchen nach den tieferliegenden Ursachen und strukturellen Einschränkungen, die das Problem am Ellenbogen aufrechterhalten.

    Tiefe Manuelle Therapie & Faszienarbeit

    Tennisellenbogen: Tiefe Ursachen & effektive Therapie 25
    • Was & Warum: Gezielte Techniken, die tiefer ins Gewebe gehen (z.B. Faszienrelease-Techniken, Querfriktionen nach Cyriax am Sehnenansatz, Gelenkmobilisationen von Handgelenk, Ellenbogen, Schulter, HWS/BWS).
    • Wie es wirkt (Mechanismen):
      • Lösen von Adhäsionen/Verklebungen: Chronische Fehlbelastung oder Inaktivität führt oft zu Verklebungen zwischen Faszien-Schichten oder zwischen Muskeln und Faszien. Manuelle Techniken zielen darauf ab, diese Cross-Links mechanisch zu lösen und die Gleitfähigkeit der Gewebe wiederherzustellen.
      • Verbesserung der Gewebehydratation & -elastizität: Durch Dehnung und Mobilisation wird der Flüssigkeitsaustausch im Bindegewebe angeregt (Thixotropie), was die Faszien geschmeidiger und anpassungsfähiger macht.
      • Stimulation von Mechanorezeptoren: Tiefer Druck und Dehnung stimulieren Rezeptoren im Bindegewebe (z.B. Ruffini-, Pacini-Körperchen), was dem Nervensystem Signale über Gewebespannung und -bewegung sendet und zu einer reflektorischen Anpassung der Muskelspannung und Schmerzwahrnehmung führen kann.
      • Wiederherstellung der Gelenkbeweglichkeit: Blockaden oder Bewegungseinschränkungen in benachbarten Gelenken (z.B. eingeschränkte Unterarmdrehung, blockierte Rippen, fixierte Schulter) verändern die gesamte Biomechanik des Arms und erhöhen die Belastung am Ellenbogen. Die Mobilisation dieser Gelenke5 ist oft entscheidend, um den Ellenbogen nachhaltig zu entlasten.
      • Lokale Effekte (z.B. Querfriktion): Diese Technik direkt am Sehnenansatz18 soll eine kontrollierte Mikroverletzung setzen, um eine lokale Heilungsreaktion mit verbesserter Durchblutung und Neuausrichtung der Kollagenfasern anzuregen (die Evidenz hierfür wird diskutiert, kann aber im Einzelfall hilfreich sein).
    • Ziel: Strukturelle Einschränkungen lösen, Beweglichkeit verbessern, biomechanische Ursachen adressieren, Signalgebung an das Nervensystem verändern.

    Craniosacrale Therapie – Der subtile Dialog mit dem Nervensystem

    Tennisellenbogen: Tiefe Ursachen & effektive Therapie 26
    • Was & Warum: Eine sehr sanfte, manuelle Methode, die sich auf die feinen Rhythmen und Bewegungen im Körper konzentriert, insbesondere im Zusammenhang mit dem Nervensystem, den Membranen (Hirn- und Rückenmarkshäute) und der Zerebrospinalflüssigkeit. Wird systemisch (Schädel, Wirbelsäule, Becken) und lokal (Arm, Ellenbogen) angewendet. Besonders wichtig bei chronischen Schmerzen, Stresskomponenten und wenn andere Therapien nicht greifen.
    • Wie es wirkt (Mechanismen):
      • Balance des Autonomen Nervensystems (ANS): Chronischer Schmerz hält oft den Sympathikus („Kampf/Flucht“) überaktiv. Die sanften Techniken der CST zielen darauf ab, den Parasympathikus („Ruhe/Reparatur“) zu aktivieren. Dies kann die allgemeine Muskelspannung senken, die Durchblutung verbessern, die Schmerzwahrnehmung positiv beeinflussen und die körpereigenen Heilungsprozesse fördern.
      • Lösung tiefer Faszien-Spannungen: Das craniosacrale System ist eng mit dem Fasziensystem verbunden. CST kann helfen, tiefsitzende, oft unbewusste Spannungsmuster im gesamten Körper (auch fernab des Ellenbogens) aufzuspüren und zu lösen, die über Faszienzüge die Symptomatik am Arm beeinflussen.
      • Verbesserung der Gewebeflüssigkeitsdynamik: Es wird angenommen, dass CST den Fluss der Zerebrospinalflüssigkeit und anderer Körperflüssigkeiten beeinflusst, was den Stoffwechsel und die „Reinigung“ des Gewebes unterstützen könnte.
      • Somato-emotionale Aspekte (optional): Bei Bedarf kann CST auch helfen, emotionale Komponenten, die sich im Körpergewebe manifestiert haben (z.B. nach Trauma oder langem Stress), sanft zu adressieren und zu integrieren.
      • Lokale Anwendung: Direkt am Ellenbogen und Arm kann CST helfen, lokale fasziale Restriktionen zu lösen und die neurogene Reizung zu beruhigen.
    • Ziel: Tiefgreifende Entspannung des Nervensystems, Lösung systemischer und lokaler Spannungsmuster, Förderung der Selbstregulation und Heilung auf einer fundamentalen Ebene.

    3. Den Körper neu lehren und stärken – Intelligente Anpassung & Belastungssteuerung

    Nachdem Raum geschaffen und tiefere Ursachen adressiert wurden, geht es darum, die Funktion wiederherzustellen, die Belastbarkeit zu steigern und dem Gehirn neue, gesunde Bewegungsmuster beizubringen.

    Achtsame Dehnung & Wiederentdeckung der Bewegung

    • Was & Warum: Kontrollierte, sanfte Dehnungen der Unterarmmuskulatur und anderer relevanter Muskelketten. Exploration von Bewegungen im schmerzfreien Bereich.
    • Wie es wirkt (Mechanismen):
      • Wiederherstellung der Muskellänge: Reduziert den passiven Zug auf den Sehnenansatz.
      • Verbesserung der Gewebeviskoelastizität: Macht Muskeln und Faszien anpassungsfähiger.
      • Neuroplastizität & Propriozeption: Durch achtsame Bewegung im schmerzfreien Bereich lernt das Gehirn, dass diese Bewegung wieder sicher ist. Dies verbessert die Körperwahrnehmung (Propriozeption) und kann helfen, schmerzbedingte Schutzmuster („Fear Avoidance“) abzubauen. Die kortikale Repräsentation des Arms im Gehirn wird positiv beeinflusst.
    • Ziel: Normalisierung der Muskelspannung, Verbesserung der Beweglichkeit, Wiederherstellung des Vertrauens in Bewegung.
    Tennisellenbogen: Tiefe Ursachen & effektive Therapie 27

    Gezieltes Training (z.B. Exzentrik, HSRT) – Der Motor der Sehnenheilung

    • Was & Warum: Das Herzstück der aktiven Rehabilitation bei Tendinopathie. Progressiv gesteigerte Belastungsübungen, die speziell auf die Sehne abzielen.
    • Wie es wirkt (Mechanismen):
      • Mechanotransduktion: Dies ist das Schlüsselprinzip1,11. Mechanische Belastung (Zug, Druck) wird von den Sehnenzellen (Tenozyten) wahrgenommen und in biochemische Signale umgewandelt. Diese Signale regen die Zellen an, neues, gesundes Kollagen zu produzieren und die extrazelluläre Matrix umzubauen.
      • Kollagensynthese & -organisation: Gezieltes Training (insbesondere Exzentrik17 und HSRT) stimuliert die Produktion von Typ-I-Kollagen (dem starken, Haupttyp in Sehnen) und fördert dessen Ausrichtung entlang der Zuglinien, was die Sehne stärker und widerstandsfähiger macht.
      • Verbesserung der Sehnensteifigkeit: Eine gesunde Sehne ist steif genug, um Kräfte effizient zu übertragen. Training hilft, diese optimale Steifigkeit wiederherzustellen.
      • Schmerzmodulation: Isometrische Übungen (Spannung halten ohne Bewegung) können oft eine kurzfristige Schmerzlinderung bewirken, vermutlich über zentrale Hemmungsmechanismen im Nervensystem.
      • Verbesserung der neuromuskulären Kontrolle: Das Gehirn lernt durch das Training, die Muskeln, die auf die Sehne wirken, präziser, koordinierter und effizienter anzusteuern. Dies reduziert unnötige Spitzenbelastungen im Alltag.
      • Funktionelle Anpassung: Der gesamte Arm passt sich an die Belastung an, was die Kraft und Ausdauer für Alltagsaktivitäten (ADL) verbessert.
    • Ziel: Strukturelle Heilung und Stärkung der Sehne, Verbesserung der neuromuskulären Ansteuerung, Wiederherstellung der vollen Belastbarkeit und Funktion.
    Tennisellenbogen: Tiefe Ursachen & effektive Therapie 28

    4. Die Umgebung gestalten – Prävention & Selbstwirksamkeit

    Therapie endet nicht in der Praxis. Es geht darum, das Gelernte in den Alltag zu integrieren und Rückfällen vorzubeugen.

    Ergonomie & Haltungsbewusstsein – Den Alltag heilsam gestalten

    • Was & Warum: Analyse von Arbeitsplatz, Sporttechnik, Alltagsbewegungen und deren Anpassung. Schulung der Körperwahrnehmung für Haltung.
    • Wie es wirkt (Mechanismen):
      • Reduktion chronischer Überlastung: Durch Optimierung der äußeren Bedingungen wird die ständige Reizung der Sehne minimiert.
      • Verbesserung der Biomechanik: Eine bessere Haltung und effizientere Bewegungsmuster verteilen die Lasten günstiger auf den gesamten Körper und entlasten den Ellenbogen.
    • Ziel: Minimierung der schädigenden Alltagsbelastungen, Förderung gesunder Bewegungsmuster.

    Intelligentes Belastungsmanagement & Selbsthilfe – Werkzeuge für Ihre Hand

    • Was & Warum: Aufklärung über das Prinzip des „Load Management“ (die richtige Dosis Belastung finden). Vermittlung von Übungen und Techniken (Atemübungen, Faszienball etc.) für zu Hause.
    • Wie es wirkt (Mechanismen):
      • Patienten-Empowerment: Der Patient versteht, wie Belastung die Heilung beeinflusst und lernt, seine Aktivitäten selbstständig anzupassen (weder zu viel noch zu wenig).
      • Förderung der Selbstwirksamkeit: Der Patient hat Werkzeuge, um aktiv an seiner Genesung mitzuwirken und auf leichte Schwankungen der Symptome reagieren zu können.
      • Kontinuität der Therapie: Die Übungen setzen die notwendigen Heilungsreize auch zwischen den Praxisterminen.
      • Stressreduktion (z.B. durch Atemübungen): Unterstützt die Balance des ANS und reduziert die allgemeine Körperspannung.
    • Ziel: Den Patienten zum aktiven Partner im Heilungsprozess machen, langfristige Strategien vermitteln, Rückfallprophylaxe.
    Tennisellenbogen: Tiefe Ursachen & effektive Therapie 29

    FAQ – Lichtblicke auf häufige Fragen

    Frage: Wie lange dauert diese Reise zur Heilung?
    Antwort: Sehnenheilung ist langsam. Rechnen Sie bei chronischer Tendinopathie eher mit Monaten. Geduld, konsequentes Training und Belastungsmanagement sind entscheidend15.

    Frage: Ist eine Operation unausweichlich, wenn nichts anderes hilft?
    Antwort: Operationen sind selten nötig. Über 90% der Fälle sprechen auf eine adäquate konservative Therapie (v.a. Training & Load Management) an7. Andere Optionen wie Needling37,39 oder ESWT19 können vorher erwogen werden.

    Frage: Was ist mit Kortison-Spritzen?
    Antwort: Können kurzfristig Schmerzen lindern, werden aber für die chronische Tendinose zunehmend kritisch gesehen, da sie die Sehnenstruktur schwächen und die Langzeitergebnisse verschlechtern können24,27. Eine sorgfältige Abwägung ist nötig.

    Frage: Helfen PRP-Injektionen oder Stammzellen?
    Antwort: Die Evidenz für PRP ist uneinheitlich und wird weiter erforscht28,31. Es ist keine Standardtherapie. Für Stammzellen gibt es derzeit keine ausreichenden Belege für den Einsatz bei Tendinopathie36.

    Frage: Was ist mit Bandagen oder Spangen?
    Antwort: Können individuell zur kurzfristigen Entlastung beitragen, ersetzen aber keine aktive Therapie.

    Fazit: Dem Schmerz auf den Grund gehen – Ein Weg zu tieferer Heilung

    Ein hartnäckiger Tennisellenbogen (laterale Tendinopathie) ist ein komplexes Geschehen, das weit über eine einfache „Entzündung“ hinausgeht. Das Verständnis der Tendinose als fehlgeleiteter Heilungsprozess mit strukturellen Veränderungen und die zentrale Rolle des intelligenten Belastungsmanagements sowie des progressiven Trainings sind entscheidend für eine erfolgreiche Therapie1,6,11. Passive Maßnahmen und Injektionen sollten kritisch und individuell bewertet werden.

    Dieser Artikel soll Ihnen helfen, diese Komplexität zu verstehen und gemeinsam mit Ihrem Therapeuten vor Ort die bestmögliche, aktive und auf Sie zugeschnittene Strategie zu entwickeln. Heilung braucht Zeit, Geduld und Ihre aktive Beteiligung. Nutzen Sie dieses Wissen als Inspiration für Ihren Weg.


    Ein Hinweis in eigener Sache: Meine therapeutische Arbeit konzentriert sich heute vor allem auf hochkomplexe und therapieresistente Fälle, oft im Rahmen meiner Online-Angebote oder der besonderen Therapieumgebung auf Korfu. Sollten Sie nach Ausschöpfung aller lokalen Therapiemöglichkeiten das Gefühl haben, dass genau solch ein tiefergehender, ganzheitlicher Ansatz für Ihre spezielle Situation notwendig sein könnte, dann können Sie mich über meine Kontaktseite kontaktieren, um zu klären, ob eine Zusammenarbeit sinnvoll ist.


    Quellen & Weiterführende Links

    (Referenzen 1-39 wie in der vorherigen Version)

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    40. Therapieangebote
    41. Patienteninformation Tennisarm (Gesundheitsinformation.de)
  • Karpaltunnelsyndrom: Wenn das Handgelenk zur Engstelle wird

    Karpaltunnelsyndrom: Wenn das Handgelenk zur Engstelle wird

    Unsere Hände sind wahre Meisterwerke der Evolution – fein abgestimmte Werkzeuge, die uns im Alltag unzählige Aufgaben ermöglichen. Ob beim Musizieren, beim filigranen Arbeiten als Uhrmacher, beim kraftvollen Schwingen einer Axt, beim Schreiben, beim Bedienen von Maschinen oder einfach nur beim Halten eines Buches – unsere Hände sind ständig im Einsatz. Sie sind die Hände der Kreativität und des Wissens, die uns ermöglichen, unsere Träume zu verwirklichen und unsere täglichen Aufgaben zu bewältigen.

    Ausgestreckte Hände, gesunde Handfunktion, Karpaltunnelsyndrom
    Die Hände der Kreativität und des Wissens: Handfunktion im Alltag.

    Doch manchmal kann diese Vielseitigkeit durch das Karpaltunnelsyndrom (KTS) eingeschränkt werden. Diese häufige Erkrankung entsteht, wenn der Nervus medianus im Handgelenk eingeengt wird, was zu Kribbeln, Taubheitsgefühlen und Schmerzen führen kann1. Typische Frühsymptome sind nächtliche schmerzhafte Missempfindungen, die im weiteren Verlauf auch tagsüber persistieren können2. Schließlich kommt es zu zunehmenden sensorischen und motorischen Ausfallserscheinungen in Bereichen des Daumens bis zum Mittelfinger und in Teilen des Ringfingers3.

    Haben Sie schon einmal ein Kribbeln oder Taubheitsgefühl in Ihren Händen erlebt, das Sie nachts wach hält? Das könnte ein Zeichen für das Karpaltunnelsyndrom sein, eine Erkrankung, die viele Menschen betrifft4. Doch keine Sorge, es gibt wirksame Behandlungsmöglichkeiten!

    Physiotherapie bietet eine effektive Möglichkeit, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern, oft als Alternative oder Ergänzung zu operativen Eingriffen5. Durch gezielte Übungen und manuelle Techniken kann der Druck auf den Nervus medianus reduziert werden, was zu einer erheblichen Verbesserung der Symptome führen kann6.

    Hinweis zu meinen Artikeln:

    Meine Artikel für Dich sind keine schnellen und oberflächlichen Nachrichten. Statt eines kurzen Tweets oder eines kurzen Statusupdate erhälst Du bei mir einen ganzen Artikel mit viel Detailinformationen. Zudem gibt es bei gesundheitlichen Problemen selten eine einfache und schnelle Lösung. Der menschliche Organismus ist hochkomplex und da ist schon die Reduktion in einzelne Artikel schwierig.
    Wie auch in meinen Artikeln so ist auch meine Therapie. Ich nehme mir Zeit für die Befundung, die Therapie, die Übungen, die Alltags- und Gebrauchsbewegungen und selbstverständlich auch die methodische und didaktische Vermittlung. Meine PatientInnen schätzen genau das: Sehr genau und ganz exakt, dabei sanft und immer herzlich, ganz nach meinem Motto in der Therapie: „Fühle Dein Wesen in Bewegung und erlebe Dein Sein in der Therapie“.

    Inhaltsverzeichnis
    Handgelenk mit transparent dargestellten Knochen und hervorgehobenem Bereich im Karpaltunnel, der auf eine Nerveneinklemmung hindeutet.
    Darstellung des Karpaltunnelsyndroms: Eine Einengung im Handgelenk kann den Medianusnerv beeinträchtigen.

    Beispiele, wie das Karpaltunnelsyndrom den Alltag beeinträchtigen kann:

    Stellen Sie sich vor, Sie wachen nachts auf, und Ihre Hand fühlt sich an, als wäre sie eingeschlafen. Ein unangenehmes Kribbeln durchzieht Ihre Finger, und Sie müssen die Hand schütteln, um das Gefühl wiederzuerlangen. Oder denken Sie an eine Büroangestellte, die stundenlang tippt und plötzlich feststellt, dass sie eine Kaffeetasse kaum noch halten kann. Eine Mutter, die ihr Baby hochheben möchte, aber ein stechender Schmerz im Handgelenk daran hindert.

    Diese Symptome treten oft nachts auf, wenn das Handgelenk in einer bestimmten Stellung ist, und können durch Bewegung oder Schütteln der Hand vorübergehend gelindert werden. In schweren Fällen können die Schmerzen bis in den Arm ausstrahlen und zu einer Kraftminderung in der Hand führen. Langfristig kann es zu Muskelrückbildungen (Atrophie) kommen, insbesondere im Bereich des Daumenballens7.

    Mensch hält sein schmerzendes Handgelenk, während eine digitale Durchleuchtung die Knochenstruktur und eine Entzündungsstelle hervorhebt.
    Handschmerzen durch Überlastung: Wiederholte Bewegungen können das Risiko für Sehnenentzündungen und Nervenkompression erhöhen.

    Das Karpaltunnelsyndrom entsteht, wenn der Nervus medianus im Karpaltunnel des Handgelenks eingeengt wird. Dies kann durch verschiedene Faktoren verursacht werden, wie z.B. Überbelastung, Flüssigkeitsansammlung oder anatomische Veränderungen. Berufsbedingte Belastungen, wie Repetition und Kraftaufwand, sind ebenfalls bekannte Risikofaktoren für das KTS8.

    Hinrich Medau im Gespräch mit einer Frau in Sportkleidung, vermutlich während einer Unterrichtssituation oder einer Demonstration seiner Bewegungstherapie.
    Hinrich Medau (1938): Pionier der Bewegungstherapie im Austausch mit einer Schülerin.

    Fallbeispiel

    In den 90er Jahren absolvierte ich während meiner Tätigkeit in einer Spezialklinik eine Fortbildung bei Frau Klötzer an der Medau Schule in Coburg, gemeinsam mit anderen Fachkollegen aus verschiedenen Kliniken. Frau Klötzer erkannte eine Begabung und empfahl mir, freie Improvisation am Klavier zu erlernen, um meine therapeutischen Fähigkeiten zu vertiefen. Ich suchte also nach einem entsprechenden Lehrer und fand Herrn Sommer, der mich unterrichtete.

    Nahaufnahme eines Pianos mit Notenblättern, einem Bleistift und einer spielenden Hand – Symbol für Musik, Improvisation und Ergonomie am Klavier.
    Improvisation am Klavier – Musik und Ergonomie in Einklang bringen.

    Nach einigen Unterrichtsstunden berichtete Herr Sommer über Kribbeln in den Fingern und ähnliche Symptome. Er erzählte, dass er seit einigen Wochen ein zunehmendes Kribbeln und Taubheitsgefühl in seinen Fingern bemerkte, insbesondere nachts. Zunächst dachte er, es sei eine vorübergehende Überlastung, doch die Beschwerden verschlimmerten sich. Eines Morgens wachte er mit starken Schmerzen im Handgelenk auf und konnte seine Finger kaum noch bewegen. Die Diagnose: Karpaltunnelsyndrom. Herr Sommer war verzweifelt, da er befürchtete, seine Leidenschaft, das Klavierspielen, aufgeben zu müssen. Doch dank einer Kombination aus konservativer Therapie, insbesondere manueller Therapie, einem besonderen Fokus auf Ergonomie am Arbeitsplatz und gezielten Übungen zur Entlastung, konnte er seine Handfunktion wiedererlangen und seine musikalische Karriere fortsetzen9.

    Dabei wurde besonderer Wert auf folgende Aspekte gelegt:

    • Ergonomie am Arbeitsplatz: Dies ist besonders wichtig für Klavierlehrer, da sie viele Stunden am Klavier verbringen. Eine ergonomische Sitzposition, die richtige Höhe des Klaviers und des Stuhls sowie die korrekte Handhaltung beim Spielen können dazu beitragen, die Belastung des Handgelenks zu reduzieren10.
    • Übungen zur Entlastung: Dehnübungen und Kräftigungsübungen für Handgelenk und Unterarm können dazu beitragen, die Muskulatur zu stärken und die Flexibilität zu verbessern11.

    Die Geschichte von Herrn Sommer zeigt, wie das Karpaltunnelsyndrom den Alltag und die Leidenschaft eines Menschen beeinträchtigen kann. Doch was genau verbirgt sich hinter diesem Begriff, und wie kommt es zu diesen Beschwerden? Um das zu verstehen, müssen wir einen Blick in das Innere unseres Handgelenks werfen, in den sogenannten Karpaltunnel – eine verborgene Passage voller Aktivität, die bei Problemen zur Engstelle werden kann.

    Der Karpaltunnel: Eine verborgene Passage voller Aktivität

    Anatomische Querschnittsillustration des Handgelenks mit Karpaltunnel, Nerven und Sehnen – Darstellung der biomechanischen Strukturen der Hand.
    Anatomischer Querschnitt des Karpaltunnels – Sitz des Medianusnervs.

    Stellen Sie sich den Karpaltunnel als eine schmale, unterirdische Passage im Herzen Ihres Handgelenks vor. Wie ein antiker Tunnel, der von einem kunstvoll geformten Türbogen aus acht massiven Steinen – den Handwurzelknochen – begrenzt wird. Dieser Bogen, der die funktionelle Form des Handgelenks bildet, wird unten durch ein straffes, schützendes Band – das Retinaculum flexorum – zusammengehalten. In dieser verborgenen Passage herrscht reges Treiben: Der Nervus medianus, ein wichtiger Kommunikationsstrang, und die Sehnen der Handbeugemuskeln, die wie geschäftige Seile durch den Tunnel gleiten, arbeiten Hand in Hand. Doch hier verbirgt sich noch mehr: Zahlreiche Sehnenscheiden, zarte Hüllen, die die Sehnen der langen Fingermuskeln umgeben, sorgen für eine reibungslose Gleitfähigkeit. Sie ermöglichen es den Sehnen, sanft und ohne Widerstand durch den engen Tunnel zu gleiten, wie Fäden durch Ösen1213.

    Anatomische Darstellung der Hand mit Fokus auf die Sehnen, Sehnenscheiden und den Karpaltunnel.
    Verengung des Karpaltunnels: Verdickte Sehnenscheiden führen zur Kompression des Nervus medianus.

    Verengung des Karpaltunnel: Verdickte Sehnenscheiden führen zur Kompression des Nervus medianus.

    Doch was passiert, wenn dieser ohnehin schon enge Raum noch weiter verengt wird? Stellen Sie sich vor, die Wände des Tunnels beginnen zu schwellen, oder Ablagerungen verstopfen den Durchgang. Die häufigste Ursache hierfür ist eine Verdickung der Sehnenscheiden, die die Sehnen der Handbeugemuskeln umgeben. Die Sehnenscheiden, die normalerweise für eine reibungslose Gleitfähigkeit sorgen, werden eingeengt und entzünden sich. Die Sehnen können nicht mehr frei gleiten, es kommt zu Reibung und Schmerzen. Der Nervus medianus, der empfindliche Kommunikationsstrang, gerät zusätzlich unter Druck, wie ein Kabel, das in einem überfüllten Schacht eingeklemmt wird. Die Folge: Die Signale werden gestört, und es kommt zu Taubheitsgefühl, Kribbeln und Schmerzen – ein Hilfeschrei aus dem Inneren des Handgelenks1415.

    Die Palmaraponeurose: Ein wichtiger Bestandteil der komplexen Handanatomie.

    Anatomische Illustration der Hand mit Darstellung der Palmaraponeurose, Sehnen, Nerven und Karpaltunnel.
    Der Karpaltunnel – ein fragiles System aus Sehnen, Nerven und Knochen.

    Der Karpaltunnel ist komplex und fragil

    Der Karpaltunnel ist ein dynamisches und zugleich fragiles System, das aufgrund seiner engen anatomischen Struktur und der Vielzahl an Strukturen, die ihn passieren, besonders anfällig für Druckbelastungen ist. Im Gegensatz zum Fuß, der auf Stabilität ausgelegt ist, ist die Hand auf Feinmotorik und komplexe Bewegungen spezialisiert. Die Handwurzelknochen, die wie ein kunstvoll geformter Türbogen angeordnet sind, bilden zusammen mit dem Retinaculum flexorum einen engen Kanal, der den Nervus medianus und die Sehnen der Handbeugemuskeln umschließt. Bei Bewegung des Handgelenks und der Finger verändern sich die Platzverhältnisse im Tunnel. Wenn jedoch Schwellungen oder Verdickungen auftreten, insbesondere der Sehnenscheiden, wird dieser dynamische Prozess gestört. Der Druck im Tunnel steigt, was zu einer Kompression des Nervus medianus führt. Dieser erhöhte Druck beeinträchtigt die Durchblutung des Nervs und führt zu einer Kaskade von Ereignissen: Die Sehnenscheiden entzünden sich, die Gleitfähigkeit der Sehnen wird beeinträchtigt, und der Nervus medianus wird in seiner Funktion gestört. Die Folge sind Taubheitsgefühl, Kribbeln und Schmerzen1617.

    Die Komplexität der Hand: Sehnen und Lumbrikalmuskeln ermöglichen präzise Bewegungen.

    Anatomische Darstellung der Handmuskulatur mit Sehnen und Lumbrikalmuskeln.
    Die Komplexität der Hand: Sehnen und Lumbrikalmuskeln ermöglichen präzise Bewegungen.

    Die Komplexität der Hand, insbesondere die einzigartige Fähigkeit des Menschen, dank des Sattelgelenks der Daumenwurzel und der Lumbrikalmuskeln den Lumbrikalgriff auszuführen, macht sie zu einem Meisterwerk der Evolution. Diese Komplexität birgt jedoch auch eine gewisse Fragilität. Schon geringfügige Störungen können die feinen Mechanismen der Hand beeinträchtigen und zu Erkrankungen wie dem Karpaltunnelsyndrom führen1819.

    Statistische Darstellung der Prävalenz und Geschlechterverteilung des Karpaltunnelsyndroms.
    Statistik zum Karpaltunnelsyndrom: Frauen sind häufiger betroffen als Männer.

    Allgemeine Häufigkeit

    Das Karpaltunnelsyndrom ist eine weit verbreitete Erkrankung, die etwa 10 bis 14,8% der Bevölkerung betrifft, wobei die Prävalenz je nach Studie variiert2021. Frauen sind dabei etwa doppelt bis dreimal so häufig betroffen wie Männer22. Am häufigsten tritt das Karpaltunnelsyndrom im Alter zwischen 40 und 70 Jahren auf23. Es handelt sich um das häufigste Engpasssyndrom des peripheren Nervensystems24. Die Inzidenz, also die Zahl der Neuerkrankungen pro Jahr, liegt bei etwa 3 bis 3,45 Fällen auf 1000 Einwohner25.

    Eine Fotografie einer Hand, bei der der Bereich des Karpaltunnels durch eine rote Markierung hervorgehoben ist. Um die Hand herum sind Textfelder angeordnet, die verschiedene Risikofaktoren für das Karpaltunnelsyndrom benennen: "Mechanische Faktoren", "Anatomische Faktoren", "Systemische Erkrankungen", "Hormonelle Faktoren" und "Weitere Faktoren". Die Hand selbst ist in einer natürlichen, leicht entspannten Position dargestellt. Die rote Markierung dient als visueller Hinweis auf den Bereich, der von den genannten Risikofaktoren betroffen sein kann.
    Risikofaktoren für das Karpaltunnelsyndrom: Eine visuelle Darstellung der vielfältigen Ursachen.

    Spezifische Risikofaktoren

    Die Entstehung eines Karpaltunnelsyndroms wird von einer Vielzahl spezifischer Risikofaktoren beeinflusst, die sich in verschiedene Kategorien einteilen lassen.

    Anatomische Faktoren spielen eine bedeutende Rolle. Eine angeborene Enge des Karpaltunnels oder Anomalien der Handwurzelknochen können die Wahrscheinlichkeit einer Nervenkompression erhöhen2627. Frauen sind häufiger betroffen als Männer, möglicherweise aufgrund eines engeren Karpaltunnels2829.

    Mechanische Faktoren sind ebenfalls wichtig. Wiederholte Handbewegungen, wie sie beim Tippen am Computer, Musizieren oder bei handwerklichen Tätigkeiten auftreten, können das Risiko erhöhen[1]. Übermäßige Belastungen des Handgelenks oder Verletzungen, wie Radiusfrakturen, Handgelenksverstauchungen oder Gurtprellungen, können zur Entwicklung eines Karpaltunnelsyndroms beitragen. Darüber hinaus können Sehnenscheidenentzündungen, Ganglien, Tumore oder Lipome den Raum im Karpaltunnel zusätzlich einengen30.

    Systemische Erkrankungen stellen eine weitere wichtige Risikogruppe dar. Diabetes mellitus und rheumatoide Arthritis sind bekannte Faktoren, die das Risiko für ein Karpaltunnelsyndrom erheblich erhöhen. Auch Schilddrüsenerkrankungen, Amyloidose, Tuberkulose, Osteochondrose und Myogelose können eine Rolle spielen.

    Hormonelle Faktoren beeinflussen ebenfalls die Entstehung des Karpaltunnelsyndroms. Während der Schwangerschaft sind bis zu 50 % der Frauen betroffen, und auch die Wechseljahre können das Risiko erhöhen.

    Weitere Faktoren umfassen Übergewicht, Faszienprobleme, Blutungen, veränderte Haltung und Haltungs- und Bewegungsveränderungen. Auch Operationen, insbesondere Herzoperationen mit klassischer Thorakotomie, bei denen rund 50 % der Patienten langfristig betroffen sind, und Wirbelsäulenoperationen, bei denen jeder sechste Patient betroffen ist, können das Risiko erhöhen. Zudem können genetische Faktoren, berufliche Belastungen durch Vibrationen oder wiederholte Handbewegungen sowie das Rauchen das Risiko für ein Karpaltunnelsyndrom beeinflussen.

    Karpaltunnelsyndrom: Wenn das Handgelenk zur Engstelle wird 30
    Kombination von Risikofaktoren: Ein Beispiel für die vielfältigen Ursachen des Karpaltunnelsyndroms.

    Beispiel für die Kombination mehrerer Risikofaktoren

    In vielen Fällen lässt sich keine einzelne, eindeutige Ursache für das Karpaltunnelsyndrom identifizieren. Vielmehr handelt es sich häufig um ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren, die gemeinsam zur Entstehung der Erkrankung beitragen. So wie bei Frau Schmidt, einer 52-jährigen Büroangestellten, die täglich mehrere Stunden am Computer verbringt und dabei repetitive Handbewegungen ausführt. Zusätzlich leidet sie an leichter rheumatoider Arthritis, die zu Entzündungen in ihren Gelenken führt, und hat in den letzten Jahren an Gewicht zugenommen, was die Belastung ihres Handgelenks erhöht31. Diese Kombination aus beruflicher Belastung, entzündlicher Erkrankung und erhöhtem Körpergewicht macht Frau Schmidt besonders anfällig für die Entwicklung eines Karpaltunnelsyndroms. Es ist dieses komplexe Zusammenspiel verschiedener Risikofaktoren, das die Diagnosestellung und Behandlung des Karpaltunnelsyndroms oft so herausfordernd macht.

    Medizinische Untersuchung zur Diagnose des Karpaltunnelsyndroms mit Anamnese, manueller Untersuchung und technischen Verfahren.
    Diagnose des Karpaltunnelsyndroms: Ein Überblick über die verschiedenen Untersuchungsverfahren.

    Symptome: Von leicht bis unerträglich

    Typische Symptome des Karpaltunnelsyndroms umfassen Kribbeln, Taubheit und Schmerzen, die primär Daumen, Zeige-, Mittel- und die radiale Hälfte des Ringfingers betreffen32. Die Beschwerden manifestieren sich häufig nachts und können durch Schütteln der Hand vorübergehend gelindert werden33. Im fortgeschrittenen Stadium strahlen die Schmerzen in den Unterarm aus, begleitet von Griffschwäche und Feinmotorikstörungen34.

    Schweregradprogression:

    • Leicht: Intermittierendes Kribbeln, vorwiegend bei Belastung
    • Moderat: Nächtliches Erwachen durch Schmerzen, verminderte Tastempfindlichkeit
    • Schwer: Atrophie des Daumenballens (Thenarmuskulatur), permanente Sensibilitätsstörungen

    Diagnostik: Präzise Abklärung entscheidet

    Die Diagnostik stützt sich auf drei Säulen:

    Klinische Untersuchung35:

    • Phalen-Test (maximale Handgelenksflexion für 60 Sekunden): Sensitivität 75%
    • Hoffmann-Tinel-Zeichen (Perkussion des Karpaltunnels): Spezifität 55-100%
    • Prüfung der Thenarmuskelkraft gegen Widerstand

    Die manuelle Untersuchung ist die grundlegende und entscheidende Untersuchungsmethode zur Diagnose des Karpaltunnelsyndroms. Ein erfahrener Therapeut kann durch gezielte Palpation die Weichheit des Retinaculum flexorum, die Beweglichkeit der Handwurzelknochen und die Flexibilität der Sehnenscheiden genau fühlen. Diese Fähigkeiten ermöglichen eine präzise Beurteilung der anatomischen Strukturen und tragen zur Identifizierung typischer Symptome bei. Die Kombination aus Anamnese und manueller Untersuchung liefert erste Hinweise auf das Vorliegen eines Karpaltunnelsyndroms und erlaubt eine Einschätzung der Schwere der Erkrankung36. Die manuelle Untersuchung ist besonders wichtig, da sie eine schnelle und kostengünstige Möglichkeit bietet, die Diagnose zu stellen, bevor elektrophysiologische Tests oder bildgebende Verfahren eingesetzt werden37.

    Neurophysiologische Tests:

    Medizinische Untersuchung zur Messung der Nervenleitgeschwindigkeit (NLG) mit Elektroden zur Diagnose von Nervenkompressionssyndromen.
    Messung der Nervenleitgeschwindigkeit zur Diagnose von Nervenerkrankungen.
    • Nervenleitgeschwindigkeitsmessung (NLG): Goldstandard mit pathognomonischer Verlangsamung der sensomotorischen Überleitung (>3,5 ms distal motorische Latenz)38
    • Elektromyographie (EMG): Nachweis von Denervierungszeichen bei chronischer Kompression

    Bildgebung:

    • Ultraschall: Querschnittsfläche des Nervus medianus >10 mm² am Karpaltunnelaustritt39
    • MRT: Signalhyperintensität des Nervs bei T2-Wichtung40

    Differentialdiagnosen: Was sonst noch dahinterstecken kann

    Abzugrenzen sind:

    • Zervikale Radikulopathie C6/C7 (Schmerzausstrahlung bei HWS-Bewegung)41
    • Pronator-teres-Syndrom (Taubheit palmare Handfläche)42
    • Polyneuropathie (symmetrische Symptome, Diabetes-assoziiert)43

    Behandlung: Vielfältige Therapieansätze

    Die Behandlung des Karpaltunnelsyndroms erfordert eine maßgeschneiderte Therapie, die von der Schwere der Symptome und den individuellen Bedürfnissen abhängt. Konservative Ansätze können in vielen Fällen zielführend sein, insbesondere bei leichten bis mittelschweren Verläufen. Doch auch bei schweren Fällen ist es in seltenen Situationen möglich, durch gezielte konservative Maßnahmen eine deutliche Verbesserung zu erreichen44.

    Manuelle Therapie zur Behandlung des Karpaltunnelsyndroms mit Nervenmobilisation und Gelenkmobilisation zur Druckreduktion.
    Manuelle Therapie zur Linderung von Handgelenksbeschwerden.

    Manuelle Therapie und Neurodynamik

    Manuelle Therapie ist ein zentraler Bestandteil der konservativen Behandlung des Karpaltunnelsyndroms und umfasst präzise Techniken, die auf die spezifischen Strukturen der Hand und des Unterarms abzielen. Nervenmobilisation verbessert die Gleitfähigkeit des Nervus medianus im Karpaltunnel und reduziert Druckstellen entlang seines Verlaufs45. Gelenkmobilisationen, wie sanfte Mobilisationstechniken für Handwurzelknochen (z.B. Os lunatum), helfen, den Druck im Karpaltunnel zu verringern46. Querfriktionen lösen verklebte Sehnenscheiden und fördern die Gleitfähigkeit der Sehnen47. Ganzheitliche Ansätze beziehen alle Strukturen vom Unterarm bis zu den Fingern ein, um Beweglichkeit und Funktion umfassend zu verbessern48.

    Osteopathie und Viszeral-osteopathische Techniken

    Osteopathische Techniken wirken auf mehreren Ebenen und umfassen den gesamten Körper. Faszienrelease löst Restriktionen in den Arm- und Schulterfaszien, um die Nervenmobilität zu verbessern49. Craniosacrale Techniken ermöglichen einen tiefen Release direkt am Handgelenk, kombiniert mit Atemtechniken und dem CV4-Release-Griff, um die Entspannung des gesamten Körpers zu fördern50.

    Viszeral-osteopathische Techniken betrachten den Körper als komplexes Mobile. Wenn ein Organ nicht frei „schwingt“, kann dies Auswirkungen auf weit entfernte Körperregionen haben. Die Leberbalancierung durch sanfte Handgriffe am rechten Rippenbogen kann die Faszien bis in den Arm entspannen51. Ein Zwerchfell-Release durch behutsamen Druck unter dem Brustkorb verbessert die Blutzirkulation im ganzen Körper, einschließlich der Hände52. Die viszerale Lymphdrainage mit leichten, rhythmischen Bewegungen am Bauch regt den Lymphfluss an und kann Schwellungen im Karpaltunnel reduzieren53.

    Diese Techniken zielen darauf ab, nicht nur physische Spannungen zu lösen, sondern auch emotionale Blockaden zu adressieren. Viszerale Spannungen stehen oft in engem Zusammenhang mit emotionalem Stress, und ihre Lösung kann zu einer ganzheitlichen Verbesserung des Wohlbefindens führen54.

    Massage- und Entspannungstechniken

    Massage ist ein wertvolles Werkzeug zur Schmerzlinderung und Entspannung. Tiefe Gewebemassagen fokussieren sich auf Muskeln und Sehnen, um Verspannungen zu lösen und die Durchblutung zu fördern55. Oberflächliche Massagen entspannen die Haut und oberflächliche Muskulatur, während durchblutungsfördernde Massagen die Heilung unterstützen können56. Triggerpunktbehandlungen setzen gezielte Drucktechniken ein, um Schmerzpunkte zu lösen und die Muskelspannung zu reduzieren57.

    Aktive Therapie

    Aktive Therapieansätze spielen eine entscheidende Rolle bei der Wiederherstellung der Handfunktion. ADL-Training (Activities of Daily Living) hilft dabei, Alltagsbewegungen ergonomisch anzupassen, um Belastungen zu reduzieren58. Kraftaufbauübungen zielen auf die Thenarmuskulatur und Unterarmflexoren ab, um die Stabilität der Hand zu verbessern59. Neuroplastizitätstraining wie Spiegeltherapie oder sensorische Rekalibrierung unterstützt Patienten mit chronischen Beschwerden dabei, ihre Handfunktion neu zu erlernen60.

    Weitere unterstützende Maßnahmen

    • Handgelenksschienen: Nächtliche Ruhigstellung in Neutralstellung kann den Druck auf den Karpaltunnel reduzieren61.
    • Wärme- und Kältetherapie: Wechselbäder fördern die Durchblutung und lindern Schmerzen62.
    • Yoga: Yogaübungen verbessern Flexibilität und Kraft in den Handgelenken63.
    • Taping: Stabilisiert Gelenke und löst Muskelverspannungen64.
    • Schmerzmanagement: Techniken wie neuronale Reprogrammierung helfen, das Schmerzgedächtnis zu löschen65.

    Medikamentöse Therapie

    Blaue Tabletten als medikamentöse Behandlung des Karpaltunnelsyndroms – entzündungshemmende und schmerzlindernde Therapieoptionen.
    Medikamentöse Therapieoptionen zur Schmerzlinderung beim Karpaltunnelsyndrom.

    Medikamentöse Ansätze können entzündungshemmende nicht steroidale Medikamente zur Schmerzlinderung umfassen66. In bestimmten Fällen wird auch eine orale Glukokortikoid-Therapie eingesetzt67.

    Ultraschallgesteuerte Kortikoid-Injektion in den Karpaltunnel zur schnellen Linderung von Entzündungen und Schmerzen.
    Gezielte Injektionen können akute Beschwerden beim Karpaltunnelsyndrom effektiv lindern.

    Injektionstherapie

    Injektionen können gezielt eingesetzt werden, um akute Beschwerden zu lindern. Ultraschallgesteuerte Kortikoid-Injektionen in den Karpaltunnel sind eine Möglichkeit, Entzündungen schnell zu reduzieren68. Auch lokal wirkende Schmerzmittel oder Kortison können injiziert werden69.

    Ergotherapie

    Handgelenksschiene zur Stabilisierung bei Karpaltunnelsyndrom – unterstützende Maßnahme in der Ergotherapie zur Schmerzlinderung.
    Anlegen einer Handgelenksschiene: Eine konservative Therapiemaßnahme zur Entlastung des Karpaltunnels.

    Ergotherapie bietet eine Vielzahl an Möglichkeiten zur Unterstützung des Heilungsprozesses. Individuell angepasste Handgelenkschienen stabilisieren das Handgelenk besonders nachts70. Kräftigungsübungen für Hand- und Unterarmmuskulatur stärken die betroffenen Bereiche71. Ergonomische Beratung hilft dabei, Arbeitsplatz und Alltag so anzupassen, dass Belastungen minimiert werden72.

    Physikalische Therapie

    Physikalische Therapieverfahren wie Ultraschalltherapie zur Entzündungshemmung oder Low-Level-Laser-Therapie können unterstützend wirken73.

    Elektrotherapie

    Elektrotherapie ist eine weitere Möglichkeit zur Schmerzlinderung. TENS (Transkutane elektrische Nervenstimulation) wird häufig eingesetzt, um Schmerzen effektiv zu reduzieren74.

    Operative Therapie

    In schweren Fällen oder bei ausbleibender Besserung kann eine Operation notwendig werden. Die wichtigsten operativen Verfahren umfassen:

    • Durchtrennung des Retinaculum flexorum: Standardeingriff zur Entlastung des Nervus medianus75.
    • Handchirurgie: Durchgeführt von einem Facharzt für Handchirurgie76.
    • Nervenrekonstruktion: Bei schwerer, dauerhafter Schädigung des Nervus medianus77.
    • Neurolyse: Entfernung einengender Gewebestrukturen78.
    • Offene und endoskopische Operationsmethoden: Endoskopisch für kleinere Narben, offen bei umfassenderen Erkrankungen79.
    • Ambulante OP unter lokaler Betäubung: Meist möglich80.
    • Bei akutem Karpaltunnelsyndrom: Sofortige Operation zur Vermeidung dauerhafter Nervenschäden81.

    Die Wahl der Operationsmethode hängt von der Schwere des Karpaltunnelsyndroms und den individuellen Gegebenheiten des Patienten ab. Die DGH-Leitlinie enthält detaillierte Empfehlungen zur präoperativen Diagnostik, Operationstechnik und postoperativen Nachsorge82.

    Als Physiotherapeut begleite ich Patienten vor und nach einer Operation mit gezielten Maßnahmen: Narbenmobilisation ab der 3. postoperativen Woche, sensomotorisches Training zur Wiederherstellung der Handfunktion und ergonomische Beratung zur langfristigen Prävention83.

    Warum ein individueller Ansatz wichtig ist

    Jeder Mensch ist einzigartig – ebenso wie die Ursachen eines Karpaltunnelsyndroms. Ein ganzheitlicher Ansatz, der nicht nur die Symptome behandelt, sondern auch verborgene Ursachen wie fasziale Spannungen, viszerale Restriktionen oder emotionale Blockaden berücksichtigt, kann entscheidend für den Erfolg sein. Die Verbindung zwischen körperlichen Spannungen und emotionalem Stress wird in der Behandlung berücksichtigt, um eine umfassende Heilung zu ermöglichen84. Ich halte es für zielführend, diese Zusammenhänge zu erkennen und in die Behandlung einzubeziehen, um nachhaltige Verbesserungen zu erzielen85.

    Was können Sie selbst tun?

    Der Alltag beim Karpaltunnelsyndrom

    Um Überlastungen des Handgelenks zu vermeiden, ist eine ergonomische Gestaltung Ihres Arbeitsplatzes wichtig. Verwenden Sie eine ergonomische Tastatur und Maus. Achten Sie darauf, dass Ihr Handgelenk beim Tippen in einer flachen Stellung bleibt. Die Neigung der Tastatur sollte maximal 15 Grad betragen86.

    Eine Handgelenkauflage vor der Tastatur kann ebenfalls hilfreich sein, sollte aber mit Vorsicht verwendet werden. Sie kann die Muskelermüdung im Bizeps brachii reduzieren, wenn sie über einen Zeitraum von 4 Stunden verwendet wird. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass die Handgelenkauflage primär für Ruhepausen zwischen dem Tippen gedacht ist und nicht während des aktiven Tippens verwendet werden sollte. Die Hände sollten beim Tippen frei über der Tastatur schweben, um eine neutrale Handgelenksposition zu gewährleisten. Machen Sie regelmäßig Pausen und führen Sie Dehnübungen durch, um die Muskeln zu entspannen und die Durchblutung zu fördern87.

    Übungen beim Karpaltunnelsyndrom

    Handübung mit einem weichen Ball zur Förderung der Durchblutung und Beweglichkeit beim Karpaltunnelsyndrom.
    Durchsaftungsübung mit einem Ball – eine einfache Maßnahme zur Förderung der Durchblutung und Handbeweglichkeit.

    Durchsaftungsübung mit einem Ball: Nehmen Sie einen weichen Ball in die betroffene Hand und drücken Sie ihn kurz und sanft mit Fingern und Daumen zusammen. Öffnen Sie dann langsam die Hand. Wiederholen Sie diese Übung 15- bis 20-mal88.

    Drainageübung: Heben Sie den betroffenen Arm über Herzhöhe und führen Sie langsame, kreisende Bewegungen mit dem Handgelenk durch. Dies unterstützt den Abfluss von Flüssigkeit und entlastet den Karpaltunnel89.

    Dehnung der Finger- und Handgelenksbeuger: Strecken Sie den betroffenen Arm nach vorne aus und beugen Sie das Handgelenk sanft nach unten. Verstärken Sie die Dehnung vorsichtig mit der anderen Hand. Halten Sie die Position für 15 bis 30 Sekunden und wiederholen Sie die Übung 2- bis 4-mal90.

    Gebetshaltung mit gespreizten Fingern: Bringen Sie die Handflächen vor der Brust zusammen und spreizen Sie die Finger sanft auseinander. Halten Sie diese Position für etwa 20 Sekunden und wiederholen Sie die Übung dreimal91.

    Mobilisation des Handgelenks: Legen Sie den Unterarm locker auf einen Tisch, sodass das Handgelenk über die Tischkante hinausragt. Umfassen Sie das Handgelenk mit der anderen Hand und bewegen Sie die Handfläche zum Boden hin. Wiederholen Sie diese Übung für etwa fünf Minuten92.

    Tendon-Gliding-Übungen: Beginnen Sie mit Ihrer Hand in einer neutralen Position, bei der alle Finger gestreckt sind. Bewegen Sie dann Ihre Finger nacheinander in eine Hakenposition (alle Fingerglieder gebeugt), eine Faustposition (Finger vollständig gebeugt) und eine flache Faustposition (nur das Grundgelenk gebeugt). Halten Sie jede Position für drei Sekunden und wiederholen Sie die Sequenz fünfmal93.

    Nerve-Gliding-Übungen: Strecken Sie Ihren Arm seitlich aus, während Ihre Finger gestreckt sind. Beugen und strecken Sie Ihr Handgelenk langsam, während Ihr Arm ruhig bleibt. Diese Übung verbessert die Mobilität des Nervus medianus und reduziert Druck im Karpaltunnel94.

    Yoga-basierte Übungen: Yoga kann helfen, Schmerzen zu lindern und die Kraft sowie Flexibilität in den Händen zu verbessern. Eine Studie zeigte, dass Yoga-basierte Regime speziell für den Oberkörper signifikante Verbesserungen bei Griffkraft und Schmerzreduktion bewirken können95.

    Individuelle Übungen und Anpassung der ADLs

    Ein erfahrener Physiotherapeut kann eine individuelle Übungsroutine entwickeln, die auf Ihre spezifischen Bedürfnisse zugeschnitten ist. Zudem ist es wichtig, die Aktivitäten des täglichen Lebens (ADLs) anzupassen, um das Handgelenk zu schonen. Dies kann die Verwendung ergonomischer Hilfsmittel oder das Erlernen alternativer Techniken für bestimmte Aufgaben beinhalten96.

    Auf dem Weg zur Linderung

    Die hier vorgestellten Übungen und Therapieansätze sind ein wertvoller erster Schritt zur Linderung der Beschwerden des Karpaltunnelsyndroms. Zögern Sie nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn die Symptome anhalten oder sich verschlimmern. Ein Arzt oder Physiotherapeut kann eine genaue Diagnose stellen und eine individuelle Behandlungsstrategie entwickeln97.

    Prognose und Ausblick

    Die Prognose für Patienten mit Karpaltunnelsyndrom ist in den meisten Fällen gut, besonders wenn frühzeitig eine angemessene Behandlung eingeleitet wird98. Die Erfolgsraten variieren je nach Schweregrad der Erkrankung und der gewählten Behandlungsmethode.

    Konservative Behandlung

    Bei leichten bis mittelschweren Fällen kann eine konservative Behandlung oft zu einer signifikanten Verbesserung der Symptome führen. Studien zeigen, dass etwa 60-70% der Patienten mit mildem bis moderatem Karpaltunnelsyndrom von nicht-operativen Behandlungen profitieren können99. Die Kombination aus Schienung, ergonomischen Anpassungen und gezielten Übungen kann in vielen Fällen eine Operation vermeiden.

    Operative Behandlung

    Für schwere Fälle oder wenn konservative Maßnahmen nicht ausreichen, ist die operative Behandlung oft sehr erfolgreich. Die Erfolgsraten für chirurgische Eingriffe liegen bei etwa 75-90%, wobei die meisten Patienten eine deutliche Verbesserung ihrer Symptome erfahren100. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass die vollständige Erholung einige Monate dauern kann und in einigen Fällen eine Restbeschwerden bleiben können.

    Langzeitprognose

    Die Langzeitprognose für behandelte Patienten ist generell gut. Eine Studie zeigte, dass 5 Jahre nach der Operation etwa 88% der Patienten symptomfrei waren oder nur minimale Restbeschwerden hatten101. Allerdings kann es in etwa 5-10% der Fälle zu einem Wiederauftreten der Symptome kommen, besonders wenn die zugrundeliegenden Risikofaktoren nicht adressiert werden102.

    Prävention und Nachsorge

    Um ein Wiederauftreten zu verhindern und die Langzeitergebnisse zu optimieren, ist eine konsequente Nachsorge wichtig. Dies beinhaltet:

    • Fortführung ergonomischer Maßnahmen am Arbeitsplatz und im Alltag
    • Regelmäßige Durchführung der erlernten Übungen
    • Vermeidung von Überbelastungen des Handgelenks
    • Regelmäßige Kontrolluntersuchungen, besonders im ersten Jahr nach der Behandlung

    Forschung und zukünftige Entwicklungen

    Die Forschung im Bereich des Karpaltunnelsyndroms schreitet stetig voran. Aktuelle Studien untersuchen neue minimal-invasive Operationstechniken, verbesserte Diagnosemethoden und innovative konservative Therapieansätze103. Zukünftige Entwicklungen könnten zu noch präziseren und effektiveren Behandlungsmöglichkeiten führen.

    Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Prognose für Patienten mit Karpaltunnelsyndrom in den meisten Fällen positiv ist. Mit der richtigen Behandlung und konsequenter Nachsorge können die meisten Betroffenen eine deutliche Verbesserung ihrer Lebensqualität erreichen.

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  • Rückenschmerzen: Osteopathie oder Physiotherapie?

    Rückenschmerzen: Osteopathie oder Physiotherapie?

    Rückenschmerzen sind eine häufigste Erkrankung in der Bevölkerung. Sie können akut oder chronisch sein oder aber nach traumatischen Rücken-/Wirbelsäulenverletzungen auftreten. Bei der Suche nach Hilfe ist die Frage, welche Therapie zielführend ist. Was kann den Schmerz zu effektiv lindern?

    Zwei Verfahren stehen dabei häufig gegenüber. Es ist die Physiotherapie auf der einen Seite und die Osteopathie auf der anderen Seite.

    • Physiotherapie ist der Einsatz von Heilmitteln und Techniken, die Durchführung von Übungen und das gezielte Training. In den meisten Anwendungen wird die Bewegungs- und Funktionsfähigkeit des menschlichen Bewegungsapparats wiederhergestellt, erhalten oder verbessert. Techniken sind zum Beispiel der gezielte Einsatz von passiv, assistiven und aktiven Bewegungen.
    • Osteopathie ist eine eigenständige Form der Medizin. Der therapeutische Prozess erfolgt durch Berührung (meistens manuell). Die Diagnose und die Therapie sind nicht scharf abgegrenzt. Die taktile Reizwahrnehmung und Reizsetzung findet in unterschiedlicher Stärke statt. Diese kann mit oder ohne Bewegung erfolgen. Der Prozess kann durch verbale Interaktion ergänzt werden.

    Die Studie

    In einer Studie1 mit 30 Rückenschmerzen im Kreuzbereich wurden diese nach dem Zufallsprinzip in drei Gruppen eingeteilt. Die Studiendauer betrug September 2020 bis Januar 2022. Die PatientInnen bekamen an 6 Tagen pro Woche über 6 Wochen Anwedungen.

    Gruppe I: PHYSIOTHERAPIE ANWENDUNGEN

    In dieser Studie wurden folgende Übungen in der Physiotherapie angewendet:

    • Ungerade Wochen
      • Bauchspannen, 30 Wiederholungen mit 8 Sekunden Halt
      • Fersenrutschen, 20 Wiederholungen mit 4 Sekunden Halt
      • Beinhebungen, 20 Wiederholungen mit 4 Sekunden Halt
      • Stützen mit Überbrückung, 30 Wiederholungen mit 8 Sekunden Halten, dann Wechsel auf ein Bein
      • Stehendes Rudertraining, 20 Wiederholungen mit 6-sekündigem Halten
      • Verspannung beim Gehen, 10 Minuten mit 8 Sekunden Halten und 10 Sekunden Pause
    • Gerade Wochen
      • Vierbeiniges alternatives Arm- und Beinheben mit Verstrebungen, 30 Wiederholungen mit 8 s Halten auf jeder Seite
      • Seitenstütze mit gebeugten Knien, 30 Wiederholungen mit 8 s Halten auf jeder Seite
      • Seitenstütz mit gestreckten Knien, 30 Wiederholungen mit 8 s Halten auf jeder Seite
      • Vierfüßler-Armheben, mit Verstrebung, 30 Wiederholungen mit 8 s Halten auf jeder Seite
      • Beinheben im Vierbeiner, mit Verstrebung, 30 Wiederholungen mit 8 s Halten
      • Seitstütze mit gestrecktem Arm und Knien links und rechts, 30 Wiederholungen mit 8 Sekunden Haltezeit

    Physiotherapie umfasst natürlich viel mehr als die aufgeführte Auswahl.

    Gruppe II: OSTEOPATHISCHE TECHNIKEN
    • Ungerade Wochen
      • Cardia-Manipulation für 1 Minute
      • Pylorus-Manipulation für 1 Minute
      • Oddi Sphinkter-Manipulation für 1 Minute
      • Manipulation der Duodeno-Jejunal-Klappe für 1 Minute
      • MET für Lendenwirbel,
      • Cranio-Sacral-Harmonisierung für 15 Minuten
    • Gerade Wochen
      • 1 Minute Manipulation der Ileozökalklappe,
      • 1 Minute Manipulation des Sigmas und 1 Minute Manipulation der gesamten Leber
      • Cranio-Sacral-Harmonisierung für 15 Minuten
      • Globale hämodynamische Manipulation (10 Wiederholungen mit Druck während der Inspiration und weitere 10 während der Exspiration)
      • Funktionsmethode für die Lendenwirbel
    Gruppe III: BEIDE VERFAHREN IN KOMBINATION

    Kombinierte die Übungen der Gruppe 1 und der Gruppe 2 und dauerte 1 Stunde an 6 Tagen in der Woche für 6 Wochen, wobei vor und nach dem gleichen Ergebnis gemessen wurde.

    /de

    Alle Techniken und Anwendungen sind für den Zweck der Studie standardisiert. Das ist für eine Studie sinnvoll. In der Praxis finden Therapie immer auf Basis eines individuellen Befundes statt.

    Ergebnis

    In allen Gruppen wurde eine Verbesserung festgestellt. Die Ergebnisse der Gruppe 3 war ab der 2. Woche ein signifikanter positiver im Vergleich zu den anderen Gruppen.

    Fazit

    Die Kombination aus konventioneller physikalischer Therapie und osteopathischen Manipulationstechniken hilft Patienten mit Schmerzen im unteren Rücken am besten.

    1. Sharath Hullumani, Abin Abraham Mammen, Jakka Rahul, Dr Sarvapelli Radhakrishnan.Effect of Physical therapy and Visceral Osteopathic Manipulation in Lower Back Pain: A Comparative Study. Indian Journal of Physiotherapy and Occupational Therapy/Volume 17 No. 2 April-June 2023 ↩︎
  • Schultergelenk: Störung des Bewegungsablaufes

    Schultergelenk: Störung des Bewegungsablaufes

    Störungen im Bewegungsablauf des Schultergelenkes sind für die Funktion des Gelenkes funktionell von großer Bedeutung. Eine solche Störung führt zu echten und massiven Problemen im Gelenk, in den Strukturen des Schultergürtels, im Nacken und in der Halswirbelsäule. Häufig mitbetroffen sind die Kaumuskulatur und es kann auch zu Kopfschmerzen kommen.

    Doch es gibt wenige wissenschaftliche Erkenntnisse zu dieser Problemstellung. Dies ist sehr verwunderlich, denn die Einschränkung der Bewegung gehört zu den basalen Kenntnissen in der Physiotherapie. Hier heißt sie dann fachlich korrekt Veränderung des Humero-Scapulo-Thorakalen-Rhythmus:

    Armbewegung benötigt mehr als das Schultergelenk

    Dieser Bewegungszusammenhang heißt humero-scapulo-thorakaler-Rhythmus oder als nicht vollständige Kurzform scapulohumeraler Rhythmus. Das steht für Oberarm (humero) und Schulterblatt (scapulo). Das Schulterblatt wiederum bildet mit dem Schlüsselbein (Clavicula) den Schultergürtel. Wenn der Arm sich hebt, dann senkt und dreht sich das Schulterblatt, damit die Schulterblattpfanne in die richtige Richtung zeigen kann.

    Häufig, wird dieser Vorgang aber nur mechanisch betrachtet. Er ist, wie überhaupt alle weiterlaufenden Bewegungen und Muskelaktivierungen, funktionell zu verstehen. So kann der Arm trotz eines unglaulichen Bewegungsumfanges unglaubliche Kräfte übertragen (tragen, heben, stoßen, ziehen,…).

    Jeder Mensch ist individuell

    Der Rhythmus ist individuell. Er ist abhängig von den Längen, Breiten und Tiefen der individuellen Person. Insbesondere die Brustkorbtiefe zur -breite spielt eine wichtige Rolle: Der sagittotransversaler Thoraxdurchmesser zum frontotransversalen Thoraxdurchmesser sollte idealerweise vier zu fünf betragen.

    Geschmeidigkeit und Bewegungsweite

    Des Weiteren spielt die Flexibilität eine große Rolle:

    • Besonders die Geleitfähigkeit des Schulterblattes auf der Brustkorbunterlage kann in zwei Verschiebeschichten limitiert sein. Eine solche Verklebung kann man durch Mobilisationsübungen beheben oder durch manuelle Griffe.
    • Die vielen zweigelenkigen Muskeln neigen zum Teil zur Verkürzung. Der M. Trapezius im oberen Anteil gehört besonders dazu. Aber auch eingelenkige können stark verkürzen. Besonders der M. Pectoralis minor zieht den Schultergürtel dann nach vorn.

    die Muskeln

    Die Muskelkraft und -koordination sind ein weiterer Faktor für einen reibungslosen Ablauf der gemeinsamen Bewegungen von Arm, Schulter und Rumpf.

    Aus verschienden Gründen kann schon die Grundstellung des Schulterblattes verändert sein. Die Schulter kann hochstehen, das Schulterblatt kann zu stark nach innen oder außen gedreht sein oder es fehlt der Kontakt zum Rumpf (Skapula alata).

    Bewegungsspiel

    Bei der Armhebung und Abspreizung ist eine koordinierte Bewegung des Oberarmknochens, des Schulterblatts und des Schlüsselbeins erforderlich. Sie beginnt bei 30°. Bei 90° ist sie zwingend erforderlich. Um die vollen 180° zu erreichen, ist auch die weiterlaufende Bewegung im Brustkorb notwendig. Bei beidseitiger Armhebung kommt es zu einer weiterlaufenden Bewegung in die Lendenwirbelsäule.

    Dieses Bewegungsspiel ist eine Zusammenarbeit aller motorischen Faktoren mit dem neuronalen Netzwerk. Auch hier gibt es viele Faktoren, welche die Bewegung verändern können.

    Schultergelenk: Störung des Bewegungsablaufes durch die neuronale Verarbeitung.
    Schultergelenk: Störung des Bewegungsablaufes durch die neuronale Verarbeitung.

    Ein gestörter skapulohumeraler Rhythmus ist ein starker Hinweis auf eine Pathologie. Bevor es zu nachhaltigen Störungen im Schultergelenk kommt, kann man dies schon frühzeitig an der dynamischen Funktion sehen.

    Die Studie

    Immer wieder gibt es die Annahme, daß bei einer Dyskinesie des Schultergelenks die unteren Anteil des M. Trapezius und des M. Serratus anterior schwach sind. Die wurde jetzt von einem Team der Hiroshima University untersucht{Masahiro Kuniki, Yoshitaka Iwamoto, Rei Konishi, Daisuke Kuwahara, Daiki Yamagiwa, Nobuhiro Kito. Motor unit behavior of the lower trapezius and serratus anterior in individuals with scapular dyskinesis. Preprint Research Atricle April 18th, 2023}.

    Ebendiese Muskeln sind hauptverantwortlich für die Bewegung des Schulterblattes bei der Armhebung.

    Fazit

    Bei der Messung der Armhebung zeigt sich eine Abschwächung des unteren M. Trapezius und de M. Serratus anterior. Die Detonisierung des oberen M. Trapezius und die Kräftigung des unteren M. Trapezius sowie des M. Serratus anterior ist also zielführend.

  • Piriformis-Syndrom: Hilft Mobilisation?

    Piriformis-Syndrom: Hilft Mobilisation?

    Ist die Manipulation des Iliosakralgelenks zusätzlich zur klassischen Physiotherapie zielführend? Das hat eine aktuelle Studie untersucht. Untersucht wurde vor allem die Schmerzdruckschwelle. Diese erlaubt Rückschlüsse auf die Gelenkfunktion.

    Das Piriformis – Syndrom

    Das Piriformis-Syndrom schränkt die Alltags- und Gebrauchsbewegungen stark bis sehr stark ein. Der M. Piriformis überbrückt das Iliosakralgelenk. Er fixiert das Gelenk als zweigelenkiger Muskel, wenn er am zweiten Gelenk arbeitet. Dort am Hüftgelenk verhindert er das Absinken des Beckens auf der anderen Seite in der Standbeinphase.

    Der Piriformismuskel verhindert mit anderen das Absinken der Beckenseite des Spielbeins.

    Dieser Zusammenhang zwischen Muskel und Gelenk führt zur Annahme, dass eine Mobilisierung zielführend beim Piriformis-Syndrom ist.

    Die Studie

    Es handelt sich um eine randomisierte klinische Studie. Eine randomisierte kontrollierte Studie ist ein spezieller Typ einer experimentellen Studie. Sie ermöglicht, den Nutzen oder Schaden einer Behandlung zu untersuchen. Wegen des strengen Studiendesigns gilt sie als Goldstandard für experimentelle Studien.

    30 Patienten wurden nach dem Zufallsprinzip in eine Versuchsgruppe und eine Kontrollgruppe aufgeteilt. Alle erhielten Physiotherapie mit folgenden Anteilen:

    • Therapeutischer Ultraschall
    • Feuchte Wärmepackung
    • Dehnung des M. Piriformis
    • Entspannung der lumbalen Muskeln mit einer myofaszialen Technik
    • Gesäßmuskelkräftigung
    • Mobilisation des N. Ischiadikus

    Die Versuchsgruppe erhielt zusätzlich eine Manipulation des Iliosakralgelenks. Das Durchschnittsalter betrug um die 40 Jahre mit einer Abweichung von 10 Jahren (jünger oder älter).

    Innerhalb von sechs Wochen wurde an drei Tagen pro Woche behandelt und eine Bewertung durchgeführt.

    Die Ergebnisse wurden anhand von

    • Analyse der Schmerzen
    • Motorischer Test (Anheben des geraden Beines)
    • Testen der Schmerzdruckschwelle
    • Länge des M. Piriformis

    Ergebnisse

    In beiden Gruppen wurden deutliche Verbesserungen in den Ergebnissen erzielt. Die Versuchsgruppe hatte zudem signifikant weniger Druckschmerzen.

    Schlussfolgerung

    Die zusätzliche Manipulationstechnik des Iliosakralgelenks und die konventionelle physikalische Therapie allein waren gleichermaßen wirksam bei

    • der Verringerung der Schmerzintensität
    • der Normalisierung der Länge des Piriformis
    • Beinheben mit gestrecktem Bein

    Die Manipulation des Iliosakralgelenks zeigte eine bessere Reduzierung bei der Schmerzdruckschwelle.

  • Chronische unspezifische Kreuzschmerzen: Ist die Faszie ein Schmerzgenerator?

    Chronische unspezifische Kreuzschmerzen: Ist die Faszie ein Schmerzgenerator?

    Zwischen Brustkorb und Becken streckt sich eine Faszie mit den Namen der Orte, die sie bekleidet. Sie bekleidet den Brustbereich (thorakal) und den Lendenbereich (lumbal) hinten und nennt sich entsprechend thorakolumbale Faszie. Sie verbindet in ihrer Gesamtheit mit der Nackenfaszie (Fascia nuchae) den Kopf mit dem Becken.

    Thorakolumbale-Faszie

    Thorakolumbale-Faszie

    Die Fascia thoracolumbalis erstreckt sich:

    Tiefer Anteil (Lamina profunda oder anterior)

    • Beckenkamm (Crista iliaca)
    • Rippenfortsätze (Querfortsätzen; Processus costales bzw. transversi) der Lendenwirbel
    • Unterste Rippen

    Oberflächlicher Anteil (Lamina superficialis bzw. posterior)

    • Dornfortsätze (Processus spinosi) der Wirbel

    Beide Anteile verbinden sich seitlich und umhüllen so den Rückenstrecker (M. erector spinae).

    • tiefe Struktur
      • Quere Bauchmuskeln (Musculus transversus abdominis)
      • Diagonaler Bauchmuskel (Musculus obliquus internus abdominis)
    • oberflächliche Struktur
      • Musculus latissimus dorsi
      • Musculus serratus posterior inferior
      • Musculus gluteus maximus

    Wunderwelt Faszie

    Wobei der Begriff bekleiden wirklich veraltet ist. Es fällt aber schwer, einen Namen zu finden für all das, was eine Faszie in Wirklichkeit ist. Ich nenne sie strukturgebend (und -nehmend) oder auch Muttergewebe. Auf die Wunderwelt der Faszien möchte ich an anderer Stelle genauer eingehen. Ein wichtiger Fakt ist aber die unglaubliche nervale Anbindung. Sie ist wirklich reich an Nervenfasern und Nervenendigungen mit den entsprechenden Rezeptoren. Deshalb kam auch der Begriff Schmerzgenerator auf.

    Kreuzschmerzen und Faszie

    Chronische unspezifische Kreuzschmerzen verändern die Strukturen und die Biomechanik. Das ist umfassend nachgewiesen und dokumentiert. Welche Rolle spielt nun exakt die Faszie, und kann man mit einer entsprechenden Technik auf diese einwirken? Das war die Frage einer neuen Studie{Karine DevantéryORCID, Mélanie MorinORCID, Julien Grimard and Nathaly Gaudreault: Effects of a Myofascial Technique on the Stiffness and Thickness of the Thoracolumbar Fascia and Lumbar Erector Spinae Muscles in Adults with Chronic Low Back Pain: A Randomized before-and-after Experimental Study. Faculty of Medicine and Health Sciences, School of Rehabilitation, University of Sherbrooke, 3001 12th Avenue North, Sherbrooke, QC J1H 5N4, Canada Bioengineering 2023, 10(3), 332; Received: 11 January 2023 / Revised: 17 February 2023 / Accepted: 1 March 2023 / Published: 6 March 2023}: Können myofasziale Techniken auf die Faszie so einwirken, dass:

    • die Steifheit des Gewebes gelöst wird
    • die Schmerzen sich reduzieren

    Myofasziale Techniken sind Teil der manuellen Therapie. Zu ihr gehören zum Beispiel die tiefe Querfriktion nach Cyriax. Die aktuellen Forschungsergebnisse zu den Wirkungen sind relativ mager. Also hat man untersucht, wie eine solche Technik wirkt. In zwei Gruppen wurden in der Einen nur so getan als ob, und in der Zweiten wurde wirklich gearbeitet.

    Messungen

    Die Dicke des Rückenstreckers (M. Erector spinae) und die Dicke der Faszie wurden mit der Scherwellensonoelastographie gemessen. Zudem wurde noch die Schmerzintensität durch eine numerische Skala ermittelt.

    Was ist eine Scherwellensonoelastographie?

    Scherwellen sind seitliche Schallwellen. Schallwellen dringen vom Schallkopf in das Gewebe in eine Richtung. Seitliche Wellen werden durch die Gewebedämpfung erzeugt. Die Geschwindigkeit der Wellen entspricht der Elastizität des Gewebes.

    Ergebnis

    Es wurde sowohl vorher und nachher als auch am zweiten und siebten Tag gemessen und gefragt. Sofort wurde eine deutliche Schmerzlinderung im Vergleich zur vorgetäuschten Therapie angegeben. Über den gesamten Zeitraum verringerte sich die Dicke des Gewebes bei den myofaszialen Techniken.

    Fazit

    Die Behandlung der tiefen Strukturen ist ein maßgebendes Verfahren in der Therapie bei chronischen, unspezifischen Kreuzschmerzen. In meiner Praxis stelle ich zudem fest, dass die Faszie und die Rückenmarkshäute (Dura mater spinalis, Arachnoidea spinalis und Pia mater spinalis) bei Befindungsstörungen stark korrespondieren. Das zielgerichtete Mobilisieren und Lösen in beiden Bereichen zeigt sehr gute Wirkungen. Zudem ist immer ein Blick auf einzelne Wirbelsegmente sinnvoll.

    Die Ergebnisse zeigen aber auch die Wichtigkeit von entsprechenden Übungen an. Mobilisation für die Faszie sind also mehr als nützlich.

    Hinweis: Bitte nutze dafür auf keinen Fall einen „Faszienrolle“, sie reibt nur auf den Knochenkanten und kann gar nicht die Schichten der Faszie mobilisieren.

  • Steissbeinschmerzen: Dehnen oder Entspannen?

    Steissbeinschmerzen: Dehnen oder Entspannen?

    Bei Steißbeinschmerzen (Coccygodynie) gibt es verschiedene Therapiemöglichkeiten. Einen ganzen Artikel dazu findest Du hier. Zwei typische Therapien sind die Muskel-Energie-Technik oder die des statischen Dehnens des M. Piriformis und des M. Iliopsoas. Der M. Piriformis „sitzt“ im Gesäß und kann den N. Ischiadicus beeinträchtigen. Der M. Iliopsoas ist der Hauptmuskel für die Hüftbeugung. Er zieht mit seinem „langen“ Anteil von der Wirbelsäule und kann die Funktion dort massiv beschränken.

    Eine neue Studie verglich kürzlich beide Techniken{Wajeeha Zia, Muhammad Salman Bashir, Muhammad Umer Arshad, Amna Shahid: Effects of muscle energy technique and static stretching of piriformis and iliopsoas in females with coccydynia. Journal of Xi’an Shiyou University, Natural Science Edition VOLUME 19 ISSUE 01 JANUARY 2023 642-647}.

    Muskel-energie-technik

    Die Muskel-Energie-Technik (MET) ist eine Form der osteopathischen manipulativen Medizin. Sie wurde von Fred Mitchell, Sr, 1948 entwickelt. Er war osteopathischer Arzt.

    Die Mobilisierung von Gelenken kombiniert die isometrische Anspannung von Muskeln mit anschließender Bewegungserweiterung. Bei der Isometrie wird in Bewegungsrichtung des Muskels dreidimensional gegen einen minimal dosierten Widerstand für eine bestimmte Zeit ermüdet. Die Exaktheit und Dosierung sind entscheidend für den Erfolg.

    • Isolierung des Zielgelenkes/der Zielgelenke bei zweigelenkigen Muskeln und/oder einer spezifischen Muskelbarriere
    • Gezielter dreidimensionaler Widerstand mit klarem Ziel der Bewegung von der Einschränkung in die freie Bewegungsrichtung mit „angenehmen Widerstand“
    • Lösung der isometrischen Spannung
    • Passive Bewegung in Richtung der Barriere in der postisometrischen Phase
    • Wiederholung bis zum gewünschten/möglichen Bewegungsumfang und/oder Schmerzreduktion

    Das löst verspannte Muskeln und Faszien. Die Durchblutung und der Lymphfluss werden angeregt. Schmerzen werden gelindert. Die Funktion des Bewegungsapparates wird normalisiert.

    Es ist eine „aktive“ Technik und nimmt damit eine Sonderrolle in der Osteopathie ein. Diese Technik ist kontraindiziert bei Personen mit schlechtem Energiezustand, Frakturen, erheblichen Gelenkerkrankungen oder kürzlich erfolgten Operationen.

    Statisches Dehnen

    Beim statischen Dehnen die Dehnposition langsam eingenommen und über mehrere Sekunden (bis Minuten) beibehalten. Auch diese Methode kann sowohl aktiv als auch passiv erfolgen. Der Vorteil des statischen Dehnens ist die meistens gute Kontrolle der Stellung.

    Studie

    Zweiundfünfzig Teilnehmerinnen wurden nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt

    • 26 Muskel-Energie-Technik
    • 26 Statisches Stretching

    Beide Gruppen erhielten 10 Sitzungen in zwei Wochen.

    Ergebniss

    Die Muskel-Energie-Technik ist im Vergleich zur statischen Dehnungsmethode effektiver.

    • Reduzierung von Schmerzen auf der numerischen Skala von 0 bis 10: Dehnung 6.84 zu Muskel-Energie-Technik 4.48 und auch bei der zweiten Skala (Modified Dallas Pain Questionnaire) ähnlich
    • Steigerung Sitzdauer Dehnung 49.68 zu Muskel-Energie-Technik 87.04

    Hinweis

    Physiotherapeutinnen wenden in der Praxis grundsätzlich keine statische Dehnung als Einzelanwendung für eine solche Fragestellung an. Eine statische Dehnung wird von Fachfrauen und -männern immer eingeleitet und durch weitere Techniken (zum Beispiel tiefe Querfriktion) begleitet.

  • Schmerzen am Steissbein: Coccygodynie

    Schmerzen am Steissbein: Coccygodynie

    Chronische Schmerzen des Steißbeins können viele Ursachen haben. Dabei sind Einige schwieriger in der Therapie als Andere. Entsprechend der Ursachen gibt es eine Reihe von Therapien.

    Das Steißbein (Os Coccygeus) ist ein Knochen unterhalb des Kreuzbeines (Os Sacrum). Das Kreuzbein und das Steißbein sind verknöcherte Wirbel. Sie verlängern also die Wirbelsäule nach unten. Früher hatten die einzelnen Steißbeinwirbel auch noch die Aufgabe den Schwanz zu bilden. Entsprechend gibt es auch noch Muskeln und Bänder zum Bewegen des Steißbeines. Diese Muskeln haben heute keine Funktion, spielen aber bei der energetischen Arbeit im Wurzelenergiezentrum (Muladhara-Chakra) eine wichtige Rolle.

    Lateinisch heißen die chronischen Schmerzen am Steißbein Coccygodynie. Sie treten im Bereich der nervalen Versorgung des sacralen Nervengeflechtes (Plexus pundendus) auf.

    Schmerzen am Steissbein: Coccygodynie 31
    Hauptbahnen des Nervus Pudendus bei der Frau (vereinfachte schematische Darstellung)

    Der Unterabschnitt des Lenden-Kreuz-Geflechts (Sacral 1–4)wird auch als Plexus pudendus bezeichnet. Der Nerv verläuft in der Beckenhöhle nach vorne unten in Richtung Beckenboden und durch das große Beckenloch (Foramen infrapiriforme) in den Schambereich(Canalis pudendalis/Alcock-Kanal). Er steuert motorisch und vermittelt sensible Sinneseindrücke.

    Die meisten Betroffenen klagen über Schmerzen beim Sitzen, beim Stuhlgang und/oder beim Geschlechtsverkehr. Es sind meistens Frauen betroffen (80%).

    Ursachen

    Typische

    Die klassischen, typischen Ursachen für Schmerzen am Steißbein sind:

    • Schlecht verheilte Verletzungen
    • Frakturen
    • Angeborene Fehlbildungen
    • Basale Bandscheibenvorfälle
    • Tumore
    • Mechanische Überlastung (nach Geburten oder Unfällen)
    • Chronische Verstopfung
    • Erkrankungen der Ansatzsehnen der Muskeln des Beckenbodens oder der Beckenorgane

    Bei Schmerzen mehr aus dem Gesäß sollte man an Überbelastungen durch Sportarten mit Trittbewegungen wie Fußball denken. Der Muskel Obturator internus kann bei solchen Belastungen anschwellen.

    Adipositas ist ein Risikofaktor und so sind mehr übergewichtige Menschen betroffen.

    Ohne erkennbaren Grund

    Häufig ist aber keine nachweisbare Ursache vorhanden. Dann werden die Beschwerden als idiopathisch bezeichnet. Erfahrungsgemäß wurden alte Verletzungen, Überbelastungen und sogar auch Frakturen häufig nicht bewusst wahrgenommen. Und noch ein weiterer, tiefer liegender Faktor spielt hier eine Rolle. Es sind die Erkenntnisse aus der Erforschung des chronischen Beckenschmerzsyndroms (CBSS):

    Beckenschmerzsyndrom

    In den letzten Jahren wurden auch vermehrt tiefer liegende Zusammenhänge hergestellt{Mag. Heidi Halbedl: Mindfulness-based Bodyscan-Training in der Beckenboden-Physiotherapie bei provozierter Vulvodynie. Eine Machbarkeitsstudie 2022}.

    • Beckenboden
    • Muskeln vor allem der Beckeninnenseite
      • M. obturator internus
      • M. Piriformis
      • M. Iliopsoas
    • Beckenorgane
    • Beckenknochen
    • Geschlechtsorgane

    Dabei spielt das Verstehen von Chronifizierungen eine wichtige Rolle. Diese sind gekennzeichnet durch eine gesteigerte Sensibilisierung. Ein schmerzfreier Stimulus wird dann als schmerzhaft wahrgenommen und es treten noch weitere Folgen auf:

    • Ausweitung des Schmerzgebietes
    • Längere Schmerzwahrnehmung
    • Auftreten von spontanen Schmerzen

    Zur besseren Verständlichkeit ist es daher wichtig, die Schmerzverarbeitung besser zu verstehen. Ein Schmerzempfinden ist nicht nur eine senso­rische Wahrnehmung. Ein wichtiger Faktor sind die emotionalen Verarbeitungszentren. Schon negative Gedanken beeinflussen den Schmerz. Es genügt schon ein ängstlicher Gedanke, um Schmerzen hervorzurufen. Verhaltensmuster mit emotionalen Schwierigkeiten können sehr tief eingreifen.

    Diagnose

    Die klinische Diagnose enthält eine Reihe von Untersuchungen:

    • Fragebefund
    • Palpation
    • Manuelle Untersuchung
      • rectal
      • gynäkologisch
    • Muskeltestverfahren
    • Bewegungstest Becken/LWS/Bein
    • Röntgen / Computertomographie / Kernspintomographie

    Therapie

    • Örtliche Infiltrationen
      • Kortikoide
      • Lokalanästhetika
    • Schmerzmittel in Tablettenform
    • Versorgung mit Sitzring
    • Physiotherapie
    • Psychotherapie
    • Letztes Mittel: Operative Entfernung des Steißbeins.

    Ich persönlich arbeite vorwiegend mit der craniosacralen Therapie und insbesondere dem Einsatz des somatoemotionalen Releases. Dies immer auf Basis einer exakten Befunderhebung.

    Es zeigt sich, dass sich der Einsatz komplementärmedizinischer Verfahren bei vielen Klientinnen zu guten Ergebnissen führt. Es sind Disziplinen und Methoden, welche auf alternativen Modellen der Entstehung von Krankheiten und deren Behandlung. Sie stehen in Ergänzung zur Schulmedizin.